Freitag, 17. Januar 2014

Duineser Deutschnote


Heute ist Semesterwechsel im Baselland. 
Das heisst auch, heute endet die Rekursfrist und die Zeugnisse sind gültig.
Und auch wenn die Eltern nicht rekursiert haben, sind doch viele Schülerinnen und Schüler mit der Benotung, Bewertung, Beurteilung nicht einverstanden. All das ist ja auch alles schrecklich subjektiv.

Im Deutschen Literaturarchiv in Marbach fand ich neulich die Beurteilung eines Textes, den ein junger Schriftsteller seinem Deutschlehrer abgegeben hatte. Die in ihrer Klarheit und Schärfe einmalige Bewertung verdient es, hier abgedruckt – kann man das bei einem Blog überhaupt sagen? – zu werden.

Lieber Rainer,

danke für deinen Text. Ich habe ihn mit Interesse gelesen, muss dir aber mitteilen, dass ich zu keiner guten Note kommen kann. Du hattest die Aufgabe, einen Aufsatz über das Thema „Die Militärkolonne“ zu schreiben. Natürlich ging ich davon aus, dass du entweder über die Deutsche Wehrmacht schreibst, im Sinne eines Ruhmliedes über diese unsere glorreiche Truppe, oder über ein feindliches Heer und seine Übel- und Gruseltaten. Du verlegst die Handlung – hat dein Geschreibe überhaupt eine richtige Handlung? – in die Zeit der Türkenkriege, gut, das könnte man noch dulden. Was nicht tolerierbar ist, ist die Form. Entweder ist ein Text ein Gedicht, dann hat es Verse, oder eine Erzählung, dann wird fortlaufend geschrieben. Habe ich euch das nicht hundertmal gesagt? Du machst eine Zwischensache, die nicht geht.
Ebenso hundertmal habe ich dir und deinen Klassenkameraden gewisse Grundregeln eingebläut, die du alle über den Haufen wirfst:
Keine Wörter wiederholen!
Sätze gut verbinden! (Haupt- und Nebensätze!)
Passende Adjektive suchen!
Und dann lese ich so etwas:
Reiten. Reiten. Reiten.
Durch den Tag. Durch die Nacht. Durch den Tag.
Reiten. Reiten. Reiten.
Und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht so gross.
Rainer, das sind sechsmal „Reiten“, dann dreimal der gleiche Satz in der Mitte, gar keine Sätze und erst recht nicht verbunden! Das geht einfach nicht.
Und der „müde Mut“? Der Mut wird doch nicht müde, der Reiter wird müde, vielleicht könntest  du noch schreiben, dass das Pferd müde wird, meinetwegen.
Es geht dann gerade so weiter, aber auf eine Sache muss ich auch noch zu sprechen kommen: Dein Text ist in einem Masse schwülstig, das mich erschreckt.
…und einmal wieder so: Wie nach dem Bade sein…
…die Turmstube ist dunkel, aber sie leuchten sich ins Gesicht mit ihrem Lächeln…
Das ist Kitsch, junger Herr, übelster Kitsch! Und mit diesem Kitsch geht eine so starke Verherrlichung von Liebe und Feiern gegenüber dem eigentlichen Zweck der Soldaten einher, dass dein Aufsatz, eine morbide, schwächende, ja wehrzersetzende Wirkung haben könnte. Ich hoffe, du hast ihn keinem Kollegen gezeigt.
 Rainer, du hast einmal erwähnt, Schriftsteller werden zu wollen. Ich kann dir nur raten: Lass es sein!
Vernichte diesen Text und schreibe nie wieder eine Zeile.
  
Dr. Hasso Hassmann

Zum Glück für uns hat sich Rainer Maria Rilke nicht daran gehalten. Und sein Text (Die Weise von Liebe und Tod), einer der grossartigsten der deutschen Literatur, blieb erhalten.
Aber urteilen wir nicht über den Lehrer. Ich glaube jeder Deutschlehrer wird verzweifeln, wenn er mit seinem bewährten Kriterienkatalog an einen Text von z.B. Jelinek herangeht. 

Montag, 13. Januar 2014

Inning oder Gibt es heterosexuelle Kleiderverkäufer?


30sek:              Herr Stämpfli, Sie sind Gründer und Leiter der Selbsthilfe-Vereinigung „Heteromänner                           in schwulen Berufen“. Braucht es eine solche Arbeit?

Stämpfli:          Absolut. Heteros in sind in gewissen Umfeldern noch immer grossen Belastungen ausgesetzt. Ein Inning…

30sek:              Was ist ein Inning?

Stämpfli:          Das Gegenteil von Outing: Jemand gibt zu, dass er Hetero ist. Ein Inning also kostet  sehr viel Courage.

30sek:              Von welchen Berufen reden wir?

Stämpfli:          Coiffeur, Kosmetik, Spa und Wellness, Parfümerie, Modebranche und Kleider-Detailhandel, aber auch Innenarchitektur, Möbel- und Antiquitätenhandel, und natürlich das gesamte Feld Theater-Film-Kunst-Musik.

30sek:              Werbung?

Stämpfli:          Ja, natürlich, vor allem, wenn die Kunden aus den oben genannten Bereichen kommen.

30sek:              Der Schwule also als Garant für Schönheit, Eleganz und Stil?

Stämpfli:          Das ist dieses saublöde Klischee!!! Warum soll ein Mann, der auf Frauen steht, nicht einen Duft kreieren können? Warum soll er keine Frisur gestalten können? Warum soll ein Hetero nicht wissen, wo er ein Sofa hinstellen soll? Wenn Schwule jetzt auch Fussball spielen, dann können doch wir auch Gesichter schminken!!!

30sek:              Man merkt, Sie sind emotional dabei.

Stämpfli:          Absolut. Ich habe selber jahrelang still gelitten, bis ich mich traute, der Öffentlichkeit meine Partnerin vorzustellen.

30sek:              Sie sind Visagist…

Stämpfli:          Ja, heute mit eigenem Laden in der Zürcher Bahnhofstrasse, aber damals…

30sek:              Wann war das?

Stämpfli:          2002, da war ich noch angestellt.

30sek:              Wie hat ihr Chef reagiert?

Stämpfli:          Er hat mich rausgeschmissen, er meinte, die Kundinnen liessen sich doch nicht von einem normalen Macho übers Gesicht fahren, die wollten die Sicherheit, dass die Finger, die da über ihre Backen fahren, kein heterosexuelles Begehren ausloten. Und zu mir haben ja auch Kundinnen gesagt: „Ihr Schwulen habt so zarte Finger.“

30sek:              Wie sieht es in der Modebranche aus?

Stämpfli:          Wenn ein Hetero einer Kundin sagt, ihr stehe Grün, dann kauft sie ein rotes und ein gelbes Shirt, die ihr natürlich nicht stehen, und sagt dann, sie sei schlecht beraten worden. Wenn man ihr mit nasaler, affektierter Stimme sagt: „Schätzchen, in Grün siehst du phäänomenaal auss!“, dann kauft sie gleich drei grüne Blusen.

30sek:              Herr Stämpfli, wird das Outing von Fussballstars und Soldaten Ihnen nützen?

Stämpfli:          Absolut. Jede Art von Klischee, die beseitigt wird, ist gut. Und wenn man weiss, dass auch Schwule kampfbetonten Sport machen können, dann wird man bald checken, dass auch Heteros Stil und Geschmack haben können.

30sek:              Ihre Wünsche für die Zukunft?

Stämpfli:          Ich wünsche mir. Dass folgende Sätze bald der Vergangenheit angehören:
                          „Wenn du nicht schwul wärst, hättest du das Tor getroffen.“ Und:
                          „Ich habe mir jetzt eine Gruixtend gekauft, du weisst das nicht,                 
                           aber das ist eine Handtasche."

Donnerstag, 9. Januar 2014

Ein dreifach Hoch den Epigonen!


Epigonal sei mein letzter Post gewesen, sagt mir ein Kollege, epigonal, sehr epigonal, einige Stellen hätten ein wenig nach Jelinek geklungen. Nun ja, da hat er vollkommen recht, das war ja auch der Sinn der Sache, es sollte eine kleine Stilkopie oder Stilparodie sein, ich habe ja auch schon bei Böll und Bernhard im Teich gefischt. Und als Glossist des eigenen Blogs darf man doch alles, mal ein bisschen so, mal ein bisschen so, mal einen Dialog schreiben und mal ein Gedicht, ich stelle mir zweimal in der Woche eine Carte Blanche aus.
Nun bleibe ich aber doch bei dem Wort epigonal hängen: Epigonentum ist so ziemlich das Schlimmste, was man einem Menschen vorwerfen kann. Wir sind so hungrig nach Neuem, Originellem, wir müssen ständig up-to-date sein, wir suchen so sehr nach dem Noch-nie-aber-auch-wirklich-noch-nie-Dagewesenen, dass epigonal zu sein gleichkommt mit dreckig, fies und asozial. Nehmen Sie doch nur einmal die Hochzeiten: Nur um ja nichts so zu machen wie die Freunde und Freundinnen kommen die Menschen auf die blödsinnigsten Ideen, sie heiraten unter Wasser, auf 5000 Meter Höhe, in der Kanalisation und im Löwenkäfig, sie lassen sich von Kapitänen trauen, aber auch von Zirkusdirektoren, Flugzeugpiloten und Müllkutschern. Sie heiraten in Las Vegas, nein, das ist ja auch schon so wieder etwas von epigonal, nein, sie heiraten in der Sahara, auf den Aleuten oder in Stonehenge (oder hat das auch schon jemand gemacht? Dann Finger weg davon.)
Ging es früher um eine feierliche und romantische Trauung, geht es heute nur noch um eine originelle.
Dabei vergessen alle eine Tatsache: Ohne Epigonen gebe es keine Kultur.
Der Fischer Francesco kam vor einigen hundert Jahren auf eine Idee: Er strich sein Wohnhaus knallgrün an. Die ersten Monate hagelte es Spott und Häme, eitel sei er und geltungssüchtig und ein Haus, das aussehe wie ein Frosch zieme sich nicht für einen bescheidenen und gottesfürchtigen jungen Mann, und wenn sein Vater das noch sehen könnte… Aber Francesco blieb stur und hatte nach einem halben Jahr seinen ersten Epigonen, Giorgio malte seine Hütte karminrot. Immer noch gab es Kritik, aber die Francesco-Nachmacher waren auf dem Vormarsch. Nach ein paar Jahren sah der Ort aus wie eine Farbpalette: Gelbe, blaue, grüne, orange, rote und lila Häuser. Sie ahnen es: Es ist Burano in der Venezianischen Lagune. Die Geschichte ist natürlich erfunden, aber irgendjemand muss doch der Erste gewesen sein, einer machte vor und andere machten nach.
Alle unsere schönen Innenstädte, unsere Kulturlandschaften, unsere Romantischen, Barocken, Gotischen und Märchenstrassen sind nur so zu dem geworden, was sie sind.
Auch unsere grossen Meister waren zunächst Epigonen. Oder haben Sie gedacht, Beethoven sass mit 12 Jahren zum ersten Mal am Cembalo und spielte die Grosse Fuge? Haben Sie gedacht, Hölderlin schrieb als Schularbeit in der 2.Klasse die Feierstunde? Nee, nee, Beethoven klingt am Anfang wie Haydn und Hölderlin schrieb ganz brav Mein schönstes Ferienerlebnis wie wir alle.
Der Umgang mit dem eigenen Epigonentum ist allerdings etwas ganz Spezielles. Während Orff alles Epigonale schlicht und einfach weggeschmissen hat, gab Brahms seine Beethovens Zehnte gerne zu: „Das Merkwürdige ist doch, dass es jeder Esel hört.“ Wagner fand eine etwas eklige Methode sich seiner Vorbilder zu entledigen, er diffamierte die Leute, von denen er gelernt hatte, als jüdisch, und Juden können ja keine Musik machen, also kann er als Urdeutscher ja kein Epigone von Mendelssohn und Meyerbeer sein, was er am Anfang durchaus ist.

Es lebe also das Epigonentum!
Gelobt sei der, der etwas Gutes und Schönes nachmacht!
Hoch die Leute, die von einer wunderbaren Sache ein zweites Exemplar machen!

Feiern Sie doch mal wieder Hochzeit, so wie man sie immer gefeiert hat! Mit Kirche und Brautkleid und Kutsche und Zylinder!
Sie müssen nicht ihr Leben lang originell sein.

Montag, 6. Januar 2014

Das Spucken ist neu

Schon Sokrates klagte über die Schlechtigkeit und die üblen Manieren der Jugend. Sie habe keine Achtung mehr vor dem Alter, lärme auf der Strasse, grüsse nicht mehr beim Betreten des Raumes und habe miese Tischmanieren. Gut und schön.

Aber das Spucken ist neu.

Auch wir waren keine Engel, sind im Tram nicht aufgestanden, haben unsere Lehrer geärgert, haben zu viel getrunken und randaliert und waren politisch aufmüpfig. Auch wir haben unseren Eltern und Erziehern keine Freude gemacht.

Aber das Spucken ist neu.

Alles, was man bei der Jugend beklagen kann, ist nicht neu erfunden, alles war mehr oder weniger in der letzten Generation auch schon da.

Aber das Spucken ist neu.
Die Jugendlichen spucken auf den Boden.

Was bespucken sie da? Der Boden kann es ja nicht sein, bespucken sie die Gesellschaft, die Älteren, die Situation, den Staat, den anderen? Wen bespucken sie? Wen bespeien sie? Ist ihnen so spuckübel, so speiübel von all dem Müll, den sie anschauen und fressen müssen? Oder ist das Spucken vielleicht eher ein Spuken, spukt ihnen so viel im Kopfe herum, dem Kopf, den sie längst verloren haben, ob all dem Flimmern und Blinken und Gamen, ist das Ausspucken eher ein Ausspuken, wollen sie dem Spuk ein Ende machen?
Oder ist ihr Speicher einfach so voll, dass der Speichel herausrinnt, ist ihre Speicherkapazität bei 10000 Gigabite nun doch erschöpft, ist ihre Speicherkapazität, ihre Speichelkapazität am Ende, so dass nur noch das Spucken bleibt? Ist da das Facebook zum Facespuk geworden, dass man dem einfach ins Face spucken muss, ins Face, dass nur noch ein Fake bei 200 Megabite ist, das ist dann auch wirklich zum Speien.
Warum spucken sie? Wen bespucken sie? Der Boden kann es nicht sein, der Boden hat ihnen nichts getan, sie haben ihn vielleicht unter den Füssen verloren, aber das können sie dem Boden nicht vorwerfen, übrigens haben wir alle ein wenig den Boden unter den Füssen, den Beinen verloren, wir stehen nicht mehr gerade, wir schwanken und wanken von Twitter zu Google und  von Google zu Youtube, wir schwanken und werden schief, und dann kann der Speichel, die Spucke eben nicht mehr abfliessen, dann tropft sie auf den Boden und macht hässliche Flecke. Der Boden ist aber nun auch schon längst nicht mehr unbefleckt, was haben wir ihm alles zugemutet, wie viele Stiefel und Tritte, wie viel Spuk ist über ihn gepoltert, vielleicht kommt es da auf ein bisschen Spucke nicht mehr an.
Vor wem spuckt die Jugend aus? Vielleicht doch vor uns, den Alten, den Gesetzten, die die Gesetze erlassen und sich zur Ruhe gesetzt haben, die den Boden ruiniert und dem Spuk keine Grenzen gesetzt haben. Die, die ihnen den Boden unter den Füssen weggezogen haben und ihnen dann vorwerfen, dass er dort nicht mehr ist.
Und so steht Vorwurf gegen Auswurf. Wir werfen vor und die Jugend wirft aus. Sie wirft Speichel aus statt die DVDs und CDs und Games und Datenträger auszuwerfen. Und wir werfen vor, werfen Knüppel zwischen die Beine und Bemerkungen in die Runde.

Die Jugend spuckt auf den Boden. Vielleicht sollten wir sie lassen. Oder mitspucken.

Donnerstag, 2. Januar 2014

Jahr der Bildung 2014: Warum wir grössere Schulklassen brauchen


Der Schweizer Bildungsminister hat 2014 zum Jahr der Bildung ausgerufen. Dabei hat er einen Hymnus angestimmt, der in vielen Ohren ein wenig schräg tönt und in dem Refrain mündet:

Bessere Bildung für weniger Geld.

Unter den vielen Massnahmen, die die Pädagogik verbessern und nebenbei noch Geld sparen sollen, ist auch wieder einmal die Forderung nach grösseren Klassen. Als erfahrener Lehrer will ich jetzt kurz dazu Stellung nehmen, aber meine Meinung zu Anfang klar formulieren:

Er hat absolut Recht.

Sind die heutigen Klassen mit 26 Schülerinnen und Schülern (im Pädagogendeutsch mit dem schrecklichen Kürzel SuS benannt, das so stark an SuSpendieren und SuSpekt erinnert) hoffnungslos zu winzig, würde eine Grösse von 35 schon Fortschritte bringen, das Optimum wäre bei 60 erreicht.

Lassen Sie mich meine Gründe in 10 Punkten darlegen:

1.)    Non scolae sed vitae discimus, und die meisten jungen Menschen werden ihr Berufsleben in Ämtern, Organisationen, Firmen und Fabriken verbringen, die gross sind und deren Belegschaft zahlreich ist. Wie sollen sie sich auf diese Massen einstellen, wenn in der Schule immer nur kleine Häuflein zusammen sind?

2.)    Das soziale Lernen und menschliche Reifen ist ein zentrales Anliegen jeder guten Erziehung. Für den Heranwachsenden ist der Kontakt zum anderen Geschlecht sicher einer der wichtigsten Punkte, und hier bietet die Grossklasse sicher mehr Möglichkeiten. Bei 30 Männlein und 30 Weiblein ist doch sicher eher etwas Passendes dabei als bei 13 und 13. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass mehrere Schwule und Lesben in der Klasse sind, steigt.

3.)    In der Pubertät gibt es Tage, da will man nur eines: Lehrer, Eltern, Schule und Welt sollen einen in Ruhe lassen. Man will eben nicht mit dem Problem herausrücken oder sogar in einem Stuhlkreis sich thematisieren lassen. Bei einer Gruppe von 60 kann man viel besser einfach mal wegtauchen.

4.)    Jeder, der schreibt, weiss, wie heilig und kostbar ein eigener Text ist. Niemand lässt gerne einen Fremden mit dem Rotstift in einem Erguss der eigenen Kreativität herumstreichen. Bei jungen Menschen kann das zu schweren Traumata führen. Sind die Klassen gross genug, werden die Deutschlehrpersonen sich auf kurze Kommentare beschränken. Orthografie muss eh nicht mehr angestrichen werden, weil es ja Korrekturprogramme gibt.

5.)    Niemand sitzt gerne in einem leeren Kino. Und da die Lehrerinnen und Lehrer ja zu 50% Filme zeigen, ist die Kinoatmosphäre bei 60 SuS (sorry) gewährleistet.  Diese Kinoatmosphäre fördert die Eindringlichkeit des Films und damit den Lernerfolg, ausserdem kann man im Dunkeln noch ein bisschen fummeln (siehe Punkt 2.)

6.)    Wenn eine Grossklasse Fussball spielt, sitzen etliche auf den Reservebänken, wovon ich meine ganze Schulzeit immer nur geträumt habe. Keine noch so besessene Sportlehrperson wird es schaffen, dass alle innerhalb einer Doppelstunde zum Einsatz kommen und die Unsportlichen werden nicht gezwungen hinter einem Ball herzurennen. (siehe auch Punkt 3.)

7.)    Was für ein Chor wird da im Musikunterricht seine Stimmen erschallen lassen! Denn Reinheit wird ja heute völlig überbewertet, wenn man sich manche Theaterchöre anhört, merkt man doch: Es geht um Lautstärke!

8.)    Viele Chemielehrerinnen und Chemielehrer sind begeisterte Experimenteure. Bei einer grossen Gruppe ist die Überlebenschance für den Einzelnen immens grösser, wenn wieder einmal die ganze Suppe mit lautem Getöse in die Luft fliegt. Man kann sogar heil davongekommen, wenn der Mitschüler oder die Mitschülerin auf einen geworfen wird, evtl. auch Gelegenheit zum Körperkontakt. (siehe Punkt 2.)

9.)    Alles Aufgerufen-Werden, An-die-Tafel-Müssen, Wir-leisten-heute-einen-mündlichen-Beitrag, alles Und-Was-sagt-Jochen-dazu, die ganze Demütigung und alles Ausgestelltsein, das so tiefe Wunden in der Kindesseele hinterlässt, entfällt, vor allem auch, weil kein Pädagoge mehr die Namen kann. (siehe Punkt 3.)

10.) Jetzt noch ein Ausblick in das spätere Leben: Je grösser die Klasse desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass, wenn alle 95 sind, noch ein paar am Leben sind und ein Klassentreffen zustande kommt.

Alle diese Punkte gelten natürlich nur für wirklich grosse Klassen. Insofern muss die klare Forderung lauten: Klassenstärken hoch; aber richtig! Rumdreckeln bei 28 oder 29 SuS (sorry) bringt nix. Ab 60 wird die Schule richtig gut.   

Montag, 30. Dezember 2013

Jahresrückblick

Dieses Jahr war ein beachtliches Jahr.

Ich habe 100 musikalischen Proben vorbereitet und durchgeführt, 40 musikalische Auftritte, ich habe an 150 Sitzungen teilgenommen, 800 Unterrichtsstunden gegeben und 400 Stunden korrigiert. Ich habe 2000 E-Mails bekommen und 1000 geschrieben, ich habe 40 Protokolle, Bulletins und Ideenpapiere verfasst, 3000 Telefonate geführt und 1200 SMS eingetippt. 

Blödsinn, alles Blödsinn.
So geht das nicht.
Eine rein quantitative Übersicht macht keinen Sinn.

Wie viele der beachtlich vielen Aktionen hatten denn irgendeinen Nutzen? Von den 2000 Mails waren 1996 Spam, und meine E-Mails wurden wahrscheinlich auch nicht richtig gelesen. Von den 3000 Telefonaten waren 500 falsch verbunden, 500 Umfragen und Werbekampagnen, 500 überflüssig, weil man gleichzeitig noch eine E-Mail verschickt hatte, und so weiter, und so weiter…
Wenn man in Quantitäten denkt, könnte man noch viel höhere Zahlen angeben: Ich habe 730 000 Kalorien zu mir genommen, ich habe über 30 Millionen Sekunden geatmet, ich habe…

Blödsinn, alles Blödsinn.
Bei einer qualitativen Übersicht ist man allerdings in der Gefahr auf der anderen Seite des Rosses hinunterzufallen und depressiv zu werden:

Den Stein der Weisen wieder nicht gefunden.
Den Gral wieder nicht erreicht.
Wieder nicht in Atlantis gewesen.
Den Tractatus de vita, de mundo et de rebus restantibus, die Schriften von G’’alla bin P’hu’ww, den Versuch über eine ontologische Eschatologie und die sogenannten Tafeln von Uberstwwithhh wieder nicht verstanden.
Und noch einen ganzen Bücherschrank voll Sachen, die ein Eco gelesen und verstanden hat und ständig zitiert.
Keinen Meter, keinen Zentimeter, ja keinen Millimeter der Seligsprechung nähergekommen, von der Heiligsprechung ganz zu schweigen.

Wenn das aber so auch nicht geht, dann wird es schwierig. Jetzt müsste ich mich an einzelne Stunden, Tage, Minuten, Sekunden erinnern: Wo habe ich etwas begriffen, etwas dazugelernt? Wo war ein Moment, den ich behalten habe? Was hat mich beeindruckt, was hat mich weitergebracht? Wo habe ich mich vor Lachen weggeschmissen? Wann hat mir etwas Tränen entlockt?

Das geht dann so:
* am 5.1. einen Pudding völlig ohne Klümpchen hinbekommen
* am 7.1. eine für mich total neue Melodie in Mahler III gehört
* am 9.1. mich totgelacht, als mein Schüler im Dialog "In the Tourist Information" aufschrieb: "Are there any bitches in Chichester?"
*am 11.1. das ultimative Foto geschossen: Wand in Kleinbasel, reine Struktur
* am 13.11. von Harry in den neuen Griechen eingeladen worden (beste Moussaka der Welt)
*am 15.11. einen Satz von Adorno endlich kapiert
usw.

Machen Sie doch auch einmal eine solche Aufstellung! Da sitzen Sie nämlich lange.

Deshalb treffen wir nur auf Leute, die entweder mit riesigen Zahlenkolonnen um sich werfen oder das ganze Jahr als Scheissjahr abtun. Glauben Sie beiden Gruppen nicht.

Freitag, 27. Dezember 2013

Kann ich das umtauschen?


„Wie, du fährst am 26.12. in Ferien?“, fragt mich ein Kollege, „und bis 2.1.? Und wann gehst du umtauschen?“ Meine Antwort ist kurz und bündig: „Gar nicht. Ich muss nichts umtauschen.“ Der junge Mann seufzt: „Du Glücklicher. Ich brauche immer einen ganzen Tag, ich habe mir den 3.1. noch als Brücke dafür reserviert.“

Umtauschen. Der Volkssport Nr.1 zwischen den Jahren. Horden von Männern und Frauen, Teenies und Omas, Ehemännern und Ehefrauen, quer durch alle sozialen Schichten und Berufsgruppen stürmen mit wildem Geheul die Kaufhäuser, zücken Originalverpackungen und Quittungen, werfen sie auf die Theken und schreien die magischen 4 Worte durch den Laden:

„Können Sie das umtauschen?“

Dabei lassen sie alle Wut, allen Zorn, alle Enttäuschung über die verunglückten Geschenke, die sie ja eigentlich an den Schenkern oder den Beschenkten auslassen müssten, an den Detailhändlern aus, die mit stoischer Ruhe Originalverpackungen und Quittungen entgegennehmen und die passende Neuware suchen. Aber wehe, Originalkarton und Beleg fehlen, dann dürfen nämlich auch die Händler endlich einmal ihre Wut, ihren Zorn, ihre Enttäuschung über die dämliche Kundschaft an dieser auslassen und brüllen ihre 6 magischen Worte durch den Laden:

„So kann ich das nicht umtauschen!“

Und so tobt im Einzelhandel zwischen Stephans- und Dreikönigstag ein Krieg, denn nun ist ja auch das Fest der Liebe und des Friedens vorbei. Musste man zu ekligen Kunden VOR Weihnachten noch süsslich und lieb sein, darf man NACH Weihnachten endlich wieder muffig (wenn Verpackung und Beleg vorhanden) oder richtig böse sein. (wenn Hülle und Quittung fehlen)

Warum nun wird so viel umgetauscht?
Weil falsch geschenkt wurde?
Mitnichten.
OK, manchmal schon. Manchmal hat Oma nicht kapiert, dass es bei Elektronikzubehör auf jedes Zeichen ankommt und dass der TZR5656 und der DZR5656 nicht kompatibel sind. Manchmal kam einer auf die glorreiche Idee, einem fanatischen Jelinekianer das neue Buch von Elfriede zu kaufen, das jener natürlich seit Wochen im Regal hat, weil er es in Subskription bezieht. Manchmal hat auch jemand nicht gecheckt, dass Menschen ab- oder zunehmen und die oder der Beschenkte auf einmal in Grösse S passen oder in M eben nicht mehr hineinkommen. (Meistens sind die Veränderungen übrigens schon vor Jahren eingetreten, man hat sie nur ignoriert.)

Der wahre Grund liegt aber ganz woanders:
Das Tauschen ist ein menschlicher Urinstinkt.

 Die Menschen rennen seit Jahrtausenden durch die Lande und versuchen irgendwelche materiellen oder immateriellen Güter gegen andere einzuwechseln, immer in der Hoffnung, etwas Besseres, etwas Saftigeres, etwas Schöneres, Geileres zu erhalten, etwas, das mehr glänzt, schneller rollt oder besser tötet. Sagen, Märchen und Mythen, Epen und religiöse Schriften berichten davon. Da tauscht Adam Erkenntnis gegen paradiesisches Leben, da gibt Esau sein Erstgeburtsrecht gegen einen Teller Linsensuppe, da legt Wotan den Riesen den Ring in die Pranken um seine Schwägerin wieder zu bekommen. Hans im Glück tauscht das ganze Märchen hindurch, am Anfang hat er einen Goldklumpen und am Ende nix und in 1001 Nacht läuft ein Zauberer herum, der neue Lampen gegen alte tauscht, in der Hoffnung eine von den alten möge die Wunderlampe Aladins sein. Dazu kommen noch die unzähligen Frauen, die ihre unsterbliche Seele gegen die Liebe des Märchenprinzen herschenken: Undine (auch Rusalka genannt), die kleine Meerjungfrau alias Arielle, la Sylphide, Giselle und Arwen. Schaut man da aber mal genau hin, merkt man, dass viele einen miesen Tausch machen: Wie gut muss eine Linsensuppe sein, damit dieses Geschäft lohnt? Welcher einigermassen vernünftig denkende Mann gibt etwas her um seine Schwägerin wieder in die Arme zu schliessen, die meisten wollen sie doch los sein? Hans im Glück trägt seinen Titel ironischerweise: Er verschlechtert sich von Tausch zu Tausch, und die Märchenprinzen lohnen absolut nicht die Aufgabe der ewigen Seele.

Rein rechnerisch ist das auch klar. Bei Nichtgleichwertigkeit der Tauschobjekte machen 50% der Leute ein schlechtes Geschäft, einen miesen Tausch, den Fall, dass Milo auf dem Dachboden eine Geige und ein Mundstück und Malo eine Oboe und einen Bogen findet, die gibt es wirklich nur im Märchen.
Trotzdem wird getauscht, trotzdem gehört das Ich-gebe-dir-X-und-du-gibst-mir-Y zu den ältesten Ritualen der Erde.
Dennoch rennt die Menschheit durch die Welt und brüllt: „Wer tauscht…?“ Immer auf der Suche nach dem Schöneren, Besseren, Weiseren, immer bereit etwas für das angebliche Superobjekt herzugeben. Und deshalb stürmen auch dieses Jahr die brüllenden Horden die Kaufhäuser, Originalverpackung und Quittung in der Hand.

Aber ich behalte mein Erstgeburtsrecht, meinen Ring, meinen Goldklumpen und meine Seele und mache zwischen den Jahren lieber Ferien als mich in den Krieg zu stürzen.