Donnerstag, 6. Juni 2013

Entschuldigung, Frau Holda!

Als ich gestern im Freibad (das ist ein Schwimmbad open air, ja, gibt es in jeder Stadt, haben Sie vergessen, nicht?) in der Sonne (ja, auch die existiert noch, sie ist nicht explodiert) lag und mich auf meinem Badetuch räkelte, besprüht mit Sonnencreme Lichtschutzfaktor 250, als ich danach in meinen Badeshorts (Shorts sind kurze Hosen, haben auch Sie im Schrank, ganz hinten versteckt) in den Cafeteria einen Espresso trank, als ich danach noch einmal ins kühle Wasser sprang, dachte ich auf einmal:
ICH BIN SCHULD, DASS DER FRÜHLING AUSGEFALLEN IST.
Vor einigen Wochen habe ich einen bösen Post über den Frühling geschrieben, und irgendwie versteht Frau Holda keinen Spass. Frau Holda, die sanfte blumenumkränzte Göttin, die immer aus dem Berg hervorkommt und sich von Hirtenbuben besingen lässt, die normalerweise im März zaghaft das erste Mal aus den Wolken lugt, muss meinen Post gelesen haben. Sicher wird sie ihn dann an alle Elfen und Geister des Lenzes weitergeleitet haben, an die Auroren und Zephire. Ich bin mir sicher, dass inzwischen auch alle Geistwesen E-Mail haben und elektronisch auf dem Laufenden sind. Und dann haben sie beschlossen: Wenn so böse über uns geredet wird, lassen wir das Frühjahr ausfallen, denn:
WIR KÖNNEN GUT IM BERG BLEIBEN, WIR BRAUCHEN EUCH NICHT, EHER IHR UNS.
Ist eigentlich eine gute Einstellung.
Wenn eine Klasse mir sagt: "Müssen wir ins Schwimmbad?" Dann ist meine Antwort ja auch: "Absolut nicht. Ich wollte EUCH eine Freude machen, wenn euch eine Grammatikstunde lieber ist, gerne." Wenn mir Kinder mitteilen, dass sie nicht in den Zoo wollen: "Gut, dann eben nicht, ICH brauche den Zoobesuch nicht, ich habe meinen Lebensanteil an Affengucken und Seelöwenbestaunen schon voll."
Warum denken wir ständig, wir machen den anderen glücklich, wenn wir eine Einladung zum Kaffe annehmen, wenn er uns beschenken darf, wenn er eine Arbeit für uns erledigen darf?
Frau Holda hatte also eigentlich Recht.
Deshalb hier ganz förmlich:

Liebe Göttin Holda,
ich möchte mich ganz herzlich bei Ihnen - bei dir - bei Ihnen (Darf man Göttinnen duzen oder nicht? Gott duzt man ja auch, bis auf die Holländer, die ihn mit "u" - "Sie" ansprechen)
entschuldigen. Es tut mir sehr leid, dass ich so gepostet habe. Ich werde nie, nie, nie, nie mehr etwas Böses über den Frühling schreiben. Aber bitte tun Sie so etwas nicht mehr. Oder wenn der Hafer mich nochmals sticht, strafen Sie nicht die ganze Nation. Sollte ich nochmal lästern, mahen Sie mich zu einem "Regenmenschen", wie er im Anhalter durch die Galaxis beschrieben ist: Immer da, wo ich bin, wird es regnen. Meine Mitmenschen brauchen den Lenz.
Also seien Sie - sei du - mir wieder gut, ich werde nie mehr satirisch über den Frühling schreiben.

Eine herzhafte Entschuldigung auch an alle Mitbürgerinnen und Mitbürger, denen ich die letzten Wochen versaut habe. 


Dienstag, 4. Juni 2013

Alles? Alle?

Wir suchten neulich für eine Lesung des Romulus einen Odoaker. Also nicht auf der Bühne, sondern wir wollten das Dürrenmattsche Stück einfach bei Wein und Chips mit verteilten Rollen lesen. Da fand ich in einer öffentlichen Toilette den Hinweis blonder Muskelmann macht alles mit 076 5542314. Ich rief sofort an und brauchte eine Weile, dem jungen Kerl zu erklären, dass wir keine Orgie mit Literatur als Fetisch vorhatten, sondern Literatur pur, einfach Text lesen. "Ist ja widerlich", sagte er und legte auf. Dabei hatte er doch geschrieben, er mache ALLES mit.
Im März 1975 war es ungewöhnlich warm, worauf ich eines schönen Nachmittags verkündete, ich würde am nächsten Tag mit kurzen Hosen in die Schule gehen. Den Hinweis meiner Mutter, dass es zwar mittags warm sei, aber am Morgen noch kalt, konterte ich mit der Bemerkung, dass alle aus meiner Klasse am nächsten Tag mit Shorts erscheinen würden und ich mich unendlich blamieren würde. Meine Mutter - eine kluge Frau - rief die Mütter meiner Schulwegskollegen an, und wies mich dann darauf hin, dass Michael, Thomas und Albrecht auch mit langen Jeans in die Schule müssten, wir also schon vier seien.
Alle.
Alles.
Gefährliche, dumme Worte.
Alle waren eigentlich gegen Hitler. Alle waren eigentlich gegen den Krieg. Und alle wussten nicht, was mit den Juden passierte.
Alle Jugos sind irgendwie aggressiv und alle Inder total friedlich. Alle Chinesen sind fleissig und alle Deutschen vorlaut.
Es genügt aber jeweils ein einziges Gegenbeispiel, um das Wort alle zu negieren. Wenn nur einer anders ist, wenn nur eine anders ist, kann man das Wort nicht mehr verwenden. Ich glaube nicht, dass es bei einer Milliarde Inder nicht eine Pottsau gibt, die jeden Tag blaue Augen verteilt und mit Freude Leute zusammenschlägt. Ich glaube nicht, dass es bei so viel Chinesen nicht auch faule Socken gibt, die den ganzen Tag vor dem Fernseher hocken, Soaps glotzen und Glückskekse fressen.
Wir sollten vorsichtig mit alle und alles umgehen.
Als wir übrigens am 4.3.1975 auf den Schulhof kamen, sass dort Gero - in Bermudas. Gero hatte sich durchgesetzt, er blieb aber an diesem Morgen der einzige Bub in der Klasse, der Knie zeigte.
Und Piet, der blonde Muskelmann, der dann doch kam, entpuppte sich als verdammt guter Odoaker, und weil er auch staturmässig so passt, wird es doch eine szenische Produktion geben.

Donnerstag, 30. Mai 2013

Fahrkartenkauf in Bielefeld: Fahren Hunde allein?

Ich war neulich in Bielefeld. Einerseits wollte das Theater dort eine Supervision für ihren Kinderchorleiter, andererseits hatte ich mich für eine Betriebsbesichtigung bei Dr. Oetker mit Puddingdegustation angemeldet. (Hier ein 2011er Fixfertig, mild im Abgang mit leichter Vanille- und Rumnote…) An der Strassenbahnhaltestelle staunte ich über das für eine kleine Grossstadt üppige Liniennetz: Acht Tramlinien sind doch beachtlich. Beim genaueren Hinsehen entpuppte sich allerdings das Ganze als Mogelei, in Wirklichkeit verliefen Schienen in Nordsüd- und andere in Ostwestrichtung, die Linien 1 und 2. Der Dreier verdoppelt nun eigentlich nur, er beginnt als Einer und fährt ab Stadtmitte als Zweier weiter, der Vierer macht es umgekehrt und wird von 2 zu 1. Nun werden alle vier Kurse noch jeweils dupliziert, durch die Nummern 5,6,7,8, die , wie ein Blick auf den Fahrplan klarmacht, nur am Dienstag und Donnerstag fahren. Hier kam ich nun ins Grübeln: Was ist an den erwähnten Wochentagen in Bielefeld los, dass man viel mehr ÖV braucht? Gibt es da etwas umsonst? Oder wird der Westfälische Friede gefeiert? Oder ist Wochenmarkt?
Jedenfalls benötigte ich etliche Zeit um herauszufinden, dass der 4er für mich die ideale Bahn war. (Es war Freitag, der 8er fuhr also nicht.) Jetzt begann das wirkliche Martyrium, das Lösen eines Fahrscheins. Bielefeld hat drei Tarifzonen, die sich in konzentrischen Kreisen um die Stadtmitte legen: Die Kernzone A, die Mittelzone B und die Aussenzone C. Tickets können für A, B, C, A+B, A+C, B+C und ABC gelöst werden. Haben Sie aufgepasst? Ein Billett ist doch Schwachsinn, wie komme ich von der Zone A in die Zone C ohne durch B zu fahren? Scheinbar geht das im Westfälischen, in der Schweiz geht das nicht, es sei denn, sie hüpfen 5 km weit und fahren dann weiter, aber welcher Heini macht das und warum? An Tarifmöglichkeiten gab es: Erwachsener 3.-, Kind 1.50.-, Erwachsener plus Kind 4.-, Erwachsener plus Hund 3,50.-, Hund 1.-. Hallo? Wie kann ein Hund alleine fahren? Sicher, es gibt streunende Hunde, Gassenköter wie Strolch, aber fahren die nicht immer ohne zu lösen? Denn wenn sie erwischt werden, kann man ihnen ja schlecht ein Strafmandat ausstellen.
Noch völlig baff und buff über so viel Ungereimtheit, löste ich meinen Fahrschein (Erwachsener Kernzone), nein, nein, ich versuchte es, denn der Automat nahm nur 20 Cent-Münzen. Nun habe ich immer Eurometall in der Tasche, aber keine 15 Münzen gleicher Bauart. Ich fuhr schwarz.
Prompt kam ich in eine Kontrolle und musste 100.- Busse bezahlen. Jetzt ergriff ich die Gelegenheit beim Schopf und meinte zum Kontrolleur: „Sehen Sie, ich habe kein Ticket und bleche natürlich, aber wenn wir schon so nett am Plaudern sind: Was ist mit diesen Dienstag- und Donnerstag-Linien?“ Das wisse er auch nicht, so der freundliche Herr, Wochenmarkt sei nämlich am Mittwoch und da seien alle Bahnen immer gestopft voll. „Und das A+C-Ticket? Wie geht das?“ „Das ist für Menschen, die in B auf den Trimm-Dich-Pfad (für Schweizer: Vita Parcour) gehen und dann in C zum Krankenhaus unters Sauerstoffzelt müssen, kommt oft vor.“ „Und der Hundefahrschein?“ „War ein Aprilscherz, ist aber nun nicht mehr wegzuprogrammieren.“ „Und warum nimmt der verdammte Automat nur 20Cent-Stücke?“ Weil sie, so Herr Wobbke, wie er sich inzwischen vorgestellt hatte, Personalnot hätten und die Automaten daher nur an Fronleichnam und Allerheiligen gelehrt würden, die Münztanks seien schlicht und einfach voll. Dann gab Herr Wobbke mir meine 100 Euro zurück, weil er meinte, ich hätte mich nun eingehend mit der Tarif- und Lösekatastrophe der Puddingstadt auseinander gesetzt und man könne mir keinen Strick daraus drehen.
Denken Sie jetzt nicht, das alles sei übertrieben, in Berlin haben sie 120 verschiedene Tarife, vor denen regelmässig asiatische Touristen kapitulieren und weinend vor den Automaten zusammenbrechen. Wenn wir wollen, dass die Menschheit den ÖV benutzt, warum machen wir ihr es dann so schwer?
Erfunden ist die Story natürlich dennoch, denn Bielefeld hat keine Strassenbahn. Und ausserdem – so beweisen es einige deutsche Studenten auf ihrer Homepage – gibt es Bielefeld  ja gar nicht.

Dienstag, 28. Mai 2013

Happy birthday, SPD!


Die SPD hat mit grossem Pomp und viel Trara ihren Geburtstag gefeiert. Und wie  immer bei Geburtstagen von Hochbetagten ging der Blick auf die glorreichen Jahre, die Vergangenheit, war nostalgisch und wehmütig. Da blickt doch dann der Opa auf sein Hochzeitsfoto und seufzt: „1915 war das, mein Gott, war ich da noch jung und schmuck!“ Oder er erzählt von Zeiten, als man noch wanderte und musizierte, als es noch keinen Fernseher und kein Handy gab. Und der Sohn fragt: „Weisst du noch Papi, wo du mich auf Borkum eingebuddelt hast?“ Und Grossväterchen nickt weise, auch wenn er sich natürlich nicht erinnert. Und die Enkelin fragt: „Weisst du noch, Opi, wo du mir das Walzertanzen beigebracht hast?“ Und Grossväterchen nickt weise, auch wenn er sich natürlich nicht erinnert. Wenn es schlimmer kommt, blickt Opa auf seine Sippe und fragt dann die junge Kellnerin: „Gehören Sie auch zur Familie – nich? – Schwein gehappt!“ So in Papa ante Portas von Loriot.
Genauso war es bei der SPD. Was hat man nicht alles erreicht, wofür hat man nicht alles gekämpft, wie wichtig war man doch. Die Arbeitnehmerrrechte, die Mitbestimmung, soziale Gerechtigkeit, die Ostverträge, der Kniefall von Warschau, Wohlstand und Frieden und Freude und Eierkuchen. Und der Bundespräsident schildert in markigen Worten, wie wichtig die Sozialdemokratie war. War! War, liebe Leser, Präteritum! Denn die Zukunft ist düster.
Um beim Opi-Vergleich zu bleiben: Man feiert zwar rüstig den 95sten, aber der 100ste? Das Herz, das Herz macht es einfach nicht mehr so, wie es soll, und eine Schrittmacheroperation in diesem Alter? Die Blutwerte sind auch nicht mehr in Ordnung, Opi schluckt aber schon 15 verschiedene Pillen, es kämen noch 7 dazu. Die Knie haben Arthrose und die Hände Gicht, Sehen und Gehör waren auch schon besser.
So die SPD: Man strebt zwar immer noch nach vorne, will wieder in die Regierungsbank, Verantwortung übernehmen, aber wie? Probleme über Probleme. Und das Hauptproblem ist gar nicht nur Peer, den man inzwischen rund um die Uhr überwacht, um ihn von allen Buttertöpfen, Fettnäpfen und Sahneschüsseln fernzuhalten. Das Hauptproblem ist, dass man dummerweise in so vielen Landesregierungen sitzt, und die roten Landesfürsten nicht immer so spuren, wie die Bundespartei es will. Wenn also die Zentrale beschliesst: Atommüll könnte doch nach XY, da ist Platz, dann meckert bestimmt ein SPD-Ministerpräsident, dass er den nicht will.
Zu allem Übel hat man inzwischen drei Parteien, die einem Wähler wegnehmen, und die grosse Frage sind:
„Werden die Piraten sich wunschgemäss totdiskutieren oder werden sie seriös?“
„Werden die LINKEN wunschgemäss unrealistisch bleiben oder entwickeln sie Verstand?“
Nicht auszudenken, wenn die Piraten nicht mehr alles auf ihren Internetforen durchkauen und durchkauen, bis es Brei ist, sondern einfach mal entscheiden, wenn sie Struktur bekommen, wenn sie sich – hässliches Wort! – Führung zulegen. Dann kommen sie womöglich über die 5%-Hürde.
Nicht auszudenken, wenn die LINKE von ihren sozialromantischen Forderungen (20 Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich, jährliche Rentenerhöhung um 10%) Abstand nimmt und sich fragt, ob Dinge auch bezahlbar sind. Dann kommen sie womöglich über die 5%-Hürde.
Und die Grünen? Die Schlange, die man am Busen genährt hat, den lullenden Wicht, den man mitgenommen und in vielen Koalitionen grossgezogen hat? Der jetzt in Stuttgart schon den Seniorpartner spielt und grosse Klappe hat? Werden sie notfalls in einer Rot-Grün-Rot-Was auch immer (Was ist die Piratenfarbe???)-Regierung mitspielen oder werden sie sich doch Angie an die Brust werfen, weil die Schweine im Herzen nun eben doch scheisskonservativ sind?
Fragen, Fragen, Fragen..  
So ist es eben doch besser, sich auf die Erinnerung zu verlegen, die alten Fotos hervorzukramen. Ach, Ebert! Ach, Ollenhauer. Guck mal, Brandt! Oh, der Wehner! Schmidt! Es tut gut, auf ein langes erfülltes Leben zurückzublicken. Aber ob man noch eine ZUKUNFT hat, muss der Wähler entscheiden.


P.S. Was wäre eigentlich, wenn 25 Parteien antreten und alle bekommen 4%? Diese Frage lässt mir keine Ruhe.


Donnerstag, 23. Mai 2013

Kartoffeltypen


Sie haben sich gefragt, was Schall- und Rauchkartoffeln sind? War doch nur ein Witz. Gibt es doch gar nicht. Es sollte doch nur darstellen, wie viele Kartoffelzubereitungsarten es gibt. Was kann man aus der Knolle nicht alles machen! Vor allem, wenn man dumm ist und Bauer und somit die dicksten Kartoffeln hat.
Man kann die Kartoffeln schälen oder nicht, kann sie kochen, braten, reiben, stampfen, man kann sie frittieren, verklossen, verröstien, man kann sie mit jedem Gewürz würzen und mit jedem Fleisch befleischen. Jede Region in Europa hat ihre eigenen Kartoffelrezepte, ausser Italien, da ist sie verpönt, nicht umsonst sagt Signorina Elletra bei Leon: „Bulgarien, Tschechien, Rumänien, egal, irgendwo da, wo man sich schlecht anzieht und Kartoffeln isst.“
Die Franzosen allerdings sind besonders erfinderisch, da heisst ja alles „pommes XY“ Dauphine, Merlaine, Gludine, Bergaine, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Und wenn ein deutscher Wirt schreibt: „Täglich wechselnde Kartoffelbeilagen“, schreibt der Franzose „pommes surprise“, da muss erst mal draufkommen.
Ich habe nun kürzlich ein Buch gelesen, in dem die Zubereitungstypen von Kartoffelspeisen psychologisch untersucht werden. Wollen Sie einen Auszug?
*Der Kartoffelbrei-Macher
Tatkräftig, zupackend, er scheut sich nicht, auch Formen zu vernichten, um Neues zu gestalten. Leider auch latent gewalttätig, unbeherrscht und aggressiv.
*Der Backkartoffel-Typ
Er liebt es eine Sache „abzulegen“ und in der Restzeit etwas anderes zu machen. Kann delegieren, organisieren, Multitasker. Leider auch pingelig, pedantisch. Klassischer Putzteufeltyp. Im Umgang schwierig.
*Der Frittierer
Liebt das Spritzen, den Knall, das Zischen, das Aufschäumen. Explosiver, dynamischer und kreativer Mensch. Extrem gut im Bett, eine sexuelle Kanone. Kann aber nicht planen und etwas ruhig durchdenken.
*Der Pellkartöffler
Lässt Sachen „ungeschält“, der klassische Prokrastinierer, öffnet seine Post nicht und macht seine Steuererklärung nicht, in heiklen Situationen aber der ideale Freund, weil nicht aus der Ruhe zu bringen.
*Der Klössler
Ist erst zufrieden, wenn mehrere Arbeitsvorgänge durchlaufen wurden. Introvertiert, philosophisch, nachdenklich. Bringt eine Sache konzentriert zu Ende. Aber auch ein autistischer, problematischer Mensch.
Auf was die Lebensberater nicht alles kommen! Nun erweitert sich meine Liste noch um einen Punkt, hiess es bisher: Wassermann (europäisches Horoskop), Schlange (chinesisches Horoskop), Otter (indianisches Horoskop), 6er (Eneagramm) und Herbst (Colour me beautiful), kommt jetzt noch Backkartoffel dazu. Die moderne Psychologie kennt keine Grenzen.
Also passen Sie auf, wenn Sie beim Partnerinstitut nach Ihrem Lieblingsessen gefragt werden. Sagen Sie zum Beispiel „Spargel“, dann steht da in einer geheimen Liste: Phallisch, zielgerichtet, verletzend, aber auch heilend, denn
Die Wunde schliesst nur der Spargel, der sie schlug (Parsifal in der Neufassung von Ralf Ramü)

 

Montag, 20. Mai 2013

Schöne Pfingsten oder: Wir sollten aufhören, uns zu verstehen


Hatten Sie schöne Pfingsten?
Oder freuen Sie sich wie Erhard auf Pfingsten nicht im Geringsten? Oder waren Sie wie Bolle in Pankow und haben sich verprügeln lassen?
Also, nochmal: Hatten Sie schöne Pfingsten?
Wissen Sie eigentlich, was an Pfingsten gefeiert wird? Nein, es ist nicht der Spargel.  Es wird da zwar oft Spargel gegessen, und die entscheidenden Pfingstfragen sind Spargelfragen – grün oder weiss, roher oder gekochter Schinken, Brat- oder Pellkartoffeln, zerlassene Butter oder Bechamel – aber gefeiert wird da etwas anderes. An Pfingsten  feiern wir – was ich esse? Gehört jetzt gar nicht zur Sache, aber gut: weiss, gekocht, BACKkartoffeln und KÄSEsauce, ja ungewöhnlich, aber ich bin halt ein bisschen schräg, und Sie lenken furchtbar vom Thema ab – an Pfingsten feiern wir das Fest der Verständigung.
Als Petrus sich damals in Jerusalem ein Herz gefasst hatte und vor die Meute getreten war, hielt er eine glühende Predigt, die alle Leute verstanden. Der Heilige Geist machte es möglich, dass auch Menschen von JWD (janz weit draussen, alter Berliner Ausdruck, siehe Bolle) ihm mühelos folgen konnten. Das Phänomen heisst übrigens Glossolalie, Zungenrede und war eigentlich das Reden in existierenden Idiomen und nicht das Kleinkindgebrabbel, dessen sich sowohl Charismatiker (Pfingstler, da haben wir es wieder) als auch Esoteriker bedienen.
Jedenfalls: Mit diesem Verstehen fingen die Probleme an.
Es ist nämlich gar nicht gut, wenn Menschen sich verstehen.
In der Urzeit trafen oft Stämme aufeinander, und oft entspann sich eine Szene wie diese: Der Häuptling I schrie: „Ztagggdesiiii“, was so viel heisst wie „Wir killen euch!“, aber der Häuptling II verstand: „Wir sind eure Freunde!“ und unterliess sein „Wwwwzttefruuuuuuu“, was geheissen hätte: „Wir schneiden euch den Schwanz ab!“ Stattdessen umarmte er Häuptling I und beide Tribes feierten in einer Metorgie ihren neuen Pakt.
Auch heute möchte ich oft nicht verstanden werden und ich möchte nicht verstehen.
Wenn ich im Urlaub sehe, wie zwei einheimische Damen im Café am Nachbartisch Platz nehmen, Buttertorte MIT Sahne bestellen, obwohl sie schon links und rechts vom Stuhl herunterquellen, überlege ich mir immer: In welcher Sprache sage ich jetzt zu meinem Partner, dass ein kleiner Salat angebrachter wäre? Englisch und Deutsch können sie womöglich, hier ist dann oft die Mundart der beste Ausweg.
Wenn ich im Tram sitze und bemerke, dass die beiden  albanischen Mädchen  über mich reden, MÖCHTE ich gar nicht wissen, was sie sagen. Vielleicht ist es ja: „Was für ein toller Typ!“ Wahrscheinlicher ist aber: „Guck mal, was der für widerliche Falten hat, kennt der kein Botox? So alt wie der möchte ich auch nicht werden.“
Die Verständigung an Pfingsten war also ein Fehler, kehren wir zurück zum Nichtverstehen. Und feiern wir Pfingsten 2014 den Spargel, mit Brat-, Back, Pell-, Schaum-, Schall- oder Rauchkartoffeln. Völlig egal.

 

Donnerstag, 16. Mai 2013

Anachoret gesucht. Sind Sie teamfähig?


Neulich stiess ich auf eine Anzeige des Klosters Mughalden:

Aufgrund Ablebens des jetzigen Stelleninhabers sucht die Abtei Mughalden einen

ANACHORETEN

Wir bieten:
·         Stellung auf Lebenszeit
·         Keine Entlöhnung, aber Kost und Logie
·         Einen garantierten Platz im Himmel
Sie bringen mit:
·         Teamfähigkeit
·         Belastbarkeit
·         D, E, F in Wort und Schrift
·         Innovatives und vernetztes Denken
·         Müheloser Umgang mit modernen Kommunikationsmitteln

Nun wurde ich hellhörig: Anachoret? Da war doch was, die kommen in Faust II und damit bei
Mahler VIII vor. Anachoreten waren oder sind Menschen, die sich einmauern liessen/lassen und ihre Zeit im Gebet verbringbrachten. Zwei Klappen in die Zelle, eine für Nahrung und eine für die Hostie.
Aber wozu muss so einer teamfähig sein? Er ist den Rest seines Lebens allein. Belastbarkeit? Er muss die Isolation aushalten, aber er hat keine wirklich anstrengende Arbeit. Jetzt wird es noch besser: Wozu braucht ein Anachoret Fremdsprachen? Er redet den ganzen Tag mit Gott, und der versteht, soviel ich weiss, alle Sprachen der Welt. Und was soll Innovation in einer Aufgabe, die seit 2000 Jahren so existiert? Auch der Umgang mit Facebook, Twitter, Blogs, YouTube, Handy, Blackberry oder SMS ist für einen völlig isolierten Menschen eher belanglos.
Ich rief im Kloster an, und bekam von einem sehr liebenswürdigen Mönch die Auskunft, man sei selber ein wenig erstaunt über den Text, man habe die Anzeige bei der Personalagentur WE WANT YOU in Auftrag gegeben, und er gab mir Email und Telefonnummer.
Bei WE WANT YOU sagte mir die Sachbearbeiterin Fräulein Dienstlich, man habe so viel zu tun, dass man Standardtexte verwende und sie ein wenig abändere. Zu neuen Formulierungen sei keine Zeit. Als ich ihr erzählte, was für einen grandiosen Schwachsinn sie da in die Medien gegeben habe, meinte sie nur, sie habe gedacht, ein Anachoret arbeite in der Küche. - Scheins hat sie ihren Faust II nicht gelesen. Und die Achte von Gustav nicht gehört.
Aber im Ganzen ist die Story eine grosse Beruhigung für alle Arbeitssuchenden. Die Texte in den Zeitungen sagen nichts. Sie haben eine Qualifikation nicht? Egal. Sie können völlig teamunfähig sein, wenn Sie sich als Nachtportier bewerben. Fremdsprachen sind nicht so wichtig, wenn Sie an ein Schlachthaus wollen. Die Schweine und die Kälber verstehen Deutsch.
Überhaupt gilt die Regel: Wenn Sie 7 von 10 geforderten Punkten erfüllen, sollten Sie Curriculum und Zeugnisse abschicken.
Eine Sache begegnete uns in Jena. Das Freibad hatte am Eingang eine Lehrstelle ausgehängt. (Die Geschichte ist jetzt wirklich wahr!!) Den ganzen Nachmittag in der heissen Sonne und im kühlen Wasser fragten wir uns: Gut, ein Bademeister muss viel können, er muss die Technik überwachen, Teenager zusammenscheissen, Eintrittsgelder kassieren, er muss Leben retten und den Rasen mähen. Aber warum braucht ein Bademeisterlehrling DAS ABITUR?