Stehen Sie auch manchmal vor Konzertplakaten und fragen sich: Singen die wirklich noch? Touren die noch? Musizieren die noch? Oder in Extremfällen: LEBEN DIE EIGENTLICH NOCH? Ja, sie sind wieder unterwegs, die Altstars der Popmusik, die Melogrufties, die Oldtimer, die Sänger und Gruppen, bei denen der Tourbus nicht nur Mischpult und Schlagzeug, sondern vor allem Liege, Infusionsgerät und Sauerstoffzelt transportiert: Maffay, Anderson von Jethru Tull, Chris de Burgh - der irische Weichspüler - und die Stones.
Ja, und Crosby, Stills & Nash. Die unvergleichliche Gruppe, die wohl das bekiffteste Live-Album aller Zeiten hingelegt hat, bei dem einen Lied ist es nicht mehr möglich, einen gleichbleibenden Basston zu treffen, bei dem anderen fangen sie gleichzeitig mit verschiedenen Songs an, weil der Ablauf nicht mehr im Kopf ist. Neulich sah ich sie auf einer Ankündigung: Weisshaarig, faltig und mit leichten Bäuchlein. Young, der vierte im Bunde, ist übrigens nicht dabei, er ist nicht nur schein-, sondern wirklich tot.
Wie mag ein Konzert von ihnen ablaufen? Das Publikum muss ja steinalt sein, 4-Way-Street (das ist das THC-Album) war zu meiner Jugend schon etwas Vergrautes.
Schalten wir uns doch live in die Bubba-Halle Dinslaken, wo gerade Chicago läuft. - Wer den Song nicht kennt, unbedingt auf You Tube anschauen, er ist wirklich gut, meine Generation wird ihn komplett mitsingen:
Though your brother's bound and gagged
And they've chained him to a chair
Won't you please come to Chicago
Just to sing?
Agathe (82) wippt mit Hüften und Schultern, während sie leise mitsummt und ihre Hände fest die Stangen ihres Rollators umklammern.
In a land that's known as freedom
How can such a thing be fair?
Won't you please come to Chicago
For the help that we can bring?
Sie blickt hinüber zu dem reizenden Herrn mit entzückenden graumelierten Haaren, er heisst Fred, ist 79 und hat sich mit zitternden Händen eine riesengrosse Tüte gebaut.
We can change the world
Rearrange the world
It's dying to get better
"Krieg' ich auch einen Zug? Aber du musst mir den Joint in den Mund stecken, ich habe ja keine Hand frei." Ja, Rollatoren mit Haltevorrichtungen für Tabak- und Haschischprodukte, das wäre eine Marktlücke!
Politicians, sit yourselves down
There's nothing for you here
Won't you please come to Chicago
For a ride?
Natürlich bekommt Agathe ihren Zug und kichernd kommen die beiden sich näher. Wann hat man das letzte Mal gekifft? Es scheint ein Äon her.
Don't ask Jack to help you'
Cause he'll turn the other ear
Won't you please come to Chicago
Or else join the other side?
Fred legt seinen Arm und ihre Schulter und sie schmiegt sich an ihn.
We can change the world
Rearrange the world
It's dying
Und das tun die zwei eben nicht, sie singen noch lauthals Cowgirl in the Sand und Teach your Children mit, und natürlich Right between the eyes. Und am Ende streben sie zielsicher dem Ausgang zu. Your place or my place? Schwierige Frage, wenn das eine das St.Anna-Stift und das andere die Residenz Harmonie ist.
Die andere Frage ist, ob sie es mit oder ohne tun.
Nein, nicht Kondom.
Zähne.
Freitag, 19. April 2013
Dienstag, 16. April 2013
Wir konnten den Frühling (leider!) nicht vermeiden
Das Frühjahr! Jetzt ist es da! Und ich hatte so gehofft, dass
es dieses Jahr ausfällt. Es sah nun auch wirklich so aus, als ob uns diese
schreckliche Jahreszeit erspart bliebe. Die Ostereier suchten wir im Schnee, der
Himmel im März blieb trübe, Schnee- und Graupelstürme trieben vor den Fenstern, und es war herrlich kalt, klirrend, eisig, sibirisch. Aber der Lenz hat sich
heimlich und heimtückisch doch wieder durchgesetzt.
Sie freuen sich auf den Frühling? Aber ich bitte Sie, was
bringt der denn?Er bringt zunächst einmal Pollen, überall niesen und schnupfen die Leute, zücken ihre Taschentücher und ihre Sprays, jedermann hat sein Antihistaminikum in der Tasche und sein Asthmamittel griffbereit. Die Pflanzensamen wirbeln durch die Luft und verwandeln ganze Landstriche in Krankenstationen, wo rotäugige Menschen durch die Wiesen japsen, nur einem Gedanken verpflichtet: Blöder Heuschnupfen! Und das soll schön sein?
Die Sonne leuchtet Ihnen frisch, fest und fies in die Wohnung hinein und zeigt Ihnen alle die Stellen, für die Sie sich beim nächsten Verwandtenbesuch schämen müssen: Staub auf dem Regal, Schlieren auf den Fenstern, Fett auf dem Herd und Kalk in der Dusche. Also stürmen Sie den benachbarten COOP und decken sich mit Tonnen von Stahlwolle, Wollstahl, Scheuermittel, Mittelessig und Essigreiniger ein. Die Parole heisst nicht Osterspaziergang, sondern Osterputz, wochenlang werden Sie Ihre Böden und Wände schrubben, bis die Sonne Ihnen keine Peinlichkeiten mehr zeigt. Und das soll schön sein?
Im Winter durfte man zuhause bleiben und alle die Dinge tun, die am warmen Ofen so Spass machen: Lesen, Spielen, Ferngucken, Telefonieren, Stricken. Jetzt gilt man auf gilt man auf einmal wieder als Stubenhocker und Naturmuffel, wenn man eben NICHT gerne mit dem Velo durch die Wiesen rast oder eben NICHT gerne am See entlang schlurft. Die Öffentliche Meinung treibt einen gnadenlos aus der Stube und schreit: Es ist Lenz! Lege dein Buch weg! Ab in die Natur! Rieche die Bäume! Sei beseelt! Und vor allem: BEWEGE dich! Und das soll schön sein?
Als es noch kalt war, konnte man sich in warme, weite Sachen hüllen, die die Körperrundungen sanft verbargen. Jetzt wird die Kleidung wieder leichter und luftiger und zeigt so manches Speckröllchen, das der Wintermantel lieb verhüllte. Und das soll schön sein?
Ganz zu schweigen vom Hormonschub, dem ja vor allem die Teenager erliegen. Kreischend und gackernd huschen sie durch die Lande, überall eine triefende Testosteron- und Östrogenspur hinterlassend.
Und das soll…???
Und hören Sie mir auf mit den Frühlingsliedern! Die sind alle verlogen, alle, alle. In Amsterdam gibt es gar keine Tulpen, die werden nämlich auf riesigen Feldern ausserhalb der Städte gezüchtet, und im Prater können auch keine Bäume blühen, da blinken nur so Lämpchen an Geisterbahnen und Rutschgedöns, und Palestrina kann man auf der Blofklöte gar nicht spielen, das ist mehrstimmig.
Nein, wir konnten den Lenz nicht verhindern, aber wir können eines tun: Ihn, so gut es geht, ignorieren. Wenn Sie also am Leonhardsberg vorbeikommen und sich über die heruntergelassenen Rollläden wundern: Ich bin nicht in Urlaub, ich sitze in meiner abgedunkelten, pollenfreien, beheizten Wohnung, trinke Tee und lese. Ich mache Sommerschlaf. Im Herbst, wenn es endlich, endlich, endlich wieder kalt wird, komme ich wieder raus.
Freitag, 12. April 2013
Ganz wichtig, deshalb habe ich auch nichts organisiert...
Der junge Mann im ICE
hämmert wie wild auf seinen Laptop ein. Seine Wangen sind gerötet, seine Haare
fliegen, wie gebannt starrt er auf den Bildschirm. Scheinbar muss er bis zum
nächsten Bahnhof, Kassel-Wilhelmshöhe, eine wichtige Sache fertig haben.
Dummerweise sitzt er auf einem Platz, der ab Frankfurt, das wir gerade
verlassen haben, reserviert ist, und zwar für mich. Ich tippe dem Herrn auf die
Schulter: „Entschuldigen Sie, aber der Platz ist reserviert.“ Zwei tiefblauge Augen starren mich an: „Das
geht nicht. Ich muss arbeiten.“ Ich entgegne, ich müsse auch arbeiten, deshalb
hätte ich mir ja einen Platz mit Tisch besorgt. Der junge Mann streicht sich eine blonde
Strähne aus der Stirn und beginnt ein Lamento: Er müsse dieses Dokument um
12.00 in Kassel präsentieren und er habe fest mit der Arbeitszeit im Zug
gerechnet, sein Chef werde ihn abmahnen, wenn er es nicht fertig habe, es ginge
um sehr viel, es ginge sozusagen um Tod und Leben. „Wenn es so wichtig ist“,
und damit beginne ich langsam, ihn von seinem – pardon, von meinem – Sitz zu
ziehen, „wenn es so wichtig ist und um Tod und Leben geht, warum hast du dann
nicht RESERVIERT?“ Der Jüngling schluchzt leise vor sich hin, weiss aber darauf
auch keine Antwort. „Jetzt lassen Sie den armen Menschen doch sitzen!“, mischt
sich eine Dame ein, „wenn er unbedingt arbeiten muss.“ „Ja, es geht doch um Tod
und Leben.“ Ich hole den Schaffner, der den Typ von meinem Platz entfernt und
unter feindlichsten Blicken der Umsitzenden
beginne ich zu arbeiten: Schaut mal, dieses arrogante Schwein, das die
Notlage des Anderen nicht sieht.
Der Hinweis auf die Notwendigkeit, Dringlichkeit, auf das
Interesse, die Wichtigkeit, die Bedeutung verblasst ein wenig, wenn man sich
vorher nicht gekümmert hat. So ist es zum Beispiel ein bisschen, nur ein
bisschen komisch, dass die türkischen Medien keine Journalistenplätze bei
diesem Prozess gebucht haben. Ich sage damit nicht, dass die deutschen Gerichte
bezüglich Ort nicht flexibler sein könnten, aber es ist doch merkwürdig, dass
eine Sache, in die sich beide Regierungen, der Botschafter und alle möglichen
Institutionen einmischen, vorher scheinbar nicht so bedeutend war. Denn die
Plätze wurden ja streng nach Reihenfolge vergeben. Der Hinweis darauf hätte
übrigens auch von deutscher Seite kommen können, vielleicht von den Politikern, die sich jetzt
so aufregen.Dienstag, 9. April 2013
BILLAG sucht Fernsehmuffel oder: Der Ton macht NICHT die Musik
Neulich bekam ich einen Brief von der BILLAG (für meine
deutschen Leser: das ist die CH-GEZ). Er lautete im Wortlaut so:
Hallo Herr Herter,
Sie haben vor einigen Jahren Ihr Radio angemeldet und zahlen brav Ihre Gebühren, das finden wir gut. Jetzt haben wir aber gemerkt, dass Sie behaupten, keinen Fernseher zu haben. Ehrlich gesagt, das glauben wir Ihnen schlicht und einfach nicht. Jeder vernünftige Mensch hat einen Fernseher, Punkt. Wenn Sie nun so tun, als besässen Sie keinen, heisst das, dass Sie uns bescheissen wollen, und das mögen wir nicht. Klar gesagt, da werden wir stinkig, da fühlen wir uns auf den Schlips getreten, da reagieren wir heikel. Wir lassen uns nicht behumpsen. Wir haben uns schon überlegt, ob wir Bob den Holer losschicken sollen, aber einige Leute, bei denen Bob der Holer war, sahen nachher nicht mehr so gut aus, ein paar konnten auch nicht mehr fernsehen, jedenfalls nicht dreidimensional. Also bekommen Sie anbei noch einmal einen Fragebogen, und da kreuzen Sie bitte bei RADIO und bei FERNSEHER das Kästchen mit JA an. Dann ist die Sache erledigt. Sollten Sie weiterhin behaupten, kein TV-Gerät zu haben, Bob steht bereit…
Das ist natürlich totaler Quatsch, der Brief der BILLAG war
sehr freundlich, zuvorkommend, sie baten höflich wegen einer Erhebung um das
Ausfüllen des Bogens, aber in der Sache, in der Sache stand genau das drin: Die
BILLAG glaubt mir nicht, dass ich keinen Fernseher habe. Und das ärgert mich
masslos, denn ich bin ein grundehrlicher Mensch. Ja, ich hätte einen Drohbrief
wie oben vielleicht sogar besser gefunden, weil er der Sache gerechter wird,
und die Sache ist ja ein Fall von grobem Misstrauen, eine Unterstellung.
Manchmal macht der Ton eben nicht die Musik, es gibt
Aussagen, die sind so hammermässig, dass es völlig egal ist, in welch
süsslichem Timbre sie vorgetragen werden, und oft ist geheuchelter Charme hier
eher zynisch.Es ist wurscht, ob Sie, wenn Sie Ihren Geldbeutel verlegt haben, zu Ihrem Mitreisenden sagen: „Entschuldigen Sie vielmals, aber Sie haben mir eben die Brieftasche gestohlen und ich hätte Sie gerne wieder.“ Oder „Du Scheisstyp, rück meine Knete wieder raus!“. Es ist egal, ob der Richter beteuert, es tue ihm selber am meisten weh, aber komme einfach nicht darum herum, Ihnen zwanzig Jahre ohne Bewährung zu geben (Für meine Schweizer Leser: unbedingt), oder ob er sagt, er schicke Sie jetzt gnadenlos ins Loch, wo die Ratten Sie totbeissen sollen. Ein Räumungsbefehl sieht auf Büttenpapier nicht schöner aus, eine Diktatorenhymne klingt mit Harfe auch nicht lieblicher.
Der Ton macht nicht die Musik, wenn die Melodie grauenvoll ist.
Ich habe übrigens der BILLAG ganz höflich zurückgeschrieben und mein Verwundern über das Misstrauen ausgedrückt.
Vorher hatte ich mir allerdings überlegt, ob ich den Fragebogen durch Bill den Bringer hinbefördern sollte, denn Bill steht Bob um nichts nach, und einige Organisationen, zu denen ich Bill den Bringer geschickt hatte, haben jetzt Gebäude, die ein bisschen der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche am Ku'damm ähneln...
Freitag, 5. April 2013
Deutschland überfällt - Deutschland bereist - Deutschland rettet
Am deutschen Wesen wird die Welt genesen.
Nach diesem Grundsatz handelt der grosse Kanton seit Jahrhunderten.
Zunächst hat man es mit Länderüberfallen probiert, das war dynamisch, schwungvoll und hat eine Menge Spass gemacht. Leider ging es zweimal schief, die Teutonen haben mächtig auf die Schnauze bekommen. Dann hat man sich nach 1945 auf eine neue Sache verlegt: Man bereiste die Länder. Das Konzept ging auf, auf einmal lernten Italiener, Spanier und Griechen Deutsch, sie lernten, wie man SchniPoSa macht und wie man schlechten Kaffee kocht. Sie dekorierten ihre mediterranen Hotels um, damit sie GEMÜTLICH werden, denn der Deutsche ist ja so GEMÜTLICH. (Ausser 1914-1918 und 1939-1945, da waren die Nachfahren des Arminus ziemlich, ziemlich UNGEMÜTLICH). Auf jeden Fall, heute kann man sich unbesorgt in Brindisi oder Santa Cruz an den Pool legen und Bräune tanken ohne das Gefühl zu haben, man sei irgendwo im Ausland. Nur Brot, das können die im Süden immer noch nicht backen, aber das bringt man den Spaghettinos und Stierkämpfern auch noch bei...
Nun haben die Deutschen ein neues, noch tolleres Spiel entdeckt. Die Deutschen retten. Und das hat immense Vorteile:
1.) Es demütigt ungeheuer. Wer schon einmal seinen Chef um Vorschuss gebeten hat ("Habe ich richtig gehört, Maier? Sie wollen ... Geld ... im Voraus...vier Tage vor Monatsende? Was machen Sie immer mit dem ganzen Geld? Sind Sie drogenabhängig?"), weiss wie viel Zu-Kreuze-kriechen da drin steckt.
2.) Man kann hemmunglos Bedingungen diktieren: Runter mit den Renten! Rauf mit den Steuern! Bankenabgabe! Steuerkarteien her!
3.) Man kann drohen, wie man mit Bomben und Granaten nie konnte: Wir schmeissen euch aus der EU! Ihr fliegt aus dem Euroraum! Wir drehen den Geldhahn zu! Wir lassen euch verkommen.
4.) Wenn dann die guten Länder alles gemacht haben und viele, viele Milliarden geflossen sind, müssen sie DANKBAR sein und die Teutonen lieben.
Tja, und das funktioniert leider nicht.
Man hat die Deutschen nie geliebt und wird es nie tun. Und man ist ihnen nie dankbar. Wenn die Truppen in ein Land einrückten, begegnete man ihnen mit blankem Hass. In den Touri-Hochburgen ist man zwar freundlich und nett zu ihnen, schliesslich bringen sie ja Geld. Aber hinter vorgehaltener Hand, in den Kantinen der Strandwächter und Kellner kichert und lästert man über Schibulski und Mankowski aus Wanne-Eickel und Essen, die sich in Sand und Strand ihren Jahressonnenbrand holen. Und die geretteten Länder mögen die Teutonen jetzt auch nicht, sie halten deutschfeindliche Schilder hoch und schreien vor den Deutschen Botschaften.
So gesehen wäre es klug, wenn sich Berlin wieder aufs Überfallen verlegen würde. Gehasst wird man sowieso, und Länder erobern macht einfach am meisten Spass.
Also, nimm dich in Acht, Welt!
Am Deutschen Wesen wird die Welt genesen.
Nach diesem Grundsatz handelt der grosse Kanton seit Jahrhunderten.
Zunächst hat man es mit Länderüberfallen probiert, das war dynamisch, schwungvoll und hat eine Menge Spass gemacht. Leider ging es zweimal schief, die Teutonen haben mächtig auf die Schnauze bekommen. Dann hat man sich nach 1945 auf eine neue Sache verlegt: Man bereiste die Länder. Das Konzept ging auf, auf einmal lernten Italiener, Spanier und Griechen Deutsch, sie lernten, wie man SchniPoSa macht und wie man schlechten Kaffee kocht. Sie dekorierten ihre mediterranen Hotels um, damit sie GEMÜTLICH werden, denn der Deutsche ist ja so GEMÜTLICH. (Ausser 1914-1918 und 1939-1945, da waren die Nachfahren des Arminus ziemlich, ziemlich UNGEMÜTLICH). Auf jeden Fall, heute kann man sich unbesorgt in Brindisi oder Santa Cruz an den Pool legen und Bräune tanken ohne das Gefühl zu haben, man sei irgendwo im Ausland. Nur Brot, das können die im Süden immer noch nicht backen, aber das bringt man den Spaghettinos und Stierkämpfern auch noch bei...
Nun haben die Deutschen ein neues, noch tolleres Spiel entdeckt. Die Deutschen retten. Und das hat immense Vorteile:
1.) Es demütigt ungeheuer. Wer schon einmal seinen Chef um Vorschuss gebeten hat ("Habe ich richtig gehört, Maier? Sie wollen ... Geld ... im Voraus...vier Tage vor Monatsende? Was machen Sie immer mit dem ganzen Geld? Sind Sie drogenabhängig?"), weiss wie viel Zu-Kreuze-kriechen da drin steckt.
2.) Man kann hemmunglos Bedingungen diktieren: Runter mit den Renten! Rauf mit den Steuern! Bankenabgabe! Steuerkarteien her!
3.) Man kann drohen, wie man mit Bomben und Granaten nie konnte: Wir schmeissen euch aus der EU! Ihr fliegt aus dem Euroraum! Wir drehen den Geldhahn zu! Wir lassen euch verkommen.
4.) Wenn dann die guten Länder alles gemacht haben und viele, viele Milliarden geflossen sind, müssen sie DANKBAR sein und die Teutonen lieben.
Tja, und das funktioniert leider nicht.
Man hat die Deutschen nie geliebt und wird es nie tun. Und man ist ihnen nie dankbar. Wenn die Truppen in ein Land einrückten, begegnete man ihnen mit blankem Hass. In den Touri-Hochburgen ist man zwar freundlich und nett zu ihnen, schliesslich bringen sie ja Geld. Aber hinter vorgehaltener Hand, in den Kantinen der Strandwächter und Kellner kichert und lästert man über Schibulski und Mankowski aus Wanne-Eickel und Essen, die sich in Sand und Strand ihren Jahressonnenbrand holen. Und die geretteten Länder mögen die Teutonen jetzt auch nicht, sie halten deutschfeindliche Schilder hoch und schreien vor den Deutschen Botschaften.
So gesehen wäre es klug, wenn sich Berlin wieder aufs Überfallen verlegen würde. Gehasst wird man sowieso, und Länder erobern macht einfach am meisten Spass.
Also, nimm dich in Acht, Welt!
Am Deutschen Wesen wird die Welt genesen.
Montag, 1. April 2013
Blutgeld II
Hubert ist freischaffender Violinist und ein politisch korrekter Mensch. Er würde nie Geld annehmen, das aus zweifelhaften Quellen stammt und nimmt seine Sache sehr genau. Aus sämtlichen frei arbeitenden Orchestern, der Sinfonietta, dem Kammerorchester Basel und dem Collegium Musicum ist er rausgeflogen, weil er keine Projekte spielt, bei denen Banken oder Pharma Kohle im Spiel haben. Daraufhin hat er ein Soloprogramm erarbeitet und ein Quartett gegründet. Beim Aquirieren von Engagements ist er akribisch: Sobald auf der Sponsorenliste ein falscher Name steht, wird dort nicht gespielt. La Poste in Visp? Fehlanzeige, da steckt die LONZA mit drin, und wer weiss schon, was die alles transportieren? Rheingau Festival? Ich bitte Sie! Da hat überall die DRESDNER BANK ihr grünes Band der Sympathie mit hineingewoben. Baden-Baden? Keinesfalls, Hubert hat den guten Alberto Vilar einmal gegoogelt, und ... au weia!
Hubert hält sich an die kleinen, alternativen Veranstalter: Klassik Hinterhaus in Zschopau, Plattenbaukonzerte in Marzahn, Kammerwupper in Elberfeld. Das einzig Blöde ist, dass diese kleinen, aber feinen Dinger kein Geld haben, und wenn es auch 300.- Euro gibt, sind die schnell weniger, wenn man sich davon zwei Tage in einer deutschen Grossstadt ernähren muss. Ausserdem spielt man auch nicht gut, wenn man nur mit Regionalzügen reist und beim Veranstalter auf der Isomatte schläft.
Geld ist nie sauber. Man kann es fast nicht verhindern, irgendwie mit Blut-, Schweiss- und Tränengeld in Berührung zu kommen. Leider sind gewisse Kompromisse unumgänglich. Selbst wenn ich gar nichts arbeite, wer zahlt dann meine Sozialhilfe? Gut, es gibt Schmerzgrenzen, ich glaube, ich würde auch nicht den Werkschor von Mauser leiten (Waffenfabrik in Oberndorf, die in alle Krisengebiete liefert, mit der Duldung des Deutschen Zolls), aber ich bin schon in Rottweil (20 km entfernt) mit Kabarett-Chanson auf der Kleinkunstbühne aufgetreten, und da ist Mauser sicher im Förderverein, ich habe da aber nicht so genau hingeschaut. Ich weiss auch nicht, wie ich reagieren würde, wenn ein Sponsor eines Chorprojektes seinen Beitrag in gebündelten Scheinen brächte...
Hubert gibt, um zu überleben, noch Geigenstunden, aber auch nur an Leute, die ihr Geld sauber verdienen, das heisst natürlich, dass er auch nicht viel verlangen kann, weil eben Biogärtner und Krankenpfleger auch nicht im Geld schwimmen. Gelegentlich macht er auch Strassenmusik, aber nicht in der Bahnhofstrasse in Zürich. Da hat er übrigens keinen Gewissenskonflikt, in der Nadelstreifenzone an der Limmat ist Musizieren sowieso strengstens, allerstrengstens verboten.
Hubert hält sich an die kleinen, alternativen Veranstalter: Klassik Hinterhaus in Zschopau, Plattenbaukonzerte in Marzahn, Kammerwupper in Elberfeld. Das einzig Blöde ist, dass diese kleinen, aber feinen Dinger kein Geld haben, und wenn es auch 300.- Euro gibt, sind die schnell weniger, wenn man sich davon zwei Tage in einer deutschen Grossstadt ernähren muss. Ausserdem spielt man auch nicht gut, wenn man nur mit Regionalzügen reist und beim Veranstalter auf der Isomatte schläft.
Geld ist nie sauber. Man kann es fast nicht verhindern, irgendwie mit Blut-, Schweiss- und Tränengeld in Berührung zu kommen. Leider sind gewisse Kompromisse unumgänglich. Selbst wenn ich gar nichts arbeite, wer zahlt dann meine Sozialhilfe? Gut, es gibt Schmerzgrenzen, ich glaube, ich würde auch nicht den Werkschor von Mauser leiten (Waffenfabrik in Oberndorf, die in alle Krisengebiete liefert, mit der Duldung des Deutschen Zolls), aber ich bin schon in Rottweil (20 km entfernt) mit Kabarett-Chanson auf der Kleinkunstbühne aufgetreten, und da ist Mauser sicher im Förderverein, ich habe da aber nicht so genau hingeschaut. Ich weiss auch nicht, wie ich reagieren würde, wenn ein Sponsor eines Chorprojektes seinen Beitrag in gebündelten Scheinen brächte...
Hubert gibt, um zu überleben, noch Geigenstunden, aber auch nur an Leute, die ihr Geld sauber verdienen, das heisst natürlich, dass er auch nicht viel verlangen kann, weil eben Biogärtner und Krankenpfleger auch nicht im Geld schwimmen. Gelegentlich macht er auch Strassenmusik, aber nicht in der Bahnhofstrasse in Zürich. Da hat er übrigens keinen Gewissenskonflikt, in der Nadelstreifenzone an der Limmat ist Musizieren sowieso strengstens, allerstrengstens verboten.
Freitag, 29. März 2013
Blutgeld auf Zypern
Wir alle kennen die Geschichte: Der V-Mann bekommt ein schlechtes Gewissen, bringt sein Honorar zurück und nimmt sich das Leben. Die Kirchenleitung steht nun vor dem Problem, dass man die Summe nicht einfach wieder in den Opferstock stecken kann und sie kommen auf eine Lösung. Eine Immobilie, ein Grundstück wird gekauft, um das Geld zu säubern, denn es ist Blutgeld. Leider funktioniert die Waschaktion nicht, denn einige Jahre später schreiben die Publizisten Marco und Luke immer noch: Bis heute nennen die Leute das Grundstück Blutacker.
Hier setzt nun die Fortsetzung ein, die allerdings theologisch umstritten, apokryph ist und eher ins Gebiet der Legenden gehört. 50 Jahre nach der Eliminierung des Ketzers startet Gogas, ein Enkel des Kaiphas in Askalon mit einem Boot. Im Gepäck hat er den Verkaufserlös des Ackers und den Auftrag, ihn irgendwo anzulegen. Nach stürmischer Überfahrt landet Gogas nach zwei Wochen - na, wo wohl? - auf Zypern. Dort kauft er einen kleinen Bauernhof, setzt einen Pächter ein, der nun jedes Jahr seinen Überschuss nach Jerusalem schickt. Dort kommt das Geld direkt dem Tempel zugute. Gogas fährt wieder heim, offiziell ist er einen Monat siech auf seinem Lager gelegen.
Fysius, der Pächter, der rechtschaffen und sauber arbeitet, fragt sich zwar manchmal, wieso jemand in fernen Landen eine Farm kauft, aber er hat zu viel zu tun, um sich ständig Gedanken zu machen. Das Problem setzt ein, als ein Jahr später wieder ein Mann erscheint, dieses Mal ein Germane. Er heisst Hubuaker und baut eine Töpferei. Zehn Männer können dort arbeiten. Anscheinend hat sich die Insel als Anlage für Blut-, Schweiss- und Tränengeld herumgesprochen.
Nach hundert Jahren ist die Insel ein für damalige Zeiten blühendes Wirtschaftswunderland: Bauernhöfe, Töpfereien, Bergwerke, Manufakturen. Alle haben Arbeit und Brot, man leistet sich Theater, Thermen, Wasserleitungen und Bordelle. Immer wieder erscheinen Boten und holen den Gewinn ab, und man fragt eben nicht so genau, wo das Geld hingeht.
So die Legende.
Die Frage ist nun: Wer ist der Böse in der Geschichte? Kaiphas? Gogas? Fysius? Hubuaker? Die Töpfer? Die Obrigkeit von Zypern?
Es ist so leicht, die Zyprioten als kriminelle Geldwäscher zu sehen. Vor zehn Jahren wurde in Freiburg i.Br. eine Jugendstilvilla verkauft. Mit im Spiel waren eine renommierte Anwaltskanzlei in London, eine genauso angesehene in Berlin und die Freiburger Sparkasse. Der Käufer, ein Russenoligarch, bezahlte die 2000000.- in bar. - Die Story ist wahr, ehrlich! - Niemals, niemals, in keiner Zeitung, in keinem Lokalsender wurde hier das hässliche Wort Geldwäsche in den Mund genommen. Also fassen wir uns doch alle mal an die eigene Nase.
Was hätten aber Kaiphas und seine Leute mit den fünfzig Silberlingen anfangen sollen? Klare Antwort: Es den Armen geben. Ich glaube, einem Verhungernden in Jerusalem wäre es egal gewesen, ob sein Brot aus dem Judaslohn bezahlt wurde.
Hier setzt nun die Fortsetzung ein, die allerdings theologisch umstritten, apokryph ist und eher ins Gebiet der Legenden gehört. 50 Jahre nach der Eliminierung des Ketzers startet Gogas, ein Enkel des Kaiphas in Askalon mit einem Boot. Im Gepäck hat er den Verkaufserlös des Ackers und den Auftrag, ihn irgendwo anzulegen. Nach stürmischer Überfahrt landet Gogas nach zwei Wochen - na, wo wohl? - auf Zypern. Dort kauft er einen kleinen Bauernhof, setzt einen Pächter ein, der nun jedes Jahr seinen Überschuss nach Jerusalem schickt. Dort kommt das Geld direkt dem Tempel zugute. Gogas fährt wieder heim, offiziell ist er einen Monat siech auf seinem Lager gelegen.
Fysius, der Pächter, der rechtschaffen und sauber arbeitet, fragt sich zwar manchmal, wieso jemand in fernen Landen eine Farm kauft, aber er hat zu viel zu tun, um sich ständig Gedanken zu machen. Das Problem setzt ein, als ein Jahr später wieder ein Mann erscheint, dieses Mal ein Germane. Er heisst Hubuaker und baut eine Töpferei. Zehn Männer können dort arbeiten. Anscheinend hat sich die Insel als Anlage für Blut-, Schweiss- und Tränengeld herumgesprochen.
Nach hundert Jahren ist die Insel ein für damalige Zeiten blühendes Wirtschaftswunderland: Bauernhöfe, Töpfereien, Bergwerke, Manufakturen. Alle haben Arbeit und Brot, man leistet sich Theater, Thermen, Wasserleitungen und Bordelle. Immer wieder erscheinen Boten und holen den Gewinn ab, und man fragt eben nicht so genau, wo das Geld hingeht.
So die Legende.
Die Frage ist nun: Wer ist der Böse in der Geschichte? Kaiphas? Gogas? Fysius? Hubuaker? Die Töpfer? Die Obrigkeit von Zypern?
Es ist so leicht, die Zyprioten als kriminelle Geldwäscher zu sehen. Vor zehn Jahren wurde in Freiburg i.Br. eine Jugendstilvilla verkauft. Mit im Spiel waren eine renommierte Anwaltskanzlei in London, eine genauso angesehene in Berlin und die Freiburger Sparkasse. Der Käufer, ein Russenoligarch, bezahlte die 2000000.- in bar. - Die Story ist wahr, ehrlich! - Niemals, niemals, in keiner Zeitung, in keinem Lokalsender wurde hier das hässliche Wort Geldwäsche in den Mund genommen. Also fassen wir uns doch alle mal an die eigene Nase.
Was hätten aber Kaiphas und seine Leute mit den fünfzig Silberlingen anfangen sollen? Klare Antwort: Es den Armen geben. Ich glaube, einem Verhungernden in Jerusalem wäre es egal gewesen, ob sein Brot aus dem Judaslohn bezahlt wurde.
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