Montag, 15. September 2014

Bunker-Studenten

Liebe Onliner,

wissen Sie, was Bunker-Studenten sind? Nein, das sind keine Studis, die etwas bunkern, im Sinne von hamstern, aufhäufen, vielleicht Creditpoints oder Scheine oder Scripte, "Bunker" ist auch kein Studienfach im Sinne von Ägyptologie oder Medienkunde, Bunker-Studenten sind Studenten, die im Bunker leben.
Durch die grosse Wohnungsnot sind viele Unis gezwungen, ihre Studenten in Notunterkünften unterzubringen, in Turnhallen, in Zeltlagern, in Büroräumen, jetzt wohnen aktuell einige junge Männer in einer Zivilschutzanlage unterhalb der ETH. Von "unwürdigem Wohnen" ist da die Rede, von "keiner Arbeitsatmosphäre", von einer "absoluten Notlösung" lese ich da.
Warum?
Ich halte den Studi-Bunker, die Studi-Zivilschutzanlage für die beste Lösung: In Zukunft wohnt der Student im Bunker.
Sehen wir es doch mal so: Im Alter von 19-25 Jahren ist man wild, laut, schmutzig, unangepasst und geht der Gesellschaft und dem Umfeld unglaublich auf die Nerven.
Wenn die Studis in meiner Nachbarschaft Feten feiern, vibriert das ganze Viertel. Und diese krachige Bumm-Bumm-Musik! Techno oder so heisst das. Nicht die sanfte, melodiöse Musik, die wir gehört haben: AC DC, Deep Purple, Led Zeppelin, sondern so richtiger Krach. Im Bunker stört das niemand. Im Bunker stört auch niemand, wenn ständig wechselnde Studentinnen ein und aus gehen. (Vielleicht stört die der Bunker, aber das ist eine andere Geschichte). Im Bunker gibt es kein KEIN DAMENBESUCH NACH 22.00, da können Patrick und Geri und Tobi ihren Hormonen, die ja im Alter von 19-25 entsetzlich umeinandertoben und sie ständig notgeil machen, absolut freien Lauf lassen.
Ungeputzte Fenster? Stört da unten niemand, es hat auch gar keine.
Keine Geranien am Balkon? Stört da unten niemand, es hat auch gar keinen.
Müll in den falschen Säcken und Flaschen im Flur? Alles kein Problem.
Und auch die Küche, die Küche kann Fettspritzer am Herd und Krümel auf dem Boden haben, es muss sich niemand drum scheren. Und sagen Sie jetzt bloss nicht, in einem normalen Wohnhaus sieht man ja auch nicht in die Studentenküche, also, ich linse da immer mal rein, man muss doch kontrollieren, dass das einigermassen sauber ist, sonst hat man nachher noch die Ratten oder die Schaben im Haus.
Im Bunker können die Studis laut, wild, schmutzig und unordentlich sein.
Sonnenlicht fehlt? Tageslicht fehlt? Ich bitte Sie, seit wann interessiert sich ein junger Mensch für Tageslicht? Als ich meine Wohnung suchte und gerne einen Südbalkon wollte, sagte C.St. zu mir: "Mir wäre das völlig wurscht, die Sonne stört den Bildschirm und ich habe die Storen immer unten." Gut, das ist jetzt natürlich ein Problem: Da unten ist Funkloch. Kein Handy, kein Internet. Aber umso besser: Endlich kann einmal stundenlang gelesen, exzerpiert, bibliographiert werden, ohne dass einen Facebook, Studivz, Twitter, Whatsapp, Google und  alles andere ständig ablenkt. Ich sass mit Studis im Hörsaal, die auf dem Laptop mitschrieben und während 90 Minuten 7x in Facebook, 7x in Studivz und 11x auf Google Bilder waren.
Nein, der Bunker ist die Mönchsklause der Zukunft, in dem Raum ohne Ablenkung können wieder Werke vom Format eines Thomas v. Aquin oder eines Erasmus entstehen.
Es bleibt zu hoffen, dass das Experiment mit Patrick, Geri und Tobi Schule macht: Zivilschutzanlagen gibt es genug und viele Studis haben noch keine Wohnung. Der Student der Zukunft wohnt im Bunker. Als kleines Zugeständnis kann man ihnen ja einmal am Tag für zwei Stunden Internet schalten.

Freitag, 12. September 2014

Kühe auf der Claramatte

Vorletzte Nacht hatte ich einen furchtbaren Traum:

Ich stand in der Morgendämmerung an meinem Wohnzimmerfenster und schaute hinaus auf die Claramatte, den herrlichen Park, der direkt unter meiner Wohnung liegt. Nein, eigentlich schaute ich NICHT auf die Claramatte, denn sie war verschwunden. Wo waren die grossen Bäume? Wo der Musikpavillon? Wo waren die Picknick-Zone und das Le Parcour-Übungsgelände? Wo das Gründerzeithaus am Ende der Anlage? Stattdessen standen ca. 50 Kühe auf einer grünen, mit einem Elektrozaun umsäumten Weide, setzten ihre Fladen (kein Vorwurf, die können mangels eines Schliessmuskels nicht anders) und muhten. Das allerdings – jetzt Vorwurf – hätten sie leiser tun können, für 6.00 morgens war es ein Höllenlärm. Ich ging auf meinen Balkon, trank einen Kaffee und rauchte eine Zigarette, im Hinterhof war alles wie gehabt.
Ich zog mich an und ging auf die Strasse. Täuschte ich mich oder war die Stimmung wirklich anders? Ruhiger, ländlicher, der Nebel ein wenig dichter und die Luft bäuerlicher? War wirklich eine grosse Veränderung passiert?
Das nächste, was mir auffiel, war, dass ALI-DÖNER, BABA-KEBAB, THAI-EXPRESS und PIZZABLITZ verschwunden waren. „Zur Krone“ las ich, „Goldener Bär“ und „Zum Adler“.
Mir schwante Übles.
Aus dem ersten Stock eines der Häuser erscholl ein Pfyffermarsch. Gut, ein bisschen früh um Sechs am Morgen, aber es war ein Traum, nicht? Also der Marsch:
Da-Daa-Daa-Daa-Daa-Dada war zu hören. Ich traute meinen Ohren nicht, Von Schoenebuech bis Ammel, gespielt von einer Basler Clique, von Basler Piccolos in einem Basler Cliquenlokal?
Mit klopfendem Herzen und zitternden Händen raste ich weiter.

Jodel- und Alphornfest
verkündete ein Plakat
Samstag, 14.3.2015 und Sonntag, 15.3.2015
Spielorte:
Kulturzentrum Elisabethen (vormals THEATER BASEL)
Mehrzweckhalle Barfi (vormals Stadtcasino)
Turnhalle Heuwaage (vormals Schauspielhaus)

Nun war alles klar, ich musste eigentlich gar nicht mehr auf die andere Seite ins Grossbasel, aber die letzte Gewissheit brauchte ich doch. Mit brummendem Kopf erreichte ich die Mittlere Brücke. Ein roter, nach rechts schauender Baselstab prangte auf den Fahnen, die dort wehten.

Es war passiert.

Liestal hatte die Macht übernommen.
Die Landschäftler waren gekommen und das Baselbiet regierte.
Es war passiert.

Als ich aber am Nachmittag mit einem Kirchenmusiker aus Tecknau telefonierte, erzählte der mir, er habe genau den gleichen Traum gehabt.
Aber umgekehrt, und mit umgedrehten Vorzeichen klang der Albtraum genauso albmässig und furchtbar. Da waren die Kühe verschwunden, da roch es nach Chemie und Abgasen, da spielte der Musikverein Z’Basel an mym Rhy und die Mehrzweckhalle Tecknau war in die avantgardistische, multikulturelle, experimentelle und multimediale Kulturfabrik TECKNO verwandelt worden. Das Schlimmste, so mein Kollege, das Schlimmste aber sei gewesen, dass der Stammtisch, bestehend aus den Bauern Ruedi, Fritz und Hans, sowie dem pensionierten Dorfschullehrer Beat und dem pensionierten Sigristen Kurt sich im THAI-EXPRESS hätten treffen müssen, und diese lieben fünf Herren unter einem thailändischen Palmenkitschbild sei doch ein schrecklicher Anblick gewesen, ein sehr schrecklicher.
Auch er sei schweissgebadet aufgewacht.

Ein Albtraum hier, ein Albtraum da.
Aber sie können verhindert werden.
Also, liebe Onliner, ihr wisst, wie ihr stimmen müsst!



Montag, 8. September 2014

Die wundervolle deutsche Sprache


Wir machen ein kleines Quiz:

Mit welchen Worten warben die Basler Verkehrsbetriebe letzten Sommer für Fahrten mit einem offenen Strassenbahnwagen?

a)    Freiluftvergnügen – Sommerwagen – Sonderaktion

b)    Freiluftwagen – Sommeraktion – Sondervergnügen

c)    Freiluftaktion – Sommervergnügen – Sonderwagen


Ätsch, es ist a). Aber ich finde es himmlisch, was man im Deutschen alles machen kann. So umstellen kann man nämlich nicht in jeder Sprache. Man kann sogar von einer Freiluftvergnügungssommerwagensonderaktion oder einem Sondersommeraktionsfreiluftwagenvergnügen reden. Ist das nicht phänomenal? Dafür liebe ich das Deutsche. Und ich werde es immer verteidigen.
Gegen alle Angriffe wie:

*Deutsch kann man nicht singen.
Was für ein Blödsinn, Verdi und Puccini kann man nicht auf Deutsch singen, aber Wagner? Das deutsche Lied mit Werken wie der Winterreise oder der Dichterliebe wird auf der ganzen Welt geschätzt, man liest sogar in englischen Sängerbiografien  He also recorded Oratorio (Messiah, Jephta) and Lied.

*Das Deutsche ist so schrecklich schwierig.
Gut, wir haben drei Artikel, furchtbar. Man muss also immer den Artikel mitlernen. Nicht nur Haus, sondern das Haus. Muss man im Französischen auch. Drei Artikel! Das Russische hat dafür acht Fälle, das Englische 12 Verbzeiten, das Chinesische keinerlei Grammatik, aber 5000 Schriftzeichen. Also?

*Das Deutsche hat Redewendungen wie Schantall, tu mal die Oma winken hervorgebracht.
Nun, wenn sie Else Bleffenköter aus Wanne–Eickel mit Sonetten von Shakespeare vergleichen, schneidet Else schlecht ab. Wenn Sie James, Dockarbeiter in Liverpool, mit Novalis vergleichen, schneidet James schlechter ab. Wenn Sie Else und James vergleichen… können Sie gar nicht, weil Sie James nicht verstehen. Aber denken Sie an das, was Professor Higgins in Pygmalion über die schlechte Sprache sagt. (Die seiner britischen Landsleute)

*In Deutsch kann man keine Gefühle ausdrücken.
Gut, das Deutsche ist sicher eine Sprache der Denker, der Philosophen, der Dichter. Aber man KANN einen wunderschönen Heiratsantrag auf Deutsch formulieren, man kann seiner Liebsten sagen, dass man sie sehr, sehr, sehr gerne hat. Sonst wären nämlich die Deutschen irgendwann ausgestorben. Irgendwie muss es möglich sein, Liebe, Leidenschaft, Verlangen und Jauchzen in dieser Sprache zu verkünden. Mein Grossvater schrieb meiner Oma: Die Mädchen meiner Heimat sind Wachstuch, du aber bist wie Seide. Wenn das meine Oma nicht erfunden hat, aber dann ist es trotzdem gut.

*Deutsch ist eine aggressive Sprache
In allen Kriegsfilmen brüllen die SS-Offiziere in Deutsch, selbst wenn es ein US-Film ist. Aber das Geschrei der Militärschinder in Streifen, die bei den Marines oder der Navy spielen, klingt auch nicht wirklich toll. Ich glaube, das liegt am Brüllen. „Schütze Maier, Urlaub gestrichen.“ tönt irgendwie nie gut.

So, das alles musste ich mal loswerden. Und weil die BVB nun auch ihr Cabrio im Herbst anbietet, sonderagiere ich jetzt und gehe zum freiluftvergnüglichen Herbstwagen.
Oder ich freiluftvergnüge mich in der herbstwaglichen Sonderaktion.

Ganz wie Sie wollen. Wenn ich vorbeifahre, tu ich Sie auch winken. Versprochen.

Freitag, 5. September 2014

When you are in Rome...


Vor vielen, vielen Jahren war ich mit zwei Baslern in Freiburg i.Br. Genauer gesagt, ein Binninger und ein Muttenzer, aber das fassen wir mal für meine deutschen Leser als Agglo Basel zusammen, auch wenn ich damit allen echten Baslern UND den Landschäftlern auf die Füsse steige.
Wir streiften durch die Altstadt, tranken Bier in einem Biergarten, wir bewunderten das Münster und das Kaufhaus (das ist ein superschönes Mittelalterbauwerk, nicht der Karstadt)und hatten einen schönen Nachmittag. An einem der Kanäle, die sich durch die Partie beim Schwabentor ziehen, fiel den beiden jungen Herren auf, dass ganz viele Fahrräder im flachen Wasser lagen. „Passiert das häufig?“, fragte mich Tristan (Name v.d.R. geändert). „Ja“, meinte ich, „ständig schmeissen Leute Velos in den Kanal.“ „Ist ja irre“, war der Kommentar von Manuel (Name v.d.R. geändert). „Kann man sagen, dass das wie ein Volkssport ist?“, fragte Tristan, und nun hätte ich nicht JA antworten dürfen, das war ein Fehler, wie ich merkte, ich hätte nicht JA sagen dürfen, denn nun hatte ich alle Mühe, die beiden daran zu hindern, Fahrräder, die nicht angekettet waren, in hohem Bogen in den Gewerbebach zu schleudern. Nur unter Androhung von äussersten Sanktionen (Nicht bei mir übernachten, sondern heimfahren) konnte ich den Velowurf verhindern.
„Wir wollen uns nur ein wenig anpassen“, maulte Tristan. „When you’re in Rome, do as the Romans do“, ergänzte Manuel. “Hört mal, ihr Deppen, nicht ALLE Freiburger machen das und finden das toll”, so mein Kommentar. „Wer denn nicht?“ „Ja, zum Bleistift diejenigen, denen die Fahrräder gehören, die finden das echt scheisse, ihren Drahtesel nachts aus dem Kanal holen zu müssen.“
Das war ein schlagendes Argument.

When you’re in Rome…
Wenn du in Rom bist, tu es wie die Römer, aber wenn nicht alle Römer das Gleiche machen? Integriere dich!
Aber in was?
Gibt es Eigenschaften, Tätigkeiten und Verhaltensweisen, die auf alle zu treffen?
What to do if not all Romans do the same?

Also, für Freiburg kann man klar sagen: 60% der Bevölkerung haben ein Fahrrad, pflegen und benutzen es und nur 0,6% der Bevölkerung schmeisst die Velos ins Wasser, also eher eine Randgruppe, ich glaube gar, dass das inzwischen sogar komplett aus der Mode gekommen ist.

When you’re in Rome…

In Rom war für mich der erste Schritt, um nicht ständig als Tourist aufzufallen, keine Ampeln mehr zu beachten. Einfach über die Strasse, Augen, nein nicht zu, schon auf und durch, in festem Schritt und Tritt zwischen hupenden Autos und dröhnenden Vespas, in Schlangenlinie durch ein Gewühl von Blech und Benzin. Warum nicht warten, bis es grün ist? Weil das kein Mensch macht, auch die Autos übrigens nicht, das heisst, die Strasse ist immer gleich voll, ob irgendjemand Rot oder Grün hat oder die Lichtsignale schwarz sind. Einfach nicht warten, drüber.
Ich weiss allerdings nicht, ob die Carabinieri das genauso sehen, oder ob sie mir, wenn sie mich erwischt hätten, nicht eine ordentliche Busse aufgebrummt hätten. Vielleicht hätten sie sogar geäussert, dass es eben nicht ginge, dass Ausländer sich nicht an die Spielregeln hielten.
Was tut man nun, wenn man sich als Tourist an die Spielregeln halten soll und will und wenn es aber Spielregel im Land ist sich nicht an die Spielregeln zu halten?
Ist der der bessere Fast-Italiener, der die Kaffeequittung die berühmten 20 Meter aufbewahrt oder der, der sie wegschmeisst?

When you’re in Rome… 





Als ich einmal in einem französischen Chor mitsang, war ich der einzige, der um 10.00 im Probenlokal stand. Nach ein paar Tagen hatte ich es gelernt: 10.00 Probe heisst, man holt sich um zehn Uhr noch einen Café au lait und ein Croissant, um 10.15 raucht man noch genüsslich eine Gauloises, um sich dann um 10.25 gemächlich, ganz gemächlich in Richtung Mozart und Bach aufzumachen. Aber gilt das überall in der Grand Nation? Die Züge fahren pünktlich (meist). Die Theatervorstellungen beginnen pünktlich (oft). Und in der Schule heisst sicher auch Erste Lektion 8.00 nicht, dass man so ab acht allmählich eintrudelt.


When you're in Rome...



Es ist schwierig, weil nicht jede und jeder ein Schild umhaben: Vorsicht! Mein Verhalten und mein Tun sind nicht typisch! Bitte nicht nachmachen!
Ich auf jeden Fall müsste es tragen, denn die Bewohner meiner Heimatstadt sind maulfaul und menschenscheu, wer also denkt, benimm dich in Stuttgart wie der Rolf, der eckt gewaltig an.
Ich hoffe, das Tristan und Manuel nicht mal unbemerkt nach Stuttgart gefahren sind und das getan haben.
Ich hoffe ebenfalls, dass sie nicht doch noch in Freiburg so einen Velowurf gemacht haben.
Seit Freiburg grün regiert wird, wird ziemlich hart durchgegriffen und die Polizei ist auf Zack wie nie zuvor.

Montag, 1. September 2014

Schlecht kommuniziert?

„Schlecht kommuniziert“, sagt mein Kollege Hebbie, der in den Sommerferien mehrfach vor der geschlossenen Schule gestanden ist, „das war jetzt wirklich schlecht kommuniziert.“ (Anm. der Red.: Ja, es gibt Lehrer, die in den Ferien etwas im Schulgebäude machen wollen.)
Schlecht kommuniziert.
Ich gebe Hebbie zu bedenken, dass die dreiwöchige Schliessung des Schulhauses in den Konferenzen erwähnt worden sei, zudem habe es einen Zettel im Fach und eine Mail gegeben. „Hast du erwartet, dass der Schulleiter jeden extra anruft und ihm das mitteilt?“, frage ich meinen Kollegen. „Ich habe erwartet, dass er zu mir heimkommt und mir einen Zettel an die Pinnwand hängt, er hätte dann auch ein Glas Wein und Nüssli bekommen.“ „Scherz, oder?“ „Natürlich Scherz, aber wenigstens ein Reminder…“
Reminder, wir wollen Reminder, wenn wir keinen Reminder bekommen sagen wir:
Schlecht kommuniziert.
Also die Aktion mit Mündlichkeit, Mail und Zettel drei Wochen vor den Ferien und zu Ferienbeginn einen Reminder: DENKT DRAN, SCHULHAUS ZU! Und Mitte der Ferien noch einen Reminder: DENKT DRAN: SCHULHAUS ZU!

Ich hasse Reminder, denn sie sagen ja eigentlich aus, dass man den Empfänger für blöd, absolut für zu blöde hält sich eine Tatsache wie die 21tägige Schliessung des Arbeitsplatzes irgendwo aufzuschreiben, irgendwo zu notieren, es gibt da ja inzwischen so tolle Programme, man könnte es aber auch ganz simpel in die Agenda notieren oder eben der berühmten Zettel an der Pinnwand, Kühlschrank ist auch sehr schön.
Das Teuflische an der Reminderei ist, dass es wie eine Sucht funktioniert: Man braucht immer mehr und immer öfter die kleine Erinnerung, dass man sich dran gewöhnt. Als Folge merkt sich keine Sau etwas beim ersten Mal, denn es gibt ja spätestens eine Woche vor Ereignis X einen Reminder. Bekommt man keinen, vergisst man das Ganze und darf nachher motzen:
Das war schlecht kommuniziert.
Wir leben im Zeitalter des Doppelmoppelns, ja, das 21. Jahrhundert ist das Zeitalter der Redundanz.

Du musst es dreimal sagen.
Nein, Mephilein, dreimal langt längst nicht mehr,
du musst es dreimal sagen und drei Reminder schicken.
Es ist übrigens witzig, dass Faust das ja gerade zu Mephisto sagen muss, als er ihn hereinbitten will, d.h. Redundanz IST etwas Teuflisches und das Herumgemindere gehört dem Satan.
Wir leben in einer totalen Informationsflut, aber sie wäre nur halb so schlimm, wenn ein paar Infos weggelassen würden.

Wenn Sie mit einer Schulklasse verreisen, schickt Ihnen Beat Hiltbrunner eine SMS Klasse 2a Personenzug 7.59 nach Thun Gleis 6 vorderster Wagen. Sind Sie dann dort, läuft ein Mann auf dem Perron auf Sie zu und erzählt Ihnen, dass Sie im vordersten Wagen sind. Dort hängt dann ein Schild SEKUNDARSCHULE ALLSCHWIL KLASSE 2A HERTER. Auf der Rückreise das Gleiche.
Wenn Sie ein Haarshampoo, ein Duschgel, eine Hautcreme, wenn Sie Zahnpasta oder ein Deo kaufen, prangt in grossen Lettern: DERMATOLOGISCH ÜBERPRÜFT. Es muss hautärztlich getestet sein, sonst dürfte man kein FOR MEN®, kein HAIR & BODY®, kein LIMETTENTRAUM® und kein SMOOTH & CLEAN® verkaufen, absoluter Grundsatz für die Marktzulassung ist, dass ein Drogerieprodukt nicht Ihre Haut, die ja gepflegt werden soll, zerfrisst oder Ihnen die Haare, die ja locker und zart werden sollen, schliesslich ausfallen.
Am schlimmsten ist es in der Politik. Wenn Land A das Land B überfällt, dann sagt am Tag danach der US-Präsident, dass er es nicht gut findet. (Es sei denn, die USA sind das Land A.) Am nächsten Tag meldet sich die EU und sagt, dass sie es nicht gut findet, (Es sei denn, die USA sind das Land A),dann am dritten Tage die UN und wenn ich dann am vierten Tag im Radio höre,  Angela Merkel sagte vor Journalisten, sie verurteile den Einmarsch (Es sei denn A sind die USA),  dann bekomme ich die Krätze.
Wir ertrinken in Fakten, News und Infos und wenn wir wenigstens die Reminder weglassen, ist schon viel gewonnen.
Hebbie hat übrigens wirklich an den Schulleiter geschrieben und mindestens fünfmal, also sehr redundant den Begriff
Schlecht kommuniziert
verwendet.
Die Antwort war entzückend: Er habe wirklich noch mal IN den Ferien dran erinnern wollen, habe sich den Tag auch aufgeschrieben, es dann aber vergessen, weil seine Sekretärin vergessen habe ihm einen Reminder zu schicken.

Freitag, 29. August 2014

Der Herbst soll vor der Türe bleiben


Der Herbst steht vor der Türe.
Er soll draussen bleiben.
Hören Sie mir auf mit dem Herbst, er ist die bescheuertste Jahreszeit. Man denke nur daran, dass das ganze Unglück ja dadurch entsteht, dass Persephone wieder zurück in die Unterwelt muss und ihre Mutter, die Göttin des  Wachsens und der Fruchtbarkeit, in eine Depression verfällt und dann alles welkt. Also eine Zeit, in der alles den Bach (den Styx) hinuntergeht.

Im Herbst weiss man nie, was man anziehen soll, morgens und abends ist es sibirisch kalt, wenn man aufwacht, hat man schon Eiskristalle in der Nase und mummt sich in vierzehn Schichten, die man bis Mittag, wenn für eine Stunde die Temperaturen wieder auf 34° klettern, abgelegt haben sollte, man ist also die ganze Zeit am Strippen und ab Nachmittag am Anti-Strippen (?)
Mit dem Herbst kommt der Nebel, überall läuft man durch weisse Suppe und knallt gegen Pfosten und Bäume, die man nicht sieht. Wenn sich der Nebel einmal lichtet, dann nur, damit es regnen kann. Es regnet 48 bis 52 Stunden am Stück, es regnet sich aus und regnet sich ein, der Regen übt für den Schnee, die noch blödere Form des Niederschlags, der dann um den 17. November einsetzt, um dann bis Weihnachten wieder weggetaut zu sein.

Und dann das Laub! Diese dumme Angewohnheit der Bäume, ihren Müll abzuladen! Überall fahren abgestorbene und abgeworfene Blätter herum, verstopfen Dachrinnen und Abläufe, Sie schleppen das nasse Laub ins Haus, auf Ihr Parkett, Sie finden Laub in ihren Taschen und in Ihren Laptops, in Ihren Kleidern und in Ihren Spülmaschinen. Wenn Sie ein Haus besitzen, müssen Sie den ganzen Tag Laub rechen und schaufeln, es sei denn, die Gemeinde schickt Laubbläser vorbei, die Sie und Ihre Nachbarn um 6.00 aus dem Schlummer reissen, es sind immer zwei, der eine bläst das Zeug immer dahin, von wo es der andere gerade hergeblasen hat.

Jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit „Herrlicher Herbsttag im Jura (oder auf der Schwäbischen Alb)“. Ja, so ein Tag mit azurblauem Himmel, strahlender Sonne und dem Wald, der braun, gelb, rot, blau, grün und pink leuchtet und inmitten dessen die weissen Felsen noch weisser erscheinen, ist etwas Wunderbares. Aber wie oft habe ich das Phänomen „Herrlicher Herbsttag“ erlebt? Vielleicht 10mal  in 50 Lebensjahren. Schlechte Quote. Denn es ist doch so: Ist so ein Wetter, ist man eben nicht im Jura (oder auf der Alb) sondern bei einer Fortbildung in Kloten, oder in Wanne-Eickel, und ist man mal im Jura, ist dort Nebel oder Regen. Ist doch so.

Und kommen Sie mir bitte jetzt auch nicht mit Herbstgedichten. Unsere Dichter mochten den Herbst auch nicht, sie tun nur so romantisch, man muss nur genau lesen.
Georg Binding schreibt über den Apfel:
Ob er hält?
Ob er fällt?
Da wirft ihn geschwind
Der Wind
In die goldene Welt.
Schöner Rhythmus, OK, aber wenn jemand diesen Apfel an den Kopf bekommt? Äpfel, Birnen und Nüsse machen empfindliche Beulen, wenn sie einem herbstlich an die Stirne krachen, und wenn sie einfach zu Boden fallen, dann matschen sie da und ziehen Fliegen an.
Rilke schreibt:
Herr, es ist Zeit.
Der Sommer war sehr gross.
Das können wir ja dieses Jahr eh vergessen, der Sommer WAR NICHT gross, der war klein, mini, verhutzelt, eingeschrumpelt, das war ein Sömmerlein und kein Sommer, insofern stimmt das ganze Gedicht nicht, aber lesen wir ein paar Zeilen tiefer:
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.
Tröstlich, nicht? Gut, wer kein Haus hat, muss auch kein Laub rechen, siehe oben, aber das andere? Status auf „Single“ stellen bis Mai? Da könnte Raini doch gleich schreiben: Nimm dir einen Strick, es gibt ihn auch in schönen Herbstfarben, braun, gelb, rot, blau, grün und pink? Oder: Stürze dich von einem der weissen Jurafelsen, wenn du Glück hast, landest du auch auf einem, dann wirkt das Rot noch besser?
Storm ist mir da lieber:
Der Nebel steigt. Es fällt das Laub.
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja, vergolden.
Das ist doch ein Wort: Alkohol. Der Herbst ist nur mit Alkohol zu ertragen. Und an das werde ich mich halten. Wenn die Temperaturen spinnen und das Laub herumspinnt, wenn ich im Nebel wieder einmal gegen einen Pfosten gerannt bin und der Regen sogar in meine Tasche fliesst: Ich werde saufen. Rotwein. Whiskey. Portwein. Sherry. Und wenn ich dann auf dem Weg ins Bett auf die Nase fliege, halte ich mich wieder an Rilke:
Wir alle fallen.
Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: Es ist in allen.
Geht also auch anderen so.

Der Herbst steht vor der Türe.
Er soll draussen bleiben.
Na denn: Prost.

Montag, 25. August 2014

Früher war spenden klarer oder: Eiswasser

Früher war die Welt der Spender und Spendenempfänger, die Welt der Geberinnen und Nehmerinnen, der Zahler und Erhalter noch überschaubar und geordnet.
Die Mitarbeiter der Kirchen warfen einmal im Jahr ein Tütchen in den Briefkasten, in das man das Geld für BROT FÜR DIE WELT, oder, war man katholisch, für MISEREOR hineintat. Nur wenige Leute, denen die Hilfswerke zu links waren, immerhin wagten die ja manchmal zu sagen, dass es auch an den Besitzverhältnissen in Lateinamerika oder Afrika lag, spendeten für HILFE FÜR BRÜDER.
Neben dem Beitrag für die Kirchlichen Hilfswerke gab man noch für die Kriegsgräberfürsorge und man kaufte den Kalender der behinderten Künstler. Dieser Kalender, mit mund- und fussgemalten Bildern wird, glaube ich in fast jedem Elternhaus meiner Generation irgendwo gehangen sein. Ja, man könnte hier die ganze Meute der Geburtenstarken Jahrgänge darauf untersuchen, welchen Einfluss es hatte, mit mund- und fussgemalten Bildern aufgewachsen zu sein. Mund- und Fussgemaltes hing im Ess- oder Wohnzimmer, oder auch in der Küche, ja man kam um die Mund- und Fussmalerei überhaupt nicht herum. Mich machte dieses Zeug immer rasend, weil ich nicht zeichnen konnte: Wie blöd stehst du da, wenn du mit einer gesunden rechten Hand nicht einmal einen Baum zeichnen kannst, und die malen ganze Wälder mit dem Fuss?
Neben den Kalendern kaufte man Produkte der Blindenwerkstätten. Die durften nämlich an der Haustüre verkaufen, ein Thema, das immer von den Hausfrauen immer wieder beim Bäcker, Metzger oder Friseur durchgehechelt werden konnte: „Kommt da doch neulich so jemand und sagt, er käme von der Beschützten Werkstatt Stetten, wissen Sie, die im Remstal, und da sag ich gleich, Sie sind ein Betrüger, weil die geistig Behinderten, die dürfen ja nicht an der Haustüre, sag ich zu dem und gehen Sie weg, nur die Blinden dürfen ja…“ „Sag ich auch immer zu meinen Kindern, sag ich auch immer, sonst…“ „Nur die Blinden, Frau Schäufele, nur die Blinden…“ So stapelten sich in unseren Schränken Besen und Bürsten, Wischmöppe (sic) und Putzlappen, Gestopftes, Gewebtes und Gedrechseltes für den Haushalt, man hätte Kehrwische (Für die Nichtschwaben: Handbesen) bis 2035 gehabt, aber weil der Verkäufer der Blindenware so ein netter Mann und weil es ja für die Blinden war, nahm man immer wieder Zeug ab.

Dann explodierte irgendwann das Spendenwesen.
Heute kommen Sie in einer Woche locker auf 35 bis 45 Briefe, Glanzprospekte, Schreiben, Drucksachen, die alle nur eines beinhalten: Wir wollen Ihr Geld. Gehen Sie auf die Strasse, werden Sie sofort von einem Spendeneintreiber in grüner, gelber oder roter Jacke angehalten. Die jungen Leute sind keineswegs Mitglieder der Organisation, für die sie werben, es sind Berufsspendensammler. (Ich habe vor etlicher Zeit einem solchen schon einmal einen Post gewidmet, es ging um das Baumkänguru.) Inzwischen sind vor allem die jungen Männer immer sportlicher und durchtrainierter und springen, sollte jemand die abgegriffene Floskel Keine Zeit benützen, auch schon mal potentielle Spender von hinten an und werfen sie zu Boden, um dem Spendengespräch die nötige Zeit zu verschaffen.

Der Kampf um den Euro, den Cent, um den Franken und den Rappen wird immer härter.
Denn es gibt schlicht und einfach zu viele Organisationen.
Es gibt allein im Bereich Natur eine unüberschaubare Menge an Gesellschaften, Hilfswerken und Verbänden, das einem schwindlig werden kann, Gesellschaften, Hilfswerke und Verbände, die zum Teil auch diametral entgegengesetzte Ziele verfolgen. So liegen die Interessen bei der IG DEUTSCHE WILDKAROTTE ® natürlich anders als beim HASENSCHUTZBUND®, der HASENSCHUTZBUND ® freut sich über die Karottenpflege, die IG DEUTSCHE WILDKAROTTE ® würde aber die Hasen am liebsten abknallen oder wenigstens sterilisieren, denn viele Hasen sind der Wildkarotte Tod.

Es ist nun nicht verwunderlich, dass im Kampf um die Aufmerksamkeit der Spenderinnen und Spender  zu sehr ungewöhnlichen Mitteln gegriffen wird. Eines ist die Sozial Media-Challenge: Man fordert Sie auf, irgendeinen Schwachsinn zu tun oder eine bestimmte Summe zu spenden, wenn Sie wollen, dürfen Sie auch spenden UND Schwachsinn machen. Tausende von Leuten lassen sich zur Zeit mit kaltem Wasser übergiessen und es ist schon eine Riesensumme zusammengekommen.
Scheinbar braucht es in der Welt einer völlig aus den Fugen geratenen Hilfswerksexplosion solche Kicks, um nicht in der Flut der Gesellschaften, Hilfswerken und Verbänden unterzugehen.

Nun gut, ich habe zum Glück kein Facebook.
Ich würde nämlich weder das eine noch das andere tun. Ich schwimme zwar in beliebig kaltem Wasser, aber wenn ich stehe und es auf mich runterkommt…Brrrrrr…Ich bin Warmduscher. Spenden würde ich aber auch nix, weil ich meine zwei Clubs habe, denen ich spende und ich alles, was übrig ist, dahin gebe und mich nicht verzettele.

Manchmal sehne ich mich in die Kindheit zurück: Wir sitzen am Küchentisch, in der Ecke liegt das Umschläglein für BROT FÜR DIE WELT, an der Wand hängt ein Kalender mit mund- und fussgemalten Bildern und irgendwo steht unser 35. Besen herum. "Der von den Blinden war wieder da, und der ist doch so nett, und es ist ja auch für die Blinden, und es sind ja nur die Blinden, die an der Türe..."
Früher gab es kein Eiswasser.
Und das war gut so.