So. Da bin ich wieder mit Eindrücken von der Reise durch drei Länder.
Brünn – die unbekannte Schöne
Was fällt Ihnen zu Brno ein?
Menschen, die noch im alten Jahrtausend gross wurden, werden sich vielleicht noch an das Lied von Peter Alexander erinnern:
Wie Böhmen noch bei Öst′reich war
vor finfzig Jahr, vor finfzig Jahr,
hat sich mein Vater g'holt aus Brünn
a echte Wienerin.
Das Lied ist so hässlich wie unstimmig. Denn natürlich sagt man, jeder Wiener habe eine Brünner Grossmutter, viele haben wirklich tschechische Vorfahren, aber Brno ist nicht Böhmen, es ist Mähren. Und wie Mähren ein wenig ein Schattendasein neben Böhmen führt, so steht die zweitgrösste Stadt des Landes immer ein bisschen im Schatten der Goldenen Stadt Prag.
Dabei muss dich Brno keineswegs verstecken: Eine wunderschöne, pulsierende, lebendige Metropole, in der man sich einfach wohlfühlt. Gerade für Fans des «Neuen Bauens» (die wir sind) ein Mekka: Angefangen natürlich mit der Villa Tugendhat, über die Kolonie Nový dům und das Café Zeman (wo man einen weltmeisterlichen Větrník, einen Karamell-Windbeutel, bekommt) und das Hotel Avion (in dem wir übernachteten).
Wie spricht man das eigentlich aus?
Die Frage wird ja häufig gestellt. Und dann wird gleich gesagt: «Das Tschechische kann man nicht sprechen, das besteht nur aus Konsonanten.» Totaler Quatsch. Keine Sprache besteht nur aus Konsonanten, aber man muss nicht alle Vokale schreiben. Wenn Sie probieren «Brno» ganz ohne Vokal zu reden, werden Sie merken, dass das nicht geht. Zwischen R und N ergibt sich ein winziger Selbstlaut. Der genau richtig ist. Also sehr, sehr, sehr praktisch. Wenn man das im Deutschen auch machen würde, also «schreiben» als «schreibn» schriebe (wunderbarer Satz!), dann sprächen die Süddeutschen, die ihr «schreibä» vermeiden wollen, nicht die sogenannte Überkorrektur «schreibeen».
Hitzegewitter am einzigen fixen Termin
Wenn ein Gewitter droht, dann ist es gut, wenn man keine Termine hat. «Es tröpfelt? Ach, dann gehen wir später ins Zeman, der Větrník kann und wird warten.» «Schon die ersten Blitze? Dann machen wir erst einmal einen Mittagsschlaf. Schliesslich sind wir ja eh in einem ikonischen Gebäude.»
Sie ahnen es: Wir hatten in Brno einen einzigen Timeslot, nämlich am 19. Juli um 15.00 in der Villa Tugendhat. Das von Mies van der Rohe errichtete Weltkulturerbe-Gebäude kann nur mit Führung besichtigt werden. Und um 13.30 gab es das einzige Gewitter unserer Reise. Eine halbe Stunde lang kam so viel Wasser vom Himmel, dass Noah schon wieder Holz gesammelt hätte. Schön blöd. Aber zum Glück hörte es nach 14.00 schnell wieder auf. Denn das Wohn-Esszimmer der Villa Tugendhat ist atemberaubend, und es wäre schrecklich gewesen, das zu verpassen.
Der Platz der Fragen
So nenne ich jenen Hauptplatz, der eigentlich Náměstí Svobody, also «Freiheitsplatz» heisst. Denn es stellen einem sich, wenn man sich darauf befindet, drei Fragen:
Ist das wirklich eine Pestsäule?
Warum ist der Platz drei- und nicht viereckig?
Was ist das für ein schwarzes penisförmiges (sorry) Ungetüm?
Aber es gibt Antworten:
Ja, das ist eine Mariensäule, die an die Epidemie Ende 17. Jahrhundert erinnert.
Viele tschechische Plätze sind dreieckig, weil die Städte an Weggabelungen entstanden. Ein Land also immer und ewig am Scheideweg.
Und das schwarze Ding ist eine Uhr – die niemand lesen kann, dafür spuckt sie immer um 11.00 Glaskugeln aus. (Sie brauchen natürlich eine funktionierende Armbanduhr, um genau um 11.00 unter der Uhr zu stehen, denn die können sie ja nicht lesen.) By the way: Die Jugendlichen aus Brno nennen das Teil wirklich «pták» (Schwanz).
So viel für heute. Am Dienstag dann noch Linz.
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