Dienstag, 14. Mai 2013

Heute kein Thema


Heute ist mir nichts eingefallen.
Lesen Sie deshalb bitte nicht weiter.
Kann ja mal vorkommen, so eine Ideenblockade, so eine Themenlosigkeit, so eine Leere, man weiss einfach nicht, über was man schreiben soll, man überlegt und überlegt, aber es gibt einfach keine Sache, die einem auf den Nägeln brennt, die einen umtreibt, die sich aufdrängt.
Sie lesen ja immer noch, hören Sie doch auf damit.
Es gibt ja auch nichts Neues unter der Sonne: Ein Land wird wieder mal bankengerettet, woanders tritt die Regierung zurück, Deutschland und die Schweiz einigen sich in irgendeiner Sache nicht, die UNO und der Papst mahnen zum Weltfrieden, in einem Land streikt die Müllabfuhr, in einem anderen die Fluglotsen. Und dann meldet sich noch Steinbrück zu Wort und hüpft wieder in einen Fettnapf.
Wieso lesen Sie denn? Ich habe doch gesagt, es gibt nichts, jetzt ist aber mal Schluss.
Man könnte ja einfach einen alten Post wiederholen, oder etwas klauen, copypasten, oder Goethe zitieren, aber das liegt mir nicht, wiederholen kann ich, wenn alle meine Leser Alzheimer haben und das Abschreiben überlasse ich den Politikern, und Goethe? Deshalb wird heute hier nichts, nichts, gar und aber nichts zu lesen sein.
SIE LESEN! VERDAMMTER MIST, HÖREN SIE AUF DAMIT, BEVOR ICH RICHTIG BÖSE WERDE!
Sie können es nicht. Wieso können Sie es nicht? Weil Sie Angst haben, etwas zu verpassen. Diese Angst, die Rolf Dobelli wunderbar in seinen 52 Irrwegen, die Sie anderen überlassen sollten beschreibt, ist völlig irrational, aber auch völlig normal.
Dobelli beschreibt einen Test, den amerikanische Wissenschaftler mit Studenten gemacht haben. Der Aufbau – ein Computergame – war total einfach: Drei Türen, rot/blau/gelb. Öffnen kostet Punkte, hinter jeder Tür kann man Punkte machen. Schnell hat man herausgefunden, dass es hinter der blauen Tür am meisten zu holen gibt, und man bleibt im blauen Raum. Ändern tut sich das Verhalten, wenn den Probanden gesagt wird, die gelbe und die rote Tür schlössen sich für immer, wenn sie 10 Minuten nicht bedient würden. Jetzt rast man ständig in die Räume, in denen es wenig oder keine Punkte gibt: Angst, etwas zu verpassen!
Aus diesem Grunde lesen wir ein völlig schwachsinniges Buch weiter, wir bleiben in einem polnischen Autoren-Experimentalfilm  sitzen, in der Hoffnung, dass im letzten Drittel etwas Anderes als die herbstliche Allee gezeigt wird, wir gehen nicht in der Pause des Violinrezitals heim („Vielleicht liegt ihm ja Brahms.“), wir kaufen einen Mist, der  laut Werbung nur noch einen Tag angeboten wird. Stellen Sie sich vor, es gibt ab morgen Detmold nicht mehr, müssen Sie dann heute hin?
Fallen Sie nicht auf die Nur-nichts-verpassen-Masche herein!
P.S. Alle Posts vor Januar 2013 werden nächste Woche gelöscht.

Donnerstag, 9. Mai 2013

Danaergeschenk am Banntag

Der Banntag ist eine gute und schöne Baselbieter Tradition. An Auffahrt (Himmelfahrt) lief man früher den Bann, die Gemeindegrenze, ab um zu kontrollieren, ob alle Grenzsteine noch an Ort und Stelle waren. War das nicht der Fall und kamen die vom Nachbardorf gerade mit ihrer Begehung vorbei, wurden kartografische Unstimmigkeiten direkt an Ort und Stelle gelöst - mit einer Schlägerei. Heutzutage sind natürlich alle Gemeindegrenzen bis auf den Millimeter festgelegt, der Banntag ist nun vor allem ein geselliges Ereignis, die Blasmusik spielt, es gibt zu Essen und zu Trinken. Ja, auch ein wenig Alkohol, also schon ein bisschen mehr Alkohol als wenig, also eigentlich ziemlich viel. Deshalb wurde ja auch der freie Brückentag am Freitag danach eingeführt, weil die Leute noch so betrunken waren, dass an Arbeiten eh nicht zu denken war.
Nun kam es am Banntag 2013 in Bübbingen zu einem Eklat: Die Einwohner des kleinen, inmitten blühender Obstbäume malerisch gelegenen Weilers stellten fest, dass die vom Nachbarort Guxau irgendetwas an den Grenzsteinen gemacht hatten. Allerdings löste man das Problem dieses Mal nicht mit Gewalt, man holte die Karto- und Geografen, und zwar vom Kanton und auch gleich die aus Bern. Einstimmig stellten diese fest, dass etwas passiert war, was es in der Geschichte der Banntage selten so gegeben hat: Guxau hatte den Grenzstein zu seinen Ungunsten verschoben! Der sofort herzitierte Guxauer Gemeindepräsident Schweizer gestand unter Tränen, dass in dem bewussten Areal, dem sogenannten Husliholz, es immer wieder zu illegaler Deponierung von Elektroschrott gekommen sei. Man habe nie jemand erwischt, und so sei das Husliholz eine Müllkippe mit ca. 300 Laptops, 400 Druckern, unzähligen Waschmaschinen, Geschirrspülern und ca. 2 000 000 Handys. Und nun habe er einfach die Idee gehabt, den ganzen Flecken den Bübbingern unterzujubeln. Man habe alles mit Erde bedeckt und noch ein bisschen Buschwerk gepflanzt, und nun sehe das Ganze etwas nett aus.
Die Sache hatte sofort Konsequenzen, das Husliholz blieb auf Guxauer Boden, aber Schweizer blieb nicht Gemeindepräsident. Er trat noch am selben Tag zurück.
Aber die Idee ist genial.
Sie ist wirklich genial.
So könnte man doch Schleswig endlich den Dänen zurückgeben und vorher den deutschen Atommüll dort endlagern. So könnte Allschwil den Allschwiler Weiher den Baslern schenken, mitsamt den Jenischen, die dort hausen. So könnte Freiburg sein Wagenburgproblem lösen, indem man denen Platz gibt und dann diesen Platz den Kirchzartenern oder Merzhausenern schenkt. Aller Mist kommt an die Grenzen und dann wird der Grenzstein verschoben. Man nennt das ein Danaergeschenk. Viele Nachmieter kennen das: Da wird einem grosszügig, spendabel und generös ein Teppich, ein Einbauschrank oder ein Vorhang überlassen. Aber wehe, man möchte das Präsent nicht! Da werden die Vormieter aber ziemlich, ziemlich ausfällig. Denn das Entsorgen des Objektes ist viel aufwändiger als das Dalassen. Noch schöner wird die Sache, wenn im überlassenen Teil der Schimmel, die Kakerlaken oder die Wanzen hausen. Das Geschenk an den Nachmieter erspart den Kammerjäger.
Hier könnte man das Floriansprinzip erweitern:
Oh, Heiliger Sankt Florian,
Verschon mein Haus, zünd' and're an!
Und wenn mein Häuslein munter brennt
Mach ich's dem Nachbarn zum Präsent.


Dienstag, 7. Mai 2013

Vergesslichkeit

Ich bin so vergesslich in letzter Zeit. Ich vergesse dies und das und das und dies, ich vergesse meinen Regenschirm im Zug, ich vergesse Telefonnummern, Adressen, Termine und Opernkarten. Letzte Woche bin ich morgens aufs Tram, ich hatte meinen Geldbeutel, Handy, Schlüssel und Zigis dabei, die Präparation für die Schule und die korrigierten Diktate. Und als ich am Tram stehe, merke ich: Ich habe nur die Unterhose an! Nun ist mein knackiger Hintern in einer knackigen Unterhose sicher ein erfreulicher Anblick, aber es gehört sich einfach nicht. So bin ich heim und habe meine Jeans angezogen.
Frau Umtrieb von den Bayreuther Festspielen hatte mir Frühstückskarten zu viel geschickt. (Die Frühstücke sind eine Produktion der Frühwerke mit Thielemann, hat nichts mit Marmelade zu tun.) Ich schickte sie zurück, wartete, fragte nach, erhielt eine Antwort, sie habe die Rückbuchung einfach vergessen. Ein Priester sagte neulich am Ende der Messe ganz charmant, er habe einige liturgische Teile vergessen und werde sie jetzt nachholen.
Vergesslichkeit, wohin man schaut.
Vergessen ist menschlich.
Problematischer sind da die grossen, wichtigen, dramatischen Vergesser.
Da vergessen Politiker in ihren Doktorarbeiten ein paar Fussnoten, oder überhaupt die Kennzeichnung von Zitaten. Menschlich? Peinlich?
Da vergisst ein Ministerpräsident, auf welchem Rasthof und an welcher Autobahn er einen Koffer mit Schmiergeld bekommen hat. Kann ja nur heissen: Entweder er lügt oder er bekommt permanent Koffer mit miesem Geld auf irgendwelchen Raststätten an irgendwelchen Autobahnen, so oft, dass er sich wirklich nicht erinnern kann. So wie die CIA in der Tat vergessen hat, wie oft und wann sie Koffer, Rucksäcke, Plastiktüten (sic!!!!!!!) mit Geld im Palast in Kabul abgeliefert hat. Es waren so viele Aktionen, dass man sie nicht mehr nachvollziehen kann.
Den Vogel hat jetzt Kaiser Franz abgeschossen: Der gute Uli habe so viel um die Ohren, da könne man schon einmal etwas vergessen... Man möchte Beckenbauer zurufen:
Ja ist denn schon wieder 1.April? Hatte Hoeness keinen Steuerberater? Die nerven nämlich solange, bis man nichts vergessen hat. Das ist ihre Aufgabe. Wenn ein Steuerberater Gelder vergisst, hat der Klient gesagt, er solle es vergessen. Oder es seiner Steuerkanzlei verschwiegen. Ein anständiger Steuerberater gibt übrigens sein Mandat zurück, wenn der Auftraggeber zu leicht Konten "vergisst". Meine gute Frau Paulsen in Zwingenberg hätte das getan. Übrigens hat Uli ja dann alles zugegeben und ist Franzl in den Rücken gefallen. Oder hat er dann wiederum nur VERGESSEN, was Beckenbauer meinte?
Die grossen Vergesser kann man in dem Satz zusammenfassen, den ein Schulkollege unserem Klassenlehrer sagte:
"Ich hab's vergessen, aber ich hab's gern vergessen."
Mein Unterhosenauftritt brachte mir dann noch ein Fotoshooting für eine Wäschefirma ein. Was mit Kevin oder so, nein so was mit Ossie... Ich habe es vergessen.
Und eine andere nette Story ist noch:
...
...
Sie ahnen es, ich habe sie vergessen.

Freitag, 3. Mai 2013

Habemus Rex oder: Willem Alexander und die Frauenquote

Wij hebben een Koning.
Habemus Rex.
Natürlich weiss ich, dass das habemus regem heissen müsste, aber das andere klingt einfach viel besser, und wenn eine Gruppe, die sich der Kunst im Alter widmet, den Namen Senectus Ars trägt, kann ich das doch auch so machen.
Jedenfalls, die Niederlande waren einen Tag im Freudentaumel. Tausende verabschiedeten ihre Beatrix und hiessen Willem und Maxima willkommen. Darunter viele Deutsche Monarchisten, die nur über der Grenze das bekommen, was es zu Hause nicht gibt. Es ist übrigens ein Drittel der Bevölkerung - ich bin also nicht alleine mit meiner monarchistischen Gesinnung.
Es war ein tulpentaumeliger, orangegefärbter, geneverseeliger Tag. Amsterdam stand Kopf und die Niederlande jubilierten. Nur hinter ganz, ganz, ganz arg vorgehaltener Hand hörte man: "Maar, hij is een man..." (Aber er ist ein Mann) Einge hatten also doch ihre Zweifel: Kann ein Mann ein Land regieren? Kann er König sein? Ist ein XY-Chromosomiker der Belastung, den Anforderungen, dem Amt eines Königs gewachsen? Ein König? Statt einer Königin?
Nun denken Sie nicht, alle Niederländer seien Männerfeinde. Sie können beruhigt mit einer Holländerin Sex haben, sie wird Ihnen danach nicht gottesanbeterlich den Kopf abbeissen. Sie können auch in Arnhem oder Maastricht nachts auf die Strasse, ohne dass Ihnen wildgewordene Emanzen irgendetwas abschneiden. Auch die NL-Feministin Anja Meulenbelt - ein Ur- und Frühgestein der Frauenbewegung - hatte mehr Männer als Frauen. Nein, man kann sich einfach keinen Koning mehr vorstellen. Niemand dort hat einen Mann als Oberhaupt erlebt. Vor Bea war Juliana, vor Juliana war Wilhelmina.
Genauso kann sich niemand eine Frau an der Spitze von bestimmten Konzernen vorstellen, einfach weil es das noch nie gab. Und deshalb brauchen wir die Frauenquote. Die Monarchien haben sie längst, und zwar eine natürliche. Bei Erstgeburtsthronfolge haben wir einen Frauenanteil von 50%, da genauso viel Jungs wie Mädchen zur Welt kommen.
Die Frauenquote ist kein Selbstzweck. Sie soll sich selber abschaffen, wie neulich die Chefredakteurin der taz sagte, selbst eine Quotenfrau. Wenn die Frauen gezeigt haben, dass sie führen können, dass sie intelligent, ausgebildet, kommunikativ und vernetzt sind, dann brauchen wir die Zahlen nicht mehr.
Eine Frau kann einen Autokonzern leiten, so wie auch ein Mann das Königreich Niederlande nicht in den Abgrund fahren wird.
In diesem Sinne wünschen wir unserem Quotenkönig Willem Alexander: Alles Gute! Gutes Regieren!
In meinem Blog haben wir übrigens eine Quote von 45%. So hoch sind meine weiblichen Anteile.

Montag, 29. April 2013

Ich tue es für mich selbst

Vor etlichen Jahren wurde ich Zeuge einer etwas peinlichen Szene. Am FKK-Strand des Freiburger Flückingersees hatte sich ein offensichtlich gestörter Mann hinter eine Gruppe Frauen gesetzt und - na, ja, wie soll ich das jetzt vornehm ausdrücken - sich Lust bereitet. Es kam zu Geschrei und einigen fliegenden Gegenständen und schliesslich holten wir die Polizei. Tatbestand: Öffentliches Ärgernis.
Die Geschichte ist übrigens wirklich wahr.
Man tut also solche Dinge nicht in der Öffentlichkeit. Und das ist gut so.
Was soll man aber von Leuten halten, die eigentlich das Gleiche tun, nur auf einer anderen Ebene?
Da gehe ich in ein Konzert, in dem ein junger, hübscher Geiger eine Beethovensonate versaut, weil er jeden Triller, jedes Glissando, jede Phrase so gestaltet, dass er sich toll findet, dass er sich zeigt, was für ein immens guter Musiker er ist, ganz egal ob das zum Stück passt, ganz egal ob er den Zuhörern etwas Schönes bietet. Das ist künstlerische Selbstbefriedigung. Und man sollte die Polizei holen.
Da malt die Rentnerin Nelli Bugger Blumenstilleben in Öl. Eine Beschäftigung, die ihr Vergnügen macht und ihre langen Nachmittage ausfüllt. Das ist völlig OK, aber muss sie diese Schinken dann in der Sparkasse ausstellen? Muss ich armer Kunde mir diese epigonalen Sonnenblumenklecksereien ansehen, nur weil die gute Frau sich daran ergötzt?
Das Schlimmste ist aber die Verbale Masturbation, kurz V.B. Man hat nichts zu sagen, man teilt nichts mit, es geht nicht um den anderen, ich bereite mir Lust, indem ich quassele.
Ja, und ich schlage mir dreimal auf die Brust (Sie kennen es inzwischen: mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa...), ich bin da auch nicht ganz frei davon.
Aber das Gute ist: VM hat klare Vorzeichen, und man kann sie verhindern. Das ist, wie wenn der Gestörte anfängt, an seinem Hosenlatz zu nesteln.
Das gehört jetzt eigentlich nicht zum Thema...
Wenn es nicht zum Thema gehört, dann lasse es weg und schweige!
Man gestatte mir einen kleinen Exkurs...
Ein notwendiger Exkurs, wie zum Beispiel ein paar Worte zu Ludwig II innerhalb eines Wagnervortrags, muss nicht gestattet werden, er ist unabdingbar, einen unnötigen Exkurs gestatten wir nicht!
Besonders schön sind "Hörer fragen Experten"-Sendungen:
Ich habe keine Frage, sondern eine Ergänzung...
Dann mach die Leitung frei, du Affe, hier sitzt jemand, der sich wirklich auskennt, und viele Hörer kommen wegen dir nicht durch!
Oder auf einem Elternabend 1. Klasse:
Mich würde interessieren, ob sie Tonika-Do oder Solfege unterrichten...
Ja, aber nur dich, und sämtliche anderen Eltern haben keine Ahnung, wovon wir sprechen, es gibt nach der Veranstaltung noch ein Glas Wein, warum kommst du nicht dann zu mir?
VM, wohin das Auge schaut.
Es kam am See übrigens wirklich zu einer Anzeige. Und das sollte man bei allen anderen Situationen, bei denen jemand etwas tut, das alle stört und nur ihm Vergnügen bereitet, auch tun.
Oder lieber nicht, wahrscheinlich sässe ich dann schon längst im Knast.

Freitag, 26. April 2013

Sind Politiker privat?


Bei einer Opernpremiere kam ich mit einem Kommunalpolitiker ins Gespräch. Wir standen mit Blubberalkohol  an der Bar im Foyer, ich im Sakko, er im Armani und er lauschte meinen Ausführungen über die Vorgeschichte der „Elektra“.
Nach einer Weile fiel mir auf, dass der gute Mann mir nicht seine ganze Aufmerksamkeit widmete: Immer wieder blitzten seine Augen und er drehte sich nach diesem oder jenen um, da waren Hände zu winken oder zu schütteln, ein Kopfnicken, ein kurzer Gruss. Bedauernd meinte ich, dass es schon ganz schön stressig sei, auch beim Privatleben so beschäftigt zu sein. Ach was, entgegnete er, das sei wichtig. Er müsse ja gesehen werden, hier gehe es um wichtige Leute, um Wähler, aber auch Lobbyisten, und schliesslich sei es auch wichtig, dass man ihn bei einer kulturellen Veranstaltung sehe, er bleibe damit als kulturell interessierter Mensch im Gedächtnis haften, und kulturell interessierte würden eher gewählt. Im Grunde, so der Politiker, sei nichts, was er tue, privat, er sei eben ein öffentlicher Mensch, und er sei es gerne.
Der gleiche Politiker, nennen wir ihn mal Heinz Schmidt und nennen wir die Stadt Bobenhausen, wurde zwei Wochen später bei einer SM-Party fotografiert. Dummerweise gerieten die Fotos in Umlauf. Sie waren nicht schlimm, aber nicht gerade das, was man auf der Kinderseite zeigen würde: Schmidt in Tanga und Handschellen, Schmidts Begleiterin mit Reitgerte und ähnliche Bilder. Schmidt wetterte daraufhin bei einem Interview mit dem Bobenhausener Anzeiger los, dass es eine Frechheit sei, in seiner Privatsphäre zu schnüffeln, niemand gehe es etwas an, was er in seiner Freizeit tue. Er könne – solange er sich an die gültigen Gesetze halte – anziehen, was er wolle, er könne auch ausziehen, was  und WEN er wolle, er sei irgendwelchen Moralaposteln in seinem Schlafzimmer keine Rechenschaft schuldig. (Komische Aussage, die Party fand ja nicht in seinem Schlafzimmer, sondern in der BIZARRBAR statt). Sein Körper sei sein Privateigentum und nicht das des Bobenhausener Rathauses.
Merken Sie was? Die Öffentlichkeit, die die Politicks so sehr brauchen, die sie hätscheln und pflegen, die sie füttern mit Bayreuth-Besuchen, Sportereignissen und Gottesdiensten, an denen man teilgenommen hat, ist auf einmal widerlich, wenn sie Dinge an den Tag zerrt, die man lieber nicht zeigen will. Und es ist eben dann NICHT privat, wenn ein Freysinger eine Reichskriegsflagge in seinem Zimmer hängen hat. Er muss sich dann halt der Sache stellen und erklären, was es damit auf sich hat. Auf das „Private“ kann sich die Politik nicht mehr zurückziehen, dazu turnt sie zu viel in der Öffentlichkeit herum. 
Machen Sie einmal den Versuch und begrüssen die Zuhörer eines Konzertes ihres Kinderchores mit folgenden Worten: „Ich begrüsse die Eltern und die Jugendmusikschulleitung, ich begrüsse keine Kommunal- oder Kreispolitiker, sie sind privat hier, weil ihre Kinder mitsingen.“ Da werden ein paar beleidigt sein, und gerade vor Wahlen wimmelt es von denen. Wenn dann aber einer anruft und die Immer-im-Dienst-Masche fährt, schiessen Sie zurück: Oh, dann darf man auch wissen, dass Sie neulich im Nebenzimmer des Hirschen das Horst-Wessel-Lied angestimmt haben? Oh, dann dürfen unsere Leser sicher auch erfahren, dass bei Ihnen im Wohnzimmer eine Karte mit den Marinestützpunkten von 1916 hängt? Nein, DAS ist dann wieder privat.
Also, liebe National-, Bundes-, Gross-, Landräte, entscheidet euch: Seid ihr ausserhalb des Sitzungsgebäudes Privatmenschen oder nicht? Aber dann komplett.
Wirklich den Vogel hatte ja damals Helmut Kohl abgeschossen, als er bei der Beisetzung Friedrich des Zweiten in Potsdam war. Wir erinnern uns: Der Preussenkönig war endlich heim in die Gruft seiner Residenzstadt gekommen. Man wollte eigentlich keine politische Aktion daraus machen, daher nahm Kohl ALS PRIVATMANN teil.
Und auch Maggie wurde - so der Prediger - als Privatmensch beerdigt. Deshalb waren auch Regierungschefs aus ganz Europa angereist, weil es eine Privatsache war. Da waren die The-whitch-is-dead-Meetings ehrlicher: Sie hatten nichts gegen die Privatfrau, wohl aber gegen die Politikerin.
Und Schmidt in Bobenhausen? Er macht seine Sexkapaden in Zukunft wirklich in seinem Schlafzimmer, und die Nutten bekommen sehr viel Geld dafür, dass sie nicht rumerzählen, was DA für Militaria hängen.


Montag, 22. April 2013

Belieber?

Ich habe neulich geschrieben, dass wir alle Egozentriker sind.
Nun gibt es da aber auch Abstufungen. Wer im Anne Frank-Huis ins Gästebuch schreibt, das jüdische Mädchen wäre heute eine Belieberin (für Uneingeweihte: Fan von J.B.), ist schon ein ganz, ganz grosser. Justin Bieber ist sicher in den TopTen der Egozentries. So wie er in den TopTen der unnötigsten Persönlichkeiten, den TopTwenty der schlechten Popmusiker und in den TopFive der Leute ist, die man überflüssigerweise von der Strasse geholt hat. Nicht was Sie denken, er war Strassenmusiker.
Wie ist das aber nun abgelaufen? Hier die ganze Wahrheit über die Sache an der Prinsengracht:
Auf dem Tourneeprogramm von Justin steht Amsterdam. Jetzt müssen wir wissen, Justin ist immer noch ein Teenager, und was denken Teenager, wenn Amsterdam auf dem Programm steht? Richtig: Party, Saufen, Drogen, Redlight, Kiffen, Hausboot, Chillen, Shoppen usw. Sie denken sicher nicht an Sonnenblumen - wieso nicht Tulpen?, ich meine die von Van Gogh - oder irgendwelche Männer, die in der Nacht mit irgendwelchen Laternen und Lanzen rumstehen. Das PR-Management findet nun aber, Justin muss nach so vielen pubertären Entgleisungen endlich etwas Seriöses machen. Und die PR-Leute fordern das ungewöhnlich heftig und schrill. Also verkünden sie: Zwei Stunden Anne Frank-Huis. Bieber mault, Bieber meckert, Bieberlein will in die Geschäfte und Geld ausgeben, er will saufen und eine Tüte bauen, er will an den Kanälen rumhängen, keine Chance, die PR bleibt hart, J.B. muss in Het Achterhuis.
Nun beginnt die schwere Aufgabe für die Bodyguards Toki, Loki, Boki und Moki: Aufpassen, dass sich unser Melobubi zwei Stunden lang ordentlich benimmt. In manchen Fällen schützen ja die Personenschützer nicht den Star vor der Umwelt, sondern die Umwelt vor dem Star. Zwei Stunden lang kontrollieren sie, dass Justin nichts anfasst, dass er auch die Tafeln liest, dass er keinen Kaugummi irgendwo hinklebt, dass er andächtigt nickt, dass er nicht abhaut, dass er keine blöden Sprüche macht und einigermassen seriös wirkt. Und dann, kurz vor Schluss passiert es, sie sind einen Moment lang unaufmerksam, und Bieber schreibt den Mist ins Gästebuch.
Was lernen wir aus der Geschichte?
Dass PR-Aktionen meistens schiefgehen.
Hätte man vor vierzig Jahren dem Grossmütterschwarm Heintje (Oma so lieb, Oma so nett...) gesagt, er müsse in eine Disco, um ein bisschen seine Jugendlichkeit zu pflegen, er hätte sich zunächst an der Bar einen Orangensaft (!!!) geholt und dann später eine junge Dame mit Verbeugung aufgefordert: "Darf ich Sie zu einem Foxtrott bitten?". Genauso peinlich.
Noch peinlicher ist es, wenn Firmenbosse nach Bayreuth müssen, wenn irgendwelche Society-Schnepfen einen Tag lang einen Rollstuhl schieben, wenn sich Dieter Bohlen mit einem Adorno-Buch ablichten lässt, wenn Angela Merkel mit dem Fahrrad fährt. Und alles nur, weil die PR-Berater meinen, ihr Schützling müsse mehr kulturell, mehr sozial, mehr gebildet, mehr sportlich wirken.
Das Anne Frank-Huis selber reagierte übrigens gelassen: Anne habe immer aktuelle Musik gemocht...
Die Holländer nehmen ja viel mit Humor.
Aber wahrscheinlich hat die PR-Abteilung der Prinsengracht gemeint, man solle hier eher amüsiert und heiter wirken und ein Bannfluch Richtung Justin sei schlechte PR.