Freitag, 6. November 2026

Griechenland, Bulgarien, Rumänien (3): Übersetzungen, Stalinarchitektur und Schmortopf

Und weiter geht es, wir sind inzwischen in Shumen, ziemlich im Osten des Landes und werden dann heute in Russe an der Donau enden.

Folter für Deutschlehrer beim Madara-Reiter

Das Nationale Historisch-Archäologische Reservat Madara ist ein wunderbarer Felspark, der Jahrtausende lang kultische Stätten barg und heute vor allem durch das Felsrelief «Reiter von Madara» (UNESCO-Erbe) bekannt ist.
Es ist wirklich schön hier, allerdings werde ich beim Anschauen des Informationsfilms einer Folter unterzogen: Der Text ist so grauenhaft falsch, dass ich als Deutschlehrer wahre Höllenqualen erleide. Ich habe mich immer gefragt, warum zum Beispiel Speisekarten in Südeuropa nicht einfach einem Muttersprachler oder einer Muttersprachlerin gezeigt werden, diese könnten für ein Gratis-Menü all die «sagt man so nicht»- oder auch «ganz falsch»-Ausdrücke ausmerzen. Auch hier hätte es gut getan, einem Deutschen, einer Deutschen das zu zeigen:
«Die Römer haben einige Stätten hinter sich gelassen.» Es ist klar, was gemeint ist, aber natürlich muss es heissen: «Die Römer haben uns einige Stätten hinterlassen.»
«Bronzeepoche», auch schön, ja, aber halt nicht üblich, wir sagen «Bronzezeit» Aber mein Liebling ist «Uraltertum» für die prähistorische Zeit.
Es wären diese Fehlerlein nun nicht so schlimm, wäre nicht in jedem Satz einer und ginge der Film nicht 15 Minuten, was ca. 50 Sätzen entspricht. Nach 10 Minuten merke ich, dass meine Hände bluten, ich habe so heftig zum Abreagieren Nägel gekaut. Ich verlasse vorzeitig die Vorführung, um nicht total durchzudrehen.

Herrliche Sozialistische Bauten

Nein, nein. Ich meine das nicht ironisch. Ich finde, die Architektur der Stalin-Ära hat einen ganz eigenen, wohl spröden, aber faszinierenden, wohl brutalistischen, aber weitläufigen, wohl klotzigen, aber nicht hässlichen Charme. In Shumen laufe ich am Morgen durch die Fussgängerzone und geniesse die Weite der Plattenstrasse, den Park mit Freundschaft-der-Völker-Denkmäler zur Seite und die grossen Bauten. Ich setze mich in ein Café, trinke etwas und schaue auf diese Innenstadt. Natürlich weiss ich, dass die Architektur auch etwas Politisches hatte; in grosszügigen, weiten, offenen Räumen ist der Mensch besser überwachbar. Natürlich weiss ich auch, dass der Stalinismus ein riesengrosses Bedürfnis nach Selbstdarstellung und Repräsentation hatte, ich weiss das alles. Und dennoch kann ich mich dem spröden Charme dieser Bauten nicht entziehen.
By the way: Ich wäre auch absolut für eine Erhaltung des Palastes der Republik in Ost-Berlin gewesen, das Hauruck-Verfahren, mit dem man den Abriss beschloss war nicht OK.
Und noch als Vorausblick: In Bukarest werde ich dann den «Palast des Volkes» sehen. Der ist dann aber wirklich doch too much, siehe nächste Folge.

Donau und Kawarma

Und dann sind wir in Russe, jener Perle an der Donau im Norden Bulgariens, allerdings einer Perle, die ein wenig in die Jahre gekommen ist, ich war vor 20 Jahren zum letzten Mal hier, und viele Häuser und Strassen sind seitdem nicht gerichtet worden, alles ist ein bisschen angestaubt und schmuddelig. Schade für ein solches Schmuckstück.
Aber die Donau ist immer eine Wucht!
Ich habe den Fluss ja im Sommer zweimal gesehen – Sie erinnern sich – auf der Julireise besuchten wir Regensburg und Linz, aber der Strom hier an der Grenze von Bulgarien und Rumänien ist etwas ganz, ganz, ganz anderes. Die Donau ist hier achtmal so breit wie an der Regenmündung, dort sind es 100 Meter, hier sind es 800. Eine breite, mächtige, majestätische europäische Wasserstrasse.
Und in Russe bekomme ich endlich, endlich das, worauf mein hungernder Magen so lange gewartet hat, denn die Kulinarik kam ein bisschen zu kurz: Kawarma. Dieser bulgarische Schmortopf aus Fleisch, Pilzen, Zwiebeln, Paprika, Gewürzen und anderen Köstlichkeiten ist etwas sehr, sehr Feines…

So viel für heute. Am Dienstag die letzte Tranche.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen