Donnerstag, 12. Juni 2014

WM und Volksbrützeln

Das Grillen!
Ich habe das Grillen nicht erwähnt!
In meinem Post über die WM habe ich von den Milliarden Litern Bier und den Millionen Tonnen Chips geschrieben, aber nicht vom Schrecklichsten:
Dem Grillen.
Und dabei meine ich nicht das gepflegte Brützeln im heimischen Garten, wo der Hausherr unter der Rhododendronhecke pikant marinierte Hühnerbrüstchen auf die Glut legt und die Frau des Hauses herrliche Salate herausträgt, deren Farbigkeit dann mit der der Rosen und Tagetes wetteifert, die heimische Terrasse, wo eben nicht nur ein Bierfass steht, sondern auch Pinot Grigio oder Epesses im Kühler.
Nein, ich meine die riesigen Plätze, auf denen der Gast stets, egal wo er sich hinsetzt von Fettschwaden und/oder Ascheregen ummantelt wird, wo die Biertische kleben und die Abfalleimer stinken, wo man drei Stunden für eine Bratwurst ansteht, um dann zu erfahren, dass die gerade aus sind, man aber ………….. bekäme, hier können Sie eine Sorte einsetzen, die Sie nicht mögen.
Nein, ich meine die riesigen Plätze, auf denen diese heissen Machwerke heruntergeschlungen werden, die immer entweder verbrannt oder roh sind, aber nie, nie, nie so wie die Leckerbissen unter dem Rhododendron, wo man aus grossen Bottichen sich beige, rote und weisse Schmiere auf den Pappteller quetschen kann, Schmiere, von der man sich fragt, was sie sei, denn Senf, Ketchup oder Majo kann es dem Geschmack nach nicht sein.
Nein, ich meine die Buden, in denen schlecht gelaunte, dicke Brützler in Kitteln, die schon zur letzten WM nicht gewaschen wurden, einen anraunzen: „Und du? Was kriegste?“
Hilfe, Hilfe, möchte man schreien, wo ist denn da die Gewerbeaufsicht, der Hotel- und Gaststättenverband, die Gesundheitsbehörde? Aber die sind in Urlaub, immer bei der WM.

Wenn Sie nun sagen, Public Viewing und Grillstand gehört eben zusammen, das eine adelt das andere, dann muss ich Ihnen widersprechen.
Ich liebe die Kombination von sehr, sehr abgehoben und sehr bodenständig, wie zum Beispiel die Gartenkneipe in Bayreuth, wo auch gegrillt wird (eher rhododendronmässig) und die dem völlig überkandidelten Grünen Hügel einen schönen Kontrapunkt setzt.
Ich liebe die Kombination von Parkett und Flickenteppich, von zerrissener Jeans und Seidenhemd, von Popsong und Madrigalarrangement.
Aber zwei schreckliche Sachen heben sich nicht auf.
WM-Gucken am Grillstand ist wie eine Werner Egk-Oper von Götz Friedrich inszeniert.
Es ist wie „Heute hau‘n wir auf die Pauke“ von Justin Bieber gesungen.
WM-Viewing mit Würstchenplatz ist wie eine Liaison zwischen Dieter Bohlen und Conchita Wurst.
Wie Netzstrümpfe zu Adiletten.

Nein, in Geschmacksfragen ist Minus mal Minus nicht Plus, es ist Minus hoch drei.
Daher, sollten Sie mich doch auf einem fettschwadigen, eingeräucherten Platz an klebrigem Tisch mit verkohltem Fleisch und undefinierbarer Gelbschmiere antreffen, dann gucke ich da Oper.
(Gibt es auch in PubVie!!!!)
Wenn ich mir das Endspiel anschaue, dann mit Südamerikanischem Delikatessen-Buffet und einem Weisswein aus Brasilien für 56.- die Flasche.
In diesem Sinne: Prost!

 

Montag, 9. Juni 2014

Ausnahmezustand WM

Im Juli vor vier Jahren bog in Hannover ein Autofahrer falsch ab. Er bog aber nicht etwa in eine Einbahnstrasse oder auf einen Strassenbahnplatz, er schrammte über den Bürgersteig direkt in eine Buchhandlung, er nahm die Wanderführer, Wörterbücher und Kochbücher vom Regal, wischte dann noch die Fachliteratur auf den Boden, bis ihn die Belletristik stoppte. Vor den Schranken des Gerichts gab er an, dass er ein WM-Spiel im Radio gehört und die Konzentration verloren habe. Er wurde freigesprochen und die Buchhändlerin musste den Schaden selber tragen.

Ausnahmezustand.

Im Juli vor vier Jahren packte eine Mailänderin beim zweiten Spiel der Italienischen Elf ihre Koffer und verschwand aus dem Leben ihres Mannes. Seine Anwälte rieten ihm dringendst davon ab, eine Scheidung mit "Böswilligem Verlassen" durchzuziehen, und sie rieten ihm auch, Wörter wie "Depression" und "Elementare Einsamkeit" nicht in den Mund zu nehmen, weil er das Verschwinden seiner Gattin erst nach dem Endspiel bemerkt hatte.

Ausnahmezustand.

Im Juli vor vier Jahren reichten in Zürich Eltern Rekurs gegen eine Note ein, weil der böse Lehrer einen Test am Tag nach einem Spiel der CH-Nationalmannschaft angesetzt hatte. Die Schulleitung und der Schulrat lehnten den Rekurs ab, aber vom Amt für Volksschulen bekamen die Väter und Mütter Recht: Ein Lehrer dürfe während einer Weltmeisterschaft keine wichtigen Prüfungen machen.

Ausnahmezustand.

Und jetzt ist es wieder so weit: In dieser Woche geht es in Brasilien los und die Welt steht Kopf. Firmen trauen sich nicht, etwas Wichtiges von ihren Mitarbeitern zu verlangen, alles ist entschuldigt, alles ist OK, in den Bordellen werden TV-Geräte aufgestellt, damit die Freier auch während des bezahlten Beischlafs kein Tor verpassen und man kann keinen Schritt nach draussen machen, ohne irgendwie auf ein Public-Viewing zu stossen. In jedem Laden gibt es WM-Tassen, WM-Unterhosen, WM-Mousepads, WM-Klobrillen, WM-Kochlöffel und WM-Kondome. 39 Milliarden Liter Bier wird die Welt in den nächsten Wochen konsumieren, zusammen mit 340 000 000 Tonnen Kartoffelchips.

Ausnahmezustand.

Ich habe nichts gegen die WM, ich möchte nur, dass Menschen verstehen, dass ich den Ausnahmezustand nicht mitmache, oder dass für mich andere Ausnahmezustände gelten. Ich verstehe, dass Leute mich für verrückt halten, wenn ich am Tag des Endspieles eine Telefonkonferenz ansetze, aber ich möchte genauso, dass diese Leute mich nicht für verrückt halten, wenn ich am Tag der Eröffnung des Grünen Hügels an keiner Telefonkonferenz teilnehme. Umberto Eco hat dieses Ungleichgewicht in einem unglaublich schönen Streichholzbriefchen festgehalten. Er verwickelt dort einen Mitreisenden in eine Diskussion über CD-Einspielungen von Blockflötenkompositionen, der natürlich völlig konsterniert ist, und vergleicht dieses "Hä - was meinen Sie?" mit dem "Hä - wie bitte - was?", das man sagen muss, wenn einen der Taxifahrer in einen Dialog über ein Fussballspiel verwickelt.

Seien Sie also ruhig im Ausnahmezustand, trinken Sie Hektoliter Bier und essen Sie Tonnen von Chips, fahren Sie in Buchhandlungen, lassen Sie ihre Frauen ziehen und rekursieren Sie gegen Schulnoten, aber verstehen Sie bitte auch, dass ich den Ausnahmezustand nicht mitmachen werde.

Freitag, 6. Juni 2014

Wollen Sie wissen, wie ich gerade aussehe?

Ich schreibe diesen Post im Zug von Moutier nach Solothurn. Stehend, wie Sie sehen. Die dort eingesetzten Wagen der BLS haben nämlich keine guten Tische, aber so eine Ablage, die man als Stehpult benützen kann. Leider direkt vor der Zugtoilette, die Sie im Hintergrund erahnen. Kein schönes Motiv, aber ich drehe mich mal ein bisschen: Ah, die Hausberge von Crémines, wir sind also noch vor dem Weissensteintunnel. Ich sehe ein wenig müde aus, aber gut gelaunt. Meine Haare, die zu lang sind, ich müsste dringend mal wieder zum Friseur, habe ich so mit Gel ein bisschen aufgemotzt oder aufgebrezelt. Ich trage, passend zum Immernochaprilwetter, drei Schichten, die sie alle sehen können: Ein graues T-Shirt, ein blassrotes Knitterhemd und eine blaue Kapuzenjacke.

Sie finden das nicht spannend? Sie fragen, was das alles soll?
Leute, das ist ein Selfie.
Ein geschriebenes, literarisches, textuöses Selfie.

Und  natürlich völlig bescheuert. Es interessiert den Leser und die Leserin nicht, was der Schreiber gerade anhat.

Die Frage ist aber, warum das so viel vomhockerreissender ist, wenn  man permanent Fotos von sich macht und in aller Welt herum schickt. Denn wenn ich ein Selfie (also ein JPG-Selfie) von mir gepostet hätte, hätten das alle toll gefunden. Statistiken zufolge macht ein Jugendlicher pro Tag im Schnitt 76,94 Selfies, postet davon immerhin 23,7 und erhält 54,8. Die Gesamtmenge aller Selfies im Internet beläuft sich auf 4.562.457.000, also über 4,5 Milliarden. Um sie anzusehen bräuchte man mehrere Menschenleben.   

Jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit Selbstportrait. Natürlich hat fast jeder Maler auch einmal sich selbst gemalt und auch Man Ray hat Aufnahmen mit Selbstauslöser gemacht. Aber das waren Künstler und die Produkte sind Einzelstücke. Stellen Sie sich vor, Rembrandt wäre so selfiesüchtig wie Leute heutzutage gewesen, es gäbe keine Nachtwache und keine Geburt Christi, es gäbe nur Bilder von ihm, dem hässlichen kleinen Zwerg mit Baskenmütze.

Gibt es für Sie auch so ganz wenig Fotos, auf denen Sie sich wirklich gefallen? Man findet immer irgendetwas nicht gut an sich, gell? Man sieht die kleinen Pölsterchen, man sieht den zurückgegangenen Haaransatz, man sieht Falten, die sonst nicht auffallen usw.

Das wird bei einem Selfie nicht besser und die Selfieschiesserei ist für einige Jugendliche schon zu einem richtigen Problem geworden. Da zückt man ständig sein Handy und knipst und guckt.
Und geht ein paar Schritte.
Und knipst und guckt.
Und steht vor einer Hauswand.
Und knipst und guckt.
Und kommt in die Sonne.
Und knipst und guckt. 
Und geht in die Badi.
Und knipst und guckt.
Und ist nie zufrieden.
Einige Leute müssen deshalb schon in Therapie. Weil sie an ihren Selfies verzweifeln, die nie so smart, hübsch, so wohlgebaut und durchtrainiert aussehen, wie sie gerne wollten. Und deshalb aus dem Knipsen und Gucken nicht herauskommen. 

Einen guten Trick hatte mein Kollege Hubert herausgefunden: Er liess seine Selfies von einem anderen machen. (Sind natürlich dann keine Selfies mehr, sondern Elsies, taken by somebody else.) So sah er immer jugendlich, frisch, smart und lecker aus. 

Oder Sie machen es wie ich: Sie schreiben textuöse Selfies, ich hätte ja genausogut schreiben können, ich sei schon nach dem Weissenstein, also in Oberdorf, ich sei frisch beim Coiffeur gewesen, ich trüge Armani, sei fit und braungebrannt und wer weiss was noch.

Vielleicht wird das doch das Selfie der Zukunft.

Dienstag, 3. Juni 2014

FIFA 2022 oder: Mich erstaunt das Erstaunen


Die Berufung des Rockmusikers Bully Belly zum stellvertretenden Kapellmeister am Opernhaus Münster löste unlängst ein wenig Erstaunen aus. Der Intendant gab bekannt, dass man durch eine Person, die eigentlich aus einem anderen Metier komme, ein wenig frischen Wind in die Sache bringen wolle und dass Bully sich die Sachen, die er nicht könne, mühelos draufschaffen werde.
Dazu gehören solche Details wie die Kenntnis der Notenschrift, die dirigentische Schlagtechnik, Instrumentenkunde und das Wissen über Opern schlechthin. So ist für ihn TOSCA das Parfüm seiner Grossmutter (die Grufties werden sich noch erinnern: Mit Tosca kam die Zärtlichkeit) und Da-da-da-damdadaa ist für ihn die Musik einer Schokocornflakespraline.
Grosse Bestürzung löste dann die Meldung aus, dass Bully Belly der Stiefneffe des Oberbürgermeisters ist.

Mich bestürzt eigentlich eher die Bestürzung als die Tatsache.

Die Berufung des Mikrobiologen Prof. Dr. Hubert Schmand zum Chef der Uniklinik Giessen löste unlängst eine ähnliche Verwunderung aus. Der Mann, ein hochkarätiger Wissenschaftler, hatte ausser dem Nobelpreis schon alle wichtigen Auszeichnungen abgeräumt und galt als Koryphäe auf dem Gebiet der Zellkunde. Was ihm fehlte, war das gesamte Wissen um Diagnose, Therapie, Physiologie, Pharmazeutik. Kurz: Er hatte bei der Geburt seiner Tochter vor vier Jahren zum letzten Mal ein Spital von innen gesehen. Wozu braucht jemand wie er noch den Chefarzttitel? Keiner weiss es, aber es wurde relativ schnell klar, dass er einige Leute kräftig geschmiert hatte. Als es herauskam, waren alle verwundert.

Mich verwundert die Verwunderung, ja, mich erstaunt das Erstaunen, mich bestürzt das Bestürzen und mich verblüfft die Verblüffung.

Wenn eine völlig unlogische Entscheidung getroffen wird, von der eine bestimmte Person oder bestimmte Institution profitiert, die von Tuten und Blasen keine Ahnung hat, (ein Dirigent UND ein Arzt müssen nämlich Ahnung von Blasen haben), dann ist entweder Vitamin B im Spiel oder es ist Geld geflossen. Oder: Es wurden sexuelle Dienste gewährt, im Theater und beim Film spricht man daher von der Besetzungscouch.

Das ist doch logisch, oder.
Warum tut man dann so erstaunt?

Wenn ein Land, in dem nicht Fussball gespielt wird, in dem bei den dortigen 50° C auch gar nicht gespielt werden kann, ein Land, das keine Stadien hat und noch nie an einer WM einen Blumentopf gewonnen hat, die FIFA WM 2022 ausgetragen werden soll, dann kann das nicht mit rechten Dingen zugehen. Alle tun jetzt so, als ob niemand damit gerechnet hat, dass da Pinke, Kohle, Knete, Mäuse, Zaster den Besitzer gewechselt hat.

Das war doch völlig klar, oder?
Mich verwundert die Verwunderung, ja, mich erstaunt das Erstaunen, mich bestürzt das Bestürzen und mich verblüfft die Verblüffung.

Die FIFA, der korrupteste und geldgierigste Verein auf diesem Planeten, soll hier eine Sachentscheidung getroffen haben?
Wer hat das wirklich geglaubt?
Blatter, der korrupteste und geldgierigste Funktionär auf diesem Planeten, soll hier nach Fakten geurteilt haben?
Wer hat das wirklich geglaubt?

Natürlich ist hier viel, viel, viel Geld durch die Ölpipelines gegangen.
Oder der Scheich von Katar ist der Cousin des Schweizers Blatter. Oder er hat mit ihm geschlafen. Halte ich beides für unwahrscheinlich.

Belly wurde übrigens mit einer Abfindung gar nicht an seinen Posten gelassen und der 2. Kapellmeister von Wuppertal bekam den Posten – nach einer glanzvollen Rigoletto-Vorstellung, denn er konnte das da-da-da-dadadam nicht nur in diese Oper einordnen, sondern es auch dirigieren. Chefarzt in Giessen wurde ein Internist.

Und die WM 2020 wird neu vergeben werden müssen.
Alles nicht erstaunlich.
Also: Hört auf euch zu wundern, wenn Geld, Sex und Klüngel  die Welt regieren.
Es ist seit Jahrtausenden so.

Freitag, 30. Mai 2014

Ehret die Populisten, sie haben es schwer!


Ein Rechtsruck bei den Europawahlen.

Überall in den europäischen Staaten sind auf einmal Parteien aus den Löchern gekrochen, von denen wir vorher noch nie etwas gehört hatten. Sie tragen so schöne Namen wie „Eigentliches Belgien“, „Sauberes Luxemburg“, „Hoch die Niederlande“  „P(r)olonia“,  und „Daenland daen Daenen“ und haben bis zu einem Viertel der Stimmen errungen. Manche sind so europakritisch, dass man sich fragt, was sie in einem Europaparlament überhaupt machen, aber da man sich seit Jahren ja auch fragt, was das Europaparlament überhaupt macht, ist das nicht so schlimm. 

Überhaupt:
Ehret die Populisten.
Sie arbeiten viel und haben einen verdammt harten Job.

Ich meine, wie anstrengend ist das denn, ständig beim Volk zu sein?
Der Populist schaut dem Volk aufs Maul, aber doch nicht nur in Zahnpasta-Reklame-Mäuler,  in wie viele hässliche, stinkende Münder mit wackligen Zähnen und klappernden Gebissen muss er da auch schauen? Er hört Volkes Stimme, aber das ist nicht immer ein Wohlklang, wie viele kreischende und brüllende, wie viel terzentremoliende oder bassgrummeldröhnende Organe erreichen da sein armes Ohr? Er muss am Puls der Massen sein, aber das ist kein leises Ticken, das stöhnt und stampft und tritt und marschiert, dass die eigenen morschen Knochen zu wackeln und zu zittern anfangen.

Es ist so verdammt anstrengend, immer wissen zu müssen, was das Volk hören will, um ihm das dann zu sagen.

Der Populist hat einen Terminkalender, der vor den Wahlen dermassen überquillt, dass er sich sehnt, endlich ins Parlament zu kommen und dort dem gepflegten Dolcefarniente zu frönen, vor allem in Strassburg, weil ja eh keiner mitbekommt, ob da überhaupt getagt wird.

Wollen Sie einen Auszug? Bitte sehr:
Der 4.3.2014 von Francois Gubler (FN Alsace)

8.00       Frühstück des Frauenvereins in Gebschwiler
11.00     Frühschoppen in Stupswiler
15.00     Versammlung der Jäger in Tuschwiler
18.00     Stammtisch in Lalingue
20.00     Stammtisch in Muerdingen

Und das ist nur ein Tag!!! Der Populist springt von Stammtisch zu Stammtisch, von Frühschoppen zu Frühschoppen, um ja keine Stammtischparole, kein Stammtischgerede, um ja keine Frühschoppenidee, kein Frühschoppengedankengut auszulassen. Der Populist kennt die Mehrzweckhallen seines Bezirkes so gut wie alle Beizen, und das sind viele, viele…

Parteien wie „Eigentliches Belgien“, „Sauberes Luxemburg“, „Hoch die Niederlande“  „P(r)olonia“,  und „Daenland daen Daenen“ sind daher dazu übergegangen, zusammen mit dem Mitgliedsantrag einen Bluttest zu verlangen, denn ein Populist braucht eine stramme Leber. Er muss nicht nur flink wie ein Windhund, zäh wie Leder und hart wie Stahl, sondern auch trinkfest wie ein Schwamm sein.

Zu diesem allen kommt aber noch eine Sache hinzu, die das Leben eines Gubler so verdammt hart macht: Er muss ständig so tun, als ob er ein Stammtischbruder wäre.
Denn er hört zwar die Leute über zu hohe Steuern und zu tiefe Renten und die vielen Ausländer klagen, und muss nicken und signalisieren, dass er versteht, dabei darf aber keiner merken, dass Gubler selbst keine finanziellen Sorgen hat, in einem ausländerfreien Banlieue wohnt und einen sicheren Job hat. Diese Verstellung ist auch anstrengend, weiss der Himmel.
 
Nein, die Leute von „Eigentliches Belgien“, „Sauberes Luxemburg“, „Hoch die Niederlande“,
 „P(r)olonia“,  und „Daenland daen Daenen“, die ständig auf der Jagd nach dem aktuellen Stammtischgerede, nach dem aktuellen Frühschoppengedankengut, nach der der aktuellen Mehrzweckhallenmeinung sind, haben ein schweres Leben.
Sie haben unseren höchsten Respekt verdient.
 

 

Montag, 26. Mai 2014

Hello, Mr. Rich oder: Luxusweibchen, Toyboys und Sugardaddies

Es gibt nicht nur bedrohte Tierarten wie das Hebräische Baumkänguru oder die Philippinische Muschelkröte, es gibt nicht nur gefährdete Pflanzenarten, Gebäude, Stadtbilder, es gibt nicht nur bald aussterbende Sprachen und Sitten, es gibt auch bedrohte Menschentypen.
Wo sind denn noch die echten Machos, die mit ihrem Porsche durch die Strassen kurven, die Marlboro lässig aus dem Fenster gehalten, behaarte Brust und Goldkettchen, die jedem Rock hinterherpfeifen und jeden Kellnerinnenhintern begrapschen?
Wo sind sie denn, die Altlinken, die mit Rauschebart und Pfeife im Mund in den Hinterzimmern der Studentenkneipen sitzen, die ihren Marx gelesen haben und mit ihm belegen können, dass die Ukrainer eben Nazis sind und daher Russland aus der Leninistischen Logik heraus Recht hat?
Wo sind sie denn, die Spiris im wallenden Indienkleid? Wo sind sie denn, die Punker mit Ratte an der Lederjacke und Sicherheitsnadel auf der Schulter (oder umgekehrt)? Und last but not least: Wo sind die echten Beamten geblieben, die sich noch nicht um Bürgerklienten kümmern mussten, sondern um das Entscheidende: Ihren Schreibtisch (8.00-8.15: Bleistiftspitzen, 8.15-8.30: Radiergummi bereit legen usw.)?

So ist es gut und richtig, dass man sich auch um gefährdete Menschentypen kümmert. Die Millionärsgattin und Society-Lady Irina Beller will eine sehr interessante und farbige Spezies vor dem Aussterben bewahren:
Das Luxusweibchen.
Frauen sollten nicht arbeiten, schreibt Beller in ihrem Buch „Hello, Mr. Rich“, Frauen sollten sich bemühen, einen reichen Mann zu finden. – Nee, Leute, das ist kein Witz, ich erfinde das nicht! – In ihrem Ratgeber gibt Frau Beller nun Tipps und Tricks bekannt, plaudert aus dem Nähkästlein, schreibt über den Alltag und die Sorgen einer Frau, die es geschafft hat.

Abgesehen davon, dass die Sache einen entscheidenden Haken hat – wenn zu viele Frauen das Buch lesen, gibt es einfach zu wenig Reiche, das ist wie die Euromillionenzahlen rauskriegen und dann auf Facebook posten und die 1 000 000 Follower kriegen dann ein paar Franken – mich ärgert die Einseitigkeit des Buches. Woher nimmt Irina die Frechheit, dass es nur so funktionieren kann: Reicher Mann und Luxusweibchen, er die Kohle, sie das Shopping? Es gibt doch noch so viele andere Modelle, die hier aussen vor bleiben.

Oh, nein! Damit meine ich natürlich nicht eine „gleichberechtigte Partnerschaft“ von zwei Leuten, die beide Job und Lohn haben, so was – das hat die Vergangenheit gezeigt – ist zum Scheitern verurteilt. Aber es geht doch auch umgekehrt:
Sie ist eine Topmanagerin und hat einen 40 Jahre jüngeren, absolut blendend aussehenden Mann. Im Gegensatz zum Luxusweibchen ist der Toyboy auch viel leichter in der Haltung. Er braucht kein Gucci und Versace und Schmuck und Perlen und Handtäschchen, er braucht ein paar Sportklamotten und EINEN Anzug, wenn man doch mal essen geht (im Sommer trägt er eh nur den ganzen Tag Badehose). Der Toyboy benötigt einen Fernseher und eine Xbox, ausserdem sollte der Kühlschrank gefüllt sein (mit Bier). Die einzige weitere Investition sind Abos für Fitnessstudio und Solarium, denn schliesslich soll ja, wenn man von einem harten Arbeitstag bei der DROHAMAG heimkommt, etwas Athletisches, Adonishaftes, Bronzefarbenes am Pool liegen und nicht etwas Weisses, Schwabbeliges.
Genauso gut funktioniert auch die gleichgeschlechtliche Variante:
Der Sugardaddy lässt einen Lustknaben bei sich wohnen und bezahlt, was er so braucht – im Gegensatz zum Toyboy KÖNNTE hier auch wieder Fashion ins Spiel kommen, vor allem aber haufenweise Kosmetik – und der junge Mann gibt das, was er geben kann: Puren, reinen Sex.
Bei den Lesben heisst die Variante…
Moment mal! Gibt es die überhaupt? Ich habe noch nie davon gehört… Ich glaube, Lesben probieren es noch immer mit dem Katastrophenmodell „Gleichberechtigte Partnerschaft“, aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.
In einem Punkt hat Frau Beller allerdings absolut Recht: Eine Partnerschaft  braucht gemeinsame Basis.
„Wir haben beide die gleichen Interessen. Mein Mann liebt mich und ich liebe mich auch.“
Schöner kann man es nicht sagen.

Donnerstag, 22. Mai 2014

Rechts stehen - links gehen

Rechts stehen – links gehen.

Die SBB hat alles probiert.

Rechts stehen – links gehen.

Sie hat die Handläufe der Rolltreppen grün und rot einfärben lassen, hat grüne und rote Bänder auf den schwarzen Gummi geklebt, in Bern liess sie sogar vom örtlichen Strickclub lange Schläuche in diesen Farben erstricken, in Genf wurde gehäkelt und in Zürich von der Spielgruppe „Kleine Monster“ mit Fingerfarben hantiert.

Rechts stehen – links gehen.

Sie hatte den 4.September 2013 zum Tag der Rolltreppe erklärt, bei dem in Basel bei einer grossen Show auf der Passarelle für das Konzept geworben wurde, einer der Hauptacts war der Auftritt der Teenieband SMART, die sechs Jungs gaben hinreissend in hautengen roten und grünen T-Shirts ein Jessie-Cover zum Besten:
Everybody walks on the left.
Everybody stands on the right.
Can you feel it?
We do it for you this night.

Rechts stehen – links gehen.
Die SBB hat alles probiert.

Sie hat Zettel verteilt, die mit Fotos, auf denen glückliche Leute lächelnd in der Schlange stehen und von glücklichen Leuten links überholt werden, geworben. Zu jedem Flyer bekam man noch links- und rechtsdrehende Kekse.

Rechts stehen – links gehen.

Die SBB hat einen Werbefilm gedreht, in dem die gleichen Animationsfiguren, die uns im Flugzeug zeigen, wo das Gepäck hinkommt und wie der Sicherheitsgurt funktioniert, uns in ihrem wippend-tuntenhaften Gang vormachen, wie man eine Rolltreppe nimmt.

Rechts stehen – links gehen.
Die SBB hat alles probiert.
Und es hat nix gebracht.

Immer noch pflanzen sich die Menschen auf die linke Spur, lassen den rasenden Manager mit Aktentasche und Coffee to go erst einmal warten, immer noch befinden sich Seesäcke, Skier, Koffer, Möbelstücke, befinden sich Haustierboxen und Velos dort, wo man eigentlich vorbei will. Immer noch müssen Omas wie Teenager zu zweit nebeneinander stehen, weil man sich ja so viel zu sagen hat, und die Fahrt vom Dreiländereck ins Engadin sicher nicht reichen wird. Immer noch werden verschiedene Taktiken ausprobiert, sich die linke Seite freizukämpfen, da räuspern sich einige laut, da schreien manche: „Rächts stoo – linggs goo“, da werden aber auch Menschen einfach zur Seite gedrängt, da wird gestossen, getreten und auch mal ein Regenschirm als Waffe eingesetzt.

Warum kriegen die Schweizer das nicht hin? Warum funktioniert das, was in London, Paris oder Madrid möglich ist, in Zürich und Genf nicht? In einem Land, das alles hinbekommt? Das die einzige funktionierende Demokratie hat, das stattlich und wohlhabend ist? In einem Land, das sich zu allem neutral verhält, aber dennoch ein wichtiger Partner aller ist? In einem Land, das die Kräuterbonbons UND die Aliens erfunden hat?

Vielleicht, weil es der Schweizer Gemütlichkeit, der sprichwörtlichen Ruhe und Besonnenheit so zuwider läuft. Wir hetzen den ganzen Tag, müssen wir jetzt auch noch die Rolltreppe im Sturmlauf hoch? Und bringt das Errennen der Rolltreppe wirklich so viel Zeitersparnis?
Wir machen den Test: Auf der Rolltreppe, die im Bahnhof Basel SBB die Schalterhalle mit der Passarelle verbindet, braucht es stehend 54,67 Sekunden. Für das Laufen machen wir drei Proben: Erster Versuch 12,56 s, zweiter 15,98 s und dritter 13,44 s. Das ergibt einen Mittelwert von 13.9933333 und eine durchschnittliche Zeitersparnis von 40,6766667 Sekunden. Mal ganz ehrlich: Wer diese Zeit braucht, um seinen Zug noch zu erreichen, hat ein Problem. Er sollte sich überlegen, ob es nicht vernünftiger wäre, ein bisschen früher am Bahnhof zu sein. Natürlich ist die Ersparnis gefühlt viel höher, aber 40 Sekunden können wir uns schon Zeit nehmen.

Und so gilt ab heute die neue Kampagne der SBB:
Slow down your life:
Rechts stehen – und links auch.
Mal sehen, ob es dennoch einen Tag der Rolltreppe gibt und ob die Jungs wieder singen, diesmal mit verändertem Text.