Freitag, 24. Oktober 2014

Andalusien II - Massage

Es ist unmöglich an einem andalusischen Strand zu schlafen.
Nicht, dass das Meer und die Sonne einen nicht müde machten, sie machen es, nicht, dass der Wind nicht süss und aromatisch wäre, er ist es, nicht, dass die Liegen unbequem wären, sie sind Betten. Nein, trotz Sonne, Meer, süssem Wind und weichen Liegen kann man nicht in Morpheus Arme gleiten, schlicht und einfach, weil man dauernd gestört wird. Es sind nicht die Kanarienvögel, die in den Palmen streiten, es sind menschliche Wesen.
Da sind zunächst die Erfrischungsverkäufer, sie erscheinen stündlich und preisen Bier, Cola, geschnittene Mangos, Ananas und Melonen sowie natürlich Eis an, und zwar in einer Lautstärke, die jede Annäherung mit Morpheus vereitelt.
Halbstündlich kommen die Afrikaner, die Fake-Uhren, Fake-Taschen, nachgemachte Gürtel und Imitat-Sonnenbrillen feilbieten, also die Sachen, die man am heimischen Zoll sofort abgeben muss. Die Fake-Afrikaner, behängt von oben bis unten mit falschem Gucci, Diesel, Nike und Swatch, sind nicht so laut, aber penetrant, sie wedeln mit ihrer Ware direkt vor Ihrer Nase herum, bis Sie aufschrecken. Natürlich kommen Sie zeitlich versetzt zu den Erfrischern, sodass die Lücken zwischen den Störungen kleiner werden, also z.B. 14.00 Bier, 14.15 Imitate und 14.45 Imitate.
Nun hätte man ja immerhin noch eine halbe Stunde zum Schlafen, das Meer rauscht, die Sonne scheint, der Wind ist süss und aromatisch und die Liegen sehr, sehr weich, wären da nicht die Massagefrauen. Sie kommen viertelstündlich und füllen auf: 14.07, 14.22, 14.37, 14.52, sodass Morpheus und Sandmännchen auch vereint keine Chance haben. Die Massagefrauen sind immer Asiatinnen, Thais oder Chinesinnen, sie rufen "Massage! Massage! Very good massage!" und wedeln mit einem Pappkarton, auf denen Menschenkörper und irgendwelche Schriftzeichen abgebildet sind. Das Erstaunliche ist, dass es genügend Touris gibt, die die Massagefrauen an sich ranlassen, meistens sind es Deutsche. Ich habe grossen Respekt vor manueller Therapie, ich würde wenige Leute, Leute, die ich kenne, an mir Shiatsu, Craniosacral oder auch nur eine Massage an mir machen lassen. Diese Frauen sicher nicht. Ich habe ihnen zugesehen: Ihr Handwerk haben sie bei einem Bäcker oder Töpfer gelernt, an einer Schule für TCM oder einem Institut für Manuelle Therapie sicher nicht, ja selbst ein Hefeteig oder ein Tonklumpen würde sich beschweren, so geboxt und geschlagen zu werden.
Der Denkfehler ist ganz einfach: Man denkt, Asiatinnen, Thais oder Chinesinnen, müssen einfach gute Masseurinnen sein, sie haben ja die Meridianlehre und die Technik mit der Muttermilch aufgesogen. Dass von 1 Milliarde Chinesen nicht jeder ein Arzt, ein Heiler, ein Therapeut, ein Masseur sein kann, denkt man nicht.
Aber geht es uns anders?
Von wem würden Sie sich einen Vortrag über die neueste IT-Sache anhören? Von Dr. Smith aus L.A. oder Dr. Poppel aus Bottrop?
Von wem würden Sie sich über die Anthroposophie belehren lassen? Von jemandem aus Delhi oder jemandem aus Dornach?
Was klingt besser: Orgelinterpretationskurs Bach, Gerhold Müller, Leipzig oder  Orgelinterpretationskurs Bach, Jean Moullet, Marseille.
Kann mich nicht ein Schweizer besser im Jodeln unterrichten als ein Thai?
Sind nicht alle Finnen gute Langläufer?
Wir alle erliegen dem Massage-Syndrom, denn Dr.Smith MUSS kein Informatiker und der aus Dornach kein Steiner-Anhänger sein. Jean Moullet kann ein echter Bachexperte sein und viele Eidgenossen jodeln NICHT.
Schicken wir also, wenn Meer und Sonne, süsser Wind und weiche Liege uns in Morpheus Arme treiben, die Asiatinnen weit, weit fort, ihre Herkunft macht sie nicht zu manuellen Therapeutinnen.

Das gilt übrigens auch für alle Balearen und Kanaren, wo sie auch ihr Unwesen treiben.   

Montag, 20. Oktober 2014

Andalusien I - die drei Fragen

Ich befinde mich jetzt ein wenig in der Situation meiner armen Deutschschüler: "Wir schreiben einen Aufsatz über die Ferien." - Wie viele schöne und schönste Ferienerlebnisse wurden da eigentlich schon auf Papier gebracht und wie viele schöne Ferienerlebnisse waren da keine mehr, eben weil sie als schönste Erlebnisse einem Pauker zur Korrektur gereicht werden mussten?
Aber eigentlich befinde ich mich NICHT in der Situation meiner armen Deutschschüler, denn ich kann schreiben, was ich will. Also fasse ich kurz das Erlebte zusammen: Die Sonne schien, das Meer war warm und blau und das Essen gut. Weitere Informationen über Málaga, Sevilla, Granada oder Córdoba entnehmen Sie den gängigen Reiseführern, die es ja in allen Grössen gibt, je nachdem, ob Sie sämtliche Säulen der Mezquita einzeln erläutert haben (es sind 856) oder einfach die Adresse der grössten Disco erfahren wollen, Angaben zum Sonnenschein, der Wärme und Bläue des Meeres und der Qualität des Essens bekommen Sie gratis dazu.
Ich habe vor meinen Ferien drei Fragen gestellt, auf deren Antwort Sie warten und ich will Sie nicht enttäuschen.
Singen andalusische Friseure?
Nein, sie singen definitiv nicht. Ich habe in ca. 100 peluquerias hineingeschaut und alle Barbiere, nicht nur die von Sevilla, auch die von Málaga und Córdoba arbeiten konzentriert und schweigend an den Haaren ihrer Klienten. Allerdings wird sonst viel gesungen, die Losverkäufer der traditionellen Weihnachtslotterie preisen singend ihre Lose an und eine Mutter schwimmt im Meer und teilt ihrem am Strand sitzenden Töchterlein trällernd mit, dass Mama immer noch da ist. (Eine rührende Szene.)
Und da sind da noch die Strassenmusiker.
Wer der Meinung ist, es gebe in Basel zu viel Strassenmusiker, möge nach Málaga gehen, Sie haben kaum Ihre Vorspeise begonnen, da baut sich einer vor den Draussensitztischen auf und singt, begleitet von Gitarre oder Ziehharmonika. Dabei singt er keineswegs Flamenco, er singt das, was Japanische Touristen irgendwie mit Südeuropa in Verbindung bringen: Ein Schiff wird kommen, O sole mio oder Champs Elysees. Meistens singt er nur drei Songs, aber die Freude über seinen Abgang ist kurz, denn es kommen noch drei weitere.
Streiten die Zigarettenfabrikarbeiterinnen?
Definitiv nicht mehr, in der Fábrica de Tobacos - ja, die aus Carmen, die gibt es noch original - wird nicht mehr messergestochen, sondern geforscht und gelernt, es ist jetzt die Uni. Überhaupt streiten Südspanier relativ wenig, im Gegensatz zu den Süditalienern, wo einmal anschreien pro Tag zum guten Ton gehört, vielleicht hat die islamische Zeit bis 1500, in der alle Religionen und Denkrichtungen friedlich koexistieren durften (Was ist nur aus dem Islam geworden??) doch ihre Spuren hinterlassen. Wer streitet, sind die Kanarienvögel, wenn Sie am Strand liegen, die Wärme der Sonne und die Bläue des Meeres geniessen, erreicht der Lärm aus den Palmen die Dezibelzahl eines Jets, also überlegen Sie gut, ob Sie Ihrem Spatzi Spielgefährten in den Käfig tun wollen, Sie werden nie mehr Ruhe haben.
Werfen andalusische Frauen mit Blumen?
Andalusien quillt über von Bougainvilleas, Hibisken, Strelizien und anderer floraler Köstlichkeiten, aber nie sind wir mit irgendwelchen Blumen beworfen worden. In Córdoba wäre das eine spezielle Sache: Dort sind die Innenhöfe, die Patios mit Tausenden von Blumentöpfen behängt, jedes Jahr wird der schönste Hof bei der Fiesta del Patios prämiert, die 4000 Euro Preisgeld sind allerdings eher eine schale Aufwandsentschädigung für das Giessen der bis zu 2m hoch hängenden Töpfe. Ob Córdobanische Frauen gelegentlich mit diesen Töpfen nach ihren Männern werfen, entzieht sich meiner Kenntnis.
Wenn nun also eine Andalusierin oder ein Andalusier auf Sie zukommt, will er oder sie weder streiten noch Blumen werfen. Er will von Sonne, Meer oder Essen singen oder...
Feuer!
Alle in Málaga, Sevilla, Granada oder Córdoba rauchen, aber niemand hat Feuer. Wir sind in den zwei Wochen sicher jeden Tag zehnmal um fuego gebeten worden.
Dies so eine Sache, die in keinem Reiseführer steht.
So viel für heute, am Freitag und nächste Woche mehr.

Dienstag, 30. September 2014

Der USP oder Schweinehaxen in Kabul / Blogferien


Sie hätten den USP, den Unique Selling Point, sagt die stets lächelnde und fast überfreundliche Bedienung in dem neuen Philippinischen Restaurant, sie seien nämlich das einzige Philippinische Restaurant in Basel. Wir hatten uns hineingewagt, da wir die Philippinische Küche nicht kennen und einige Gerichte auf der Karte doch sehr interessant klangen. Wir wurden angenehm überrascht: Suppe, Vorspeise und Hauptgerichte waren extrem lecker, in meinem Fall war der Hauptgang ein Huhn mit Lebersauce, eine Kombination, die gut funktioniert und ein ganz neues Geschmackserlebnis brachte. Dummerweise wagten wir einen zweiten Versuch und da war das Essen eine Katastrophe: Ein Schweinegehacktes mit Zitrone, aber sie hatten auch Dinge mit hinein gehackt, die bei uns in den Müll kämen, Knorpel, Fett und zähe Stellen, man konnte froh sein, in der gulaschigen Masse nicht auch noch Zähne, Knochen und Borsten zu finden. Schwein „Sisig“ scheint aus einer sehr armen Region der Philippinen zu kommen, wo man schlicht und einfach nichts wegwirft. Auf dem Heimweg musste ich ständig über den USP nachdenken, wenn es der USP dieser Beiz ist, Fleischabfälle zu servieren, dann Gute Nacht.

USP.

In Lörrach gab es einen Italiener, der auch einen Unique Selling Point hatte, er pflegte die bodenständige, kräftige und währschafte Küche der Abruzzen, deftige Gratins mit leicht Sugo am Boden, würzige Saucen und handgemachte Pasta. Er war aber so eindeutig Abruzzese, dass es keine Pizza gab, keine Spaghetti Bolo oder Napo, und wenn man Chianti verlangte, schimpfte er einen aus und brachte Montepulciano. (Er hat mir den Chiantifusel wirklich abgewöhnt.)


Der USP wird auf Marketing-Seminaren und Existenzgründerveranstaltungen als seligmachendes Evangelium verkauft: Schauen Sie, dass Sie etwas anbieten, was einmalig ist, was Sie von anderen abhebt, Sie auszeichnet. Seien Sie der oder die Einzige, in der Stadt, in der Region, im Land. Bieten Sie etwas an, was es hier noch nicht gibt. Gut und schön, aber das ist eine leicht verkürzte Sicht.

Sie hätten z.B. auch den USP, wenn Sie in Kabul eine Beiz aufmachen, die Schweinshaxen und Bier serviert, ausser ein paar Blauhelmen und Diplomaten hätten Sie keine Kundschaft, es sei denn Sie machen es im Flüsterkneipen-60erJahre-Schwulenbeiz-Verfahren, die Leute müssen klingeln und eine Losung, ein Codewort wissen.

Sie hätten den USP, wenn Sie eine Buchhandlung mit Finnischer, Niederländischer, Baskischer und Kurdischer Belletristik anbieten, von den paar Helsinkis, Haagern, von den paar Basken und Kurden können Sie nicht leben, und bestellen kann jeder Händler, es müsste ja auch noch Kundschaft sein, die Kaalaava Juitraa oder De Tweeling sofort, also im nächsten Moment braucht.

Sie hätten den USP, wenn Sie einen schwulen Escort-Service für junge Männer anbieten, bei dem die Herren alle über 50 sind, welcher Boy ZAHLT für einen Gruftie, wo normalerweise ER vom Sugardaddy freigehalten wird?

Sie hätten den USP mit einem Kino, das Stummfilme für Blinde und Met-Übertragungen für Taube anbieten, Sie hätten den USP mit einer Zoohandlung, die Silberfischchen und Schaben liefert, Sie hätten den USP…  

Hören wir auf. Es gibt in manchen Grossstädten 380 Dönerbuden und 748 Ristoranti, die alle gut laufen, es gibt in manchen Fussgängerzonen 40 verschiedene Drogeriemärkte, die funktionieren. Wenn mein Produkt gut ist, kann ich der dreihunderteinundachtzigste Rindfleischabschneider sein, der siebenhundertneunundvierzigste Pizzabodenschleuderer und der einundvierzigste Haargelverkäufer, wenn mein Produkt mies ist, kann ich es vergessen.

So, ich mache jetzt Ferien bis 21.10.
In Andalusien - ohne Läbtob. (sic!)

Danach gibt es einen Post von Sonne, Meer und Stierkämpfen - und Rumrosinen, wir kampieren in  Málaga.Dann werde ich Ihnen die entscheidenden Fragen beantworten können: 
Singen andalusische Frisöre wirklich bei der Arbeit?
Sind andalusische Zigarettenarbeiterinnen wirklich so aggressiv?
Und werfen andalusische Frauen wirklich mit Blumen?

Bis bald.



Donnerstag, 25. September 2014

Für jeden ein psychischer Defekt

Mein Kumpel Brofut (heisst wirklich so, alter südgotischer Name, der so viel bedeutet wie: trittfester Fuss) ist unglücklich. Als einziger in seiner Firma hat er keine psychischen Probleme. Nun könnte man ja denken, dass das Ausbleiben psychischer Probleme einen glücklich macht, aber mitnichten, wenn man damit allein steht, grenzt es einen aus.
Wenn also am Montag alle in der Abteilung erzählen, was ihnen das Wochenende über zu schaffen gemacht hat, muss Brofut schweigen. Soll er sagen, dass er einen ausgeruhten, fröhlichen, schwimmbadseligen, gutgessthabenden Sonntag verlebt hat? Wenn alle von Dr. Schomski, Dr. Hieber, Werner Shaangi Müller und  Tsi Lo Pi berichten und damit ihre Therapeuten meinen, wenn Diskurse wie Gespräch versus Urschrei, Gestalt versus Systemisch in der Luft liegen, wenn Namen wie Freud, Jung, Hellinger und Janov durch dieselbe sausen, hat Brofut nichts mitzureden.
Wenn dann alle zum zweiten Frühstück ihre Pillen auspacken, rot, grün, blau und weiss, schluckfreudig oder schlucksperrig, rund oder oblong, aus der praktikablen Durchdrückpackung  oder aus dem Gläschen, dann trinkt er seinen Kaffee und hat nichts dazu.
(Kleiner Exkurs: Das ist wirklich ein Spruch aus der Pharma-Referenten-Sprache: Schluckfreudige Oblong-Tablette in der praktikablen Durchdrückpackung)

Ich treffe mich mit Brofut in einem kleinen Restaurant, wo er mir lange sein Leid klagt.
„Brofut“, sage ich, während ich meinen Salat noch ein wenig bebalsamicoe , „Brofut, es kann doch nicht so schwer sein, irgendeinen Defekt für dich zu finden.“ „Aber ich bin doch so furchtbar gesund“, mault er und löffelt seine Minestrone, „ich habe keine Depression, bin nicht bipolar, ich bin nicht paranoid und höre keine Stimmen.“ „Das tut keiner von deinen Kollegen, die haben alle ganz kleine Wehwehchen, sonst könnten sie gar nicht so hart arbeiten.“ „Meinst du?“ „Schau mal, Brofut“, sage ich und beginne meine Tomaten aufzuspiessen, „in den letzten Jahren hat sich das Spektrum psychischer Defekte um zig neue erweitert, was früher nur ein Tick, eine Macke, eine Marotte war, ist jetzt pathologisch. Pharmalobby und Ärzteschaft haben da ganze Arbeit geleistet. Wir nehmen also einen deiner Ticks und bauen ihn aus.“ „Habe ich Ticks?“, Brofut schaut mich über seinen Löffel hinweg an. „Schätzchen, nimm doch nur mal deine Angst vor Überraschungen. Du schlägst jedes Buch zunächst hinten auf, bei Filmen hast du dir den Schluss erzählen lassen, und weisst du noch, dein 40ster?“ „Oooooo, ja, das war richtig scheisse, Prost…“ Wir stossen mit unserem Montepulciano an.  „Ihr hattet einen Überraschungstrip organisiert und ich habe gemault und geflennt und gezittert und gemotzt, bis ich endlich wusste, dass es ins Alpamare geht, dann war ich zufrieden.“ „Eben. Wir nehmen also diesen Tick und geben ihm einen Namen: SURPRISE-SYNDROM. Dann brauchen wir nur irgendeinen durchgeknallten Psychiater, der darüber eine Studie macht, dann gehen wir zur ROCHE, NOVARTIS oder PFIZER, die machen dann den Rest, vor allem produzieren sie eine Pille.“

So läuft das?
Läuft das wirklich so?
Leider.

Die Mafia aus Psychiatern und Pharma haben x Syndrome, Phobien, neue Teildepressionen und Psychosen aus dem Boden gestampft. Was bis zum 31.10. nur ein kleiner, harmloser Tick war, kann am 1.11. schon eine Krankheit sein.
Sie reden mit Maschinen (dem Compi, dem Drucker, dem Auto)? Achtung, das wird 2015 eventuell schon psychopathologisch sein.
Sie rupfen von Flaschen, von Dosen und anderen Dingen die Etiketten ab? Achtung, das wird 2015 vielleicht schon psychopathologisch sein.
Sie hassen es, Ihre vom Vortag noch nasse Badehose wieder anzuziehen? Achtung, das wird 2015 möglicherweise schon psychopathologisch sein.
In SWR2 machte neulich einer eine simple Rechnung auf: Wenn es in Deutschland inzwischen ca. 300 psychische Krankheiten gibt, an denen je 2% der Bevölkerung leidet, dann hat jede(r) Deutsche 3-4 solche Krankheiten gleichzeitig. Das kann beim besten Willen nicht sein. Die Deutschen sind zwar ziemlich durchgeknallt, aber so stark nun auch wieder nicht.

Damit sei jetzt übrigens nichts gegen wirkliche Krankheiten gesagt. Es gibt Menschen, denen es echt schlecht geht und die Depression ist keine Erfindung  des 21. Jahrhunderts. Diejenigen, die wirklich krank sind, müssten übrigens die ersten sein, die gegen das Aus-dem-Boden-Stampfen sind, denn mit meiner Tick-Bekämpfung nehme ich jemand einen Therapieplatz weg.

Brofut ruft mich ein paar Tage später hocherfreut an: Seine Krankheit existiert schon! Es heisst AUGUR-SYNDROM und er hat auch schon einen Therapeuten und viele, viele, viele schluckfreudige Oblongtabletten in einer praktikablen Durchdrückpackung, AUGUROSAN®. Endlich ist – man muss es so sagen – Brofut normal, endlich ist er auch dabei und kann mitreden.

Dienstag, 23. September 2014

Schottland und das Hymnenproblem


Schottland hat entschieden.
Und die Entscheidung ist nicht durch das Royalbaby, das Öl, Nessie oder sonstiges gefallen. Es war die Hymne. Die Rockträger im Hochland hätten nämlich drei (!) Nationalhymnen verloren, eine offizielle und zwei inoffizielle, God save the Queen sowie Rule Britannia und Land of Hope and Glory. Hätten die Schafmagenesser eine eigene gehabt? Nun ja. Scotland the Beauty, kennen Sie: Daa DaaDa Dadada Daa DaaDa Dadada, taugt in seiner unsäglichen Dudelsackmelodie als Basler Fastnachtsmarsch, als Hymne taugt es nicht. 

Ja, mit den Hymnen ist das so eine Sache.
Man könnte hier fast alte Sprüche modifizieren:

Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
Ob man auch eine Hymne findet.

Drum prüfe, wer sich ewig trennt,
Ob man ‘ne neue Hymne kennt.

Nehmen wir doch zum Beispiel mal die Deutschen: Die Wiedervereinigung, die ja bald wieder gefeiert, besungen, beklatscht und zelebriert wird, hätte erst stattfinden dürfen, wenn man eine neue Hymne gehabt hätte. Einfach den alten BRD-Song weiterzuspielen, war billig. Zumal er wirklich belastet war: Meine Mutter sagte stets, sie müsse immer aufpasssen, dass sie nicht den Arm hebt und nach dem 3.Vers Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen anstimmt, das sogenannte Horst-Wessel-Lied.
Dabei hätte es doch so herrliche Lieder gegeben. Zum Beispiel

Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt
Wir steigern das Bruttosozialprodukt.

Nehmen wir doch zum Beispiel die beiden Basel: Beide Lieder, beide daraus resultierenden Märsche sind so schön, dass sie eine Fusion schlicht und einfach unmöglich machen. Sollen wir statt Z‘ Basel an mym Rhy und Vo Schönebuech bis Ammel  das Basler Einheitslied singen und sollen die Musikvereine irgendwann den Basler Einheitsmarsch spielen?

 Vo Schönebuech bis Ammel, vom Belchen bis zum Rhy
Jo, dert mecht y  syy,  jo, dert mecht y syy.

 Sicher nicht. Schon aus Gründen des Erhalts beider Lieder und Märsche  verbietet sich jeder Fusionsgedanke.
J
edes Land, jedes Volk sollte genau prüfen, ob es ein Lied hat, und ob dieses Lied schöner als die Nationalhymne des Volkes ist, zu dem sie gerade gehören. Haben die Ostukrainer einen schönen Song? Haben die Kurden einen Marsch? Haben die Basken was Nettes? Ich weiss es nicht. Die Katalanen haben ihre – überall bekannte – Hymne längst:

Olé, wir fahren in den Puff nach Barcelona…

Dass das eigentlich ein Lied zur Eröffnung der Seilbahn (Funiculi, Funicula) in Neapel war, macht gar nichts, man darf sich seine Lieder durchaus von Ausländern schreiben lassen, das deutsche ist ja auch von einem Österreicher. 

Die Italiener müssen übrigens zusammenbleiben, trotz den Begehrlichkeiten im Norden, so etwas Schönes wie Fratelli d‘ Italia bekommen die Lombarden, Piemonteser und Venezianer nie hin, es gibt Lieder über den Rhein, den Main, die Mosel und die Donau, über Rhone und Seine, aber über den Po? Also, es gibt Songs, wo ein Po vorkommt, die meinen aber etwas Anderes. 

Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
Ob man auch eine Hymne findet.

Drum prüfe, wer sich ewig trennt,
Ob man ‘ne neue Hymne kennt.

 

 

Donnerstag, 18. September 2014

Die ganze Schiesserei


Huber ist ein friedlicher Mensch.

Er übt keine Gewalt aus und hat sein Gewehr im Zeughaus abgegeben. Er kann nicht verstehen, dass überall auf der Welt geknallt und geballert wird.

Huber ist ein friedlicher Mensch.

Er arbeitet in der Werbung, wo es darum geht, einen KRACHER, einen KNALLER zu lancieren, etwas, das WIE EINE BOMBE einschlägt, was EXPLOSIV ist, und wenn er im Internet etwas Gutes findet, zum Beispiel gute Aufnahmen, die jemand GESCHOSSEN hat,  dann macht er erst einmal einen SCREENSHOT.
Wenn Hubert auf eine Frage seines Chefs antwortet, steht er GEWEHR BEI FUSS, dann kommt die Antwort meist WIE AUS PISTOLE GESCHOSSEN und häufig TRIFFT ER DAMIT INS SCHWARZE, ER SCHIESST DEN VOGEL AB.

In seiner Freizeit spielt Hubert Fussball, wo er STÜRMER ist, immer an der FRONT, immer den GEGNER im Blick, er spielt Fussball, wo er ZUM ANGRIFF übergeht und Tore SCHIESST.
Aber da ist es auch wichtig, dass man sein PULVER NICHT VERSCHIESST, sonst geht es aus WIE DAS HORNBERGER SCHIESSEN.

Manchmal geht er aber auch in eine Kneipe, wo schon eine BOMBENSTIMMUNG herrscht, weil etliche STIMMUNGSKANONEN anwesend sind, wo man ES KRACHEN lässt, da stellt er sich dann an die Theke, trinkt etliche SHOTS und beobachtet die Frauen. Wird er heute ZUM SCHUSS kommen, zum Beispiel bei dieser SEXBOMBE  da drüben, wird da GEBUMST, GEKNALLT werden oder muss er sich doch einen Porno anschauen und auf den CUMSHOT warten?
 
Hat er zu viel Geld ausgegeben, muss er bei Freunden nach einem ZUSCHUSS fragen oder den Chef um VORSCHUSS bitten. 

Huber ist ein friedlicher Mensch.

Er übt keine Gewalt aus und hat sein Gewehr im Zeughaus abgegeben. Er kann nicht verstehen, dass überall auf der Welt geknallt und geballert wird.

Huber ist ein friedlicher Mensch.

 

 

 

 

Montag, 15. September 2014

Bunker-Studenten

Liebe Onliner,

wissen Sie, was Bunker-Studenten sind? Nein, das sind keine Studis, die etwas bunkern, im Sinne von hamstern, aufhäufen, vielleicht Creditpoints oder Scheine oder Scripte, "Bunker" ist auch kein Studienfach im Sinne von Ägyptologie oder Medienkunde, Bunker-Studenten sind Studenten, die im Bunker leben.
Durch die grosse Wohnungsnot sind viele Unis gezwungen, ihre Studenten in Notunterkünften unterzubringen, in Turnhallen, in Zeltlagern, in Büroräumen, jetzt wohnen aktuell einige junge Männer in einer Zivilschutzanlage unterhalb der ETH. Von "unwürdigem Wohnen" ist da die Rede, von "keiner Arbeitsatmosphäre", von einer "absoluten Notlösung" lese ich da.
Warum?
Ich halte den Studi-Bunker, die Studi-Zivilschutzanlage für die beste Lösung: In Zukunft wohnt der Student im Bunker.
Sehen wir es doch mal so: Im Alter von 19-25 Jahren ist man wild, laut, schmutzig, unangepasst und geht der Gesellschaft und dem Umfeld unglaublich auf die Nerven.
Wenn die Studis in meiner Nachbarschaft Feten feiern, vibriert das ganze Viertel. Und diese krachige Bumm-Bumm-Musik! Techno oder so heisst das. Nicht die sanfte, melodiöse Musik, die wir gehört haben: AC DC, Deep Purple, Led Zeppelin, sondern so richtiger Krach. Im Bunker stört das niemand. Im Bunker stört auch niemand, wenn ständig wechselnde Studentinnen ein und aus gehen. (Vielleicht stört die der Bunker, aber das ist eine andere Geschichte). Im Bunker gibt es kein KEIN DAMENBESUCH NACH 22.00, da können Patrick und Geri und Tobi ihren Hormonen, die ja im Alter von 19-25 entsetzlich umeinandertoben und sie ständig notgeil machen, absolut freien Lauf lassen.
Ungeputzte Fenster? Stört da unten niemand, es hat auch gar keine.
Keine Geranien am Balkon? Stört da unten niemand, es hat auch gar keinen.
Müll in den falschen Säcken und Flaschen im Flur? Alles kein Problem.
Und auch die Küche, die Küche kann Fettspritzer am Herd und Krümel auf dem Boden haben, es muss sich niemand drum scheren. Und sagen Sie jetzt bloss nicht, in einem normalen Wohnhaus sieht man ja auch nicht in die Studentenküche, also, ich linse da immer mal rein, man muss doch kontrollieren, dass das einigermassen sauber ist, sonst hat man nachher noch die Ratten oder die Schaben im Haus.
Im Bunker können die Studis laut, wild, schmutzig und unordentlich sein.
Sonnenlicht fehlt? Tageslicht fehlt? Ich bitte Sie, seit wann interessiert sich ein junger Mensch für Tageslicht? Als ich meine Wohnung suchte und gerne einen Südbalkon wollte, sagte C.St. zu mir: "Mir wäre das völlig wurscht, die Sonne stört den Bildschirm und ich habe die Storen immer unten." Gut, das ist jetzt natürlich ein Problem: Da unten ist Funkloch. Kein Handy, kein Internet. Aber umso besser: Endlich kann einmal stundenlang gelesen, exzerpiert, bibliographiert werden, ohne dass einen Facebook, Studivz, Twitter, Whatsapp, Google und  alles andere ständig ablenkt. Ich sass mit Studis im Hörsaal, die auf dem Laptop mitschrieben und während 90 Minuten 7x in Facebook, 7x in Studivz und 11x auf Google Bilder waren.
Nein, der Bunker ist die Mönchsklause der Zukunft, in dem Raum ohne Ablenkung können wieder Werke vom Format eines Thomas v. Aquin oder eines Erasmus entstehen.
Es bleibt zu hoffen, dass das Experiment mit Patrick, Geri und Tobi Schule macht: Zivilschutzanlagen gibt es genug und viele Studis haben noch keine Wohnung. Der Student der Zukunft wohnt im Bunker. Als kleines Zugeständnis kann man ihnen ja einmal am Tag für zwei Stunden Internet schalten.