Donnerstag, 17. April 2014

Luthers Werbeagentur (Ein Karfreitagspost)

Mein Freund Ricki macht Websites. Für Firmen, Vereine, Verbände, für alle, die in dem grossen Teich, der sich Internet nennt, ein bisschen mitmischen wollen. Webseiten machen ist eigentlich ein lukratives Geschäft, es sei denn, man macht es so wie Ricki, denn er muss immer noch irgendetwas hineinmogeln, was den Vereinen, Verbänden, Firmen, Organisationen, denen, die im Teich Internet eben mitmischen wollen, gar nicht schmeckt.
Ich weiss nicht, ob es seiner Ehrlichkeit entspringt, ob er provozieren muss, ob er ein Vollständigkeitsfetischist ist, aber er schafft es stets, für einen grossen Auftrag doch kein Geld zu bekommen.
So hat er zum Beispiel einem Fussballverband eine Homepage gestaltet, bei der der Hintergrund ausser einem Ball zwei Hände zeigt, die einander einen Geldschein reichen. Einem Chemieunternehmen hat er eine Fotogalerie eingerichtet, die den örtlichen Fluss zeigt, mal braun, mal rot, mal gelb, mal grün, und zwar alles echte Aufnahmen ohne Färbung.
Der örtlichen CDU-Gruppe setzte er einen Link zu dem Video, auf dem Helmut Kohl erklärt, er werde die Spendernamen nicht nennen, der örtlichen SPD-Gruppe setzte er einen Link zum Schröder-Song ("Ich erhöh' euch die Steuern, gewählt ist gewählt, ihr könnt mich jetzt nicht mehr feuern...")

Als ich ihn bei einem Glas Bier in unserer Stammkneipe darauf anspreche, kommt Ricki mit einer alten Geschichte: "Und was ist mit Peter von Hempshempel?" "Wer soll denn das sein?", werfe ich ein und nehme einen grossen Schluck, während ich mir eine Zigarette anzünde. "Du kennst Peter von Hempshempel nicht? Der hatte die Werbeagentur, die die Reformatoren beraten hat. Und er hat Luther, Melanchthon, Calvin und Zwingli den Hahn mitgegeben. Den Hahn, weisst du, der Hahn, der dann auf jedem Kirchendach war, der Hahn ist ein Zeichen des Versagens."

Ich glaube zwar, dass es Peter von Hempshempel nicht gab, und ich glaube auch, dass die Reformatoren keine Werbeagentur hatten, aber in einem Punkt hat Ricki recht: Das männliche Geflügel, das in meiner Jugend klar eine evangelische Kirche kennzeichnete, im Gegensatz zu katholischen, die ein Kreuz hatten, ist ein Negativ-Logo: Es sagt, dass die Organisation nicht perfekt ist und auch nicht sein kann.

Wir erinnern uns:
Da hatte Jesus gesagt, dass Petrus ihn dreimal verleugnen würde. Petrus hatte beteuert, dass er ja BestFriendForEver sei, dass er mit dem Rabbuni bis ans Ende der Welt gehen würde, dass er für ihn Pferde stehlen würde, ja sogar eine Wagneroper anschauen, wenn es die schon gäbe. Jesu war hart geblieben und hatte vorhergesagt, dass Petrus, bis der Hahn dreimal krähte, ihn dreimal verleugnen würde. Und so kam es dann auch. Als der Hahn seinen dritten Schrei losliess, erkannte Simon, dass er ziemlich Mist gebaut hatte.

Und dieser Hahn zierte früher die evangelischen Kirchen, zeigend, dass niemand davor gefeit ist, im entscheidenden Moment zu versagen.
Die Frage ist nun: Haben die Firmen, Verbände, Organisationen, die, die im Teich des Internets mitfischen, mitmischen, mitwischen möchten, die Grösse, sich den Hahn auf das Dach setzen zu lassen? Es gibt da unterschiedliche Beispiele.

Die SANDOZ zog ihr Geschenk an die Stadt Basel zurück, als die Bildhauerin Bettina Eichin nach dem Schweizerhalle-Unfall einen von zwei Bronze-Markttischen leer gelassen hatte und darauf das Gedicht "Die Vergänglichkeit" von J. P. Hebel gravierte.
Die Stadtsparkasse Aachen finanzierte den Brunnen "Kreislauf des Geldes" von Karl-Henning Seemann, auf dem der Bildhauer auch Bettelei und Korruption darstellte.
Auch das gibt es.
Haben wir den Mut, uns den Hahn aufs Dach setzen zu lassen?

Irgendwie ist Ricki ja schon auf dem richtigen Weg, das musste ich nach fünf Bier in unserer Stammkneipe ihm dann doch zugestehen.
Auch wenn er nicht viel Geld mit seinem Webdesign machen wird.
Und wenn es auch Peter von Hempshempel wahrscheinlich nie gab.


Montag, 14. April 2014

Ehrloser Ehrendoktor oder: doctor horroris causa


Habe die Ehre!
Habe die Ehre!
Mit wem habe ich denn die Ehre?
Ach so, natürlich, mit Ihnen werter Leser, werte Leserin, mit Ihnen habe ich die Ehre, da will ich gleich anfangen, Ihnen heute die Ehre zu erweisen, sozusagen von Tisch zu Tisch gehen und meine Ehrbezeugungen machen, die sogenannten Honeurs. Sind doch wir doch alles ehrenhafte und ehrenwerte Leute, eine Gesellschaft von ehrsamen Bürgern, aber keine ehrenwerte Gesellschaft, das ist etwas anderes. Vielleicht spielt auch eine Kapelle zu Ihren Ehren, da stehen dann Ehrendamen herum mit Blumensträussen in der Hand, früher sagte man Ehrenjungfrauen, hat man geändert, weil man ja nicht so genau weiss, ob die Ehre noch da ist, nein, falsch, es ist ja gar nicht mehr ehrenrührig, die Ehre nicht mehr zu haben. Die Ehrendamen also stehen da und lächeln – und eigentlich müsste es in Musikkapellen, die viel mehr Frauen haben, dann auch Ehrenknaben geben. Maid of honor sagen die Briten, das heisst dann aber auch Brautjungfer.

Habe die Ehre!
Sind Sie vielleicht irgendwo Ehrenmitglied? Oder Ehrenpräsident? Oder Ehrenbürger? Ich selbst bin Ehrenmitglied der KKB Alumni, worauf ich sehr stolz bin. Ehrenmitglieder oder Ehrensenatoren oder Ehrenobmänner haben in vielen Jahren etwas Ehrenhaftes, auch Ehrgeiziges oder Ehrenvolles geleistet und werden so belohnt.

Nehmen wir doch den Ehrendoktor: Verliehen an eine Person, die entweder nicht promovieren konnte (wegen der falschen Ausbildung), aber etwas gemacht hat, was die Ehre rechtfertigt. Zum Beispiel eine Erfindung. Ohne eine künstlerische Leistung. Oder einer Uni Geld gespendet. Oder –das ist jetzt ein nicht ganz so ehrverdächtiges Tun – einer Uni Geld zugeschaufelt, als Politiker. Witzig wird dann der Ehrendoktor, der doctor honoris causa, der Dr.h.c., wenn man vorher einen eigenen Doktortitel unehrenhaft verloren hat, wenn die Ehre also den Bach runter ist, wenn der Ehrgeiz einen zu Ehrlosigkeit verleitet hat, wenn man die Berufsehre, die Fakultätsehre, die Ehre der Wissenschaft, die Ehre der Uni mit Füssen getreten hat, dann müsste man ehrenhalber den Doktor ehrenhalber ablehnen und seine Verleihung verhindern.
Sonst stehen da nämlich Ehrendamen herum (und Ehrenherren), die ziemlich dumm  aus der Wäsche schauen. Nein, so war der Ehrendoktor nicht gedacht.
Aber an Ehre kann eben nur eine(r)  denken, der oder die Ehre hat, und wenn man zu viel Ehrgefühl hat, kann man ja gar nicht Politiker werden.

Vielleicht habe ich mich aber auch verhört:
Vielleicht wurde hier der auch der doctor horroris causa verliehen, verliehen an eine schreckliche und gleichzeitig schreckhafte Person, die vor dem Betrug nicht zurückschreckte, aber schreckliche Angst vor den Konsequenzen hat. Der Schreckdoktor für eine schreckgeschraubte Dame, wie sie im Buche steht.
Vielleicht wurde dafür, dass sie das Blaue vom Himmel herunterlog, ohne rot zu werden, dass hier schwarz auf weiss kopiert wurde, dass niemand ihr mehr grün war und ihr Machwerk nicht das Gelbe vom Ei, ihr der doctor coloris causa verliehen, ich höre bei den SWR2-Nachrichten manchmal nicht so genau hin.
Oder war es der humoris causa? Den hätte sie allerdings verdient, denn sämtliche Komiker der Republik jubeln natürlich, wenn eine Posse nach einem oberpeinlichen Hauptteil einen noch viel peinlicheren Epilog bekommt.

Wenn es aber doch der honoris war, dann könnte das Wort Ehre einen schalen Beigeschmack bekommen, so als hätten alle Ehrenpräsidenten, Ehrenbürger, Ehrenmitglieder vorher und anderswo ehrlos und unehrenhaft gehandelt.  Das wäre schade.
Habe die Ehre!
Habe die Ehre!

 

Freitag, 11. April 2014

Trölöbö ist überall


Sie haben über den Schränkchen-Post neulich gelacht? Gegrinst? Schadenfroh gelacht? Schadenfroh gegrinst?
Lachen Sie nicht. Grinsen Sie nicht. Kichern Sie nicht. Seien Sie nicht schadenfroh.
Sorry, das wird jetzt ein wenig zu sehr Handke, tut mir leid, aber was ich sagen wollte, ist das Folgende:
So etwas kann Ihnen auch passieren. Denn Trölöbö ist überall. Trölöbö ist in uns allen. (Ich lasse jetzt mal die furchtbar anstrengenden Sonderzeichen weg und schreibe Umlaut.)

Das Trölöbö-Syndrom kann so definiert werden: Man ändern irgendwo eine Kleinigkeit, kauft etwas, verkauft etwas, hat irgendeine Idee und schwups: Alles steht auf dem Kopf.
Da ersteht Detlev ein T-Shirt mit V-Ausschnitt, so einen tiefen, der jetzt modern ist und der auf dem Foto mit dem Male-model  so gut aussieht, weil man auf die definierten Brustmuskeln und die gebräunte Haut gucken kann, stellt dann aber zuhause fest, dass seine schon angegrauten Brusthaare nicht so schön dazu passen, Detlev ist 52. Der gute Mann enthaart sich in dem betroffenen Bereich, das ist dann aber noch bescheuerter, eine teilenthaarte Brust, also Ganzkörperwaxing, jetzt fällt aber seine Blässe und seine unreine Haut zu sehr auf. Am Ende ist Detlev  gepeelt, gewaxt, solariert und ein völlig neuer Typ, er war ja eher so Brummbär, jetzt ist er Beachboy, und alles nur wegen eines T-Shirts.
Trölöbö ist überall.
Da benötigt der Schachclub Tiberswil (SCT) eine neue Homepage, und wenn schon die Arbeit, dann könnte man ja auch ein neues Logo, dabei denkt man über den Namen nach, der Name ist auch nicht so toll, und Go wollte man eventuell  ja auch anbieten. Am Ende ist der Tiberswiler Verein für Brettspiele entstanden, mit Go, Gobang, Halma, Mühle, Dame und Backgammon, über Siedler im Kaftan und Molo-Pony wird noch geredet, aber eigentlich wollte man ja nur ein klein wenig am Internetauftritt schrauben.
Trölöbö ist überall.
Das Trölöbö-Syndrom kann jeden treffen.
Da braucht man eine neue Schnellzugverbindung, nach…ich erfinde jetzt mal irgendeine Stadt: Ulm. Wenn man das macht, könnte man ja auch gleich den Flughafen mit anbinden, wir benennen ihn mal mit dem Fantasienamen Echterdingen. Es braucht zwei Gleise, die statt zu enden durchgehen, aber man könnte ja…Am Ende steht ein unterirdischer Durchgangsbahnhof, der die Hälfte der Innenstadt, den kompletten Stadtpark und ein Baudenkmal frisst und man kann von Glück reden, dass die Stadtkirche und das Schloss noch stehen, von grossem Glück.
Trölöbö.
Ist man da ganz machtlos dagegen?
Es gibt eine Wunderwaffe, ich habe sie schon oft beschrieben:

Nachdenken. Und zwar vorher.
Unvergessen sind mir die Stellproben meines Lehrmeisters Manfred Schreier. Da purzelten die Choristinnen und Choristen nicht wie üblich wild durcheinander, Schlagzeug umwerfend und Harfen zerschellend, da gab es kein Gebrüll und keine Druggete, da wurde erst einmal hingestellt und dann ging das:
„Alti! Erst schauen und denken! Könnt ihr eine Treppenstufe höher? Nein? Dann bleibt da! Tenöre! Erst schauen und denken! Könnt ihr aus drei zwei Reihen machen? Ja? Dann tut das!“

Denken ist ein Wundermittel.
Dann kauft man eben keine Möbel, die man nicht braucht, dann ersteht man keine Klamotten, die nur bei zwanzigjährigen durchtrainierten, braungebrannten Models gut ausschauen, dann macht eine Homepage, auf der auch das alte Logo geht und sticht am Bahnhof zwei Gleise durch, so wie Zürich HBF.
Trölöbö ist … Nein, Trölöbö ist da eben nicht, wo die kleinen grauen Zellen arbeiten.

Trölöbö verschwindet, wo der Kopf nicht nur zum Huttragen benutzt wird.
Sie wollen zum Coiffeur? Neue Frisur?
Ich warne Sie!
Ich warne Sie!
Kontrollieren Sie erst, ob die neuen Stoppelhaare auch zu Ihren brünhildesken Hüften passen. Denn wenn ich Sie nächste Woche bei Mango-Diät, Papaya-Kur oder Litschi-Fasten treffe, dann werde ICH:
Grinsen.
Schadenfroh grinsen.
Lachen.
Kichern.
Schadenfroh.

 

Dienstag, 8. April 2014

Geisterkonzerte und Geisterzüge: Ohne Leute geht es besser

Liebe Leser, ich hoffe, Sie wissen, was ein Geisterspiel ist. Nein, das ist keine Wiederholung des Wunders von Bern mit den Seelen der verstorbenen Spieler, es ist keine nächtliche Kickerei, bei der die Gründer des Fussballs sich als Schatten treten und rempeln, durfte man damals nämlich noch.
Ein Geisterspiel ist ein Spiel ohne Zuschauer. In leerem, abgeriegeltem Stadion. Das bekam der FCB als Strafe, weil einige Fans meinen, Basel habe einen zu guten Ruf, als friedliche, nette Stadt, wo alles höflich und sauber ist und bei der Fastnacht Tausende von Leuten auf der Strasse ohne Schlägereien und Alkohol fröhlich feiern. Das ist ja auch zu langweilig. Also schmeisst man ein bisschen mit Gegenständen, zündet Pyros, ein klein wenig RambaZamba, und der Verein spielt statt vor 30 000 vor 350 Leuten (ausgesuchte natürlich).
Was jetzt total verblüfft: Basel schlägt Valencia mit 3:0. Einige Spieler waren noch nie so gut, waren noch nie so fit, rannten noch nie so schnell, trafen noch nie so schusssicher. Das gibt einem doch zu denken, tut es doch. Und ich komme zu der heftigen Aussage:
Fans stören!
Publikum stört!
Leute stören!
Menschen stören!

Wie gut wäre ein Restaurant, eine Beiz, ein Lokal, wenn die dummen Gäste nicht wären. Alle Tischtücher blieben sauber, die Gläser würden immer funkeln, es wäre ausser dem dezenten As Time Goes by des Barspianisten nichts zu hören. Eine Oase.
Wie pünktlich wäre die DB (und bald trifft das - leider - auch auf die SBB zu), wenn nicht ständig Passagiere aus- und einsteigen und mit ihren Koffern, ihren Kinderwägen, ihren Wintersportgeräten die Eingänge der Wagen blockieren würden und eine pünktliche Abfahrt unmöglich wird.

Also brauchen wir Geisterzüge und Geisterkneipen.

Wie toll wäre denn das, wenn die BASELWORLD eine Geistermesse wäre! Der Himmel auf Erden! Ich habe mich ja neulich über die Messeheinis lustig gemacht. Die blieben dann daheim. Aber auch die Sicherheit wird gewährleistet: Der 400 Millionen teure Schmuck wird einfach eingesperrt, die Hallen abgeriegelt und nix kommt weg.

Ja, und jeder Musiker wird mir beipflichten: Wir brauchen vom Staat finanzierte Geisterkonzerte, die live übertragen werden, aber vor leeren Rängen stattfinden. Der Künstler braucht sein Publikum? Der Künstler liebt sein Publikum? Ja, natürlich, die meisten schon, aber was die Ultras im Fussball sind, sind die Ich-habe-zwar-eine-Erkältung-aber-möchte-den-Mozart-trotzdem-hören-Leute. Das schnieft, hustet, bellt, das röchelt und schnauft, das kratzt und krächzt, immer gerade an den leisesten Stellen und wer nicht an Angina oder TBC leidet, wer eigentlich still wäre, der hat dann bestimmt ein Handy dabei. Das Handy klingelt auch immer und stets an der pppppppp-Stelle. Man kann fast ein Quiz machen:
Wo klingelt das Mobilteil in der Johannespassion? Bei "und verschied".
Wo klingelt es in Mahler VIII? Richtig, bei "Alles Vergängliche".
Und wenn kein Husten und kein handy die Aufführung stört, dann ist es ein Kleinkind, ich weiss, das ist jetzt kinderfeindlich, aber meiner Meinung nach hat ein 1/2jähriges Wesen in der Missa Solemnis nichts verloren.
Nein, nein, wir brauchen Geisterkonzerte, vielleicht die Kritiker von zwei Zeitungen und die Gönner werden noch rein gelassen, aber der Rest der Menschheit  hört das Ganze im Radio oder auf YouTube.
Die Musiker wären so viel besser.
Glenn Gould hat das erkannt und irgendwann gar nicht mehr konzertiert, sondern nur noch aufgenommen.
Die GeigerInnen, SängerInnen, DirigentInnern könnten endlich Glanzleistungen vollbringen.

So wie Fussballer auch Glanzleistungen vollbringen, wenn keine Fans anwesend sind.

Freitag, 4. April 2014

It's a wonderful (????) BASELWORLD

Am 27.3. stehe ich wie jeden Morgen an der Haltestelle Mustermesse, sinniere so vor mich hin, warte auf die Linie 2 zum Bahnhof und denke an nichts Böses. Auf einmal trifft mich von hinten ein massiver Wasserstrahl. Demo? Autonome? Wasserwerfer? Polizei? denke ich noch bruchstückhaft, als ich durch die Luft segle, mein Ende schon vor Augen, aber bevor ich auf dem Boden aufschlagen kann,  fängt mich ein Orange-Männchen auf und wirft mich in eine Tonne. Dann verliere ich endgültig das Bewusstsein. Ich erwache in einem Büro der Stadtreinigung. Ein Mann, er nicht in Orange, sondern in dezentem Anzug und passender Krawatte, erklärt mir, es sei ihnen sehr, sehr peinlich, aber die Arbeiter stünden halt sehr unter Druck, heute beginne doch die BASELWORLD, und da müsse das Messeareal  völlig sauber sein, man sollte praktisch vom Boden essen können, nicht auszudenken, wenn ein Singalese eine Kippe auf dem Boden sähe, ein Sakrileg, was in seiner Heimat ja mit Auspeitschen bestraft werde. Nicht auszudenken, wenn irgendwo noch Räppli herumführen, die Räppli seien ja das Schlimmste, er raufe sich ja den ganzen Tag die Haare, weil die Uhren&Schmuck-Messe so nah an der Fastnacht liege, er habe auch schon Vorstösse beim Grossrat gemacht, die Räppliwerferei  ganz zu verbieten, aber da stiesse man ja auf taube Ohren, weil die Fastnachtsfunktionäre so eng mit der Politik verfilzt seien. (Für meine deutschen Leser: gemeint sind Konfetti) Jedenfalls, er bittet sehr um Verzeihung und drückt mir als Entschädigung einen Scheck über 10 000.- Franken in die Hand, auf meinen Hinweis, das sei jetzt doch ein wenig übertrieben, meint er, er bezahle das aus der Portokasse.

Ich nehme mir einen Tag frei und bummle durch das Kleinbasel.

Vor  COOP, MIGROS (für nichtschweizer Lautleser: Bitte, bitte, bitte das „s“ nicht mitsprechen) und dem DENNER sitzen Angestellte und fragen sich bezüglich der während der BASELWORLD akzeptierten Währungen ab.
„100 Yen.“ „Falsch, 50 Rupien. Jetzt ich.“ Der andere hält einen Schein in die Höhe. „20 Rubel.“ „Falsch, 100 Leva.“ „Was soll denn das sein?“ „Bulgarien. Hast du komplett geschlafen bei der Schulung?“

Vor einer Bar überpinselt ein Maler das Eingangsschild: Aus „2 HOT 4 U“ wird „Too Hot for You“. Die Zahl 4, erklärt er, die Zahl vier, sei für Asiaten die Unglückszahl, keiner würde in eine Bar, an der die 4 draussen prangt, gehen, so sei jetzt zwar der Gag weg, aber sie hätten Kundschaft.

Ruedi, der Wirt meiner Stammbeiz , wechselt gerade die Speisekarten aus. „Ruedi“, quatsche ich ihn an: „25 Franken für einen Grünen Salat und 53 Franken für ein Cordon Bleu? Ist das nicht ein wenig Abzocke?“ „Sie zahlen es, Schätzchen, sie zahlen es, sie würden auch das Doppelte zahlen, wer gerade 1000 Luxusuhren à 200 000.- eingekauft hat, zahlt auch 40.- für einen Kaffee.“ „Und ich?“ „Du kriegst alles zum Normalpreis. Ich bin aber eh ausgebucht.“ „Und was mach ich dann?“ Ruedi schlägt selber kochen vor. Selber kochen, auf keinen Fall, nicht so nah am Messegelände. Ein Freund von mir machte letztes Jahr Pizza und hatte das Fenster offen gelassen, vom Duft angelockt, sassen plötzlich drei Japaner an seinem Esstisch, und weil sie nur Japanisch konnten, war ihnen ganz schwer begreiflich zu machen, dass sie sich in keinem Restaurant befanden. Nein, nein, ich gehe in die Agglo, ins Rössli nach Binningen oder in den Schwanen nach Flüh, da war ich eh schon lange nicht mehr.

Um die Mittagszeit bricht der Sturm dann los. Horden von Anzugträgern und Damen in Pumps. (Das grausamste Schuhwerk, wenn man 8 Stunden auf einer Ausstellung herumdackelt!) Die Taxis rasen durch die Stadt und spucken unentwegt Leute aus, die von Hotellobbies aufgesaugt werden und sich  nach einer halben Stunde wieder Richtung Messe ergiessen. Es hat etwas von Lemmingen. Allerdings ohne Selbstmord.

Ich mache erst einmal einen Mittagsschlaf.

Als ich um Mitternacht von Flüh heimkomme, wo ich für 40.- ein Dreigang hatte, ist das Messegelände völlig eingesaut, Tausende von Kippen und leeren Bierdosen. Ich glaube, deshalb kommen die mandeläugigen Einkäufer auch so gerne her: Hier dürfen sie mal rumschweinen ohne gleich die Todesstrafe zu fürchten.       
Und wir machen es ja weg. 
Mit Wasserwerfern. 
Morgen passe ich auf und halte Abstand, das nächste Mal fängt Orange-Man vielleicht nicht so gut.

Montag, 31. März 2014

Ich ertrage nicht, wenn schwedische Schränkchen weinen


Kauf mich, sagt das pupsrote TRǾLǾBǾ®-Schränkchen, kauf mich, ich würde so gut zu deinem pupsroten Duschvorhang und zu deiner pupsroten Kloumpuschelung passen. Ich antworte TRǾLǾBǾ®, dass ich kein Badezimmerschränklein brauche. Du hast doch jetzt Platz, viel Platz, antwortet das pupsrote Kästlein. Eben, sage ich, ich habe ganz viel freie Fläche in meiner neuen Wohnung, viel freien Raum, und der freie Raum bleibt eben nur ein freier Raum, wenn er frei bleibt. Grosse Wohnungen haben so die Tendenz, Gegenstände anzuziehen und sich vollzudingen. Und ich will keine vollgedingte Wohnung, sondern eine entdingte Wohnung. Deshalb bin ich ja in das Grosse Schwedische Möbelhaus mit einer klaren Einkaufsliste gekommen: Zwei Stehlampen, vier Läufer, drei Hocker, ein Garderobenständer, punkt, fertig, aus, nix weiter.  Ich passe aber zu deiner Kloumpuschelung, flüstert TRǾLǾBǾ®, und zu deinem Duschvorhang. Ich werde lauter:  Ich brauche dich nicht! TRǾLǾBǾ® fängt an zu weinen. Das ertrage ich nicht, ich ertrage es nicht, wenn pupsrote Badezimmerkästlein in meiner Gegenwart weinen. So verlasse ich das Grosse Schwedische Möbelhaus nicht nur mit zwei LIKTAN®-Lampen, vier TRITTDRUF®-Läufern, drei BAEKWAEM®-Hockern und einem DRANHANG®-Ständer, sondern eben auch mit TRǾLǾBǾ®, dem pupsroten Badezimmermöbel, das so gut zum Restbad passt.

Ein paar Tage steht das Schränklein nur so herum. Dann finde ich die Oberfläche zu leer und kaufe eine Porzellanschale mit orientalem Potpourri, eine Glasvase mit Sandelholzstäbchen und einen sündhaft teuren Seifenspender. Ich bin zufrieden.
 TRǾLǾBǾ® nicht. Nach einer Woche fängt das Kästlein jedesmal, wenn ich am Zähneputzen oder eincremen bin, mich zu nerven. Ich bin so leer, seufzt es, ich bin so leer. Du bleibst auch leer, ich habe dir gesagt, dass ich dich eigentlich nicht brauche. Ich habe nicht vor, dich jetzt mit irgendwelchen Badartikeln, die ich ja auch gar nicht habe, vollzudingen. Die ganze Volldingerei geht mir so etwas von auf den Sack. Ich bin so leer, weint TRǾLǾBǾ®. Meine Güte, ist das eine Heulsuse, aber es heisst irgendwie auch schon so weinerlich. Jedenfalls: ich bin schluchzenden Schränken nicht gewachsen. Ich kaufe ein paar Ersatzseifen für die erste und ein Reservehandtuch für die zweite Schublade.

Für eine erste Einweihungsparty habe ich Hans und Peter eingeladen. Dummerweise habe ich letzteren eine Woche davor kurz auf meine Toilette gelassen, als wir in der Nähe meiner Wohnung etwas zu tun hatten. Hätte ich nicht machen sollen, der Schuft hat natürlich in TRǾLǾBǾ® geguckt.
Hans bringt mir eine 28schachtelige Seifenkollektion (u.a. mit Erdbeer-, Mango-, Zimt-, Schoko- und Lakritzaroma) und Peter sieben Riesenduschtücher in den Regenbogenfarben. Damit ist das pupsrote Schränkchen nicht nur voll, sondern übervoll, auch, weil ich natürlich die Alternativpotpourris und die Reservesandelhölzer irgendwo lagern muss.

Die Regenbogenduschtücher würden in BULBIG® eh besser aussehen, sagt TRǾLǾBǾ®, BULBIG®, das ebenfalls pupsrote Regal, das du auch gesehen hast, und ich wäre nicht mehr so alleine. Dieses Mal lasse ich mich auf keine Diskussion ein, ich falle eh um, wenn das verdammte Möbel wieder zu flennen anfängt. Also rase ich noch einmal ins Grosse Schwedische Möbelhaus und kaufe BULBIG®, um dann zuhause festzustellen, dass natürlich Regenbogenfarben etwas Neutrales brauchen, TRǾLǾBǾ® hat nicht arg nachgedacht, ich stelle BULBIG® mit Usambaraveilchen und Kakteen voll und kaufe noch METAAL® aus Stahldrähten und weil METAAL® so gross ist, noch sieben kleine Handtücher in rot, orange, gelb, grün, blau, indigo und violett.

Mein Bad hat 20qm, ist somit dreimal so gross wie mein altes Badezimmer, trotzdem habe ich praktisch schon keinen Platz mehr. Der Raum ist völlig zugedingt. In den letzten Wochen, wir zählen nochmal zusammen, sammelten sich zwischen den gefliesten Wänden die Möbelstücke TRǾLǾBǾ®, BULBIG® und METAAL®, über 30 Seifen, 14 Tücher, sechs Pflanzen, vier Potpourris, eine Schale, eine Vase und 1 kg Sandelholz. Absolut zugedingt, überdingt, verdingt, dieses Bad, wir haben noch den sündhaft teuren Seifenspender vergessen.
Und alles nur, weil ich schwach werde, wenn schwedische pupsrote Kästlein weinen…

Donnerstag, 27. März 2014

Jetzt auch Venetien - die Torte zerfällt


Eine grosse Torte aus 10 verschiedenen Einzelkuchen zusammenzusetzen ist schon eine Sache, die eine erfahrenen Konditorin oder zumindest einen  guten Hobbybäcker verlangt. Schwieriger wird es, wenn während des Montagevorgangs die Einzelkuchen auseinanderbrechen. Da braucht es eine Menge Zuckerguss, Buttercreme, süsse Schmiermasse, um etwas Anständiges zu zaubern, Schokolade klebt auch ganz gut.
Wenn drei befreundete Ehepaare in ein Haus ziehen, ist das eine dufte Sache: Man kann gemeinsam kochen, feiern, quatschen, man hütet sich gegenseitig die Kinder und im Sommer wird bis in die Puppen gegrillt, im grossen Garten, denn die Zäune hat man gleich weggelassen. Schwieriger wird es, wenn die drei Paare sich zerstreiten und trennen. Kann man jetzt noch bei Jochen (der sich in den 2. Stock zurückgezogen hat) einfach in die Küche latschen und eine Milch holen, wenn im 1. Stock Marlene lauert, die einen hasst, weil man sich auf Jochens Seite geschlagen hat?

Sehen Sie: Genauso kommt mir Europa vor. Einerseits die grosse Gemeinschaft, freier Handel, offene Grenzen, die Vereinigten Staaten von Europa (USE)scheinen greifbar nahe, andererseits wollen überall Regionen mehr Autonomie. Die Schotten wollen –zum wievielten Male? – weg von London, die Cornish People (oder heisst es Cornwaller oder Körner?) möchten auch mehr Unabhängigkeit, wobei sie die Abhängigkeit  von den von der Themse her gezahlten housing-, learning-, working- und tax-benifits nicht stört, die Basken, die Wallonen, alle mäkeln an ihrem Staatsgebilde herum.

Und jetzt auch die Venetianer.

In einem unverbindlichen Votum (warum schreibt hier eigentlich keine Zeitung „völkerrechtswidrigen“???) haben sie sich neulich für einen eigenen Staat ausgesprochen. Da die Region sowieso bald im Meer versinkt, ist es kein Problem, sie zu entlassen. Ausserdem sprechen sie ein schlechtes Italienisch (wer sagt denn „bona sära“ und „stässa“?) und feiern das ganze Jahr Karneval. Aber es wird für einen Aufschrei in Milano sorgen: Wieso denn jetzt die? WIR sind doch die, die weg wollen, WIR wollen doch eine eigene Republicca Lombardia, oder noch besser zu den Eidgenossen, die uns zwar nicht wollen, aber sei’s drum. Wenn die da mit ihren komischen Glasfiguren sich behaupten können, dann wir Lombarden mit Mode und Hightech gleich zehnmal.

Mir scheint, hier könnte das Bayern-Modell helfen. Das Bayern-Modell ist eine Scheinselbstständigkeit, die allen Beteiligten das Gesicht wahren hilft und harte Auseinandersetzung vermeidet. Als die Bayern 1945 überlegten, ob sie bei Deutschland bleiben, schliesslich waren sie als letzte zum Kaiserreich gestossen und hatten 1866 noch auf der Österreichischen Seite gestritten, legten sie einen Katalog von Forderungen vor, deren erster Teil anstandslos akzeptiert wurde:
·         Eigenes, mit keinem anderen kompatibles Schulsystem
·         Radiosender, der nicht den linken ARD-Mist spielen muss
·         Name „Freistaat“
·         Eigene Partei

Der zweite Teil war schwieriger:
·         Todesstrafe
·         Staatsämter nur an Katholiken
·         Visumpflicht bei mehrwöchigem Aufenthalt

Diesen Forderungen wurde nicht entsprochen, obwohl es gar nicht schlimm gewesen wäre, denn Bundesrecht bricht Landesrecht, ausserdem wird ein Protestant in Bayern eh nie gewählt und mehrere Wochen will auch niemand an die Isar, an den Inn oder den Lech.
Die Bayern wurden also ein Freistaat, nannten ihre CDU in CSU um, weigerten sich, den SCHEIBENWISCHER von Dieter Hildebrand zu senden und machen jedem Kind klar, dass eine NRW-Gymnasialempfehlung in München nur für die Hauptschule langt.
Das BAYERN-MODELL zeigt also, dass man Strukturen finden muss, bei denen alle irgendwie glücklich sind. Man kann z.B. getrennte Währungen haben und die Kurse fixieren, ein X-Taler ist dann immer genau ein Y-Taler, obwohl die Bildchen drauf andere sind. Oder der Kleine Grenzverkehr, der seit Jahren zwischen Deutschland und der Schweiz läuft, man kann ja auch Zigtausende von Grenzgängern, die zur Arbeit erscheinen, nicht komplett filzen.
Die Kuchenstücke dürfen zerbrochen sein, es muss nur genügend Schokoguss draufgeklatscht werden, und man darf auch wieder zu Jochen, man muss Marlene nur immer FRAGEN, wobei sie stets ja sagt, aber GEFRAGT muss sein.
Ich freue mich auf ein buntes Europa aus 180 Einzelstaaten, die alle ihre kleinen Ticks und Rechtlein haben.
Dass das BAYERN-MODELL funktioniert, zeigt übrigens auch ein Blick auf B-W, den Südweststaat: Offiziell ist dort eine Sprache Amtssprache, die die Einwohner zwar verstehen, aber nicht sprechen können: Hochdeutsch.