Freitag, 15. Mai 2015

Klotzen!



Ich habe – wieder einmal – ein Problem mit Trauermotten. Wobei sie eigentlich kein Problem darstellen: Sie nicht giftig, sie sind nicht laut, sie schaden der Pflanze nicht, sie fressen keine Nahrungsmittel und sie machen nichts kaputt. Sie schweben einen Tag herum und lassen sich dann zum Sterben nieder und ebendas ist das Problem: Du wirst am Herd, auf dem Sofa, beim Rasieren und am PC von kleinen schwarzen Punkten umschwirrt und beim Putzen fegst und wischst du gefühlte 1.000.000 tote Tiere weg. Ich habe Gelbfallen aufgestellt, ich habe Sticks in die Erde getan, alle noch ohne den wirklichen Effekt. Nun habe ich aber heute noch einmal auf die Stickpackung geschaut und gemerkt, dass ich einfach zu wenig genommen habe. Für einen 45 cm- Durchmesser-Topf brauche ich nicht zwei sondern sechs! Ich muss also hier klotzen und nicht kleckern, ich muss hier mal richtig verschwenden und nicht sparen, hier muss eine ganze Menge ran.

Manchmal muss es einfach viel sein.
Manchmal muss man einfach übertreiben.
Manchmal ist die homöopathische Dosis die falsche.

Das ist jetzt ein relativ revolutionärer Satz, denn die Devise des 21. Jahrhunderts ist Mässigung.
Wollen Sie Beispiele?
Während früher Tee ein goldgelbes, aromatisches, belebendes und putschendes Gesöff war – Mach ihn stark, hörst du? Ich will den Tee stark haben sagt die Mutter bei Thomas Bernhard in Am Ziel – trinkt man heutzutage ein gefärbtes Wasser, das sich Chai nennt und mischt dieses Spülwasser auch noch mit Milch, was einen Chai Latte ergibt, eine Flüssigkeit, bei der mir die Leute, die sie vor sich haben immer entsetzlich leidtun: Müssen sie dieses etwas, das aussieht, als hätte man einen Pinsel mit weisser Farbe zum Auswaschen reingestellt, wirklich in ihre Speiseröhre leiten?

Wenn ich nach einem Tag Aufbaustudium Dirigieren in Trossingen am Abend auch noch einen Termin in Freiburg hatte, nahm ich einen Ristretto in der Kolben-Kaffee-Akademie am Martinstor, eine Adresse, die auch Baslern bekannt ist. Dieser Hypercaffè fuhr wie ein LSD-Schub in dein Zentralnervensystem und riss dich wie eine Marionette, die am Boden liegt und nun an allen Schnüren gezogen wird, hoch. Heute trinkt man koffeinfreien Cappuccino – wenn es geht, auch lactosefrei – lassen Sie sich das mal auf der Zunge zergehen, nein, natürlich nicht diese Perversion eines Kaffees, sondern die Vorstellung: Ein Getränk, dem das entscheidende fehlt, gemischt mit artfremdem weissen Zeug.

Heutzutage kann es sein, dass Sie auf eine Party eingeladen werden, bei der Sie mit drei Millilitern Prosecco begrüsst werden, vom Hinweis sekundiert: „Das ist nur zum Anstossen, der Rest des Abends ist natürlich alkoholfrei.“ Und Sie hoffen, dass irgendjemand den Gastgeber gut kennt und heimlich ein paar Drogen (Beaujolais, Dôle oder Montepulciano) eingeschmuggelt hat.

Nun werden Sie einwenden, dass Hypotoniker und Herzkranke, dass Menschen mit gesundheitlichen Problemen doch eher… Einverstanden.
Aber das ist es ja gerade: Während früher der KAFFEE HAAG® ein typisches Altherren- und Altdamengetränk war, während früher die Über-80-Jährigen bei Wein, Bier und Schnaps „ein bissle aufpassen“ mussten, sind es heute topfitte, junge, durchtrainierte Leute, die sich zum Fitnessteller ein alkoholfreies Weizenbier bestellen und das Menü mit einem kalorienreduzierten Dessert und einem koffeinfreien Cappuccino oder einem Chai Latte abschliessen. Leute, deren Körper ein Heute-Schlagen-Wir-Über-Die-Stränge-So-Jung-Kommen-Wir-Nicht-Mehr-Zusammen gut verarbeiten könnte.

All das kommt wieder einmal aus Amerika, und so ist es besonders schön, wenn es in Klara oder die Liebe zum Zoo von einer in den USA lebenden Deutschen heisst:

Sie wollte jetzt vor allem Alkohol.
Und fettes, ungesundes Essen.
Und von allem viel.

Das ist unglaublich frech in einem Staat, in dem Fitness Religion ist und jeder seinen Hometrainer unter dem Bett hat, in dem der Satz „Ich gehe jetzt eine rauchen“ gleichkommt mit „Ich gehe jetzt einen Knaben schänden“ oder „Ich gehe jetzt eine Bank überfallen“, ein Land, in dem ganze Bundessstaaten von Joggern (California) oder Antialkoholikern (Utah) regiert werden, ein Land, das den Entkoffeinierten Cappuccino und wahrscheinlich auch den Chai Latte erfunden hat, da ist dieser Satz fast wie ein Fanal.

Sie wollte jetzt vor allem Alkohol.
Und fettes, ungesundes Essen.
Und von allem viel.

Manchmal muss es eben viel sein, manchmal braucht es unhomöopathische Mengen, manchmal muss man klotzen.
Und wenn mich jetzt jemand für einen kettenrauchenden Delirier hält, der eine Fresswampe vor sich trägt, wenn jemand mich als völlig unverbesserlich ansieht, dann hat er ein Wort überlesen:
Manchmal.
Nicht immer.
Manchmal.

So, und nun werde ich meine Töppe mit 500 Sticks versehen. Und danach gibt es fettes, ungesundes Essen. Und Alkohol. Und danach gibt es einen Ristretto, denn für mich ist alles andere immer noch Opa-Kaffee, denn immerhin sagt die reizende junge Dame in dem Spot, indem in den (verwechselten) Koffer von George Clooney geschaut hat: „I thought you were more… Ristretto. Good night, Mr. Decaffeinato.“   

Dienstag, 12. Mai 2015

Der Fernbus ist unhöflich



Wegen eines Erdrutsches bei Schallstadt hält der ICE heute in Denzlingen lese ich am Freiburger HBF. Jetzt übertreiben sie, denke ich, jetzt übertreiben sie masslos, schlimm genug, dass die Lokführer streiken, aber dass sie auch noch die Gleisanlagen kaputtmachen, das ist zu viel. Natürlich könnte der Rutsch auch vom Platzregen am Samstagabend herrühren, aber die GDL hatte da sicher ihre Hände im Spiel. Nein, jetzt übertreiben sie, denke ich, und als zweites: Wie komme ich nun in Richtung Schweiz, denn ich habe keine Lust erst einmal 15 Kilometer Richtung Norden zu fahren.

Fernbus, gut, fahren wir halt einmal Fernbus, diese Erfahrung muss man ja auch einmal machen, MEINFERNBUS® fährt zwar nur nach Lörrach, aber von dort komme ich irgendwie weiter.
Die Tickets gibt es am Kiosk auf der Stadtbahnbrücke, die Fahrt nach Lörrach kostet 8,50.- , der nächste MEINFERNBUS® geht in 15 Minuten, ich gebe meinen Namen an und erhalte einen Wisch mit Buchung und diesem Scangemälde, über das der Fahrer dann sein Handy halten kann.
So weit, so gut.

Ich trabe zum ZOB und suche den Bus, der Richtung Süden ziehen wird, es stehen nämlich noch Busse nach Flensburg (Flensburg? Wer um aller Himmels Willen will denn nach Flensburg?), Aachen und Bitterfeld (auch hier die gleiche Frage). Ich stelle mich an, der Fahrer gemäldescant bzw. behandyt  den Code und ich steige ein. Nein, ich versuche einzusteigen, denn nun trifft mich ein Tasche bitte in den Kofferraum wie ein Keulenschlag. In unfreundlichstem Ton wird mir mitgeteilt, dass für meine prall gefüllte Riesensporttasche im Bus kein Platz ist. Woher soll ich denn das wissen? Ich fahre ja zum ersten Male Fernbus. Gut, mit ein wenig logischem Denken hätte man vielleicht draufkommen können, dass meine Tasche weder unter den Sitz noch in die Hutablage passt, aber man kann das doch freundlich sagen. Die muffelige Art geht gerade so weiter: Als wir abfahren, bekommen wir in wirschestem Ton um die Ohren gehauen, dass wir uns anschnallen müssen und dass Männer auf der Bordtoilette im Sitzen pinkeln müssen. (Redundant, man kann in dem 1x1x1-Meter-Kabuff eh nicht stehen.)

Ich lehne mich zurück und sehne mich nach der Freundlichkeit der Deutschen Bahn.
Nach Durchsagen wie: Wir begrüssen nun die in Wanne-Eickel neu hinzugestiegenen Fahrgäste und wünschen ihnen eine angenehme Reise. Unser Zug hat zurzeit eine Verspätung von 62 Minuten. Wegen Ihrer Anschlüsse in Castrop-Rauxel werden wir sie rechtzeitig informieren.
Ich meine, das hat doch Stil, das hat Charme, hier wird man höflich begrüsst und rechtzeitig informiert. Hier wird sogar das hässliche Eine Stunde Verspätung in das viel lieblichere 62 Minuten geändert. Überaus charmant sind auch die Einladungen in das Bordrestaurant, der berühmte Hinweis auf unseren Gastronomischen Service, der auch heiter-süsslich mit dem Hinweis verknüpft wird, dass es bedauerlicherweise heute im Restaurant wegen technischer und Lieferschwierigkeiten nur kalte Würstchen, Tomatensalat und Kirschsaft gibt, sowie einige Nussmischungen.
Ja, und kommt dann Castrop-Rauxel, entschuldigt man sich tausende, Millionen Male, dass die Anschlüsse, leider, ja wirklich leider, bedauerlicherweise nicht erreicht werden konnten und gibt die nächsten Verbindungen bekannt. Ihre nächsten Anschlüsse nach Essen HBF: Um 15.32 von Gleis 3, sowie nach Bottrop um 15.34 von Gleis 6. Netterweise wird die effektive Wartezeit hier verschwiegen, das wäre sonst ja hammerhart, wenn man gleich wüsste, dass man zwei Stunden in Castrop-Rauxel sitzt, was macht man zwei Stunden in Castrop-Rauxel? (Das Gleiche wie in Flensburg oder Bitterfeld?)

Nein, ich vermisse bei den Fernbussen die erlesene Höflichkeit, den Charme und die Süsse der DB. Bei allen anderen Vorteilen: Der Bus kostet weniger als die Bahnfahrt, es ist ruhig im Bus, als er sich auf der A5 nach Lörrach schiebt, wir erreichen das Wiesental früher als geplant und ich habe auf der Reise gut geschlafen. Aber die Höflichkeit…

Ich bekomme in Lörrach sogar noch sofort eine S-Bahn nach Basel Badischer Bahnhof, weil die nämlich eine Viertelstunde Verspätung hat.
Ohne Erdrutsch.
Ohne Streik.
Einfach so.
Siehste, werden Sie sagen.
Die Strecken Basel-Lörrach-Schopfheim und Weil am Rhein-Lörrach werden allerdings von den sonst absolut perfekten Schweizer Bundesbahnen, den SBB, betrieben.

Aber wie es so schön heisst:
Nobody is perfect.

Freitag, 8. Mai 2015

UPK mit Sensationsergebnis



Ich querlese mich durch den BLICK AM ABEND, auf der Suche nach bepostbaren, nach postverwertbaren, nach posttauglichen Themen: Die Bachelorette, lese ich da, hat zwei ihrer Freier nach Hause geschickt, geschenkt, denke ich, geschenkt, ich frage mich nur, wie sie die überhaupt auseinanderhalten kann angesichts der uniformen Fintnessstudiogestalten. Das Royalbaby heisst Charlotte, auch nicht aufregend, Astrid-Ronja wäre etwas Witziges gewesen, Sobikanska oder Maria Bombastica. Die UPK hat ein erfolgreiches Geschäftsjahr hinter sich, ok, ich gönne es der Firma, und ich schreibe den BLICK als Postquelle ab und suche das Kreuzwortgerätsel und die Sudokus.
Da brummt es aber doch in meinem Hirn, wer ist denn UPK, eine Erdnussfirma (United Peanuts Cooperation), müsste dann aber UPC heissen, oder die Union Paketkontrolle? Die Psychiatrischen Universitären Kliniken können es ja kaum sein, nun blättere ich doch zurück und siehe da: Es ist jene Einrichtung, die man früher gemeinerweise als Irrenhaus oder Klapse bezeichnete.
Sie hat im 2014 alles, aber auch alles gesteigert, Anzahl Verweilnächte, Anzahl Patienten, Anzahl Betten, Umsatz, Gewinn, Rücklagen, 2014 war für die Basler Psychiatrie ein „erfolgreiches Geschäftsjahr“ mit „neuem Patientenrekord“.

Glückwunsch, UPK, denke ich, Glückwunsch!
Aber Ich denke auch:
Na ja, so kann man das also auch sehen. Denn eigentlich ist diese schöne Meldung eine desaströse, eine negative, sie ist eine Hiobsbotschaft, heisst sie doch, dass die Bewohnerinnen und Bewohner beider Basel im letzten Jahr psychisch kränker geworden sind.
Wat den Eenen sin Uhl is den Annern sin Nachtigall, sagen die Fischköpfe, und so kann man natürlich alles irgendwie auch schönfärben. Oder anders gesagt: Jede Katastrophenschlagzeile kann man auch als Umsatzsteigerung für irgendeine Branche umformulieren.

Schreiben wir also nicht mehr, die Franzosen seien im vergangenen Jahr mehr fremdgegangen, hätten mehr erpresst und betrogen, schreiben wir, dass der Verband der Privatdetektive an Loire und Seine ein Wachstum von 30% verkündet.
Schreiben wir nichts über Kriege, Bürgerkriege und Revolutionen, über zerbombte Städte und
Häuser, schreiben wir, dass Heckler&Koch oder Mauser ein Supergeschäftsjahr hatten.
Sagen wir, dass die Brennerei Oltingen 30 neue Stammkunden gefunden hat und nicht, dass Oltingen 30 neue Alkis hat, die mit roter Nase durch die Dorfstrasse torkeln.
Sagen wir, dass LERNLEICHT®, SCHÜLERHELFER® und SUPERTUTOR® ihren Gewinn auf 23 Millionen heraufdrücken konnten und nicht, dass kaum ein Schüler in BaWü angesichts des bescheuerten G8 noch mitkommt.
Nein, es ist alles positiv:
Da sich aus jeder Schweinerei Geld machen lässt, bedeutet mehr Sauerei mehr Umsatz für irgendjemand.

Die Frage ist allerdings: Warum werden die Baslerinnen und Basler immer verrückter? Depressiv kann man eigentlich nicht werden in dieser Stadt und paranoid auch nicht. Nichts beruhigt mehr als der Rhein, wenn er träge und der Mittleren Brücke hindurchströmt, nichts muntert mehr auf als die blühenden Kastanien auf der Pfalz, nichts ist labsalender als ein Einkaufsbummel durch die Freie Strasse und nichts macht den Kopf freier als ein Schwumm im Joggeli. Ich glaube, da hat wieder mal unsere Chemie ihre Hände im Spiel, einerseits produzieren sie Burnoutler am Laufmeter, andererseits erfinden sie, wenn es sein muss, ein paar pillenumsatzsteigernde Krankheiten – oder machen normale Befindlichkeiten zu welchen.
Wollen Sie ein Beispiel?
Bitte: Während früher eine Trauerzeit von einem halben Jahr (vielleicht sogar ein ganzes) durchaus angemessen erschien, ist heute Niedergeschlagenheit ab 5 Wochen nach dem Todesfall schon leicht pathologisch, ab drei Monaten spricht man von einer reaktiven Depression.

Aber wir wollten ja nicht so düster schreiben, wir freuen uns ja über den Umsatz der UPK.
So wie wir die Schlagzeile über das Royalbaby auch so setzen können:
Königliches Mädel hat Allerweltsnamen: 10 000 Briten freuen sich über Wettgewinn.

So wie wir die Überschrift über die Heimschickung von Jocki (22) und Tummi (24), die trotz knackigsten Hintern und extremem Sixpack bei Frieda Hodel in Ungnade gefallen sind, auch so formulieren könnten:
Die Bachelorette hat gesprochen: Jocki und Tummi dürfen endlich wieder heim.   


Dienstag, 5. Mai 2015

Die Aliens kommen nicht mehr



Glaubt man Herrn von Däniken, wimmelte es früher von Aliens, die der Erde einen Besuch abstatteten und – die Zeichen sind klar, man muss sie nur richtig deuten – viele Hinweise hinterlassen haben. Sie häuften Felsbrocken zu Gebilden zusammen, sie ritzten in Berge und Bäume, da wurden Pflanzen umgesetzt und Flüsse umgeleitet, da wurde gemanscht, gepanscht, da wurde gesprengt und gemalt, alles nur, damit die klare Botschaft ankommt: Wir waren da. Jede Inkamalerei, jede Pyramide, jedes antike Bauwerk und jede Ausgrabungsstätte lässt sich so deuten.

Wir waren da, schrieben die Halavas (superintelligente Schatten mit beige-pinker Färbung) von Antares in die Alpen, wir waren da, montierten die Hilivis (ziemlich dumme Schatten mit lila-mintgrüner Färbung) von Beteigeuze auf die Anden. Wir waren da, meldeten die Leute von Alpha-, Beta- und Gamma-Centauri, wir waren da schrieben die insektoiden, reptiloiden und molluskoiden Wesen aus den ewigen Weltgründen uns in die Seelen.
Wir waren da.
Wir waren da.
Einigen wurden sogar Denkmäler gesetzt, sie stehen auf Sockeln und Brunnen und vor Rathäusern, so kennt jeder Rrfffff III von der Vega (Bamberger Reiter), Uuuuiiiooo Jhh d.Ä. vom Sirius (Uta in Naumburg) und Grotikujgh 655 vom Andromedanebel  (David in Florenz).

Aber wo sind sie jetzt? Es ist schon ewig kein Ufo mehr gesichtet worden, und das letzte, das über Little Town (Nebraska) kreiste, entpuppte sich als Frisbee.
Wo sind die Felsbrockenhäufer, wo sind Höhlenmaler, wo sind die Leute von Antares und Beteigeuze, wo sind die insektesken, reptiloesken und molluskoesken  Wesen, die uns so häufig besuchten?
Irrte Erich etwa?
Ist etwas faul im Staate Däniken?
Hat er gar gelogen?

Mitnichten:
Rrfffff III, Uuuuiiiooo Jhh d.Ä. und Grotikujgh 655, die Hilivis und Halavas, all die Besucher von fremden Galaxien, fremden Sternen, die, die wir für Götter hielten, die aus schwarzen und weissen Löchern, haben einfach keine Lust mehr.

Anders formuliert:

Sie haben die Schnauze – oder das, was sie statt einer Schnauze haben – von der Erde voll. Sie können einfach nicht mehr mit ansehen, was die Bewohner dieses Planeten mit sich, mit anderen und mit dem Planeten selber anstellen.

Die Ruptihiden von Okural 3 (sehen ein bisschen aus wie Hasen) zum Beispiel haben eine einfache Lebensregel: Jeder isst, bis er satt wird, und jeder soll essen können, bis er satt wird. Bei ihrem letzten Erdenbesuch (April 1987) wurden sie schier wahnsinnig: Warum fressen die einen Erdlinge, bis sie ihr Körpergewicht verdreifacht haben und die anderen gar nichts, weil sie aussehen wollen wie Star soundso? Warum essen sogar einige erst und kotzen dann? Und warum HABEN so viele Leute gar kein Essen, wenn doch so viel da ist? Ein paar Wochen kreisten die Ruptihiden über der Erde und verschwanden dann mit sehr, sehr viel Kopfschütteln wieder in den Tiefen des Raumes.

Die Ztoolen von Thittifü 4 (sehen ein bisschen aus wie kleine Küchenmaschinen) haben auch eine einfache Lebensregel: Jeder soll glauben dürfen, was er will. Wenn zum Beispiel ein Ztoole mit grünen Extremitäten sagt: „Ich glaube, meine Extremitäten sind rot“, dann nicken alle und denken: „Er glaubt, seine Extremität sind (sic) rot“. Sie werden weder ihn zu überzeugen versuchen noch sich von ihm auf seine Glaubensregel einschwören lassen. Kann man sich nun vorstellen, wie sehr die Ztoolen bei ihrem Erdenbesuch (Mai 1630) litten, angesichts so viel religiösen Wahns?

Die Tuutuus von Mmm45ee haben selber zweimal den Planeten wechseln müssen und wissen, dass das eine sch…komplizierte Angelegenheit ist. Dabei wurden sie Opfer von interstellaren Katastrophen und haben ihre Heimat nicht selber kaputtgemacht. Sie wurden, als sie da waren, schier kirrig: Checken die Erdlinge nicht, dass sie bald ihren Krempel packen und 34000 Raumschiffe auftreiben müssen und ins All verschwinden, dabei WÄRE Terra eigentlich noch zu retten?

Es hat sich herumgesprochen.
Es hat sich herumgesprochen, dass Terra kein lohnendes Ziel mehr ist. Ein Lexikon der Akademie für Intergalaktische Studien bringt es auf den Punkt:

TERRA (System Sonne / Milchstrasse)
Wunderschöner Planet. 
Dumme, verbohrte und aggressive Bewohner.

Und deshalb werden wir in Zukunft vergeblich warten.
Auf  Rrfffff III, Uuuuiiiooo Jhh und Grotikujgh 655, auf die Hilivis und Halavas, auf die Tuutuus, Ztoolen und Ruptihiden, all die Besucher von fremden Galaxien, all die, die wie Insekten, Hasen, Reptile, Mollusken oder Küchenmaschinen aussehen.

Sie kommen nicht mehr.
Wir sind ihnen zu doof.

  

Freitag, 1. Mai 2015

Keine Reaktion ist keine mögliche Reaktion

Ich habe neulich von den beiden Reaktionen auf meine Flambage berichtet (SIe erinnern sich? Ein Kellner hatte mich mitsamt dem Dessert in Flammen gesetzt.):
70% Weinen, Zagen, Sorgen, Klagen und 30% heftigstes Gelächter, 70% „Du Ärmster, hattest du Schmerzen, was für ein idiotischer Kellner.“ und 30% Bäuchehalten, Bodenkugeln, Krampfkichern und „Schade, dass ich nicht dabei war.“ 70% Mitleid, das mich vom Tor zum Wissenden machte und 30% Fail oft he Day-Grinsen.
Normalerweise wäre die Verteilung anders:
65% Erschrecken und Mitleid
25% Heiterkeit
Und die fehlenden 10%?
Sie blieben der Reaktion vorbehalten, die ich – im Gegensatz zu Weinen oder Kichern – nicht akzeptiere:
Nämlich keine.

Ja, es gibt sie, diese Leute, die, egal, was für ein Leiden, eine Katastrophe, was für ein Debakel und was für einen Schmerz du ihnen erzählst, einfach dahocken, gucken und nichts sagen – oder etwas völlig Unpassendes.
„Ich habe einen Autounfall gehabt“, sagen Sie, indem Sie blut- und ölverschmiert ins Zimmer stürzen, und Ihre Tante lässt ihr Strickzeug sinken und meint:
„Putz deine Schuhe ab, bevor du hereinkommst.“
„Ich wandere nach Australien aus“, sagen Sie in der Kantine und eine Weile ist Schweigen und dann sagt Frau Meier aus der Buchhaltung:
„Ach.“
Sie finden während Ihrer Suche nach dem Zugrestaurant im hinterletzten Wagen des ICE 700 einen Mann in seinen Sitz hineingesunken und denken zunächst, er schlafe, wogegen allerdings seine starre Haltung, seine ins Leere blickenden Augen und das grosse Messer in seinem Hals sprechen. Sie rasen also zum Zugbegleiter, schildern atemlos Ihren Fund und er meint:
„Aha.“
Du sagst deinem Vater, dass der Junge, mit dem du in Ferien warst, nicht einfach ein Kumpel ist, sondern dass ihr euch im Zelt geküsst habt und sogar richtig Sex hattet, und dass das auch so bleiben wird, weil du – oh hässlichstes aller Worte! – schwul bist, und dein Vater sagt:
„OK.“

Aha.
Ach.
Hm.
So.
OK.

Alles Reaktionen, die man einfach so nicht bringen kann. Niemand erwartet von der Tante, dass sie sofort Erste Hilfe leistet, Sie wäscht und mit Öl und Wein salbt wie der Samariter, danach den Wagen abschleppt und die gesamte Versicherungsscheisse (sit venia verbo) klärt. Niemand erwartet von den Kollegen, dass sie sofort exakt nachfragen, in welche Stadt und in welche Provinz man ziehe – und diese selbstverständlich auch noch kennen á la „Nach New Mursbee? Dann geh ins Miller Steakhouse, da gibt es das beste Essen!“
Niemand erwartet vom Zugschaffner, dass er in den hinterletzten Wagen eilt, seine weissen Handschuhe anzieht, die Spuren sichert, die Passagiere befragt und, wenn die Kripo kommt, schon einen Täter mit Geständnis hat.
Ein Vater, der NICHT tobt und schreit, der NICHT den Exorzisten ruft, der den Sohn NICHT aus dem Haus wirft, ist ja ganz gut, aber ist ein OK nicht doch ein bisschen dürftig?

Aha.
Ach.
Hm.

Reaktionen, die einfach zu wenig sind, diese Wörter zu sagen ist so wie einen Tennisball nicht zurückzuspielen, sondern ihn aufzufangen und einzustecken. So wie eine E-Mail ohne ein Wort zu schreiben zurückzuschicken, so wie bei einem Telefonat einfach aufzulegen. So wie ein Schnitzel fünfmal durchzuschneiden und dann zurückgehen zu lassen.
Eine besonders schöne Variante berichtet Claudia Keller: Ihr Mann, den sie in ihrem Scheidungsroman Viktor nennt, sprach stets Warum das denn?
Viktor legte die Zeitung weg und sprach Warum das denn,  als sie sagte, dass sie schwanger sei. Viktor blickte von seinen Börsenseiten auf und meinte Warum das denn, als sie sagte, dass sie sich das Bein gebrochen habe und vier Wochen liegen müsse (In diesen Wochen schrieb sie übrigens ihr Buch.) Und Viktor sagte  Warum das denn, als sie ihm mitteilte, dass sie sich scheiden lassen wolle.

Eine besondere Spezies sind die Schwaben. Der Schwabe würde nie die scheusslichen Worte
Aha.
Hm.
OK.
in den Mund nehmen, aber wird doch eine solche Reaktion bringen, die eine weitere Kommunikation unmöglich macht. Er wird keine Heiterkeit und kein Mitleid zeigen, und seine Reaktion wird eben eigentlich auch KEINE Reaktion sein. „Des gibbds jetzt viele om dia Jooreszait“, wird er zum Unfall sagen. „Do isch Sidnei d‘ Haubtschtad“ zum Thema Australien. Und er wird weise „Jo, mid eme Mässer im Bauch isch mr dood.“ sagen. Man kann ihm also nicht nachsagen, er würde schweigen oder er sei einsilbig, obwohl er es ist.

Aha.
OK.
Hm.
So.
Bitte sagen sie nicht so etwas! Lachen Sie, Weinen Sie, reagieren Sie peinlich, unangemessen, werfen Sie mit etwas um sich, halten Sie sich den Bauch vor Kichern oder kugeln Sie auf dem Boden, zeigen Sie wissendmachendendes Mitleid oder Empörung, aber sagen Sie nicht einfach
Ach.


Das emotionale Reagieren haben wir nämlich den Robotern voraus.