Dienstag, 13. Mai 2014

Die Lese-App



Original, fahr hin deiner Pracht!
Wer kann was Kluges, wer was Dummes denken,
Das nicht die Vorwelt schon gedacht.

Nein, Mephi, das ist nicht ganz richtig so.
Es müsste heissen:

Glosse, fahr hin in deiner Pracht!
Man kann noch was Blödes schreiben,
Die Umwelt hat es schon gemacht.

Die Lese-App!
Die Lese-App!
Das sollte doch ein dummer Scherz sein. Jetzt habe ich aber am Samstag in SWR2/Wissen einen Beitrag über QS (Quantified Self) gehört, in dem eine junge Engländerin über ihre Lese-App berichtete. Sie trägt alle gelesenen Bücher ein und die App überprüft, wertet aus, macht Internetrecherche,  gibt weitere Lesetipps usw. Sie sei, so sagte die Lady, immer der Meinung gewesen, sie lese Bücher von sowohl männlichen als auch weiblichen Autoren/Autorinnen und auch die Helden der Bücher seien zur Hälfte auch HeldINNEN. Jetzt habe aber die App ihr gezeigt, dass sie vor allem Bücher von „male authors with male heroes“ konsumiere.

Meine Güte. Ehrlich gesagt, ich hätte das auch ohne App rausgekriegt. Normalerweise gibt es eine Klappe, auf der der Autor/die Autorin kurz vorgestellt wird. Da finde ich die folgenden Informationen:

1 Vorname
2   Bild (nicht immer)
3   Personalpronomen im Text

Das reicht meistens schon. Gut, nehmen wir an, die Person, die das Buch verfasst hat, hat so einen blöden Vornamen wie Roxer. Oder Bilbi. Oder Tzshfru. Oder Andrea, das ist nämlich im Italienischen ein Männername, das wird übrigens ganz witzig, wenn eine Andrea einen Italiener heiratet, der dann seiner Verwandtschaft tausendmal erklären muss, dass er NICHT das Ufer gewechselt hat.
Wenn also der Name nicht identifizierbar ist, dann haben wir vielleicht ein Foto. Da kann man ja auch gelegentlich sehen, ob Männlein oder Weiblein. Es sei denn, wir sehen eine Frau mit Bart im langen Abendkleid.
(Kleiner Exkurs: Ich habe mich schlappgelacht, dass ein PR-Profi geäussert hat, die Conchita Wurst sei „erfrischend authentisch“, ein ganz neuer Begriff von Echtheit. Oder sind inzwischen nur noch die Kunstfiguren echt?)
Gut, wenn also Roxer Bart und Wimperntusche hat, wenn Bilbi Schnauz und Bluse aufweist, wenn Tzhfru eine behaarte Männerbrust durchscheinen lässt, aber Lippenstift aufgemalt hat, dann hilft uns eventuell das Personalpronomen.
(Für meine Leser, die sich mit Deutsch nicht so gut auskennen: ich/du/er/sie/es/wir/ihr/sie)
Wenn dann da also steht:
Seit 2004 lebt sie mit einer Katze und zwei Hunden auf einem Bauernhof bei Bremen.
Dann ist das eine Frau, klar?

Ein ganz kurzer Text, ein sogenannter Kurzklappentext, könnte jetzt wirklich kein solches Pronomen aufweisen, aber wie steht es mit dem ganzen Buch? Kann man ein Buch durchlesen ohne zu merken, ob es eine Heldin oder ein Held ist? Selbst wenn es ein Ich-Erzähler ist, wird der nicht irgendwann angesprochen? Kommt man auf 350 Seiten ohne Namen aus?
Und wenn die redende Person auf 350 Seiten nur durch den Dschungel robbt und die einzigen anderen Figuren Schlangen, Affen und Kolibris sind (ein sauspannendes Buch wäre das), wie findet dann meine App das raus? Fragt sie den Autor/die Autorin über Facebook an, was man sich bei der Titelfigur gedacht hat?

Nein, gute Frau, es würde genügen, die Bücher in ein kleines Büchlein, ein sogenanntes Bücher-Büchlein zu notieren. Wenn du ganz chic sein willst, kannst du dir so ein Schon-Hemmingway-Hat-So-Ein-Ding-Benutzt-Notizbuch für ca. 50 Franken kaufen, aber es geht auch mit einem von ALDI.
Denn Vorsicht!
Deine Lesegewohnheiten sind auch ein Datenpaket und du musst dich nicht wundern, wenn dauernd Werbung für Romane VON Frauen ÜBER Frauen dir ins Haus flattern.

Ich aber gehe beschwingt in den Tag, mit dem guten Gefühl, dass, egal was ich mir auch noch so Schwachsinniges ausdenke, es garantiert schon irgendwo gemacht wird.

P.S. Bitte lesen Sie auch unbedingt den reizenden Kommentar von Josi!

Freitag, 9. Mai 2014

Mein in Zahlen gepresstes Ich

Haben Sie gestern Sport gemacht?
Ja?
Ach, Sie sind gestern geschwommen, genau wie ich. Welche Strecke? 1 km, gut, das ist anständig. Wie lange haben Sie dafür gebraucht? 20 Minuten, das ist ziemlich schnell, auf jeden Fall akzeptabel. Aber wissen Sie auch, wie viele korrekte Beinschläge Sie gemacht haben? Wie viele im richtigen Winkel nach hinten gezogene Armschläge? Wie viel Meter Sie bei der Wende gewonnen haben? Nein? Dann wissen Sie eigentlich gar nichts, übrigens genau wie ich, ich weiss das auch nicht, ich fühle mich nach einem Schwumm - oh gesegnetes Schweizerdeutsch, das du für mein Hobby ein Nomen hast! - einfach gut, aber das genügt natürlich nicht für ein optimiertes Leben.
Wir bräuchten Q.S.
Haben Sie sich gestern gesund ernährt? Was haben Sie gegessen? Na, kommen Sie, seien Sie nicht so schüchtern! Zum Frühstück Müsli? Gut. Zum Lunch ein Putensandwich? Noch besser. Am Abend Fisch mit Blechkartoffeln und Salat? Sie sind doch ziemlich grossartig. Aber:
Wie viele Kalorien haben Sie in Ihren Organismus gepumpt?
Wie viele Nährstoffe? Wie viel Vitamin A, B, C, X13, V14 und Z20? Wie viele rechts- und linksspiralige Schalsäuren? Und wie viele vierfachgesättigte Furmsäuren, die ja bekanntlich für den korrekten Herzrhythmus zuständig sind?
Sehen Sie, Sie haben keine Ahnung. Ich auch nicht, bei mir gab es Spargel, Kartoffeln, Schinken und eine leichte Sauce, aber wie viel vierfachgesättigte Furmsäure ich in meine Adern blies, weiss ich auch nicht.

Wir bräuchten Q.S. - The Quantified Self

 „The Quantified Self“ ist ein Netzwerk aus Anwendern und Anbietern von Methoden sowie Hard- und Softwarelösungen, mit deren Hilfe sie z.B. umwelt- und personenbezogene Daten aufzeichnen, analysieren und auswerten. Ein zentrales Ziel stellt dabei der Erkenntnisgewinn u.a. zu persönlichen, gesundheitlich- und sportlichen, aber auch gewohnheitsspezifischen Fragestellungen dar. (so Wikipedia)

Also lassen Sie uns morgen loslegen.
Sie haben keine Lust?
Ich bitte Sie, wir können doch nicht ewig so weiterwursteln.
Eine App mit Nahrungsrechner gibt es gratis, wir müssen da nur "500g Pellkartoffeln" eintippen, den Rest macht die Software.
Einen Schrittzähler werfen einem die Sportgeschäfte ja fast nach, einen Pulsmesser und ein Blutdruckmessgerät zahlt uns, wenn wir Glück haben, die Kasse.
Schwieriger wird es mit dem Arm- und Beinschlagaufzeichner, denn diese Teile sollten ja, wenn es sie überhaupt gibt, wasserfest sein. Aber dafür vernetzen wir uns ja: Irgendwer auf der Welt weiss da sicher weiter. Und ich freue mich schon drauf, nicht nur in Badehose, Badekappe und mit Schwimmbrille, sondern mit vier um meine muskelbepacken Oberarme und Schenkel geschnallten Bändern im Joggeli zum Becken zu tappen, und jeder wird sehen: Hier kommt kein Plantscher! Hier kommt jemand, der die Sache ernt nimmt.

Sie wollen immer noch nicht?
Sie haben noch nicht begriffen, um was es geht?
Selbstoptimierung. Was wir machen, sollte perfekt sein. Unsere Zeit soll optimal genutzt sein. Unsere Nahrung sollte die perfekte Zusammenstellung von Nährstoffen sein. Sport hat aufgehört frisch, fromm, fröhlich und frei zu sein, Sport soll effektiv, energetisch, elaboriert und enervierend (im postiven Sinne) sein.
Und wenn Sie sich jetzt fragen, wo hier Lust und Genuss und Fun bleiben, es gibt auch hier eine App, die Ihnen genau sagt, wie viel Genuss Sie sich heute erlauben können.

Also auf geht´s! Ich will Sie morgen nicht ohne Schrittzähler sehen.

Übrigens funktioniert Q.S. in allen Bereichen. Darum für die, die eine Leseoptimierungsapp haben:
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Montag, 5. Mai 2014

Ein paar Tipps für straffreie Gewaltausübung


Haben Sie auch manchmal so eine Wut im Bauch? Sind Sie so richtig sauer, erzürnt, dass Sie die Zähne fletschen und grummeln und toben? Möchten Sie dann nicht auch manchmal etwas kaputtmachen, etwas zerstören, einschmeissen, aufschlitzen, möchten Sie nicht manchmal mit Stühlen werfen und Wände beschmieren, Steine in Schaufenstern deponieren und Häuser anzünden?
Also ich möchte das manchmal.
Aber Vorsicht: Sachbeschädigung ist eine Straftat und kann Sie –  von einer Anzeige mal ganz abgesehen – sehr, sehr teuer zu stehen kommen. Deshalb lasse ich das auch, weil ich keine 5000.- für aufgeschlitzte Polster übrig habe.

Hier aber kommen ein paar Möglichkeiten, wie Sie Ihre Gewalt zum Zuge kommen lassen könnten, ohne dass Ihnen etwas passiert:
·         Wenn Sie ein Loch in eine Wand bohren möchten, tun Sie das auf einer öffentlichen Toilette, ich meine die Sanitärtrennwand (heisst wirklich so). Werden Sie ertappt, sagen Sie, Sie seien schwul und erklären das gebohrte Loch als Glory Hole. Beschimpfen Sie den Ordnungshüter als homophob und intolerant und drohen Sie mit der örtlichen Szene und der Gay Media. Es wird Ihnen nichts passieren.
·         Behaupten Sie, Ihre Sachbeschädigung sei Kunst, sei ein Happening, eine Aktion, eine Interaktion. Setzen Sie z.B. einen Armeejeep nicht nur in Brand, sondern singen Sie gleichzeitig die Allerheiligenlitanei und klopfen den Rhythmus des „ora pro naobis“ dazu, Ende einer Dienstfahrt. Sie glauben mir nicht? Wenn eine nackte Frau auf dem Marktplatz Eier aus ihrer Vagina rutschen lässt, ist das ein Öffentliches Ärgernis, tut sie das vor den Toren der ART COLOGNE ist das Kunst, auch wenn sie gar kein angemeldeter Messebeitrag ist.
·         Wenn Sie Fensterscheiben zerschlagen möchten, tun Sie das vermummt und verteilen Sie Flugblätter gegen das WEF, die G8 (ich meine nicht das Turboabitur!), die Umweltverschmutzung, die Atomkraft, den Euroraum oder die Weltraumaufrüstung. Achtung: Das kann – je nach politischer Couleur Ihres Haftrichters – auch sehr in die Hosen gehen. Man hat schon für ein paar angesteckte Matratzen etliche Jahre Zuchthaus verhängt.
·         Reisen Sie in ein Land, in dem es nicht auffällt, was Sie alles kaputtmachen, weil eh alle am Schlagen, Treten, Schiessen, am Schlitzen, Beschmieren, Hauen, Stechen, Graben sind. Dorthin, wo der gesunde Menschenverstand in Urlaub gefahren ist, dorthin, wo die Menschen sich nur noch wie die Affen benehmen. Zum Beispiel in die Ukraine. Vorsicht: Es kann sein, Sie werden erschossen. Aber Sie sterben dann wenigstens nicht mit Wut im Bauch, sondern entspannt und ausgetobt.

Und hier der beste, der ultimative Tipp:

·         Mischen Sie sich unter Fussballfans. Als Teil der Fankultur können Sie fast alles machen. Wollen Sie zum Beispiel in Zügen Notbremsen ziehen, mehrfach, damit das Bremssystem zerstören, wenn der Zug hält, den Bahnhof besetzen und die Wagen demolieren? Kein Problem. Die SBB wird toben, die Vereine beschuldigen, FCB, FCZ und GC werden mit den Achseln zucken, die Polizei wird niemand konkret gesehen haben und das Ganze wird im Sande verlaufen. Passieren wird nichts.

Wer aber vor Gewalt zurückschreckt, kann sich auch verbal austoben.
Leserbriefe schreiben.
Beschwerdebriefe schreiben.
Oder Glossen schreiben.
Und grundlos Leute beleidigen.

Dann bis bald, Sie dummes Stück Dreck.
 

 

Freitag, 2. Mai 2014

1.Mai 2014: Die CEOs drohen mit Streik

Der erste Mai, der Tag der Arbeit, ist traditionell ein Tag, an dem über Lohn und Bezahlung nachgedacht wird. Natürlich ist hier Lohnabbau und Lohnkürzung ein ganz heikles Thema. Daher war es nur selbstverständlich, dass sich an diesem Tag der Arbeit, dem 1.5.2014, sich die zu Wort meldeten, die am stärksten von den Lohnbeeinträchtigungen betroffen waren und sind:
In Brüssel demonstrierten ca. 500 Topmanager gegen die Deckelung ihrer Boni und Löhne. Es war schon rührend, wie hier Grössen aus ganz Europa, Tops aus Pharma, Metall, Hightech und Bau standen, Teppichetagenleute, CEOs, Verwaltungsratsvorstände, Hand in Hand, Seite an Seite und Transparente hochhielten wie:
"Weg von unseren Boni!"
"Minder go home!"
"1:12 ist keine Lösung!"
"Kein Lohnabbau in den oberen Etagen!"
"Nur ein goldener Fallschirm ist ein guter Fallschirm!"
Dazu sangen sie We shall overcome und We shall not be moved
Als Redner hatte man Daniel  ("Golden Danny")Vasella, den Ex-Novartischef eingeladen, der unter dem stürmischen Applaus der Menge darlegte, wie schwierig die Situation für Tops geworden ist. Er erklärte, dass die Allgemeinheit sich gar nicht vorstellen könne, mit welchen Lebenshaltungskosten ein CEO sich herumschlagen müsse. "Wer von den linken Heinis", so Vasella, "weiss denn, was eine Jacht kostet, was sie an Benzin braucht, wer kennt denn die Immobilienpreise in Monte Carlo, wer weiss denn, was wir für einen 1987er Chateau Libelle hinblättern müssen? Wir kommen doch jetzt schon mit dem Geld nicht zurecht, wie soll denn das in Zukunft gehen, wenn wir nicht gerade ein Appartement in Zürich aufgeben?"
Vasella schloss sein bejubeltes Referat mit einer klaren Drohung. Wenn die Allgemeinheit die Tops als Freiwild nicht aufgeben und weiter jagen werde, werde es zum Streik kommen.

Autsch.

Ich weiss nicht, ob Danny hier nicht etwas angerührt hat, bei dem der Schuss hinten losgehen kann.
Klar, in einem kleinen Betrieb, wäre ein Chefstreik die Katastrophe. In einem Betrieb, wo der Chef oder die Chefin die meiste Ahnung haben, der Meisterbrief vorhanden ist, wo er oder sie das beste Deutsch kann, am besten organisieren, am besten führen. Ich weiss nicht, ob José und Natascha, die in einer Putzfirma arbeiten, alle Aufträge auch an Land ziehen könnten. Die Putzfrau der Exfirma meines Vaters hätte das nicht gekonnt, sie konnte kein Wort Deutsch man musste auf die Gegenstände und Flächen zeigen und entsprechende Bewegungen machen.
Was aber in mittleren, grossen und sehr grossen Firmen?
Hier könnten zwei Dinge passieren.
Einerseits könnte man das Fehlen des Chefs, das Streiken der Teppichetage gar nicht bemerken. Suter schreibt in seinen BUSINESS CLASS-Kolumnen von Tops, die erst Wochen nach ihrem Herzinfarkt in ihren Büros gefunden werden.
Das Zweite ist aber das Wahrscheinliche: Ohne den Chef ginge es viel besser. Wenn keine Energie mehr für Firmenkäufe, Strategiepläne, Zukunftskonzepte, für Meetings, für Prognosen, für Gespräche, für Ideen verschleudert würde, wenn schlicht und einfach gearbeitet würde, ohne dass irgendjemand von oben E-Mails mit dem tollen Titel "DURAMAG 2016!!!!!" verschickt, dann wäre das gar nicht schlecht.
Insofern ist Danny's Spruch eine gefährliche Sache.
Nein, CEOs, Tops, Manager, Kader werden nicht streiken. Und damit fehlt ihnen das entscheidende Druckmittel um ihre Lohnforderungen durchzusetzen. Sie werden sich langfristig mit einer Lohneinbusse von 50% abfinden müssen. Von 30 Millionen auf 15 Millionen. Und vielleicht müssen sie das Appartement in Monaco verkaufen. Und sich mit dem in New York begnügen.

Immerhin das haben die Arbeiter den Tops voraus: Sie kriegen den 1.Mai effektiver hin.

Montag, 28. April 2014

Filmstars im Schlabberlook

Sie alle haben vielleicht schon die Fotos gesehen:
Da geht Orlando Bloom in Schlurfi-Shirt und Jogginghose einkaufen, da läuft Nicole Kidman in H&M-Dress den Sunset Boulevard entlang, da wird Paris Hilton gesichtet, wie sie ohne Makeup und mit Wuschelfrisur aus einem Cafè kommt. Da sehen wir die Grossen, Schönen und Reichen, the Bold and the Beautiful, die Oscargewinner und Grammyabräumer, wie sie in schlecht sitzenden Jeans und billigen Pullovern, wie sie in Turnschuhen und Discountmänteln die Strassen von San Francisco bevölkern, wie sie in den Kleidern von Otto Normalverbraucher bei Tiffany frühstücken und in ganz normalem Outfit durch Hollywood turnen.
"Normcore" heisst der neueste Trend und ist ganz einfach zu beschreiben:
Es ist Mode, sich nicht modisch zu kleiden.
Das Schrecklichste, Grausamste und Widerlichste, was uns in den letzten Jahren widerfahren ist.
Denn es ist ein Faustschlag gegen alle, die sich gegen die Mode wehren.
Begreifen Sie nicht?
Wenn Sie sagen, Sie machten ja schliesslich nicht jede Mode mit, Sie gingen ganz normal und spiessig, bünzlihaft aus dem Haus, dann sind Sie jetzt - ohne es zu wollen - voll im Trend. Sie sind kein Modemuffel mehr, sondern Sie praktizieren den Normcore-Hype. Ihre zehn Jahre alten Jeans? Voll stylisch! Wow! Ihr alter Pulli? Sensationell! Ihre Schlabberturnschuh? Ich mache sofort ein Foto für die VOGUE.
Das Ganze ist natürlich ein verdammtes Paradoxon. Dass es Mode ist, sich nicht nach der Mode zu kleiden, und das ja dann wieder eine Mode wird, ist so, wie wenn der Lehrer sagt, die Schüler sollen sich heute an keine Regel halten, was ja auch eine Regel ist, usw...
Der Kreter Epimenides sagt, alle Kreter seien Lügner, weil er aber selbst ein Kreter ist, lügt er, also sagen die Kreter die Wahrheit, also auch er, und das Ganze von vorn...
Mir dreht sich gerade das Hirn weg.
Was tun wir normalen Leute jetzt, wenn DiCaprio, Pitt, Jolie und Blanchet auch noch andere Bereiche erobern?
Was tue ich, wenn es Mode wird den ÖPNV zu benutzen? Gut, kann in L.A. nicht passieren, da hat es keinen, aber eventuell am Hudson? Was mache ich, wenn die U-Bahn auf einmal von Stars und Grössen frequentiert wird? Ich habe keinen Bock, mir ein Auto mit Chauffeur zu leisten, nur um nicht im Trend zu sein.
Was tue ich, wenn es Mode wird zu Hause zu kochen, statt in In-Adressen zu dinieren? Mir schaudert schon vor Fotos, auf denen Matt Damon Gnocchi abschüttet, während die Palthrow Salat anmacht und Jud Law den Tisch deckt. Ich kann dann doch nicht jeden Abend ins Chez Jean oder in die Brasserie du Theatre gehen, das lässt mein Konto nicht zu.
Was tue ich, wenn irgendein verdammtes Lifestyle-Magazin Lesen zum absoluten Trend erklärt und womöglich Heinrich Böll zum Muss-Autor? Was tue ich, wenn die Leindwandgrössen auf einmal ihre Alabasterkörper in öffentlichen Badeanstalten präsentieren, weil das jetzt Trend ist?
Was machen alle die Leute, die bei Kieser ihren Rücken trainieren und eben nicht in der WORLD-GYM, wenn es bei Kieser plötzlich von Leuten wie Schweiger und Brühl wimmelt? Was tun wir, wenn wir die Grössen der Welt nicht bei ROLF BENZ, sondern bei IKEA sichten?
Aber vielleicht ist meine Sorge auch unbegründet:
Viellicht ist es eben nur Normcore, wenn man mit einer Woolworth-Handtasche rumrennt, obwohl man sich eine 5000 mal teurere Tasche von einem In-Designer leisten KÖNNTE. Vielleicht ist Normcore eben ein Trend, den sich nur die Bold & Beautiful erlauben können.
Und dann ist es wieder genial:
Das Nicht-Mitmachen-der-Mode wird zu einer Mode, die Otto Mustermann nicht kopieren kann.
Was immer schon so war. Wenn sich Louis XVIII mit dem Handgelenk den Mund abwischte, dann war das eben à la mode, wenn es ein Bauer tat, war das schlechtes Benehmen. Wenn bei Hofe das Verhalten der einfachen Leute kopiert wurde, war das nur deshalb der derniere cris, weil es eben bei Hofe geschah.
Wenn Jupiter das macht, was der Ochse macht, macht der Ochse zwar das Gleiche, es ist aber etwas Anderes.




Freitag, 25. April 2014

Bitte keine Amerikanischen Studien mehr!


Ich lese in der Zeitung „Eine Amerikanische Studie hat ergeben…“. Ich rupfe die Zeitung, bevor ich genau weiss, worum es geht , in viele kleine Schnipselchen und streue dieselben in meine Badewanne. Vielleicht habe ich später Lust, eine Pappmaché-Plastik zu bauen: Der Horror der USA-Studien.
Ich höre im Radio: „Eine Amerikanische Studie hat ergeben…“ und werfe sofort meinen Apparat aus dem Fenster. Dort kann eine ältere Dame das Geschoss mit ihrem Parapluie gerade noch auf einen Ferrari lenken, der dann allerdings eine empfindliche Beule bekommt. Später wird die Schuldfrage diskutiert werden: Hat sie die Delle fabriziert oder ich? Schuld ist aber tatsächlich die USA-Studie.
Ein Typ meint zu mir: „Ja, aber eine Amerikanische Studie hat…“ und ich muss meinen Arm festhalten wie weiland Dr. Seltsam, sonst sähe der Typ schlimmer aus wie der Ferrari.

Ich hasse sie, diese Gutachten, diese Studien, diese teuer bezahlten Forschungsdingsbumsschriften, sie kommen fast immer aus den USA (Warum eigentlich? Warum sind es immer Amerikaner, die so was schreiben? Warum?) und sie funktionieren immer nach dem gleichen Schema:

Man nehme eine Tatsache, wir nennen sie mal Fakte X. (Ich weiss, dass der Singular von Fakten Faktum ist, aber Fakte X klingt einfach so schön nach Akte X.)
Auf Fakte X treffen die folgenden Dinge zu:

1.) Es ist eine sonnenklare Sache, die jedes Kind versteht.
2.) Sich an Fakte X zu orientieren brächte irgendwie blöde Konsequenzen.
3.) Man kann viel Geld verdienen, wenn Leute Fakte X nicht anerkennen.

 Klar? Nicht klar? Wollen Sie Beispiele?
Gut:
* Starkes Rauchen tut der Lunge nicht besonders gut.
* Wer mehr Kalorien zu sich nimmt als er verbraucht, nimmt zu.
* 1 Pfund Tomaten hat weniger Kalorien als 1 Pfund Schokolade.
* Nach 2 Liter Rotwein ist die Reaktionsfähigkeit eingeschränkt, und damit die Fahrtauglichkeit.
* Wer mit der DB fährt, verhält sich CO2-neutraler ein Autofahrer allein im PKW.
usw.

 So, und jetzt gibt es eben zu jeder Fakte X irgendeine bekloppte Studie, die eben nachweist, dass die völlig klare Tatsache sich eben doch ganz anders verhält.
Sie weisen ihr Gegenüber daraufhin, dass das jetzt schon der 17. Glimmstängel innerhalb einer Stunde ist, und es zückt eine Studie, in der ganz klar nachgewiesen wird, dass 1-10 Zigaretten am Tag in Ordnung sind, 11-40 nicht, dass aber über 40 die Lunge wieder eher davon profitiert.
Sie weisen ihr Gegenüber daraufhin, dass die Schokolade-Nougat-Marzipan-Sahne-Creme sich wahrscheinlich übel auf seine Hüften senken wird und es zückt eine Studie, in der ganz klar nachgewiesen wird, dass Schoggi und Nougat, genau wie Maripan und Sahne sich gegenseitig aufheben (kalorientechnisch)
Sie wollen ihrem Kumpel den Autoschlüssel wegnehmen, aber er hat eine Studie im Internet gefunden, bei der alle 100 Probanden der Gruppe 1 (2 Liter Rotwein) besser chauffierten als die 100 der Gruppe 2 (nüchtern).  Was nicht erwähnt wird, ist, ob die Gruppe 2 - Leute überhaupt einen Führerschein hatten.
Sie kaufen sich, stolz, ein Umweltbewusstsein zu haben, eine Fahrkarte, und man schlägt ihnen eine Untersuchung um die Ohren, wonach das Bord-Bistro so viel Energie für Kaffeezubereitung und Hotdogs frisst, dass alle Passagiere genauso gut mit Einzelwagen fahren könnten.

Wer schreibt so einen Mist? Wer denkt sich so einen Schrott aus? Einfache Antwort: Auch Wissenschaftler sind käuflich. 
Wer zahlt für so einen Mist? Na die, die Kohle machen, wenn Fakte X falsch ist.
Das erklärt übrigens auch, warum es immer Amerikanische Studien sind, in den USA ist man da nicht so zimperlich wie bei uns bei der Kooperation zwischen Science und Business.
Wer aber glaubt so einen Mist? Na, die, die ihr Verhalten nicht ändern wollen.
Sie kommen durch diese Dr(ei)ecksmauer nicht durch: Ich darf fröhlich weiter rauchen und saufen, weil eine von Marlboro und Bacardi bezahlte Studie mir das erlaubt. Super.

Begreifen Sie nun, warum ich einfach nicht mehr hinhöre, wenn die Leute mit Studien kommen, mit Untersuchungen, mit Statistiken, mit Probandengruppen, mit Auswertungen, mit Diagrammen, Tabellen, Ziffern, Aussagen?
Begreifen Sie, dass ich Zeitungen zerreisse, Menschen und Autos attackiere? Dass ich den Mist einfach nicht mehr ertrage?
So, habe ich mich mal wieder ausge…

Sie sollten jetzt aber schleunigst auf eine andere Seite wechseln, weil nämlich eine Amerikanische Studie nachgewiesen hat, dass  Porno- und Gewaltseiten im Internet die Intelligenz mehr fördern als das Lesen von Kolumnen.

Und ich will nicht an Ihrer Verdummung schuld sein.

 

 

 

Dienstag, 22. April 2014

Ingolf Deubel und die drei kleinen Gauner

Jakob P. bezieht eine Staatsrente wegen Invalidität. Mit 19 fing es an, dass er sein linkes Bein und seinen linken Arm nicht mehr bewegen konnte, die Ursache blieb, trotz zahlloser Untersuchungen und Konsultationen ungeklärt. Daher sprach man, als er zwanzig war, ihm eine Summe von 2000.- Euro pro Monat zu. Jakob ist allerdings ein Betrüger. Wenn er alleine ist oder mit engsten Freunden zusammen, kann er mühelos rennen, Klavier oder Volleyball spielen. Stirbt er mit achtzig, hat er den Staat um 1,5 Millionen Euro betrogen.

Peter G. betreibt ein Antiquariat, für das er seine Ware auf lustige Weise rekrutiert: Er klaut Werke aus öffentlichen Bibliotheken. Noch immer ist die Kontrolle so milde, die Gestelle so schlecht bewacht, dass es ihm jeden Monat gelingt, Romane, Lyrik und Sachbücher im Wert von mehreren Hundert Euro herauszuschleppen. Wenn er mit 65 in Rente geht, wird er den Staat um 150 000.- gebracht haben.

Hubert K. ist ein begeisterter Schwimmer, klettert allerdings grundsätzlich über den Zaun des Freibades, statt sich irgendwie im Kassenbereich zu zeigen. Da man bei ihm nur die Abokosten rechnen darf, er hätte, würde er zahlen, ja ein Saisonabo, kommen wir auf eine Summe von 15 000.-, die er der Allgemeinheit wegnimmt.

Dann kommt der magische Tag, der magische Tag, an dem alle drei - obwohl sie sich bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht kennen - gleichzeitig erwischt werden. Den ersten Fehler begeht Peter, indem er die Gesamtausgabe von Descartes (frisch aus dem Philosophischen Seminar geklaut) mit ins Schwimmbad nimmt. Dort bekommt er unbändig Lust Badminton zu spielen und fragt den Mann, der neben ihm auf seinem Handtuch liegt, weil der in seiner knappen Badehose und mit seinem sonnengebräunten, muskulösen Körper eigentlich ganz sportlich aussieht. Jakob sieht sich vorsichtig um und sagt zu, hat allerdings nicht seinen Sachbearbeiter in der Cafeteria gesehen. Der holt, weil er Ärger befürchtet, gleich die Polizei. Sie ahnen es: Diese entdeckt auch gleich die 30 Bücher mit der Aufschrift "darf nicht aus der Seminarbibliothek entfernt werden". Als die Beamten gerade mal wegsehen, rast Hubert herbei, der alles beobachtet hat und animiert die zwei durch ein von ihm fabriziertes Schlupfloch abzuhauen. Dabei fliegen auch seine Aktionen auf.

Alle drei sind voll geständig und akzeptieren auch die ein Jahr später über sie verhängten Urteile und Entscheide.

Dabei hätte Jakob nicht nur Arm und Bein, sondern den gesamten Körper lahmlegen müssen, er hätte sich bis auf die Wimpern völlig totstellen müssen und wäre bei einer Monatsrente von 20 000.- bis zum Unheilstag immer noch nicht auf die Summe gekommen, die Nürburg-Deubel dem Staat weggenommen hat.
Peter hätte ganze Bibliotheken leerräumen müssen, inklusive der Spielothek und der Mediothek, ja sogar inklusive aller Regale und Computer und hätte es knapp auf die Summe geschafft. Hubert schafft es nicht, auch wenn er in alle Museen, Theater, in alle Frei- und Hallenbäder sich hineinmogelt und zudem noch schwarzfährt. 
Warum ist das Nürburg-Urteil für viele so schwer zu schlucken? Vor allem für Herrn Deubel selbst, der ja bis zur Urteilsverkündung mit hoher Nase im Gerichtssaal sass und fest, felsenfest, bombenfest mit einem not guilty gerechnet hat. Schliesslich hat er ja nur ein bisschen grosszügig Zuschüsse, Vorschüsse, Beischüsse, Nachschüsse verteilt und dabei trugschlüssig übersehen, dass das Geld ihm nicht gehört.
Warum rufen wir bei einer Gefängnisstrafe in einem solchen Fall "OH HA!" aus?
Weil es irgendwie besser aussieht, Steuergeld in alle falschen Richtungen zu verteilen, und zwar diffus und unkontrolliert, als die Allgemeinheit um einen ganzen konkreten Brocken zu bringen. Und weil wir denken, Politiker handeln nach bestem Wissen und Gewissen, blöd wie wir sind.

Jakob ist ein Schwein, Peter ist ein Schwein, Hubert ist ein kleines Schweinchen und Ingolf ist ... Politiker. Er ist keinen Daumenbreit besser, er ist sogar schlimmer, denn er hat mehr geklaut. 
Insofern bin ich sehr froh über das Urteil. 

Eine Frage bleibt natürlich: Wer hat da alles weggeschaut, weggeguckt, Chinesischer Affe gespielt? Wer hat da Arztzeugnisse ausgestellt? Welchem Bibliotheksangestellten hätten die gefüllten Rucksäcke auffallen müssen? Welcher Bademeister hätte bemerken müssen, dass er einen offensichtlichen Stammgast noch nie an der Kasse gesehen hat? Wo waren im Fall Deubel Parlament, Kontrollkommission und Rechnungshof?
Brecht fragt in seinen Buckower Elegien, warum ein Wachhund, der zum Menschenfreund wurde, noch sein Fressen bekommt.

Wir alle glauben an das Gute im Menschen.
Auch weil es sehr, sehr, sehr viel bequemer ist.