Donnerstag, 17. Juli 2014

Die Schwimmbad-Rumsteher

Wie Sie wissen, oder vielleicht wissen, bin Schwimmer. Ich schaue, dass ich jeden Tag meine 500m abarbeite und ich bin ständig auf der Suche nach neuen Schwimmbädern, Baggerseen, Waldseen, Küstenstreifen, Badestellen und Ufern. Einige gehören allerdings zu meinen uralten Bekannten wie zum Beispiel das Rüsselsheimer Waldschwimmbad, ein kiefernwaldumsäumter See mit herrlichem Sandstrand und glasklarem Wasser. Nun müsste man eigentlich denken, dass an einem Sonntag im Sommer so ein Bad rappel-, knülle- und stopfvoll ist. Ist es aber nicht. Am 6.7. betrug der Abstand zum nächsten Badetuch ca. 30 Meter.
Ging man dann ein wenig umher, entdeckte man Familien, mittlere und ältere Ehepaare, Mädelsgruppen und Singles um die 50. Wer komplett fehlte, waren junge Männer zwischen 17 und 25. Ein Blick in den Spielplan: Nein, am Sonntag um 13.00 wurde kein Spiel übertragen, es fand auch keines statt. Wo war diese Generation? Hier half nun ein weiterer Blick auf die Landschaft, die ich Ihnen kurz beschreiben muss: Der Waldsee ist an 2/3 seines Ufers von dichtem Schilf bewuchert, an dem restlichen Drittel führt Sand direkt ins Wasser. Hinter dem Schilf liegen Leute auf leicht schrägem Grund, der dahinter von einem Weg und dem Kieferwald begrenzt wird.
Keine Möglichkeit also, das zu tun was junge Männer im Schwimmbad normalerweise machen:
Rumstehen.
Rumstehen und sich zeigen.
Platz wechseln.
Rumstehen.
Rumstehen und sich zeigen.
Sie glauben mir nicht? Gehen Sie doch mal ins Gartenbad St.Jakob! Die Herren schwimmen nicht, sie liegen nicht in der Sonne, sie trinken keinen Kaffee, sie rutschen nicht, sie spielen keinen Fussball oder beachen.
Sie stehen rum.
Sie stehen rum und zeigen sich.
Sie wechseln den Platz.
Und stehen wieder rum.
Stehen rum und zeigen sich.
Wo sollen diese jungen Kerle in einem Etablissement wie dem Waldschwimmbad stehen? Im Schilf? Im Wald? Im Wasser? Auf dem Waldweg? Nein, sie brauchen eine weite Liegewiese oder einen klar abgegrenzten Beckenrand.
Wo sie rumstehen können.
Und deshalb sind die in Rüsselsheimer Freibad, das sicher – ich war noch nie dort – ein stinknormales Gartenbad mit Chlorbecken und Pommesbude ist.
Nun muss man für diese Herren auch ein wenig Verständnis aufbringen. Sie haben den ganzen Winter im Studio geschuftet, haben Gewichte gestemmt und Seile gezogen, sie haben ihren Nacken, ihre Arme und ihre Beine trainiert, haben Bi-, Tri- und Quadrizepse angehäuft, sie haben ihren Bauch definiert, Six-, Eight- und Tenpacks produziert und geschaut, dass das Nabelloch flach genug wird. Sie haben so viel Zeit, so viel Mühe, so viel Blut, Schweiss und Tränen investiert, dass man das Ergebnis doch einfach zeigen muss und sich an den bewundernden und neidischen Blicken mitlifegekrister Geschlechtsgenossen (mich eingeschlossen, mich eingeschlossen, gebe ich ehrlich zu) aufgeilt.
Das Dumme ist, dass das Zeigen des Adonisleibes alles verbietet, was im Bad Spass macht:
Schwimmen – unter Wasser sieht man nix.
Ballspielen – die Felder sind viel zu abgelegen.
Kaffeetrinken – der Tisch verdeckt Six-, Eight- und Tenpack, und ausserdem gibt die Flüssigkeit im Bauch wieder eine hässliche Wölbung.
In der Sonne liegen – Im Liegen sieht jeder einigermassen Schlanke passabel aus, sogar ich, und man will ja den Unterschied zu 50jährigen Grufties zeigen, solchen die nicht ins Studio gehen, oder höchstens zu KIESER®, aber das ist ja für einen richtigen Workouter, einen Workoutoholic ja kein Studio, sondern eine Reha-Klinik.
So stehen die jungen Herren rum.
Und zeigen sich.
Und wechseln den Platz.
Und stehen rum.
Und zeigen sich.
Gut, mir sind die Schwimmbadrumsteher immer noch lieber als die Lebenden Statuen in den Fussgängerzonen, wenn ich die sehe, bedauere ich immer, dass ich Uwe Klings Känguru nicht bei mir habe, das schmeisst die immer vom Sockel und jagt sie. Ich brauche keine Polizisten und keine Sicherheitsleute, die rumstehen, ich brauche keine Ehrendamen und Ehrenknaben und sonstige Verschönerinnen und Verschönerer. Ich brauche nicht mal einen Eckensteher, obwohl der ja in Berlin zur Kultfigur wurde.
Denn ein Gutes haben die Adonisse des Gartenbades: Sie lassen mir meine Bahnen frei, meinen Liegeplatz, meine Cafeteria, mein Volleyballfeld.
Sie stehen ja rum.
Und zeigen sich.
Wenn sie also über 40 sind und ihr Körper nicht mehr ALLEN gezeigt werden muss, wenn sie bei KIESER® waren und nicht in der SUPER-GYM®, wenn sie ein deutliches Nabelloch haben und nur ein Two- oder gar ein Zeropack, dann empfehle ich Ihnen das Rüsselsheimer Waldschwimmbad: Es ist eines der schönsten Bäder, die ich kenne.

 

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Dienstag, 15. Juli 2014

Agentin ihrer Majestät

Ich muss auf der Fahrt nach Leipzig kurz auf die Zugtoilette. Kommt vor, und weil ich nicht lange zu weilen gedenke, lasse ich meinen Laptop an. Als ich mich nach getaner Erledigung wieder auf meinen Platz schlängele, sehe ich, wie die reizende junge Dame auf dem Platz neben mir gerade ihren lila manikürten Hände von meinem Computer nimmt und etwas in ihre Vuilton-Tasche steckt. Ich öffne mein Schweizer Armeemesser und während ich mich setze, halte ich es unbemerkt in ihre Flanke. „Sie rücken jetzt sofort den Stick oder die CD oder was auch immer raus und sagen mir, was das soll.“Die Frau legt schweigend einen USB-Stick auf den Tisch, schweigt aber weiter.
Ich wiederhole meine Frage und erhöhe den Druck meines Schweizermessers: „Was soll das? Für wen arbeiten Sie?“ Scheinbar überzeugt mein rotes Klappargument, sodass sie nun doch den Mund aufmacht: „GFL.“ „Was ist das?“ „Geheimdienst des Fürstentums Liechtenstein.“ „Das Ländle hat einen Geheimdienst?“ „Natürlich. Jedes Land hat einen Geheimdienst.“ „Ich dachte, das erledigen die Eidgenossen für euch.“ „Pah, dann müssten wir denen ja rückhaltlos vertrauen, allein in Zürich sitzen 40 von uns.“ „Vierzig? Wie viele seid ihr denn?“ „Um die Tausend, und das ist ja gerade das Problem, es gibt auf der Welt einfach zu viele Agenten, und deshalb kommt es zu solch blöden Aktionen.“
Das Thema interessiert mich und ich lade Angela, so heisst die Agentin seiner Majestät des Fürsten Hans-Adam, zu einem Umtrunk ins Zugbistro ein. Ach so, das Messer, wo ist das Messer? Natürlich längst wieder in meiner Hosentasche. Also ins Bistro. Bei einer guten Flasche Dôle fängt Angie an zu erzählen:
„Ich nehme an, der Ordner AKTUELLE DOCS, den ich kopiert habe, enthält keinerlei Verwertbares, trotz der interessanten Überschriften.“
Dem kann ich nur zustimmen: „Ausser Arbeitsblätter für meine Musikschüler über # und b, Molltonarten, Tasteninstrumente usw. vor allem Texte, die dann in meinem Blog erscheinen.“
Angela nimmt einen tiefen Schluck: „Siehst du, das ist es ja gerade. Wir Agenten müssen, da wir ja viel zu viele sind, ständig zeigen, dass es uns braucht. Wir müssen tonnenweise, kilometerweise, hektoliterweise Informationen beschaffen, und das mit geheimdienstlichen Methoden, sonst wären wir ja überflüssig. Es wäre also viel einfacher, dass man deinen Blog liest, aber das wäre eben nicht spionistisch genug. Jeder Agent auf der Welt rennt also hinter irgendwelchen Leuten her, beschattet sie, stalkt sie, zapft ihr Telefon an, öffnet ihre Post und schreibt dann einen ellenlangen Bericht. In dem steht dann zum Beispiel: Zielperson betritt um 8.34 den COOP und kauft dort 2 Bananen, 1 Kekspackung (mit Schokolade) und 1 Flasche Cola, sie bezahlt bar (20 Franken-Schein) und verlässt  um 8.49 den Laden…“
Ich erwähne, dass ich solche Listen aus dem Buch von Wallraff kenne und dass Wallraff ja auch irgendwann ans Autofenster des seit Tagen vor seinem Haus stehenden Volvo klopfte und dem Mann anbot, zu ihm raufzukommen und ihn die Sachen, die ihn interessierten, einfach zu fragen. Christa Wolf berichtete übrigens Ähnliches von jenseits der Mauer.
Angie seufzt: „Eine Katastrophe! Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, denen das passiert, müssen psychologisch betreut werden. Erst einmal wird einem die Illusion genommen, dass man unbemerkt ist, und dann werden einem noch Infos angeboten, die man auf so einfachem Wege nicht erhalten darf, man gefährdet sonst die eigene Existenz.“
Mir kommt ein Gedanke: „Und die Geschichte an der Spree?“ „Genau das Gleiche. Natürlich könnten die USA einfach im deutschen Aussenministerium anrufen und fragen, an was man gerade so dran ist, aber das würde ja keinen Dienst mit einem Monatsbudget von 5,6 Milliarden Dollar rechtfertigen. Ausserdem ist die CIA so gross, dass man mit den tausend Unter- und Neben- und Geheimabteilungen den Überblick längst verloren hat.“
„Wie in BOURNE IDENTITY?“ „Der Film untertreibt, es ist viel schlimmer.“
Ich leere die Flasche und bestelle eine weitere Pulle Walliserwein.

„Und warum macht die Politik dem Spuk nicht einfach ein Ende und dreht den Geldhahn zu?
„Weil kein Politiker der Welt es wagen würde. Es würde sofort heissen, er gefährde die Sicherheit, liefere das Land den Feinden aus und richte es zugrunde. Politischer Selbstmord.“

„Macht dein Job eigentlich Spass?“ Angela grinst: „Natürlich, und wenn du so fragst…“
Die zweite Flasche Dôle war zu viel, die zweite Flasche war zu viel.
Sie ahnen es: Seit diesem Tag bin ich Agent des GFL.

Donnerstag, 10. Juli 2014

Ist ein 7:1 ein wirklich hi(y)sto(e)risches Ereignis?

Ist ein 7:1 ein historisches Ereignis?
Ein hysterisches ist es allemal, Tränen und Wut bei den Brasilianern, Verletze, Demolation - Freude und Jubel bei den Deutschen, Party ohne Ende.
Aber ein historisches?
Um dem nachzugehen müssen wir ein wenig in die Zukunft schauen:

Im Jahre 2233 schreibt (wird schreiben?) der Schweizer Historiker Beat Stimpfli:

Wenn wir die Quellenlage des Jahres alter Zeitrechnung 2014 als repräsentativ betrachten, und wir können nichts anderes tun, müssen wir den Sieg Deutschlands (heute Kanton Mitteleuropa) über Brasilien (heute Kanton Südamerika West) mit 7:1 im Fussball (Ballspiel der Vergangenheit) als wichtigstes Ereignis der Jahre 2010-2020 betrachten. Es scheint mir, als ob mit diesem Fussball die entscheidenden Fragen der Vorherrschaft erörtert wurden, und nicht mit Diplomatie, Geheimdienst, Waffen oder Krieg.

Als kurze Erklärung: Stimpfli redet von "alter Zeitrechnung" und meint damit den Gegensatz zur "neuen Zeitrechnung", die ab dem kompletten Kauf des Globus durch die Eidgenossen im Jahre 2187 gezählt wird, daher rühren auch die Kantonsbezeichnungen. Fussball war inzwischen fremd geworden (wird sein?), die National- (=Global-) Sportarten sind/werden sein Hornussen, Schwingen, Orientierungslauf und alle Arten des Schneesports.
Irrt Stimpfli?
Natürlich, aber ein Historiker kann nur die Quellen sammeln, deuten und wiedergeben, und im Falle des Juli 2014 scheinen alle Ereignisse vor dem 7:1 zurückzustehen. Selbst in SWR2 Kultur kommt der erste Beitrag zur Löw-Elf, BILD bringt 7 Seiten mit Bildern der Tore (ganzseitig), von Twitter, Facebook, Google, Moogle, Foogle ganz zu schweigen.
Und genauso wie wir, wenn wir zur Hochzeit Sigiswalds des Überbissigen mit Philippina der Schmollmündigen Gästelisten und Speisefolgen finden und zur Hochzeit von Baas Brutsch mit Jette Kibbel eben nur einen Kirchenbucheintrag, annehmen, dass eben Sigiswald bedeutender war als Baas, muss Stimpfli annehmen, dass eben nichts wichtiger war als dieses 7:1.
Ich lese gerade das wunderbare Buch Kossenblatt von Günter de Bruyn, in dem er die Geschichte eines Märkischen Schlosses nachzeichnet. Und auch er berichtet mehr von den Schlossherren als von den Dienern, weil auch er - ein meisterhafter Rechercheur - auf die Quellen des 15., 16. und 17. Jahrhunderts angewiesen ist.

Stimpfli MUSS annehmen, dass die Ereignisse, die zeitlich rundum des Sieges passierten, reine Lappalien waren:

* ISIS-Kämpfer erbeuten Uran
* US-Geheimdienste spionieren in deutschen Ministerien
* Israel bombardiert Gaza-Streifen

Und so ist der Rückschluss, dass ausser Fussball keine politischen Mittel existiert hätten, absolut folgerichtig. Stimpfli, Professor für Alte Geschichte (Geschichte vor dem GROSSEN AUFKAUF, Anm. d. Red.) in Bern (Kanton Hauptland - (die komplette heutige Schweiz, Anm. d. Red.)) kann nicht anders urteilen, wenn er die Quellen korrekt sichtet und deutet.
Und das ist vielleicht ein Problem unserer Zeit: Wir produzieren eine für Historiker späterer Saecula furchtbare Quellenlage: Sigiswald (70 Quellen) war als Landesherr bedeutender als Baas (1 Quelle; Kirchenbuch), heute ist das nicht so.
So hält (wird halten) Stimpfli auch Bieber (3.000.000 Follower) für wichtiger als Angie (3.000 Follower)

Also, liebe Leute: Damit nicht so eine Quellenschieflage entsteht, kommen wir mal wieder zum Tagesgeschehen zurück. Es passiert nämlich so allerlei auf dieser Welt, was gar nicht schön ist, vielleicht bemerken wir das auch mal wieder.

Das 7:1 ist ein hysterisches Ereignis.
Ein historisches ist es nicht, es sei denn, wir machen es dazu.





Montag, 7. Juli 2014

Suárez lehrt uns beissen

Der Rezensent der Popeldorfer Allgemeinen ist mit der Carmen-Premiere nicht zufrieden, die Musik habe keinen Schwung, die Regie keinen Einfall und die Carmencita eine zu brave Stimme. Er titelt im Feuilleton:
BIZET OHNE BISS.
Regula Blümli, die Chefin der GUHAMAG ist unzufrieden mit einem ihrem Mitarbeiter, wenn eine Sache gerade Schwierigkeiten macht, dann lässt er sie liegen, oder er wird krank oder er sucht einen Dummen, der es erledigt. Beim Quartalsgespräch macht die Chefin klar, dass das nächste Projekt von ihm jetzt komplett durchgezogen werden müsse:
DA MUSST DU DICH JETZT DURCHBEISSEN.
Die Ortsgruppe Mallstädt der Freiheitlich-Sozial-Ökologischen Partei (FSÖP) beschliesst auf ihrer Juni-Konferenz, bei den Gemeinderatswahlen 30% anzustreben:
WIR WERDEN ZÄHNE ZEIGEN.

Überall ist von Biss, von Beissen, von Zähnezeigen die Rede, überall soll durchgebissen, zugebissen, soll geschnappt, gekaut werden. Überall werden intakte Schneidezähne, Backenzähne, Hauer, Beisser, überall werden Stift-, Mahl- und Eckzähne gefordert.
Und jetzt tut es mal einer, dann ist es auch nicht recht. 

Suárez spielt Fussball mit Biss, er beisst sich durch, er zeigt Zähne, na und? Wieso ist es völlig legitim, beim Fussball dem Gegner ein Bein zu stellen, ihm in die Eier zu treten, wieso ist es OK, den Anderen zu boxen, zu knuffen und ihm den Arm zu verdrehen, aber nicht ihn zu beissen? Die engen Trikots, die seit dieser WM sämtliche Sixpacks der Spieler zeigen, haben ja nicht die Funktion, eben diese herrlichen Bauchmuskeln zu präsentieren, sondern das Am-Shirt-Packen zu verhindern. Das heisst, man geht schon davon aus, dass Fussballspieler die anderen ständig am Leibchen rupfen. 

Wahrscheinlich ist die Beisserei des Herrn  Suárez auch gar keine Aggression, sondern ein Akt von Liebe und zärtlicher Hingabe, der einfach missverstanden wird. Das Beissen, Knabbern und Kauen ist traumsymbolisch ja stellvertretend für Sexualität – daher kommen Redensarten wie Ich habe dich zum Fressen gern und ich möchte dich vernaschen. In Sartres Geschlossene Gesellschaft wird der Kellner am Anfang nach einer Zahnbürste gefragt, die es in der Hölle natürlich nicht gibt, was das Fehlen jeglicher Lust und Leidenschaft darstellt. Jedenfalls,  Suárez will eventuell eigentlich seine Liebe, seine Hingabe, seine Zärtlichkeit demonstrieren und wird permanent missverstanden. 
Was wird er, der ja nun gesperrt ist, in nächster Zeit machen? Wird er wirklich in den Kosovo gehen, der von der FIFA nicht anerkannt ist und wo auch beissende Fussballspieler spielen (und beissen) dürfen?

Er muss keine Angst haben. Sind die Fussballverbände auch relativ borniert und langweilig, was Kommunikation mit dem Kieferapparat anbelangt,  Suárez wird eine Position finden. Sei es in der Wirtschaft, wo man nicht so zimperlich ist, sei es in der Politik, wo es eh hart zugeht. Was sind da nicht schon Diplomaten die Treppe heruntergeschleudert oder aus dem Fenster geworfen worden, was hat man da nicht schon an den Ohren gezogen, mit Fäusten geschlagen oder auf das Pult gehauen. (Wer erinnert sich nicht an Chrustschow,  der dazu seinen Schuh auszog und ihn benutzte.)
Vielleicht geht unser Beisser auch in die Werbung und macht Reklame für Haftcreme oder Zahnpasta, das wäre doch ein herrliches Bild: Seine Zähne und darunter der Spruch (die Grufties erinnern sich)
DAMIT SIE AUCH MORGEN NOCH KRAFTVOLL ZUBEISSEN KÖNNEN.

Das Beste wäre,  Suárez macht eine Beissschule auf, in diesem Institut können dann alle die trainieren, die Probleme mit dem Beissen haben, das SUAREZ-BITING-INSTITUTE®
So werden dann die Popeldorfer Theaterleute dort geschult, auf dass beim nächsten Wozzeck die Marie richtig schön totgebissen werden und der Rezensent BERG MIT BISS schreiben kann. (Dass der Held dann eigentlich seine Zähne verlieren und diese statt des Messers im Wasser suchen müsste, ist ein kleineres Problem.)
Am SUAREZ-BITING-INSTITUTE® lernen auch die GUHAMAG-Mitarbeiter sich durchzubeissen, so fest, dass man in Zukunft die PC-Kabel extra sichern muss. Und die Mallstädter FSÖP erzielt ungeahnte Erfolge, ihre Mitgliederzahlen explodieren, dank einer beissfreudigen Werbestrategie:

UND WILLST DU NICHT GENOSSE SEIN
SO BEISS ICH DICH INS LINKE BEIN.

Freitag, 4. Juli 2014

Der versteckte Zwangswunsch



Dieses Jahr werde ich es in den  Grossen Ferien besser machen: Ich werde mich vom Erholungsstress fernhalten.
Sie wissen nicht, was Erholungsstress ist?
Ganz einfach: Der Stress, sich innerhalb ein paar Wochen wieder zu einem fitten, tauglichen, erholten, zu einem brauchbaren, kraftstrotzenden Menschen zu machen. Der Stress sich nach 35 Tagen so zu fühlen, als sei man durch einen Jungbrunnen geschwommen, rundumerneuert, generalrevidiert, braungebrannt.
Der Stress, die Zeit, die einem zu Verfügung steht, voll und ganz der Erholung zu widmen.
Sie denken doch nicht etwa, die Bemerkungen der Chefs und Kollegen, der Mit- und Umwelt zu Beginn des Sommers seien Wünsche, nein, es sind Befehle.
„Erhole dich gut!“ ist immer noch ein Imperativ und heisst: Komme bitte so wieder, wie wir dich ab August brauchen: Tauglich für 20-Stunden-Tage, ausgeglichen, belast- und einsetzbar.
Die Welt ist voll von solchen Befehlsformen, ich nenne sie den versteckten Zwangswunsch. (VZW) Wir setzen VZW ein, wenn wir uns nicht mit irgendwelchen Sorgen oder Nöten anderer belasten möchten. „Habe einen schönen Tag!“ heisst doch auch: „Hoffentlich hast du heute einigermassen brauchbare 24 Stunden, weil ich nämlich so gar keine Lust habe, morgen dein Genörgel anzuhören, also nimm den Tag, wie er kommt, er wird schon schön sein, und wenn nicht, dann schweige bitte darüber: Habe einen schönen Tag.“
VZW
„Have fun!“  schreien einem die Kalifornier ins Ohr und meinen damit: „Wir sind hier im Sonnenmekka der USA, nicht im Depri-New York, hier ist kein Platz für düstere Lyrik und Philosophie, hier das Fitnessstudio der Tempel und der Strand der Heilige Berg, hier trägt man sein Sixpack at the beach spazieren, spielt Volleyball und Frisbee, bis die Haut so bronzefarben ist, dass man sie abends in der Cocktailbar zeigen kann, also komme BITTE nicht auf die Idee hier irgendwie melancholisch zu sein, LÄCHELN, LÄCHELN, LÄCHELN, sonst können wir sehr unangenehm werden.“
VZW
„Enjoy your meal!“ heisst es dann abends im Restaurant, also: „Wir haben uns so viel Mühe gegeben, das Essen schmeckt dir, kapiert, wir wollen nichts anderes hören! Für Beschwerden haben wir keine Zeit, also MAGST du ab heute dein Essen ein bisschen schärfer, du MAGST ab heute Erdnüsse und du MAGST Ingwer, verstanden?“
VZW
Beim VZW geht es immer nur um die Bedürfnisse, um das Wohlergehen und Wohlsein des Sprechers. Weil ICH keine Lust habe, mich mit irgendwelchen Problemen zu belasten, soll es der Welt gut gehen, und weil Wünsche so schwach sind, befehle ich es.
Die VZWler (Versteckte Zwangswünscher) unserer Breiten haben „Erhole dich gut!“ in ein ganzes Arsenal von Teilbefehlen aufgesplittet, von denen jeder einzelne einen unter totalen und grausamen Erholungsstress setzt:
„Schlaf jetzt aus in den Ferien!“
Natürlich wache ich regelmässig in der arbeitsfreien Zeit um 4.00 auf, und statt mir einen Kaffee zu machen, mich auf den Balkon zu setzen und auf den Sonnenaufgang zu warten, im wohligen Wissen, nach dem Lunch einen dreistündigen  Mittagsschlaf machen zu dürfen, wälze ich mich bis 8.00 schlaflos im Bett und stehe wie gerädert auf – und habe ein schlechtes Gewissen, weil ich mich so ja viel weniger erhole.
„Mach mal ein paar Tage gar nichts.“
Natürlich verspüre ich nach ein paar Tagen die Lust, meine Notensammlung aufzuräumen, ganz nach dem Motto meiner Oma
Hast du zur Arbeit grade Mut
Geh frisch daran, dann wird sie gut
Aber statt die drei Stunden dranzusetzen, setze ich mich jetzt mit einem Kaffee auf den Balkon und warte auf den Sonnenuntergang und verbrauche meine ganze Energie damit, mich in meinem Liegestuhl zu halten. Nach drei Stunden stehe ich wie gerädert auf – und habe ein schlechtes Gewissen, weil ich mich so ja viel weniger erhole.
„Fahr mal weg!“ „Mach mal Tapetenwechsel!“
Was soll denn das nun? Ich wohne in weisser Raufaser, die es überall hat, die Gefahr, am Urlaubsort in ein Zimmer mit ebenfalls weisser Raufaser zu geraten und damit den Tapetenwechsel zum Flop zu machen, ist relativ gross. Ausserdem bin ich Pendler, ich fahre jeden Tag weg.
Nein.
Nein.
Nein.
Ich bin nicht mehr bereit mich den VZW zu beugen und werde jeden Erholungsstress vermeiden. Ich werde um 4.00 aufstehen und jeden Tag eine Kleinigkeit arbeiten, wenn ich Lust habe.
Und wenn ich keine Lust dazu habe, werde ich NICHT wegfahren, wozu habe ich denn eine schöne Wohnung, wenn ich sie nicht endlich mal geniessen kann?
Die Situation ist paradox: Wenn Sie sich darauf einstellen, dass ich im August müde und kaputt wieder erscheine, und Sie mir versprechen, damit umgehen zu können, es zu ertragen, dann wird das eben nicht passieren und ich werde rundumerneuert, generalrevidiert, kraftstrotzend, werde braungebrannt und gejungbrunnt  (oder heisst es junggebrunnt) antanzen.
Versprechen Sie es?

P.S. Ich habe Ihre Klagen übrigens auch satt, ich sollte die Glosse daher auch mit dem Satz
„Haben Sie viel Vergnügen!“ beginnen.
Kein Wunsch.
Ein Befehl.


Montag, 30. Juni 2014

Expertenrunde

From: hans.schnitter@wdr2.de

Sehr geehrter Herr Herter,
Hätten Sie Lust und Zeit, am 4.9.2014 in einer Expertendiskussion zum Thema Knabenchöre mitzumachen?
MFG Hans Schnitter


Sehr geehrter Herr Schnitter,
Liebend gerne. Allerdings: Wie sind Sie auf mich gekommen? Ich habe lange bei der Knabenkantorei Basel als Vizedirigent gearbeitet und sie ad Interim auch geleitet, aber ich müsste wissen, wer die anderen sind. Ich möchte nicht zwischen Kreuz und Thomas, Tölz und Calw wie ein Idiot dastehen.
LG Rolf Herter


Lieber Herr Herter,
Kreuz und Thomas, Tölz und Calw, welch schöner Chiasmus. Sie sind uns empfohlen worden, mehrfach, ich darf nicht sagen, von wem. Wegen der anderen müssen Sie sich keine Sorgen machen. Es sind folgende Personen:
Prof. Dr. Matthias Wurtsmann, Kulturwissenschaftler
Dr. Inge Blomsteett, Psychologin
Hochwürden Pius Nader, Theologe
MFG Hans Schnitter  


Lieber Herr Schnitter
Danke für Ihre prompte Antwort. Jetzt bin ich doch ein wenig baff: Kein anderer Musiker? Wie kommen Sie auf eine solche Expertenrunde?
MFG Rolf Herter


Lieber Herr Herter,
wir möchten das Thema Knabenchor nicht einseitig chortechnisch, sondern von vielen Seiten beleuchten. Dabei  übernimmt Herr Wurtser den musiktheoretischen, Frau Blomsteett den psychologisch-pädagogischen und Pius Nader den liturgisch-kirchlichen Part.
Grüsse H.Schnitter


Lieber Herr Schnitter,
gut. Aber ich habe mich ein wenig schlau gemacht: Wurtser hat über Picasso promoviert und über Goethe habilitiert, z.Zt arbeitet er über Schoenberg; Frau Blomsteett ist Beraterin einer Schulbehörde, Pius Nader ist Leitender Priester an der Kirche in Murxheim
Was haben die mit Knabenchor zu tun?
Grüsse R.Herter


Werter Herr Herter
Sie nerven ein bisschen. Wurtser ist ein blendender und charmanter Rhetor, der bei uns eigentlich immer dabei ist und zu jedem Thema etwas sagen kann, die Hörerinnen und Hörer lieben ihn. Frau Blomsteett berät ihre Behörde zum Thema Gender und Koedukation (KNABENchor, Sie verstehen?) Und dass Knabenchöre liturgische Aufgaben übernahmen und übernehmen, muss ich Ihnen doch nicht sagen.
Grüsse Schnitter


Herr Schnitter,
So charmant der Rhetor sein mag: Nehmen Sie doch jemand, der über Bach gearbeitet hat. Knaben- , Mädchen- oder Kinderchor ist KEINE Frage der Koedukation. Die Kathedrale in Murxheim hat KEINEN Knabenchor, warum nicht Tölz oder Calw, Kreuz- oder Thomaskirche? Ich dachte, Sie sind beim WDR, langsam habe ich das Gefühl, ich soll zu RTL, wo man irgendwelche Models hinsetzt und dann „Bobo Beinlich – Experte“ einblendet.
Grüsse Herter


Herr Herter!
Sie nerven furchtbar, Sie reden mir in die Auswahl nicht rein!
Machen Sie es nun oder nicht?
Schnitter



Natürlich nicht.
Wahrscheinlich sind auch Blomsteett und Nader langjährige Bekannte von Ihnen, die ständig zu irgendeinem Thema, in das sie sich in der Kantine eingelesen haben, ihren Senf dazu geben
Herter



Sie freches Stück.
Gut, dann nicht. Wir haben schon Ersatz. Der langjährige Leiter einer Stuttgarter Kulturinstitution wird es machen.
Schnitter


Ich lache mich tot. Rilling, der alte Fuchs. Nun ja, der passt in die Runde der „Experten“. Bei Ihnen wird am 4.9. so viel überflüssiger Senf aus dem Radio quellen, dass die Hörerinnen und Hörer Bier und Würstchen nicht vergessen dürfen.
Prost Mahlzeit


Freitag, 27. Juni 2014

Nacktschreiben



Das war natürlich gelogen mit dem Nacktschreiben.
Ich schreibe im Zug oder am Schreibtisch. Und bin immer angezogen dabei, im Zug etwas seriöser, am Schreibtisch meistens etwas legerer, so Sporthose und T-Shirt und so. Nackt habe ich noch nie geschrieben.

Ich bin überhaupt nicht so der Nackte, auch nicht mehr beim Schwimmen, das Einzige, was ich ungewöhnlich textilarm tue, ist Putzen – im Sommer natürlich. Wenn die Temperaturen auf tropische 65° klettern (gefühlt) und schon am Morgen die Sonne auf den kahlen Scheitel brennt, putze ich in der Badehose, ich bin also mein eigener Nacktputzer. Nein, ich bin nicht zu buchen, weder überhaupt zum Putzen noch zur Wohnungsreinigung im Badedress, ehrlich gesagt, wenn Sie einen Nacktputzer brauchen, holen Sie sich was Jüngeres, mit fast 50 ist halt alles nicht mehr so straff wie mit 20.

Aber wir kommen vom Thema ab: Nacktschreiben.
Ich meine, wieso eigentlich nicht? Es gibt ja fast alles als Nacktvariante. Wer erinnert sich nicht an die Nacktwanderer im Alpstein? Wer erinnert sich nicht an den Freiburger Nacktjogger, der gezwungen wurde eine Penishülle zu tragen, die den Blick tausendmal mehr auf seinen Schniedel lenkt als das beim reinen Adamskostüm der Fall wäre? Sport wurde ja früher immer nackt gemacht, auch die Fussballmeisterschaften waren textilfrei, und wenn jetzt jemand sagt, Fussball sei doch…dann verweise ich auf das legendäre Spiel Griechenland – Persien 7:0 in Issos 333 v.Chr. (drei,drei, drei gabs in Issos Keilerei, also war auch die Fankultur schon da.) Nein, der textile Fussball wurde erst mit dem Trikottausch eingeführt, jener magische Moment, der für die Nichtfussballfans, die Ahnungslosen, die Soccerdeppen die Belohnung ist, ein ganzen Spiel ausgeharrt zu haben, für 50% der Frauen und die Schwulen also.

Was kann man sonst noch nackt tun? Nicht, was Sie denken. Da wäre es wahrscheinlich haarsträubend, wenn man wüsste, wie viele Leute da noch was anhaben. Nein, man kann sicher nackt schreinern und malen, man kann schrauben und hämmern, sicher gibt es Nacktinstallateure, Nacktmetzger, Nackttapezierer und Nacktbodenleger. OTTO erzählt eine wunderbare Story von einem Nudistenbäcker, wobei er mit den Begriffen Nacktbackverbot und Nachtbadeverbot spielt…
Nacktdachdecker und Nacktförster halte ich für genauso unwahrscheinlich wie Nacktlandschaftsgärtner.

Und Nacktautoren?
Terry Jones schrieb immer nackt und er führte auch immer nackt Regie. Wer ihn nicht kennt, das ist der Schweigeeremit, der eben dieses Schweigen bricht, als ihm Brian auf den Fuss tritt. Natürlich ist er in der Rolle nackt.

Aber andere Schriftsteller?
Über das Verhältnis von Schreibsituation und Schreibprodukt hat die Germanistik, die sich ja sonst über jeden noch so grossen Blödsinn Gedanken macht, viel zu wenig gehandelt. Sind Texte aus der Ebene eher flach, wird ein am Meer geschriebener Roman flüssiger, gar wässrig oder fischig? Sind Bücher, die in einem Zug geschrieben wurden, auch in einem Zug? Und haben im Tram geschriebene Machwerke mehr Stopps?
Hatte Anais Nin beim Schreiben Reizwäsche an? Wer schrieb im Anzug, wer im Bademantel? Schrieb Böll im Liegen und Brecht im Sitzen oder umgekehrt? Und wie sieht man das an den Texten?
Und wer schrieb in der Badehose?

Ich werde also im einen Versuch machen: Einen meiner Posts werde ich WIRKLICH komplett nackt schreiben, aber nicht auf dem Balkon, da sieht man mich nämlich. Ich sage Ihnen aber nicht, welchen. Wenn Sie ihn erkennen, hat meine Blösse sich auf den Stil ausgewirkt.