Freitag, 20. März 2026

Cem Özdemir hält Amtsteilung für "Quatsch"

Wir müssen ein paar klare Wahrheiten hier noch einmal sagen:
Es gibt nur ein Universum.
Es gibt nur einen Gott.
Es gibt nur einen Papst.
Es gibt nur ein’n Rudi Völler (es gibt nur ein’n Rudi Völler, es gibt nur ein’n Rudi Völler, ein’n Rudi Völler)
Und es gibt nur einen Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg.

Nach der arschknappen (s.v.v.) Wahl und angesichts der Tatsachen, dass CDU und die Grünen im Landtag gleich viele Sitze haben und sowieso eine Koalition bilden werden, kam die Idee auf, die Macht irgendwie zu teilen. Also irgendwie so etwas wie Rotation oder Doppelspitze.

Kommentar von Cem Özdemir:
«Bevor jetzt die Frage kommt: Wir werden vermutlich auch keine Doppelspitze einführen beim Amt des Ministerpräsidenten, das könnte ja auch ein Vorschlag sein. Das ist alles nicht meins. Wir sind erwachsen hier. Wir machen erwachsene Politik. Die Situation ist einfach zu ernst für Quatsch aller Art.»

Was Cem hier von sich gibt, ist sehr, sehr spannend.
Wir haben ja im vorletzten Post uns mit der Frage auseinandergesetzt, ob er überhaupt ein Grüner ist. Und auch hier muss man ihn als Nichtgrün-Grünen sehen, als Wolf im Schafspelz oder Schaf im Wolfspelz, als Schafswolf/Wolfsschaf, denn die Idee von solchen Teambildungen und Amtsteilungen kommt ja eher von grüner Seite. Waren es nicht die Grünen, die solch Zeug wie Doppelspitze und Rotation und Ämtertrennung eingeführt haben?
 

Auch historisch gibt es übrigens Beispiele für solchen «Quatsch».
In Rom galt bei den Konsuln die Prinzipien der Kollegialität und Annuität, das heisst, es waren immer zwei und sie waren auch nur ein Jahr im Amt – um Missbrauch aller Art zu unterbinden. Kollegialität und Annuität, mein verehrter Lateinlehrer Prof. (inzwischen) Dr. Werner Stegmaier hätte diese beiden Begriffe (er war bekannt für kühne Übersetzungen) sicher mit Doppelspitze und Rotation übersetzt, wenn es diese Begriffe damals schon gegeben hätte.

«Wir sind erwachsen».
Gut, vielleicht ist das das Problem? Vielleicht würden Kinder anders damit umgehen? Ich glaube, Kindern könnte man vermitteln, dass man in einer solchen Situation teilen muss: «Guckt mal, ihr seid jetzt beide genau gleich auf, jetzt teilt ihr den Preis.» Wie heisst es so schön?
Gebt den Kindern das Kommando
Sie berechnen nicht
Was sie tun,
Die Welt gehört in Kinderhände
Dem Trübsinn ein Ende
Wir werden in Grund und Boden gelacht
Kinder an die Macht.
Aber Cem ist ja erwachsen.

Und dann ist ja noch die Geschichte mit der Brezel. Özdemir ist ja aus Bad Urach, der Heimat der Brezel. Und was symbolisiert die Brezel? Doch gerade ein Verschlingen und Ausgleichen, da liegt das, was oben und unten wäre (wenn man die Laugenstange hochkant hält), oder was links und rechts wäre (wenn man sie quer hält), verschlungen nebeneinander. Die Brezel – die Cem ja zu seinem Emblem erkoren hat, Wahlhelfer liessen sich Brezel-Tattoos machen, echt wahr – steht also für das genaue Gegenteil von dem, was Cem sagt. Brezel steht für Rotation und Doppelspitze.

Aber alles umsonst. Cem Özdemir will Ministerpräsident werden, und er wird das durchfechten, denn durch seine 0,5% mehr ist er der Wahlsieger, und dem steht die Regierungsbildung zu.

Wir müssen ein paar klare Wahrheiten hier noch einmal sagen:
Es gibt nur ein Universum.
Es gibt nur einen Gott.
Es gibt nur einen Papst.
Es gibt nur ein’n Rudi Völler (es gibt nur ein’n Rudi Völler, es gibt nur ein’n Rudi Völler, ein’n Rudi Völler)
Und es gibt nur einen Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg.









 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 17. März 2026

Leichte Sprache an Gymnasien?

Liebe Leserin, lieber Leser, erkennen Sie den folgenden Text?

Alles, was vergeht, ist nur ein Bild. Alles, was nicht perfekt ist, wird hier Wirklichkeit.
Alles, was man nicht beschreiben kann, wird hier gemacht. Das Weibliche zieht uns nach oben.

Ja, perfekt erkannt, das ist der Schluss von Faust II. Im Original so:

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird's Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist's getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

Oder erkennen Sie das?

Die Menschen sind sehr überrascht. Sie sehen die beiden zusammen. Die beiden weinen. Sie weinen vor Schmerz und vor Freude. Alle Menschen weinen mit. Dann erzählen sie dem König die Geschichte. Der König fühlt sich berührt. Das bedeutet: Er fühlt sich bewegt. Der König lässt die beiden zu sich kommen. Er schaut sie lange an. Dann sagt er: Ihr habt mein Herz gewonnen. Ihr habt bewiesen: Treue ist echt. Darum bittet er: Nehmt mich auch auf. Ich will der dritte Partner sein.

Ja, super, Sie sind gut, das ist der Schluss der «Bürgschaft» von Schiller, im Original so:

Und Erstaunen ergreifet das Volk umher,
In den Armen liegen sich beide
Und weinen für Schmerzen und Freude.
Da sieht man kein Auge tränenleer,
Und zum Könige bringt man die Wundermär,
Der fühlt ein menschliches Rühren,
Lässt schnell vor den Thron sie führen.

Und blicket sie lange verwundert an.
Drauf spricht er: »Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen,
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn,
So nehmet auch mich zum Genossen an,
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der Dritte.«

Ich erspare Ihnen jetzt Texte von Adorno, Bloch oder Habermas, erspare Ihnen Gedichte von George oder Trakl.

Das wäre nun alles zum Lachen, wenn es nicht zum Weinen wäre. Denn verstärkt greifen auch die Schulen auf vereinfachte Texte zurück. Und zwar alle – auch die Gymnasien. Und wenn das jetzt auch absolut scheisse (s.v.v.) elitär klingt: Wenn man schwierige Texte nicht mehr hinbekommt, dann muss man auch kein Abitur machen. Es macht übrigens auch nichts, wenn man nicht jedes Wort versteht (verstehe ich bei Shakespeare im Original auch oft nicht), aber es geht doch um die Schönheit der Sprache.

Mal ganz ehrlich: Hätte ein Gustav Mahler so etwas Umwerfendes, Phänomenales, etwas Bombastisches und Titanisches, hätte er so eine Wucht wie den Schluss der 8. Sinfonie hinbekommen, wenn er «Alles, was vergeht, ist nur ein Bild» vertont hätte?

Übrigens: Generationen von Schülerinnen und Schülern haben sich durch Integrale, Sinus, Cosinus, Ableitung, Kurven, Gleichungen usw. gequält und es irgendwie auch geschafft. Aber da gibt es auch keine Erleichterung, es gibt keine «Leichte Mathematik».

Also lasst die Finger von unseren Klassikern.

Und hier noch ein Schwur: An dem Tag, an dem ich Sätze in Leichter Sprache in meiner Glosse schreibe, sollen mir beide Hände abfallen.



Freitag, 13. März 2026

Özdemir - der nichtgrüne Grüne oder: Schaf im Wolfspelz

Nachträglich noch herzlichen Glückwunsch für Cem Özdemir! Für den Wahlgewinner der BW-Wahl am 8. 3. 2026! Für den zukünftigen Ministerpräsidenten!

Özdemir ist ein lustiger Kerl. Er ist eigentlich Grüner, aber irgendwie doch nicht. Er hat für die Grünen die Wahl gewonnen, indem er sich maximal von ihnen distanzierte. Damit ist er ein treuer Nachfolger von Kretschmann, der ja irgendwie auch so war.
Menschen, die im Grunde genommen in der falschen Partei sind. Man könnte sie – je nachdem ob man für oder gegen diese Partei ist – als «Wölfe im Schafspelz» oder «Schafe im Wolfspelz» bezeichnen.
Die Schafswölfe / Wolfsschafe haben eine lange Tradition. Immer wieder gab es so Gestalten, die einfach in der falschen Partei waren.

Helmut Schmidt zum Beispiel. Ein SPDler, der aber eine völlig konservative und aufrüstende Politik machte. Ich weiss von vielen CDUlern (u.a. meine Eltern), die ständig sagten: So ein toller Hecht, und wir würden ihn wählen, wenn er nicht in der falschen Partei wäre.

Eine Lady, die das Gegenteil symbolisierte, ist neulich gestorben und wurde – zu Recht! zu Recht! zu Recht! – mit einem Akt im Parlament geehrt: Rita Süssmuth. Sie war mit allem ihrem Denken und ihrem Einsatz für Frauen, Minderheiten, mit ihrem Anti-AIDS-Kampf eigentlich eine Sozialdemokratin. Oder eine Grüne?

Als 2002 in Freiburg im Breisgau ein neuer OB anstand, also als mein Namensvetter Böhme nicht mehr antrat, machte ich wirklich den Spruch: «Es wird nun Zeit, dass die Stadt einen sozialdemokratischen Bürgermeister bekommt.» Was bei meinen Kollegen zu einem Stirnrunzeln führte – denn Herr Böhme gehört in die SPD. Und ich hatte das alle die Jahre nicht gemerkt! Nicht gemerkt!
Sein Nachfolger wurde dann ein Grüner (der besser zu den Sozen oder in die FDP gepasst hätte…) Und jetzt ist es ein Parteiloser. Sind nicht die Schlechtesten, wir hatten in Stuttgart die besten Zeiten mit einem Parteilosen: Arnulf Klett – den alle in der CDU vermuten, war er aber nicht.
Sein Nachfolger wurde dann einer, den inzwischen auch niemand in der CDU vermuten würde: Manfred Rommel. Legendär wurde sein Eintreten für das Grab der Ensslin auf dem Dornhaldenfriedhof und die RAF-Zahn-Spendenkampagne des Schauspiels unter Peymann.

In welche Partei gehört ein Gerhard Schröder? In welche Partei ein Palmer? Sind das noch SPDler bzw. Grüne oder schon verpackte AfDler?

Ja, und dann war da noch der Mittellehrer in der grössten Baselbieter Gemeinde, der für die Grünen im Landrat sass, aber keinen einzigen Tag mal mit dem ÖV in die Schule kam, nein, immer mit dem eigenen Schlitten und der in der Mittagspause im COOP plastikverpackte Sandwiches und plastikverpackte Salate und plastikverpackte Getränke holte, und dessen Schul-Verbesserungs-Komitee die Regierungsrats-Kandidatin der FDP empfahl, woraufhin die Grünen ihn rausschmissen…

Wie wird man Wolf im Schafspelz bzw. Wolfsschaf bzw. Schaf im Wolfspelz bzw. Schafswolf?
Tja.
Der Weg zum Wolf im Schafspelz bzw. Wolfsschaf bzw. Schaf im Wolfspelz bzw. Schafswolf wäre sicher mal ein Thema, dessen sich die Politologie annehmen sollte, vielleicht tut sie das ja auch schon, ich habe keinen Kontakt (mehr) zu Politologinnen und Politologen. Es wäre sicher ein Fundus für Masterarbeiten, Dissertationen und Habilitationsschriften.

Ich glaube nicht, dass jemand bewusst diesen Weg geht, dass man am Morgen aufwacht und sagt: «Ich habe es, ich gehe in die Partei X, da kann ich Karriere machen, ich bin zwar viel eher Y, aber als Y im X, da gibt es Stunk, da falle ich auf.» Nein, so geht das wahrscheinlich nicht, sondern eher so, dass man schon X ist, aber dann in vielen Themen eine Y-Position einnimmt…

Nachträglich noch herzlichen Glückwunsch Cem Özdemir! Wahlgewinner der BW-Wahl am 8. 3. 2026! Für den zukünftigen Ministerpräsidenten!
Er tritt als Grün-Nichtgrüner würdig die Nachfolge des grün-nichtgrünen Winfried an.



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 10. März 2026

Die lustigen Reisevorschläge

Ich möchte an einem Sonntag morgens ins Schwimmbad. Da ich nicht alle Tramverbindungen im Kopf habe, schlage ich bei Google Maps nach. Bei einer der vorgeschlagenen Routen werde ich sehr stutzig:
Mir wird die Idee präsentiert, mich an der Grosspeterstrasse in die Linie 15 zu setzen, via Heiliggeistkirche zum Tellplatz, dann abbiegend zur Endhaltestelle Bruderholz. Auf dem Bruderholz verwandelt sich die 15 in die 16, die dann auf der anderen Seite des Hügels herunterfährt und via Heiliggeistkirche (Klappe die Zweite) und Tellplatz (Klappe die Zweite) zur Haltestelle Markthalle fährt.
Von dort sind es 2 Minuten zum Hallenbad.
Ich könnte – so schlägt es Google Maps vor – auch 15 Minuten später los, müsste dann (logischerweise) am Tellplatz raus und die 16 nehmen, die sofort kommt und es ist derselbe Bahnsteig.

Ich möchte am 14. März nach Mainz, nein, falsch, ich fahre am 14. März nach Mainz und ich habe auch schon ein Hotel.
booking.com schlägt mir (ausser Restaurants, Stadtführungen, etc.) einen netten Reiseweg vor: Flug von ZRH nach FRA, also von Zürich Airport Kloten nach Airport Frankfurt am Main.
Dies würde konkret bedeuten: Ich reise mit der SBB erst einmal in die falsche Richtung, nach Süden, nämlich zum Flughafen, von dort – nach Einchecken, Warten, Kontrolle, Warten, Boarding – zum Rhein-Main-Airport. Der natürlich zu weit östlich liegt, also noch einmal 30 Minuten S-Bahn nach Mainz.
Alternative ist die DB, die mich konsequent den Rhein entlang via Mannheim und Worms in die Pfälzische Landeshauptstadt bringen wird. Ja, sagen Sie, DB, aber ich habe 25 Minuten Zeit zum Umsteigen in Mannheim Hbf. und auch keinen Punkt-Termin in Mainz.

Wie solche Fehler zustande kommen, ist klar. Irgendjemand hat da Prioritäten gesetzt, irgendwelche Dinge eingegeben, Dinge wie «Umsteigen vermeiden» oder «Flug besser». Und der Computer sucht dann Reisewege, die diesen Kriterien entsprechen. Man könnte genauso «möglichst kurze Zeit» oder «Eisenbahn bevorzugen» eingeben, und die KI sucht entsprechend.

Fühlt die KI eigentlich, wie doof das ist, nach einer Viertelstunde wieder an der gleichen Haltestelle vorbeizukommen? Sie antwortet mir:

Unser Gehirn ist darauf programmiert, Ziele zu erreichen. Wenn wir denselben Ort erneut passieren (z. B. durch eine Ringlinie oder eine Umleitung), fühlt sich das für das Zeitgefühl wie ein Stillstand oder ein „Rückschritt“ an, da kein räumlicher Distanzgewinn zum Ziel erkennbar ist.

Fühlt die KI eigentlich, wie doof das ist, zunächst einmal zum Airport Zürich in die falsche Richtung zu fahren?

Eine Reise in die falsche Richtung zu beginnen, fühlt sich deshalb so „blöd“ an, weil es eine massive psychologische und kognitive Dissonanz auslöst. Unser Gehirn ist darauf programmiert, Ziele effizient zu erreichen – eine entgegengesetzte Bewegung wird sofort als Fehler und Verlust markiert.

Wir bewerten die Reisezeit oft doppelt negativ. Nicht nur die Zeit in die falsche Richtung ist „verloren“, sondern wir müssen dieselbe Zeit (und Strecke) auch noch einmal aufwenden, um überhaupt wieder zum Ausgangspunkt zurückzukommen.

Gut, gell?
Aber das Entscheidende ist, dass diese Antworten nicht aus dem Herzen kommen, der Roboter wird sich nie beschweren, dass er zum x-ten Male wo vorbeikommt, die KI kann nichts fühlen, nichts mit dem Herzen wahrnehmen. Sie kann nur im Netz suchen, was Menschen darüber geschrieben haben.

Vielleicht sollten wir doch manchmal wieder den gesunden Menschenverstand einsetzen.
Wenn übrigens ein Punkt zwischen zwei Haltestellen liegt, dann steige ich immer an der ersten aus, weil ich lieber nach vorwärts laufe. Auch wenn der Punkt 10 Meter näher an der nächsten Haltestelle liegt und Google Maps mir andere Dinge vorschlägt…









Freitag, 6. März 2026

Die Freiheit mit Öl zu heizen

Heute wollen wir ein wenig singen. Haben Sie Lust?
Auf geht`s:

Die Verträge sind gemacht
Und es wurde viel gelacht
Und was Süßes zum Dessert
Freiheit, Freiheit

So beginnt «Freiheit» von Marius Müller-Westernhagen, jenes Lied, das zu einer Hymne der Anti-Corona-Massnahmen-Bewegung wurde, was seinem Schöpfer nun gar nicht recht war, und weshalb er sich öffentlich impfen liess, um seine Distanz zu den Impfgegnern auszudrücken.
Freiheit ist ja nun ein schwieriger Begriff und es ist – so glaube ich – über kaum ein Wort so viel gedacht und geredet und geschrieben worden wie über die Freiheit.

Die Kapelle, rumm-ta-ta
Und der Papst war auch schon da
Und mein Nachbar vorneweg
Freiheit, Freiheit
Ist die einzige, die fehlt
Freiheit, Freiheit
Ist die einzige, die fehlt

Nun aber ist ein grosser Moment in der Freiheitsdiskussion geschehen: Die Bundesregierung hat den Bürgern «ihre Freiheit zurückgegeben». So zumindest Herr Spahn im Fernsehen. Der Hintergrund dieser Freiheits-Aussage ist, dass das Heizungsgesetz geändert wurde. Ja, das Heizungsgesetz! Das Heizungsgesetz! Ab nun haben alle Bürgerinnen und Bürger wieder die Freiheit so heizen, wie sie wollen. Mit Wärmepumpe. Aber auch mit Öl. Mit Gas. Mit Holz. Oder mit einem Atomkraftwerk, das man ja – Loriot sei Dank – im Spielwarengeschäft kaufen kann.
Das Volk hat die Freiheit zurückbekommen, sich klimaschädigend verhalten.

Der Mensch ist leider nicht naiv
Der Mensch ist leider primitiv
Freiheit, Freiheit
Wurde wieder abbestellt
Alle die von Freiheit träumen
Sollen's Feiern nicht versäumen
Sollen tanzen auch auf Gräbern

Nun ist eigentlich klar, dass meine Freiheit da endet, wo mein Nachbar oder meine Nachbarin betroffen sind. Oder die ganze Gesellschaft. In ihrer Freiheit, aber auch in ihrem Wohlergehen, ihrem Leben, in ihrer Gesundheit. Ich habe nicht die Freiheit, nachts um 3.00 Uhr laut Rockmusik zu hören, weil mein Nachbar schlafen will – es sei denn, ich wohne im Wald.
Ich habe eben auch nicht die Freiheit, mit einer Krankheit überall herumzulaufen und alle anzustecken, das war ja die Corona-Diskussion.

Verwaschener ist es nun beim Heizungsgesetz, aber nicht weniger heikel. Ich schade ja nicht meinem Nachbarn, wenn ich zum Öl zurückkehre. Ich schade auch nicht der Gesellschaft, ich schade der ganzen Menschheit. Der «Nachbar» sitzt auf einer Insel im Pazifik und meine Freiheit überspült bei einem Anstieg der Meere einfach seinen Lebensraum.
Schöne Freiheit.

Freiheit, Freiheit
Ist das einzige was zählt
Freiheit, Freiheit
Ist das einzige was zählt

Das Lied ist gesungen.
Und es hat überhaupt nicht gepasst.
So wie die Quatsch-Äusserung von Spahn.

Dienstag, 3. März 2026

Das Ulmer Münster ist nicht mehr die höchste Kirche!

Armes Ulm.
Die kleine Grossstadt an der Donau hat ihren wichtigsten Superlativ verloren.

Ich habe Ulm in meinen Posts x-mal erwähnt. Das liegt nicht an einer totalen Ulm-Euphorie meinerseits, einer völligen Ulmophilie, das liegt vor allem an dem Umstand der Namenskürze. Manchmal schreibe ich nämlich poetisch statt «im Land X» «an den Flüssen A, B und C» oder «von Stadt Y bis Stadt Z», und wenn ich nun statt «in Baden-Württemberg» etwas schreiben will (und gerade keine Lust auf Flüsse habe), dann ist «von Calw bis Ulm» viel praktischer als «von Gschlachtenbretzingen bis Eggenstein-Leopoldshafen».

Im August 2023 habe ich aber doch einen ganzen Post der Stadt Ulm gewidmet, wir waren auf unserer Julireise von Schwäbisch Hall über die Ostalb kommend dort gelandet, um dann nach Stuttgart weiterzufahren. Und wurden vom Schwörmontag mit «Nabada» überrumpelt:

Und dann sind wir in Ulm. Und niemand hat uns gewarnt...
Da ich Stuttgarter bin, ist es erstaunlich, dass eine so wichtige Tradition in der Landeshauptstadt nicht bekannt war: Am vorletzten Montag im Juli schwört der Bürgermeister, dass er auch in den nächsten 12 Monaten der Stadt treu, fair und gut dienen wird...Am Nachmittag fahren dann viele, viele, viele, viele Boote, Schlauchboote, Holzboote, Gummiboote, Nachen, Kähne, geschmückt und ungeschmückt, mit Wimpeln und ohne, mit 1, 2, 3 oder 4 Leuten die Donau hinunter. Ein Riesenspektakel. Ein herrlicher Quatsch. Ein Klamauk sondergleichen. Das Nabada ist in seinen Vorläufern seit dem 19. Jahrhundert belegt...

Armes Ulm.
Die kleine Grossstadt an der Donau hat ihren wichtigsten Superlativ verloren.

Ja, und diesem Superlativ galt der nächste Abschnitt im Post und das ist nun hinfällig: Ulm hat nicht mehr den höchsten Kirchturm der Welt. Die fiesen, gemeinen und hinterhältigen Katalanen haben an ihrer fiesen und gemeinen und hinterhältigen Kirche einfach gemein, hinterfotzig und rücksichtslos weitergebaut und nun ist die Sagrada Familia Um mehr als 10 Meter höher. 

Armes Ulm.
Die kleine Grossstadt an der Donau hat ihren wichtigsten Superlativ verloren.

Aber die Ulmer haben es halt auch falsch gemacht: Höhe, Breite, Länge, Gewicht, Schnelligkeit und andere solche Sachen sind messbar. Und alle Superlative, die sich auf solche Werte beziehen, kann man toppen.
Sie hätten sich ein Beispiel an den Stuttgartern nehmen sollen. Die haben nicht den HÖCHSTEN Kirchturm, sondern den ÄLTESTEN Fernsehturm (ich habe neulich berichtet). Dieser Superlativ ist natürlich nie zu toppen, es sei denn man hätte eine Zeitmaschine. Bei Daten, die weit ins Mittelalter hineinreichen (ist beim Fernsehturm nicht der Fall) kann man immer noch mit Unschärfen und Ungenauigkeiten und Unbeweisbarkeiten arbeiten; so gibt es in jedem Land mehrere «älteste Gasthöfe», in England hat sogar gefühlt jeder zweite Ort den «Oldest Pub».

Genauso wunderbar sind gar nicht messbare Grössen wie Schönheit. Und da schiesst ein Ort, der gar nicht so weit von Ulm liegt, ja seit Jahren den Vogel ab. St. Peter und Paul in Steinhausen (Oberschwaben) ist die «schönste Dorfkirche der Welt». Behaupten die Steinhausener jedenfalls seit langer Zeit, so lange schon, dass niemand widerspricht.
Sie alle bekommen ja immer wieder irgendwelche Listen angeboten wie
Das sind die 10 schönsten Fachwerkstädte.
Das sind die 10 schönsten Dörfer.
Das sind die 10 schönsten Fischerorte.
Wer hat das eigentlich gemessen? Wer legt das fest? Wissen wir nicht…
Könnte Ulm jetzt das «schönste Münster» oder den «schönsten Kirchturm» für sich reklamieren?
Nein.
O nein.
Das haben die Breisgauer sich schon unter den Nagel gerissen.

Armes Ulm.
Die kleine Grossstadt an der Donau hat ihren wichtigsten Superlativ verloren.

Aber man könnte ja den «Ulmer Hocker» von Max Bill zum «schönsten Hocker der Welt» erklären.
Der Superlativ ist noch frei.





 

Freitag, 27. Februar 2026

Brainstorming bei der CDU

Im Bahnhof Solothurn gibt es seit einiger Zeit einen neuen Bäckerstand, wir nennen ihn mal «Bäckerei Befler». Die Bäckerei Befler ist immer gut besucht, immer viel los und vor allem am Morgen (wenn ich meinen Lunch hole) ist immer eine riesengrosse Schlange. Dies liegt – meiner Meinung nach – an drei Faktoren:
- qualitativ gute Ware
- vernünftige Preise
- nettes Verkaufspersonal
Ich stelle mir vor, wie die Firma zu diesen Punkten gekommen ist; wahrscheinlich haben sie ein Brainstorming mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gemacht. Sie wissen doch, was ein Brainstorming ist? Ja? Ich habe es immerhin schon in vier Posts erwähnt. Also, bei einem Brainstorming wird alles aufgeschrieben, was einem zu einem Thema einfällt, unkommentiert, ungefiltert, ganz direkt, ganz schonungslos, um keinen Aspekt zu verlieren. Dann in einer zweiten Runde wird aussortiert. Ich stelle mir also das Ergebnis des Gehirnsturmes vor:

GA-Kunden gratis / Halbtax-Kunden gratis / GA-Kunden halber Preis / Halbtax-Kunden halber Preis / vegan / lactosefrei / Luftballons / vernünftige Preise / Valentins-Special / Halloween-Special / laute Musik / schöne Musik / Promis / Kaffeetrinken und Nails / Kaffeetrinken und Botox / nettes Personal / um 4.00 schon öffnen / um 4.30 öffnen / rund um die Uhr / alles rosa streichen / Bilder von lokalen Künstlern / Facebook / Insta / usw…usw…usw…usw…

Ja, und von dem Riesenbrainstorming ist dann eben das Trio «qualitativ gute Ware, vernünftige Preise, nettes Verkaufspersonal» übrig geblieben. Das nenne ich sinnvoll, alles Schräge und alles Absurde einmal denken, aber dann auf sehr handfeste gute Dinge kommen.

Auch die CDU hat ein solches Brainstorming gemacht. Ein Gedankensturm zum Thema: «Wie kriegen wir die Arbeitsmoral der Deutschen wieder ins Lot?» Es ist ja nun so, dass das Vorzeigeland bezüglich Fleiss und Eifer international ins Hintertreffen geraten ist. Die Leute arbeiten Teilzeit, sind ständig krank und spucken schon längst nicht mehr in die Hände, um das Bruttosozialprodukt zu steigern.
Was ergab nun das Brainstorming?

Bezahlte Krankheitstage abschaffen / Bezahlte Krankheitstage erst ab einer Woche / Telefonische Krankmeldung abschaffen / Teilzeit minimieren / von «Lifestyle-Teilzeit» reden / sichere Rente / Arbeitsmoral-Kampagne mit Anke Engelke / Bürgergeld kürzen / vernünftige Löhne / Bürgergeld streichen / Arbeitsmoral-Kampagne mit Angela Merkel / Arbeitsmoral-Kampagne mit Oliver Welke / Arbeitsmoral-Kampagne mit Bastian Pastewka / gutes Betriebsklima / Rente erst mit 70 / Rente erst mit 80 / usw…usw…usw…usw…

Ja, und dann hat man leider bei der Auswertung auf die falschen Dinge gesetzt. Denn hätte man zum Beispiel die südlichen Nachbarn befragt, warum sie so gerne in die Hände spucken und das BSP steigern und warum sie 8 Krankheitstage weniger als die nördlichen Nachbarn haben, dann hätten sie wahrscheinlich gesagt:
- vernünftige Löhne
- gutes Betriebsklima
- sichere Rente
So weit und so einfach. Wenn alle gerne zur Arbeit gehen, weil es ihnen dort gut geht und sie ordentlich verdienen und wenn man auch noch ein Rentensystem hat, das funktioniert, dann muss man nicht auf die Drückeberger schimpfen. Das Stichwort von der «Lifestyle-Teilzeit» ist so ein Wort, das Fritze wieder mal Stimmen und Sympathie kostet, ganz unnötigerweise. Ähnlich wie das Wort vom «Stadtbild».

Dabei sehe ich das Problem durchaus: Die Wirtschaft müsste in Gang kommen, um wieder Spass in die Arbeit und gute Löhne zu bringen, aber man brauchte Leute mit Spass, die man gut bezahlt, um die Wirtschaft in Schwung zu kriegen. Ein Catch22-Problem, ähnlich dem verpackten Messer, für dessen Verpackung man ein Messer bräuchte…

Im Bahnhof Solothurn gibt es seit einiger Zeit einen neuen Bäckerstand, wir nennen ihn mal «Bäckerei Befler». Die Bäckerei Befler ist immer gut besucht, immer viel los und vor allem am Morgen (wenn ich meinen Lunch hole) ist immer eine riesengrosse Schlange. Vielleicht sollte die Chefin mal das deutsche Wirtschaftsministerium übernehmen. Schlechter könnte es ja nicht gehen.

Die Kampagne mit Anke Engelke gibt es übrigens wirklich. Aber nicht für die Arbeitsmoral – nein, für die Deutsche Bahn! Das wäre ja nun auch eine eigene Glosse wert…







Dienstag, 24. Februar 2026

schwer zu erreichen?


Ich hatte neulich Geburtstag. Kommt ja vor.
Und vier Tage danach traf ich einen Kumpel, der mir nachträglich noch gratulierte und meinte, er habe…
So. Sie denken jetzt sicher, er habe es vergessen, das dachte ich nämlich auch, nein, er sagte wörtlich: «Ich habe den ganzen Tag an dich gedacht, aber du bist ja so schwer zu erreichen.»

Ich war sprachlos.
Ich habe ein Handy (das am Ehrentag auch meistens an war) und ein Festnetz. Bei beiden gibt es die Möglichkeit, auf Band zu sprechen. Beim Handy kann man noch eine SMS schicken.
Ich habe zwei Mailadressen, die ich auch während des Tages kontrolliert habe.
Ich habe WhatsApp.
Ich habe Signal.
Ich habe Telegram.
Ich habe Threema.
Zudem gäbe es noch die veraltete Möglichkeit, mir einen Brief oder eine Karte zu schreiben oder sogar – noch veralteter – bei mir zu klingeln. Ich wäre ab 16.00 sogar zuhause gewesen.

Ich hielt meinem Kumpel diese vielen, vielen, vielen Möglichkeiten vor, und unter Tränen gestand er mir, dass das «schwer zu erreichen» sich eben nicht auf die Unter-, sondern auf die Überzahl der Kanäle bezog.
Den ganzen Tag habe er sich gequält und überlegt und gezaudert. Immer, wenn er ein WhatsApp schicken wollte, habe er gedacht, ob nicht anrufen doch besser sei. Und immer, wenn er Signal schon offen hatte, dann hätte eine innere Stimme ihm «Mail! Mail! Mail!» zugeflüstert. Und dann habe er sich nicht für eine der beiden Mailadressen entscheiden können, und dann habe er Threema geöffnet, sei da aber auch nicht weitergekommen…
So sei es den ganzen Tag gegangen.

Zuerst dachte ich, der Gute sei völlig plemplem.
Dann aber musste ich ihm ein Stück weit recht geben.

Das Internet bietet uns eine derartige Überfülle an Möglichkeiten und Kanälen und Dingen und Informationen und Sachen, dass wir in der Menge der Möglichkeiten und Kanäle und Dinge und Informationen und Sachen einfach ertrinken. Jetzt gibt es ja schon Shopping-Apps wie QuackQuatsch, die das Netz durchforsten und für uns die besten Artikel auslesen und uns dann Badebürsten für sensationelle 29,99 und Korkenzieher für sensationelle 19,99 und Dekantierer für 39,99 anbieten. Und wir kaufen und kaufen und kaufen, die siebte Badebürste und den vierten Korkenzieher und den dritten Dekantierer und freuen uns, dass es uns QuackQuatsch so einfach gemacht hat.

Von Informationen muss ich ja gar nicht reden.
Wir ersaufen in einer Flut von schlecht recherchierten Nachrichten, von Fakes und KI-generierten Dingen, dass einem angst und bange wird.
Natürlich gab es immer Zeitungsenten und Falschmeldungen, sogar in den Lexika standen Sachen, die einfach falsch waren, sogenannte Nihilartikel, man denke nur an die Steinlaus, die es als Erfindung von Loriot immerhin in den Pschyrembel geschafft hatte.
Aber es waren weniger, es waren Einzelfälle. Heute ist es eine Flut.
Und deshalb sind sauber recherchierte Nachrichten und Fakten so wichtig.

Was mache ich nun mit meinem Kumpel? Nun, ich werde ihm nächstes Jahr zwei Tage vor meinem Geburtstag eine Nachricht zukommen lassen:
«Hallöchen! Wenn du mir übermorgen gratulieren möchtest, ich bin an meinem Ehrentag nur von 10.00 bis 10.30 auf dem Festnetz erreichbar.»

Was natürlich nicht stimmt, aber es wird ihm die Qual der Wahl nehmen und seinen Tag wesentlich erleichtern.







 

 

 

    

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Freitag, 20. Februar 2026

Olympia nervt

Also…
Olympia ist ja schon ganz gut, aber…
Manchmal nervt es.

Zum Beispiel, wenn alle Fernsehgewohnheiten durcheinanderkommen. Wir schauen stets und jeden Tag um 19.00 heute, dies aber auf 3sat und danach die «Kulturzeit». Dann gibt es Essen, Aufräumen, Packen für den nächsten Morgen, ein paar Mails schreiben und um 21.45 gibt das «heute Journal» (oft mit unserem absoluten Liebling, Gundula Gause – allein der Name ist ja schon göttlich). Um 22.30 liege ich im Bett, denn ich stehe um 4.30 auf.

Nun kommt dieses Arrangement während der Olympischen Winter- und Sommerspiele völlig durcheinander. Um 19.00 gibt es auf 3sat eine Ersatzsendung, meist «Im Flug über…», und ich weiss nicht, wie oft ich in den letzten Jahren schon über Andalusien geflogen bin, es müssen aber an die 50 Male gewesen sein. Dann wird die «Kulturzeit» zum Glück nicht tangiert, zum Glück, um 21.45 wird es dann wieder schwierig; das «heute Journal» ist schon vorbei, meistens eingequetscht ins Eishockey und verkürzt, wir weichen dann auf «10 vor 10» im Schweizer Fernsehen aus, wenn dort alles normal ist.

Man könnte ja auch früher ins Bett gehen, wenn alles durcheinander ist, aber hier halten wir es mit den beiden Eheleuten bei Loriot, die vor dem kaputten Fernseher sitzen und wo dann der folgende Dialog entsteht:
M: «Ich gehe nach den Spätnachrichten der Tagesschau ins Bett.»
F: «Aber der Fernseher ist doch kaputt.»
M: «Ich lasse mir von einem kaputten Fernseher nicht vorschreiben, wann ich ins Bett zu gehen habe.»

Olympia also.
Ich kann dem irgendwie nichts abgewinnen.
Ich kann Eiskunstlauf und Eistanzen und auch Freestyle-Skiing und Snowboarden verstehen, das hat ja noch eine Schönheit und Eleganz und zirzensische Qualität, ebenso kann ich Eishockey begreifen, das ist ein Mannschaftssport, wie Fussball oder Volleyball, was ich nicht verstehe, ist, dass Menschen stundenlang Leuten zugucken, die einen Eiskanal runterrasen, immer gleich aussehend, immer das gleiche Eis und am Ende ist irgendjemand 3/100 schneller als ein anderer. Da fehlt mir irgendwie ein Verstehens- und Leidenschafts-Gen.

Was ich verstehen kann, sind die Siegerehrungen.
Ich finde es so schön, dass es Gold-, Silber- und Bronzemedaillen gibt. Dieses Siegertreppchen mit drei Höhen, aber eben mit drei, das ist schon Klasse.
Ist ja im täglichen Leben nicht so, da zählt immer nur der oder die Erste, da gibt es keinen zweiten und dritten Platz, da wird Silber und Bronze nicht verteilt.

In der Liebe zum Beispiel, da weiss Carla nicht, ob sie Jan oder Johan erhören soll, und lange scharwenzeln die beiden um die Carla herum, aber am Ende heiratet sie eben doch Jan (oder Johan) und Johan (oder Jan) hat das Nachsehen. Wird er sagen, dass er im Werben um die schöne Frau die Silbermedaille bekam? Wahrscheinlich nicht. Er wird – wie schon seit 100 Jahren der Verschmähte – sich davonstehlen und mit Mahler singen:
Wenn mein Schatz Hochzeit macht,
Fröhliche Hochzeit macht,
Hab’ ich meinen traurigen Tag!
Geh’ ich in mein Kämmerlein,
Dunkles Kämmerlein!

Oder wie ist das bei Jobs? Hier könnte ich einiges erzählen, denn ich habe öfters die Silbermedaille bekommen, da konnte ich mir aber nix von kaufen. Ich bekam nicht einmal eine Urkunde: «Gratulation! Herr Rolf Herter hat in der Bewerbung um die Stelle als Musikdirektor in Bad Wulster den ehrenvollen 2. Platz belegt.» Nein, eine Arbeitsstelle bekommt der eine und der andere guckt in die Röhre.

Das ist also recht schön bei Olympia. So wie Eiskunstlauf und Eistanzen und auch Freestyle-Skiing und Snowboarden.
Wenn sie jetzt noch mein Fernsehprogramm in Ruhe lassen, dann ist alles gut.







 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 17. Februar 2026

Mein BMI - keine Internet-Medizin mehr, bitte

Ich habe neulich etwas getan, was ich schon ewig nicht mehr gemacht und wovor ich ein wenig Angst hatte: Ich bin auf meine Waage gestiegen. Es war mir klar, dass ich durch den Nikotinentzug zugenommen habe, allerdings sollte der Verzicht auf Alkohol ja dann wieder etwas Positives bringen, aber nichtsdestotrotz, es war klar, das Gewicht von vor 10 Jahren ist es nicht mehr…
Ich war dann sehr, sehr, sehr angenehm überrascht: 76,5 Kilogramm.
Nach alter Rechnung sind das (ich bin 178 cm gross) 1,5 Kilo unter Normalgewicht – und deutlich ÜBER Idealgewicht, aber à la bonne heure.

Aber im modernen System? Im BMI, im «Body Mass Index»?
Ich suchte mir einen BMI-Rechner, gab Grösse und Gewicht ein (wobei ich fairerweise AUFrundete, weil keine Kommastellen möglich waren) und erhielt den Wert von 24,3. Und erhielt die Warnung: Aufpassen, Rolf! Ganz nah am Übergewicht! Keine Schoggi mehr, keinen Kuchen und den Espresso ab jetzt ohne Zucker! Denn ab BMI 25 beginnt die Adipositas.

Ich maulte eine Weile vor mich hin, dann aber stutzte ich: War da nicht etwas mit Alter gewesen? Der Rechner hatte nur nach Grösse und Gewicht gefragt. Ich suchte also eine Alterstabelle, und siehe da: Im Alter von über 60 darf der BMI stramme 29 betragen. Also nix mit Schoggiverbot, Kuchenverbot, Zuckerverbot, alles im Grünen Bereich.

Wie kam es zu den unterschiedlichen Wertungen?
Nun, die Homepage, die einen BMI-Rechner MIT Alter enthält, war eine Seite des Institutes für Endokrinologie und Metabolismus der Universität Erlangen, die Homepage OHNE gehörte ORANG-UTAN-GYM®, einer Kette von Fitnesstempeln, die Studios in D, A, CH betreibt. Und natürlich sind die Leute des Institutes für Endokrinologie und Metabolismus der Universität Erlangen an einer seriösen Betrachtung interessiert, und die Leute von ORANG-UTAN-GYM® nur am Geldverdienen. Sie wollen dir das Folgende einreden: Ganz nah am Übergewicht! Keine Schoggi mehr, keinen Kuchen und den Espresso ab jetzt ohne Zucker! Und Fitness! Crosstrainern! Spinning! Abo bei uns!

Als ich über alles dies nachdachte, kam ich zu einer einfachen Forderung, um die explodierenden Gesundheitskosten zu senken:
Verbot von sämtlichen Hinweisen zu Gesundheit, Gewicht, Bewegung etc. im Internet, die nicht von Medizinern stammen.
Dies würde nämlich folgende Fälle verhindern:

Der 60jährige, der von Praxis zu Praxis rennt, dann endlich einen Arzt findet, der ihm ein Magenband legt, ein Magenband, das seinen BMI von gefährlichen 24,3 auf 19, 8 senkt – obwohl für Menschen in seinem Alter ein solcher BMI natürlich viel, viel, viel zu tief ist…

Die Frau, die umgekehrt viel zu spät zum Dermatologen geht, um ihren Nagelpilz zu zeigen, weil sie ein Jahr lang Kaffeesatz draufgekippt hat (wurde ihr auf Facebook und Insta empfohlen) und die Onychomykose sich unter dem Kaffee fröhlich weiterentwickelt hat…

Der 40jährige, der bei jedem, aber absolut jedem Symptom (juckende Nase, trockener Mund, Schwitzen etc.) eine Homepage findet, auf der das ein Zeichen für ein Karzinom ist und der nun von Apparat zu Apparat und von Tomographie zu Tomographie speeded. Neulich musste man ihm im Unispital Dresden klarmachen, dass sein Symptom xy zwar ein Anzeichen für ein Zervixkarzinom sein könnte, dass aber bei ihm ein Zervixkarzinom biologisch unmöglich sei…

Die ältere Dame, die auf der Website eines Tonika-Herstellers den Test «Fühle ich mich wie 30?» gemacht hat, und die nun ihren Hausarzt bestürmt, ihr die Vitamine A, B, C, F, G1, G3, G5 und H19 zu verschreiben…

Verbietet allen diesen Unsinn, diesen Internet-Quatsch, denn nur die Nachfrage bei meiner Hausärztin, ob ich abnehmen müsse, ob mein Nagelpilz durch Kaffee zu heilen sei, ob ich ein Zervixkarzinom habe und warum ich mich nicht mehr wie 60 fühle, allein diese Konsultationen kosten einen Haufen Geld.

Ich habe neulich etwas getan, was ich schon ewig nicht mehr gemacht hatte und wovor ich ein wenig Angst hatte: Ich bin auf meine Waage gestiegen. Ich war dann sehr, sehr, sehr angenehm überrascht: 76,5 Kilogramm.
Und so leichtfüssig schwebe ich – nicht zum Arzt, sondern von dannen.





 

 

Freitag, 13. Februar 2026

Königsnamen in den Epstein-Files: Über Sex und Krone

Um es gleich vorweg zu sagen, liebe Leserin, lieber Leser:
Ich halte die Monarchie für eine tolle Sache.
Wenn man ein Staatsoberhaupt hat, das hauptsächlich repräsentiert (wie zum Beispiel die Deutschen), dann ist es doch nicht schlecht, wenn es eine Person ist, die das Repräsentieren von den Kinderschuhen an gelernt hat. Oder besser Personen, Mehrzahl, denn man hat ja oft eine ganze Familie.

Nun gibt es allerdings innerhalb der einzelnen Königshäuser und Königsfamilien anscheinend Unterschiede in der Auffassung, was «Königssein» oder «Königinsein» bedeutet.
Das Spektrum reicht von einem Egbert,
der noch in der Stammestradition lebte und einfach derjenige war, der am besten kämpfte, dessen Schultern die breitesten und dessen Schwert das schärfste war, der am schnellsten rennen und am höchsten springen, am meisten saufen und fressen konnte und überhaupt der tollste Hecht war,
über einen Louis XIV.,
der als Sonne, als Fixstern, als uneingeschränkter Glanz in Versailles thronte, sich von 500 Musikern aufspielen liess, von 600 Köchen bewirten und von 700 Schneidern einkleiden, und der jede Kritik mit einem L'État, c'est moi oder einem Après nous le déluge hinwegfegte,
über einen Wilhelm II. von Württemberg,
der eigentlich mehr ein Grossbürger war, vom Schloss in ein kleines Palais umzog und jeden Morgen mit seinen Hunden im Park spazieren ging, wobei er von den hutlüpfenden Bürgern mit «Gude Morge, Herr Keenig» begrüsst wurde,
bis zu den modernen Königen und Königinnen,
die als Teil einer parlamentarischen oder konstitutionellen Monarchie nur repräsentieren und Gesetze unterschreiben, Parlamente eröffnen und sonst nichts zu sagen haben.

In den Epstein-Files tauchen nun Namen auf, Namen aus royalen Häusern und royalen Familien. Und das ist ein Skandal, aber nicht verwunderlich, nicht erstaunlich, denn der Zusammenhang zwischen Sex und Krone, Beischlaf und Macht ist sehr, sehr alt.
Und je nachdem, wo in der obigen Liste, wo im Spektrum die Leute sich vermuten, sieht es halt so oder so aus – anders formuliert: Manche sind aus der Zeit gefallen.

Ein Egbert hatte wahrscheinlich kein Problem mit Sexualität. Er war ja eh der Grösste, der Stärkste, Tollste, er war der, der am besten kämpfen und saufen konnte, er war «brave» und da war das Wort als «tapfer» noch nah am «bravus» (=wild) und noch nicht zum «brav» verkommen, und als Haudegen und Tapferster hatte er natürlich auch den Längsten, und er nahm sich, was er wollte. Wer versuchte, ihm zu wehren?
Louis XIV. und auch die anderen absolutistischen Könige hatten das alles schon klarer geregelt: Man(n) hatte eine Königin fürs Offizielle, für die Staatsgeschäfte und den Nachwuchs, den Erben, daneben hatte man eine deklarierte und titulierte, eine amtliche Geliebte, die Mätresse (im Falle Louis XV. die berühmte Madame de Pompadour, von der auch eigentlich erst das Sintflut-Zitat stammt), deren Kinder auch anerkannt wurden (und finanziell versorgt), alle Frauen und Mädchen daneben wurden verleugnet und ihre Kinder hatten das Nachsehen.
Wilhelm II. von Württemberg hätte bei einem Seitensprung, einer Affäre ein kleineres Problem gehabt, nicht nur, weil man im Grossbürgertum Stuttgarts nicht einfach so herummachte, auch, weil er als anständig galt…

Und heutige Königshäuser?
Ja, die sind eben Teil einer anderen Gesellschaft und Repräsentanten. Und als Repräsentantin oder Repräsentant eines anständigen Staates sollte man auch so agieren.
Man möchte allen Prinzen und Herzögen, allen Königen zurufen: Wenn eure Namen in den Files stehen, dann Schande über euch, ihr seid nicht mehr zeitgemäss! Ihr seid keine Egberts mehr, ihr seid keine Louis XIV. mehr, die Zeiten des Frühmittelalters und des Absolutismus sind vorbei.

Liebe Leserin, lieber Leser:
Ich halte die Monarchie für eine tolle Sache.
Wenn man ein Staatsoberhaupt hat, das hauptsächlich repräsentiert (wie zum Beispiel die Deutschen), dann ist es doch nicht schlecht, wenn es eine Person ist, die das Repräsentieren von den Kinderschuhen an gelernt hat. Oder besser Personen, Mehrzahl, denn man hat ja oft eine ganze Familie.

Wenn aber zu viele Namen in den Epstein-Files stehen, dann werde ich diese Meinung noch ändern.



















 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 10. Februar 2026

Happy Birthday, Fernsehturm!

Happy Birthday, Fernsehturm!
Alles Gute zum 70.!

Als ich neulich las, dass du siebzig wirst, bin ich erschrocken. So alt bist du schon? So alt? Dann aber musste ich innehalten: Du warst ja immer da, seit ich denken kann, also musstest du ja älter als meine 60 sein. Ja, ich bin auch schon sechzig Lenze, 720 Monate alt, eine Tatsache, die ich auch oft verdränge.
Du warst immer da, du als grösster und wichtigster im Trio auf den östlichen Höhen, die mein Vater mir immer zeigte: Fernsehturm – Fernmeldeturm – Polizeifunkturm. (und ich gehöre zu den ganz wenigen Menschen, die auch den mittleren besichtigt haben, denn dort durften nur Fachleute rauf, und mein Dad war ja Fernmeldeingenieur, auf den Polizeiturm liess man natürlich niemand.)

Happy Birthday, Fernsehturm!
Alles Gute zum 70.!

Am 5. Februar 1956 wurdest du eingeweiht. Und damit bist du der älteste. Der erste in dieser Betonbauweise. Der älteste der Welt.
Inzwischen sind viele höher und breiter und toller und sendestärker, und der am Alexanderplatz ist natürlich viel bekannter.
Aber wir Schwaben haben es erfunden!
Wie ja viele andere Dinge auch, den Benzinmotor, die Zündkerze, den Teddybär, die Seifenblase, den Plastikdübel und – wenn man den neuesten archäologischen Forschungen glauben mag – auch die Nudel.

Happy Birthday, Fernsehturm!
Alles Gute zum 70.!

Nun schwillt heute ALLEN Stuttgarterinnen und Stuttgartern die Brust, wenn sie an «ihren» Turm denken, damals war das aber ganz, ganz, ganz anders. Als die Pläne Anfang der 50er-Jahre auftauchten, da gab es am Neckar und im Talkessel und auf den Höhen vor allem ein Gefühl:
Angst.
Panik.
Die Bauweise mit breitem Fundament und ganz schmalem Turm, die war einem nicht geheuer, und als man dann noch erfuhr, dass die Kanzel im Wind mehrerer Meter schwankt, da sah man das Schlimmste: Das Ding wird stürzen, umkippen, Menschen und Tiere töten und auf Häusle fallen und Gärtle und Dächle zertrümmern. Nein, da war keine Begeisterung.
Der neulich mit 101 verstorbene wunderbare Walter Schultheiss hat in einem Sketch mit seinem Kollegen Oscar Müller gespielt, in dem er als oberängstlicher Schwabe sich vom eher fortschrittlichen partout nicht auf den Turm locken lassen will. Der zentrale Satz lautet: «Trauschd du däm Dänger?
Nein, viele trauten ihm nicht, was ihn aber nicht hinderte, zum Wahrzeichen zu werden.

Happy Birthday, Fernsehturm!
Alles Gute zum 70.!

Ich sage es nur zögerlich, aber es stimmt doch: Gelegentlich habe ich Heimweh nach dir. Möchte ich im Tal stehen und zu dir hochschauen, und dann zur Ruhebank fahren, zu dir hinlaufen, mit dem Lift hoch und dann aufs Tal hinunter und in die Weite gucken. Heimweh nach dir. Und das, obwohl ich in einer so schönen Stadt lebe, mit einem (auch) fantastischen Wahrzeichen, das viel, viel, viel älter ist als du. Aber vielleicht ist gelegentliches Heimweh auch eine völlig normale Empfindung…

Happy Birthday, Fernsehturm!
Alles Gute zum 70.!
Und auf viele weitere Jahre. Ich hoffe ja, deinen 100. noch zu erleben, ich bin dann erst 90.









Freitag, 6. Februar 2026

Stehen Sie in den Epstein-Files?



Gehören Sie eigentlich dazu?
Ich meine, gehören Sie WIRKLICH dazu? Zum Jet-Set? Zu den oberen Zehntausend? Sind Sie in? Ein It-Mensch? Und wenn, zu welchem Jet-Set, zu welcher High Society gehören Sie? Zur regionalen? Zur nationalen? Zur internationalen?
Das sind doch so Fragen…

Jemand hat mir neulich einen kleinen Fragenkatalog zugesandt, der prüfen sollte, ob ich dazugehöre:
- Welche **********Hotels haben Sie in der Kartei?
- Für welche Anlässe haben Sie eine VIP-Karte?
- Welche Coiffeure nehmen Sie ohne Termin?
- In welchen Häfen haben Sie Ihre Jachten?
- Mit welchen Staatsoberhäuptern sind Sie per Du?
- Von welchen Stars haben Sie die privaten Handynummern?




Ich muss da natürlich fast überall passen. Ich kann mir keine **********Hotels leisten, also bin auch nirgendwo in der Kartei, ich habe keine VIP-Karten (doch, mein Partner für die ART Basel, aber zählt das?), mein Coiffeur nimmt mich ohne Termin (ist aber ein günstiger indischer Barbier im Gundeldingen-Quartier), Jachten habe ich keine und duze keine Staatschefs. Ich habe die Handynummern einiger Opernregisseure und Dirigenten – aber sind das Stars?

Die letzte Frage des Kataloges aber, die rüttelte mich wach, schockierte mich und machte mich sehr stutzig:
- Taucht Ihr Name in den Epstein-Files auf?

Um es gleich vorweg zu sagen: Mein Name steht dort nicht, und wenn doch ein Rolf Herter dort stünde, dann wäre das ein Namensvetter und nicht ich, und das aus zwei Gründen, erstens mache ich mir nichts aus jungen Frauen (übrigens auch aus alten nichts, Frauen sind gar nicht mein Ding), zweitens bin ich anständig.

Was mich so schockiert ist, dass die Epstein-Files so ein bisschen ein Who's Who sind. Dort findet man alle, die in sind, die dazugehören, die It-Menschen, den Jet-Set, weniger den regionalen und nationalen, mehr den internationalen, dort findet man die High Society:
Könige und Prinzen und Staatsoberhäupter
CEOs von Finanz- und Hightechunternehmen
Herren aus Wissenschaft und Kultur
aber auch Damen, die zwar keinen Sex suchten, aber doch Macht und Einfluss.

Das Groteske ist auch, dass sich nun Kontrahenten und Gegner im gleichen Skandal wiederfinden. So finden wir sowohl Donald Trump als auch seine Gegnerin der vorvorletzten Wahlen, Hillary Clinton, deren Göttergatte und Expräsident Bill ja anscheinend nicht nur im Oval Office herumhurte. (Das hat er übrigens Donny voraus…)

Die Anzahl und Reichweite der Namen sind erschreckend. Das Teuflische ist aber, dass durch die Masse der genannten Personen eine Nivellierung eintritt. Dass so viele in den Files stehen, sei schrecklich, denkt man, es macht es aber wieder auf eine diabolische Weise normal. Wenn ALLE dort stehen, dann ist es eben nicht mehr so schlimm, was passierte, weil es ja ALLE machen: «Er hat bei der Steuer gemogelt.» «Machen doch ALLE.» «Er hat immer falsch parkiert.» «Machen doch ALLE.» «Er hat seinen Müllsack immer zu früh rausgestellt.» «Machen doch ALLE.» «Er hatte Sex mit Minderjährigen.» «Machen doch ALLE.»

Gehören Sie eigentlich dazu?
Ich meine, gehören Sie WIRKLICH dazu? Zum Jet-Set? Zu den oberen Zehntausend? Sind Sie in? Ein It-Mensch? Und wenn, zu welchem Jet-Set, zu welcher High Society gehören Sie? Zur regionalen? Zur nationalen? Zur internationalen?

Die Frage ist, ob Sie in den Epstein-Files stehen.
Aber vielleicht wollen Sie dann lieber nicht dazugehören…






Dienstag, 3. Februar 2026

Die Bahnhofskirche

Ich bekam eine Mail von einem deutschen Priester, der den letzten Post gelesen hatte. Er hält die Idee einer Bahnhofskapelle, einer Bahnhofskirche, einer Bahnhofskathedrale für sehr spannend.

Und er meint nicht die praktischen Städte, in denen man den Dom gleich neben den Bahnhof gebaut hat, so wie in Köln («…wir könnten doch gleich neben dem HBF eine Kirche bauen, wäre doch ganz sinnvoll…»), und er meint auch nicht ein Bauwerk, wie es Ende im «Spiegel im Spiegel» beschreibt:

… die Bahnhofskathedrale stand auf einer grossen Scholle aus schiefergrauem Gestein, die durch den leeren, dämmernden Raum dahinschwebte…ein babylonisches Bauwerk von verwirrenden Ausmassen, noch lange nicht fertig, wie die vielen Gerüste erkennen liessen. Aus den filigranartig durchbrochenen Mauern strahlte und glitzerte Licht…

Also nicht eine Kirche, die wie ein Bahnhof aussieht, oder ein Bahnhof, der wie eine Kirche aussieht (trotz aller Ähnlichkeiten).
Nein.
Eine Kirche im Bahnhof.

Ich bekam eine Mail von einem deutschen Priester, der den letzten Post gelesen hatte. Er hält die Idee einer Bahnhofskapelle, einer Bahnhofskirche, einer Bahnhofskathedrale für sehr spannend.

Nun gibt es ja die Bahnhofsmission, oder ähnliche Einrichtungen, aber die widmen sich ja eher karitativen Aufgaben. Ich habe übrigens schlechte Erfahrungen mit der Bahnhofsmission gemacht; die Dame, die man uns ans Gleis schickte, als ich mit meiner damaligen Frau, die sich einen Bänderriss zugezogen hatte, wollte nicht unser Gepäck transportieren, konnte keinen Fahrplan lesen und durfte nicht medizinisch helfen. Was sie wollte und durfte, war das Unterstützen meiner Frau beim Treppenlaufen, das aber lehnten wir ab, wer stützt sich auf eine 75-jährige Dame, wenn man mit einem Bein die Stiege hinabhüpft?
Aber ich schweife ab.

Die Idee ist eine Kirche, Kapelle, ein Dom, eine Kathedrale, ein Dom, ein Andachtsraum in jedem Bahnhof.
Wie jener Priester meint, gibt es zwei Voraussetzungen, dass Menschen in einen Gottesdienst, zu einem Rosenkranz oder in die Beichte gehen:
* Sie haben Zeit.
* Sie sind in einer Notlage.
Und beide Bedingungen sind auf allen deutschen Bahnhöfen gegeben.

Stellen Sie sich vor, Sie sind von Lübeck nach Tübingen unterwegs. Kommt ja vor. Und nun hat ihr Regionalzug von Lübeck HBF nach Hamburg HBF deutlich Verspätung, kommt ja auch vor. Der durchgehende ICE an den Neckar ist weg. Und man hat zwei Möglichkeiten: In einer Stunde eine Verbindung mit 2x Umsteigen oder in zwei Stunden eine ohne. Die gleiche Kiste könnte übrigens auch in Stuttgart passieren, wenn alles bis Stuttgart HBF glatt läuft.
Sie haben nun also zwei Stunden Zeit. Und Sie sind verzweifelt, in Not, Sie haben Gebetsanliegen und Fürbittensprüche.
Was läge also näher, als eine Bahnhofskirche aufzusuchen?

Spintisieren wir also ein wenig herum:
Am 30. November 2031 werden in 30 deutschen Bahnhöfen Kirchen eingeweiht, der Tag ist ideal, ist es doch der Tag des Heiligen Andreas, des Apostels der Eisenbahner, aber auch der 1. Advent (Advent gleich «Ankunft» ist ja ein zentrales Thema der Bahn). Gepredigt wird über Lukas 7, 19 über jenen Satz, den man ja jedem ankommenden Zug entgegenrufen möchte: «Bist du, der da kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?» 

Ich bekam eine Mail von einem deutschen Priester, der den letzten Post gelesen hatte. Er hält die Idee einer Bahnhofskapelle, einer Bahnhofskirche, einer Bahnhofskathedrale für sehr spannend.

Ich auch.







Freitag, 30. Januar 2026

Warum muss ich alle Handygespräche mitbekommen?

In der Bahnhofskirche im Bahnhof Basel SBB gibt es einen sogenannten «Sorgenstock». In diesen Kasten kann man Zettel mit allen möglichen Anliegen hineinwerfen, Anliegen, die dann in einem Gottesdienst (hier oder in einer der umliegenden Kirchen) in den Fürbitten genannt werden.
Alles ist hier möglich, von guten Schulnoten bis zu Zahnschmerzen, vom Kinderwunsch bis zum Frieden auf der Welt, von der Rettung der Wale bis zu mehr Glück und Gesundheit für die alten Tante.

Ich bin froh, dass es die Bahnhofskirche im Bahnhof Basel SBB gibt, und ich bin froh, dass es diesen Sorgenstock gibt, denn ich fülle ihn nach jeder Fahrt mit Zettelchen und Zetteln, mit Papierlein und Papieren.
Nicht, dass ich so viele Sorgen hätte, nein, wo denken Sie hin!
Auf meinen Zetteln steht zum Beispiel:

HERR, schenke, dass der Unbekannte, der es nicht schafft, das Video der Politikerin so zu schalten, dass ihr Name richtig erscheint, weil er den Zugriff auf den Video-Account falsch gelegt hat, seine Sache in den Griff bekommt, und das Video mit dem richtigen Namen unterlegt wird und die Beschwerden aufhören.

HERR, schenke, dass der Mitarbeiter der Firma ATACOM AG, dem die magere strenge blonde HR-Tante verzweifelt zu erklären versucht, DASS und auch WARUM die ATACOM AG sich von ihm trennen muss, sich nicht weiter quer stellt, sondern einsichtig und reumütig geht und zur RAV trabt und neue Stellen sucht.

HERR, schenke, dass der junge Mann, der seinen Rucksack im Zug nach Bern liegen liess, und dem man sagte, dieses Gepäckstück sei in Basel, wo es aber nicht war, und der jetzt aufgeregt herumtelefoniert, seinen Rucksack wiederfindet.

HERR, schenke, dass der Werbekampagnen-Vorschlag, dessen Präsentation schon in einer Woche sein wird, angenommen wird, obwohl weder das Budget, noch die Idee, noch ein Arbeitsplan, noch irgendwelche Details klar sind, und dass der Kunde begreift, warum ein Schokoriegel unbedingt, und ohne Zweifel, und absolut notwendig von einem Tintenfisch angepriesen werden muss.

Nun werden Sie sich fragen, wie ich zu diesen Informationen komme. Ist der Video-Untertitel-Mensch auf mich zugegangen? Hat die magere strenge blonde HR-Schnepfe ihr Leid ausgeschüttet? Hat mir der junge Mann die Rucksack-Geschichte erzählt? Hat der Werber mir eine SMS geschrieben?
Nein.
Nein.
Es ist so:
Ich sitze, nachdem ich zwischen Solothurn und Olten in der S 20 einen ausgiebigen Mittagsschlaf gehalten habe, im IC Olten-Basel und gönne mir im Restaurant einen Doppio. Das ist so ein bisschen «Ferien im Alltag» und Lebensqualität, dasitzen, lesen, hinausschauen und entspannen. Nun sitzen eben auch ganz viele andere Menschen dort, viele mit Handy oder Laptop oder Tablet, alle mit Kopfhörer und telefonieren.
Laut.
Unüberhörbar.
Deutlich.
Ich höre nur diese Menschen, nicht ihre Gesprächspartner, aber der Inhalt der Unterredungen ist doch ganz klar. Früher flüsterten solche Personen in ein kleines Mikro, aber das ist out, unmodern, nicht mehr en vogue. Man tut es laut. Und so bekomme ich das alles mit, und dann schreibe ich die Anliegen auf Zettel…

In der Bahnhofskirche im Bahnhof Basel SBB gibt es einen sogenannten «Sorgenstock». In diesen Kasten kann man Zettel mit allen möglichen Anliegen hineinwerfen.
Ich bin froh, dass es die Bahnhofskirche im Bahnhof Basel SBB gibt, und ich bin froh, dass es diesen Sorgenstock gibt, denn ich fülle ihn nach jeder Fahrt mit Zettelchen und Zetteln, mit Papierlein und Papieren.
Und das ist gut so, ich müsste den Gedankenkram sonst mit nach Hause nehmen.

P.S. Die Bahnhofskirche ist natürlich eine Erfindung.
Wäre aber doch eine gute Idee.

Dienstag, 27. Januar 2026

Der Doktor aus dem Weinland

Wie Sie wissen, habe ich eine eigene Meinung zu Alkohol.
Aus meiner eigenen Erfahrung heraus bin ich klar der Ansicht, dass man mit CzweiHsechsO (so die chemische Formel) sehr, sehr, sehr vorsichtig umgehen sollte. Das Zeug macht einem die Leber kaputt, kann hochgradig süchtig machen und richtet auch sonst üble Schäden an.

Nun kann man darüber streiten, ob CzweiHsechsO in vernünftigen Dosen vielleicht nicht schadet, ich staune aber immer wieder über Leute, die das Gegenteil behaupten. Nämlich, dass ein Glas Wein am Abend ausgesprochen gesund sei.

Wenn das stimmen täte würde, dann würde ich mich ja geradezu ungesund und fahrlässig verhalten; da ich auf mein Glas Rotwein zum Essen verzichte – und eben ein Wasser oder ein alkoholfreies Bier trinke, oder einen alkoholfreien Wein, der allerdings meist noch nicht an das Niveau seines Kollegen mit Umdrehungen herankommt – würde ich meinem Körper ja Schaden zufügen.

Einer, der die Botschaft vom «gesunden Alkohol» mit Verve verbreitet, ist der Internist Dr. Scholl. («Ein gut gefülltes Glas zum Essen – idealerweise mediterrane Küche – sei in der Regel gut für die Gesundheit und senke u. a. das Diabetes-Risiko»). Er hört nicht auf, zu sagen und zu schreiben: Trinkt ein Glas Wein, das ist gesund und wichtig und richtig für euch…

Was einen nun stutzig macht, das ist die Heimatgemeinde des werten Doktors. Er wäre sehr glaubwürdig als Norddeutscher, als einer von der Heide oder von der Hallig, einer von Weser oder Ems, als Friese oder Holsteiner, nun ist er aber kein Norddeutscher, keiner von der Heide oder von der Hallig, keiner von Weser oder Ems, kein Friese oder Holsteiner, der Gute ist Rheingauer.
Er ist aus Rüdesheim.
Aus einer der wichtigsten deutschen Weingegenden zu stammen, das macht ihn nun ein wenig befangen, wie kann man seriös über einen Stoff nachdenken, wenn alle die Freunde und Verwandten mit dem Stoff ihr Geld verdienen.
Und tatsächlich gibt es unter den unzähligen Winzern, Kellereien, Weingütern usw. in der Rheingaugemeinde auch ein Weingut Scholl. Ob die Besitzer allerdings direkte Familie oder Vettern ersten, zweiten oder dritten Grades sind, das war nicht herauszufinden.

Dr. Scholl ist aber auf jeden Fall befangen.
Befangenheit.
Ein Zustand, in dem ich in eine Sache so verwickelt bin, dass ich eigentlich nicht richtig meinen und urteilen kann. Logisch und klar – aber immer wieder verstossen Menschen in geradezu frecher Weise gegen dieses Prinzip.

Zum Beispiel: Die moderne Legende des Ungeheuers von Loch Ness, jenes Monsters, das auch liebevoll «Nessie» genannt wird, begann im April 1933, als das Ehepaar John und Aldie Mackay von einer Sichtung berichteten, was den Mythos durch lokale Zeitungsberichte berühmt machte. Kleiner heikler Punkt: Die beiden Schotten waren Besitzer des Drumnadrochit Hotels, also Gastronomen, Hoteliers und sie hatten ein klares und eindeutiges Interesse daran, Loch Ness zur Attraktion zu machen. Der See ist nämlich einer von den langweiligen und öden in Schottland, Loch Lomond, Loch Ken, Loch Fyne sind zehnmal schöner.

So ist wahrscheinlich auch eine Friedens- und Konfliktforscherin, die sich klar für eine starke Bewaffnung und grosse Rüstung ausspricht, befangen, wenn sie aus einer Metallindustriefamilie stammt und einmal 40% einer Firma erben wird, die Panzer, Raketen und Bomben herstellt…

Wie ginge man aber nun mit einer solchen Befangenheit um?
Ganz einfach:
Indem man es sagt.
Wenn Sie mich nun fragen, was ich von der Trennung von Knaben- und Mädchenstimmen halte, und ob die Zukunft nicht den gemischten Kinderchören gehört, und ob man nicht… Dann werde ich sagen: «Ich bin befangen – ich verdiene mein Geld bei den reinen Knabenstimmen.»

So.
Jetzt gehe ich zum Abendessen. Und trinke ein schönes Mineralwasser dazu – so ungesund das sein mag.

Freitag, 23. Januar 2026

Utopie: Wir teilen die Welt auf

Ich habe am 25. November letzten Jahres einen Post geschrieben, in dem ich unter dem Stichwort «Utopist» zwei Ideen von mir gezeigt habe:
* Wir fragen jede Gemeinde und Region auf der Welt, zu welchem Staat sie gehören möchte.
* Wir fragen jeden Menschen auf der Welt, in welchem Staat er leben möchte.

Nun habe ich aber angesichts der politischen globalen Lage gesehen, dass man die Sache vielleicht von oben her angehen müsste. Vielleicht sollten erst einmal die mächtigen der Welt formulieren, welche Gebiete sie haben, und welche sie loswerden möchten. Ich stelle mir da eine Art Tauschbörse vor, so, wie man das ja in alten Zeiten immer gemacht hat.

Die Methode «jede und jeder sagt, was er oder sie will» ist nämlich gar nicht schlecht. Mir fallen hier zwei Situationen ein, zwei Situationen, in denen es gar nicht anders ging, als alle Bedürfnisse zu sichten und zu verhandeln – nämlich, weil man eine Lösung brauchte.

Am ersten Tag des Semesters trafen sich alle Studierenden meiner Klavierprofessorin, Annekathrin Klein, in ihrem Zimmer und wir machten den Stundenplan. Es gab, da sie sich am Nachmittag um ihre Söhne kümmern musste, die Stunden um 7.30, 8.30, 9.30 und 10.30 an den Tagen von Montag bis Freitag. Also wurden alle Wünsche aufgeschrieben, und dann wurde verhandelt: «Jens, könntest du auch Freitag 9.30?» «Anita, ist Dienstag, 10.30 die einzige Möglichkeit?» Also, hat man mir so gesagt. Ich war immer nach fünf Minuten draussen, meine absolute Traumstunde (Montag 7.30) machte mir niemand streitig…

Genauso, nach dem gleichen Verfahren machten wir (der Klassenlehrer und ich) immer die Aufteilung der Rollen bei unseren Musicals. Alle Schülerinnen und Schüler schrieben ihre Wünsche auf, und dann schrieben wir das an die Tafel und es wurde diskutiert. Und sehr oft war es einfach, weil es gar nicht so viele Überschneidungen gab. Und wenn es doch schwierig war, dann fanden wir kreative Lösungen. So wurden manchmal aus zwei Polizisten drei, oder ein Mann bekam ausser seiner Frau noch eine Schwägerin…

So.
Und genauso könnte man doch eine Haben-und-Weghaben-wollen-Konferenz gestalten. Alle Staaten der Erde treffen sich, und dann soll jeder Machthaber, jeder Staatspräsident, jede Königin und jede Kanzlerin sagen, welche Region sie haben und welche Region sie losbekommen möchte. Vielleicht mit Begründung.

Und da steht dann zum Beispiel auf der Tafel:

USA: will Grönland und Venezuela. (Bodenschätze)
RUSSLAND: will Ukraine, Baltikum, Moldawien und Georgien (alte UDSSR wiederherstellen)
CHINA: will Taiwan (gehört zum Land)
SCHWEIZ: will das Wallis loswerden (muss man nach der zu-wenig-Kontrolle-Katastrophe eigentlich nicht begründen), will die Balearen (als Segelnation braucht man ein Meer)
DEUTSCHLAND: will den Osten loswerden (so vermeidet man einen AfD-Landeschef eines BRD-Bundeslandes)
ITALIEN: will den Mezzogiorno loswerden (arm + Mafia + Flüchtlinge)
usw.
usw.
usw.

Nun kommt man ins Diskutieren:
Kann man Trump das Wallis anbieten und er verzichtet auf Grönland? Immerhin hat das Wallis ACHT Golfplätze (darunter den höchstgelegenen in Europa) und Grönland hat nur ZWEI.
Kann man Putin Sachsen-Anhalt und Brandenburg anbieten und er lässt das Baltikum in Ruhe?
Könnte die Schweiz auch Vulcano und Stromboli nehmen und die Balearen lassen?
Und am Ende findet man sehr, sehr, sehr schöne und kreative Lösungen…

Ich habe am 25. November letzten Jahres einen Post geschrieben, in dem ich unter dem Stichwort «Utopist» zwei Ideen von mir gezeigt habe:
* Wir fragen jede Gemeinde und Region auf der Welt, zu welchem Staat sie gehören möchte.
* Wir fragen jeden Menschen auf der Welt, in welchem Staat er leben möchte.
Und wir ergänzen:
* Wir fragen jeden Machthaber, welche Regionen er HABEN und welche er LOSWERDEN möchte.



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 20. Januar 2026

Nachruf Erich von Däniken

Nun mussten wir uns auch von dem bekanntesten Schweizer Bücherschreiber verabschieden.
Dürrenmatt? Der ist längst tot – und war nicht der bekannteste.
Frisch? Genauso.
Wen ich meine? Nun, ich habe bewusst «Bücherschreiber» und nicht «Dichter» oder «Schriftsteller» geschrieben. Man könnte auch «Publizist» sagen. Oder «Autor».
Wen ich meine?
Erich von Däniken.

Der Gute hat ca. 70 Millionen Bücher verkauft und ist in 30 Sprachen übersetzt. In meiner Jugend stand sicher nicht in jeder Hausbibliothek ein Dürrenmatt (zu links) oder ein Frisch (noch linker) oder gar ein Muschg (Kommunist!), nein, aber ein Exemplar von «Die Götter waren Astronauten» oder «Erinnerungen an die Zukunft» fand sich in jedem Bücherschrank. Und wenn – was häufig vorkam, die Biederfamilie keine Bibliothek besass, sondern nur eine Schrankwand Eiche rustikal, so eine dieganzewohnzimmerwandausfüllendes Ungetüm, in dem der Fernseher stand, die Hausbar, 75 Nippes-Sachen und vielleicht 40 Bücher, so war neben Konsalik und Simmel eben auch immer der gute Schweizer dabei.
Und nicht die erzlinken Dürrenmatt, Frisch und Muschg.

Von Dänikens Grundthese, die er wie ein Leitmotiv, eine Idée fixe immer wieder variierte, veränderte, neu gruppierte, die er sang, spielte, die er schrieb und redete, war:
Das, was im kollektiven Gedächtnis der Menschen als «Götter» geblieben ist, waren Ausserirdische, die unseren Planeten besuchten, und dem Homo Sapiens alles beibrachten, was er benötigt. Und sie haben Spuren hinterlassen. Und sie werden wieder kommen. Unermüdlich bereiste der gelernte Gastronom die Welt, um Spuren zu finden, um seine Grundthese zu belegen.

Dänikens Leitmotiv-Idée fixe-These ist brillant.
Dänikens Leitmotiv-Idée fixe-These ist spannend.
Dänikens Leitmotiv-Idée fixe-These ist eloquent.
Sie hat nur einen Nachteil: Sie ist kompletter Schwachsinn. Kompletter Scheissdreck (sit venia verbo). Kompletter Bullshit.

Ich gehe jetzt gar nicht auf die einzelnen Punkte ein. Hier haben genügend Wissenschaftler ganze Arbeit geleistet, unter anderem der von mir so geschätzte Hoimar von Ditfurth, der seine «Querschnitt»-Sendung nicht nur nutzte, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen (in den 70ern!), sondern auch sehr schön Däniken widerlegte.
Nein.
Ich muss auf die einzelnen Punkte nicht eingehen.

Die wichtigste Frage, die der gute Schweizer nie beantworten konnte: Was um alles in der Welt haben Ausserirdische auf diesem Punkt des Weltalls verloren? Der Kosmos ist riesig, ich meine, wirklich riesig, unvorstellbar riesig, und in diesem riesigen Kosmos schweben Millionen von Galaxien, Milliarden von Sonnensystemen, und natürlich hat es irgendwo Leben (vielleicht auch in einer ganz anderen Form). Warum aber sollten sich diese Lebensformen unserer Erde nähern? Und wenn doch – das ist die viel heiklere Frage – warum sollten sie landen?
Wenn Sie von Basel nach Berlin fahren, dann kommen Sie durch unzählige hässliche Gemeinden, Orte, die in den 60ern aus dem Boden gestampft wurden, da sehen Sie so viel Unarchitektur (sic), so viel Eingänge mit Glasbausteinen und so viele Gartenzwerge, da wird Ihr Auge von so vielen Baumärkten und Mehrzweckhallen beleidigt, dass Sie gar nicht so schnell kotzen wie gucken können. Und sicher sind Sie froh, wenn Sie an Dümpelstetten-Haselstein und Gross-Werla, wenn Sie an Pumpburg an der Sohle und Flusserleben an der Flusser mit 300 km/h vorbeirasen können. Und ganz sicher werden Sie in keinen Regionalzug umsteigen, um Dümpelstetten-Haselstein und Gross-Werla, um Pumpburg an der Sohle und Flusserleben an der Flusser zu besuchen.
Sehen Sie.
Und genauso geht es Aliens mit unserem Planeten: Sie werfen einen kurzen Blick und Tschüss. Nicht landen! Sicher nicht!

Erich von Däniken ist am 10. Januar 2026 in Interlaken gestorben.
Seine Thesen haben uns begeistert und erfreut, sie sind eloquent und brillant.
Aber leider totaler Bullshit.



Freitag, 16. Januar 2026

Gute Vorsätze (4): Originalität

Original fahr’ hin in deiner Pracht! –
Wie würde dich die Einsicht kränken:
Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken
Das nicht die Vorwelt schon gedacht? –

Ja, gut, gut, möchte man hier dem Teufel zurufen, der das so schön in Faust II sagt. (Erinnern Sie sich? Faust II ist eines von den Werken, von denen jeder und jede, absolut jede und jeder betont, wie wichtig sie sind, die aber keine Sau gelesen hat…) Ja, gut, möchte man dem Mephisto zuschreien – aber ein bisschen Original gibt es doch schon, das dürfte doch schon sein?

Damit wir uns recht verstehen: Ich meine hier nicht «originell», ich meine «original». Das erste ist ja inzwischen meistens eine Rechtfertigung für jede Art von Unbenehmen (sic).
Wenn Sie bei einem Abendessen mit ihren potenziellen Arbeitgeber mit einem Faserstift ein Herz auf die Tapete malen, dann kann das lieb gemeint sein, es ist auf jeden Fall sehr originell, trotzdem ist es Sachbeschädigung und die Stelle bekommen Sie wahrscheinlich auch nicht.
Wenn Sie im Schluss-Amen des «Messiah» von G. Fr. Händel aufstehen und laut «Engführung! Umkehrung!» rufen, zeugt das von profunder Kenntnis der musikalischen Strukturen, es ist auch wahnsinnig originell, Sie werden sich damit aber keine Freunde machen – wahrscheinlich erhalten Sie im Konzertgebäude Hausverbot.
Ich meine also «original» und nicht «originell».

Original also.
Ist Ihnen eigentlich aufgefallen, wie viele Tribute-Shows es zurzeit gibt? Ich habe auf einem Spaziergang in der Weihnachtszeit an jeder Hausecke ein Plakat gesehen: «Falco-Tribute-Show», «Die grosse Stones-Tribute-Gala», «Beatles-Tribute», «ABBA-Tribute», und so weiter, und so weiter, und so weiter. Es waren insgesamt 50 Stück. Am meisten gefiel mir ein Plakat, auf dem
DIE ÄLTESTE EAGLES-TRIBUTE-GRUPPE
stand. Das ist doch grossartig, hier wird also gesagt: «Hört mal her, Leute, wir sind die originalen Nachmacher von den Eagles, die anderen Nachmacher machen uns nach, sie machen uns also das Nachmachen nach, dabei sind wir die originalen Nachmacher…»
Als ich heimkam, fand ich einen Flyer für einen Dinner-Revue-Schuppen. Sie bieten im Januar, Februar, April, Juni, September, Oktober und Dezember je einen Abend mit Musik und Bühne und gutem Essen an – aber alles Tribute! Nicht eine einzige echte Nummer. 

Aber auch in der Klassik macht sich zurzeit eine Unoriginalität (sic) breit, die einen stutzen macht:
Da hat der Alte-Musik-Spezialist Jan-Wilhelm van Doppendorst das Brimborium nachgebaut, ein Tripelrohrblattinstrument aus dem 16. Jahrhundert, das in manchen Stücken eingesetzt wurde und heute oft durch ein Englischhorn ersetzt wird. Aber weil es doch de facto relativ wenig Stücke für das Brimborium gibt, bearbeitet Jan-Wilhelm van Doppendorst wild durch die Renaissance- und Barockzeit: Bach, Doppelkonzert; Händel, Triosonaten; Pariser Tanzbuch, Couperin, Pieces de Clavecin; usw.
Entschuldigung,
wirklich Entschuldigung,
man kann doch kein Originalinstrument spielen und dann auf dem Originalinstrument lauter Bearbeitungen. Und wenn es halt insgesamt nur 145 Takte für Brimborium gibt, dann spielt man eben als Hyper-Spezialist diese 145 Takte.

Original fahr’ hin in deiner Pracht! –
Wie würde dich die Einsicht kränken:
Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken
Das nicht die Vorwelt schon gedacht? –

Ja, gut, aber ein wenig original darf schon sein.
Und so postulieren wir die Originalität als vierten und letzten Vorsatz für das Jahr 2026.

P. S. «Engführung» heisst, ein Thema, eine Melodie setzt ein, bevor die andere Stimme zu Ende ist, «Umkehrung» ist eine Spiegelung des Themas.

 

Dienstag, 13. Januar 2026

Gute Vorsätze (3): Tramtüre aufhalten!

Es gibt Situationen, da muss man einfach schreien.

Wenn man – wie ich es tue – mit Schülern im Einzelunterricht Texte liest, kommt man immer auch bei Theaterstücken vorbei, und hier sicher auch an Stellen, wo einfach geschrien werden muss. Alfred Ill kann im 3. Akt der «Alten Dame» sein «Mein Gott» nicht leise sagen, immerhin haben die Güllener ja gerade seinen Tod beschlossen, nein, wenn ich den Ill lese, dann rufe ich wirklich
MEIN GOTT
und im benachbarten Stillarbeitsraum horcht man auf: Herr Herter liest wieder einmal Dürrenmatt…

Ich schreie auch, wenn ich in der MIGROS oder im COOP jemanden sehe, den ich seit Tagen zu erreichen versuche, wenn dann Marco, der auf keine Mail antwortet und kein Telefon abnimmt und auch WhatsApp nicht bedient, in der Gemüseabteilung steht, während ich bei der Wurst bin (40 Meter Abstand), dann rufe ich auch ganz laut
MAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAARCOOOOOOOOOOOOOOO
einfach, weil ich weiss, wenn er jetzt nicht auf mich aufmerksam wird, dann erwische ich ihn wieder 6 Tage nicht…

Ich schreie auch, wenn ich glücklich bin.
Wenn ich die Nachricht bekomme, dass eine Schülerin eine Lehrstelle hat, wenn das Hotel schreibt, dass das mit dem Betten zusammenstellen klappt, wenn meine Kollegin für die Vertretung zusagt, wenn ein alter Kumpel mich in die Ferien einlädt, dann lasse ich einen lauten Juchzer
JIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIPPPPPPPPPPPPPPPPPPPIIIIIIIIIIIIIIIIIIEEEEEEEEEEEEEEEEEE
los, egal, ob ich im Tram oder auf der Strasse oder zuhause bin.

Und ich schreie
AUFHALTEN! AUFHALTEN! HEEEEEEEEE! AUFHALTEN!
wenn ich auf ein Tram zulaufe. Einfach um es noch zu erwischen.

Es ist nämlich nicht mehr so, dass Menschen, die eine Strassenbahn verlassen, bemerken, dass hier jemand mit hängender Zunge auf sie zugelaufen kommt. Sie steigen aus dem Tram und blicken schnurstracks auf ihr Handy und sind sofort wieder ganz woanders. Dabei wäre es so praktisch: Sie sind an der Türe, können auf der letzten Stufe stehenbleiben, bis ich da bin, das sind meist nur noch ein paar Sekunden. In der Zeit aber, die ich brauche, um dahin zu gelangen, blockiert der Fahrer die Türen, und selbst wenn ich 7 Sekunden später da bin, dann stehe ich zwar am Tram, komme aber nicht mehr hinein.
Daher mein
AUFHALTEN! AUFHALTEN! HEEEEEEEEE! AUFHALTEN!
Und ich kann nur hoffen, dass der oder die an der Tramtüre keine Airpods drin hat, sonst nützt das nämlich alles nicht.

Früher, früher, in der guten alten Zeit, da wären die Leute auch drinnen in der Strassenbahn auf mich aufmerksam geworden. Die hätten nämlich aus dem Fenster gesehen, hätten gemerkt, dass da ein Mann auf das Tram zu rennt. Und dann wären sie aufgestanden und hätten den Türknopf gedrückt.
Lange.
Lange.
So lange, bis ich die Türe erreicht gehabt hätte. Aber heute blicken alle aufs Smartphone, sie gucken auf ihr iPhone oder ihr Android, sie sind auf WhatsApp oder Insta oder Snapchat oder YouTube oder «nur» am Chatten oder Telefonieren, aber sie achten nicht auf mich.

Natürlich, Basel ist eine Stadt, in der der ÖV relativ luxusmässig ausgebaut ist. Man muss nur 7-8 Minuten aufs nächste Tram warten. Aber auch diese Minuten können sehr lange sein…

Also noch ein guter Vorsatz fürs neue Jahr: Helfen wir anderen Menschen, die Strassenbahn zu erreichen. Bleiben wir an der Türe stehen. Drücken wir auf den Knopf.

Es gibt Situationen, da muss man einfach schreien. Ich schreie AUFHALTEN! wenn ich auf ein Tram zulaufe. Einfach um es noch zu erwischen.
Und ich würde das gerne nicht mehr tun müssen.















 

     

 

 

Freitag, 9. Januar 2026

Gute Vorsätze (2): Ehrlichkeit

Lieber Leserin, lieber Leser,

erinnern Sie sich noch an den Post, den ich am Silvestertag des Jahres 2024 veröffentlichte? Es ging hier um «Klolektüre».
Ich schrieb damals:

Wir bekommen diese Klolektüre von einer ehemaligen Nachbarin und «Glückspost», «Gala», «Frau im Spiegel» und «Schweizer Illustrierte» stapeln sich auf einem Hocker neben dem Waschbecken. Seit wir diese Stapel erhalten, bin ich nun immer über die wichtigen Dinge informiert, über die Sorgen und Nöte der gekrönten Häupter, über die Glücksrezepte der Stars, über die Wohnungen der Popgrössen und über die Geheimnisse der Reichen und Schönen.

In einem dieser Hefte, in der FARBIGEN, lese ich von der Trennung zweier Hochadliger, die sich «auseinandergelebt» haben, Jolanda von Burgfelsen-Schleppenstadt und Helmut von Fischklau-Hubenhausen gehen seit ein paar Monaten eigene Wege.
Wobei Amor schon wieder seine Pfeile verschossen hat: Jolanda von Burgfelsen-Schleppenstadt ist frisch in den dänischen Millionenerben Nils Nielsen verliebt und Helmut von Fischklau-Hubenhausen brennt für die russische Milliardärin Olga Machunowska.
Beide sind zu haben, denn Nils Nielsen hat sich gerade von einem Victoria’s Secret-Model getrennt und Olga von einem jungen Mann, der für CK posierte.
Schön, wie sich hier doch Herz zu Herzen findet…


Man könnte, wenn man ganz böse ist, die Geschichte aber auch anders lesen.
Jolanda von Burgfelsen-Schleppenstadt und Helmut von Fischklau-Hubenhausen haben gemerkt, dass der und die andere das, was man braucht, nicht bietet. Nämlich Geld. Knete. Money. Penunzen. Kohle. Moos. Der oder die andere ist zwar adlig, aber das ist man selber, «von und zu» steht im eigenen Namen. Und Doppel-Adel finanziert halt auch noch nicht die 56 Zimmer-Villa, die 20 Leute Personal und den Rolls-Royce. Also guckt man sich nach Geld um – und wird fündig.
Und Nils und Olga wollen nun genau das, was man bietet: Adel. Sie haben bisher sich mit Beauty gepaart, aber Beauty ist vergänglich, Adel ist es nicht.
Die Story ist übrigens nicht neu – schauen Sie sich einmal den «Rosenkavalier» an: Ochs von Lerchenau bietet alten Adel und will Geld. Knete. Money. Penunzen. Kohle. Moos. Und Faninal hat unendlich Geld, ist sogar neugeadelt, aber braucht den Zugang zum alten, wichtigen Adel.

Die zweite Version ist nun die ehrliche, die klingt natürlich nicht so herzerweichend, nicht so Pilcher-mässig, nicht so schön kitschig. Aber es ist die ehrliche Version. Und so ein bisschen mehr Ehrlichkeit täte uns doch allen gut.

So könnten doch Trump und Putin eine Pressekonferenz abhalten, in der sie das Folgende erklären:
«Leute, hört mal her. Wir sehnen uns nach der Guten Alten Zeit. In jener Zeit gab es zwei grosse Mächte, die waren verfeindet, und jede Macht hatte einen Präsidenten, und die Präsidenten hassten sich, aber es war ein guter, ein grosser Hass, ein Hass auf Augenhöhe, und diese beiden Staaten, diese beiden Männer, die teilten die Welt auf. Und in dem Punkt waren sie sich einig. Wenn also die USA ein Land besetzten, dann wartete man, ob die UDSSR zuschlug, wenn nicht, dann war das ok. Und wenn die UDSSR in ein Land einfielen, dann horchte man, was kommt aus Washington, und kam da nix, blieb man in dem Gebiet.
Aber nun ist die Welt von Kleingemüse, das kein Mensch braucht, China, Indien, Scheiss-EU, und Afrika ist auch schon im Kommen. Braucht kein Mensch. Wir wollen zurück in die Gute Alte Zeit.»

Wäre schockierend.
Aber ehrlich.
Sehr, sehr, sehr ehrlich.

Ob wir dann den ehrlichen Äusserungen glauben, oder sie (wie der Herr Biedermann im nach im benannten Theaterstück) einfach wegwischen, steht auf einem anderen Blatt.





Dienstag, 6. Januar 2026

Gute Vorsätze (1): Einfachheit und Klarheit

Ich habe auf der Silvesterparty, auf der ich war, einen interessanten Mann getroffen. Auch einen verwirrenden und verstörenden, denn irgendwie ist alles an ihm ein bisschen mal zwei, hoch zwei, von hinten durch die Brust ins Auge.
Da er anonym bleiben möchte, nennen wir ihn Damian.

Damian hat sowohl Jura (in München und Berlin) als auch Geschichte (in Berlin und Hamburg) studiert, in beiden Fächern promoviert und hat europaweit den einzigen Lehrstuhl für Geschichte der Medizingeschichte inne. Damian ist es gewohnt, dass die Leute bei seinem Job die Augenbrauen hochziehen, die Stirne runzeln und den Mund schieflegen, sodass er mir schon antworten konnte, bevor ich etwas sagte. Es gebe, so er nüchtern, Historikerkollegen, die sich auf die «Geschichte der Informatik» spezialisiert hätten, da würde niemand die Augenbrauen hochziehen, die Stirne runzeln und den Mund schieflegen, dabei sei die Informatik ja viel jünger als die Medizingeschichte, die schon Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden sei.

Ich hörte dann auch auf, die Augenbrauen hochzuziehen, die Stirne zu runzeln und den Mund schiefzulegen, sondern hörte mir noch ein bisschen mehr über Damians Leben an, aber irgendwie schien alles bei ihm in die Richtung mal zwei, hoch zwei, von hinten durch die Brust ins Auge zu gehen, und so kam ich aus dem Augenbrauen hochziehen, die Stirne runzeln und den Mund schieflegen gar nicht heraus.

Damian hat drei extrem schräge Hobbys. Er singt in einer Cover-Band, er sammelt Fotografien und reist gerne zu speziellen Zielen.
Klingt jetzt noch nicht schräg, da müssen wir ins Detail gehen.

Die Cover-Band «Best Boys» hat sich auf Songs wie «Show Me the Way to the Next Whiskey Bar» (Doors), «With a Little Help from My Friends» (Cocker) oder «Morning Has Broken» (Stevens) spezialisiert. Das Lustige ist jetzt, dass alle diese Songs ja auch schon Übernahmen von anderen Quellen sind. Die Doors singen eigentlich hier ein Brecht/Weil-Produkt (Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny), Cocker singt ein Beatles-Lied und Cat Stevens nimmt eine alte, alte, sehr alte, uralte irische Weise. Die «Best Boys» sind also genau genommen eine Cover-Cover-Band.

Damian sammelt Fotografien, auf denen Fotografen und Fotografinnen dargestellt sind. Da hat zum Beispiel die Assistentin von Candida Höfer die Meisterin beim Herumlaufen mit der Kamera in einem grossen Dom abgelichtet, wo sie den besten Blickwinkel sucht. Da hat zum Beispiel ein Schüler von Thomas Demand ihn beim Zurechtschneiden seiner Pappe fotografiert. Da blicken einem Leibowitz, Doisneau und viele andere MIT der Kamera IN die Kamera.

Ja, und die Reiseziele? Madurodam in Den Haag, Swiss Miniatur in Melide, Miniatur Wunderland in Hamburg. Und da steht er dann quasi immer doppelt in einem Land. So kann er zum Beispiel in Den Haag noch einmal nach Den Haag laufen und sich vor den Buitenhof (oder den Binnenhof) stellen.

Finanzieren tut sich Damian seine Hobbys nicht nur mit seiner Professur für Geschichte der Medizingeschichte (er ist immerhin Ordinarius), sondern auch mit Aktiengeschäfte, aber auch hier kauft er nicht einfach Anteilscheine, sondern – wie könnte es anders sein! wie könnte es anders sein! – Produkte, deren Wert sich von der Wertentwicklung einer bestimmten Aktie ableitet; die also auf steigende oder fallende Kurse spekulieren, sogenannte Derivate.

Als ich den Burschen auf seine aktuellen Lieblingsbücher anspreche, fällt (natürlich!) sehr bald der Titel «Die Holländerinnen», das Werk, das (Warum? Warum? Warum?) den deutschen UND den Schweizer Buchpreis bekommen hat. Hier wird die Geschichte einer Theatertruppe erzählt, die zwei verschollenen Holländerinnen nachspürt, und die während ihrer Suche auch sich noch einmal Geschichten erzählt, und die ganze Story wird in der indirekten Rede gesprochen, vom Pult einer Bühne statt einer erwarteten Poetikvorlesung…
Ich brauchte nach der Lektüre Psychopharmaka, um mein armes Hirn einigermassen wieder in die richtige Stellung zu bekommen.

Ich habe auf der Silvesterparty, auf der ich war, einen interessanten Mann getroffen. Auch einen verwirrenden und verstörenden, denn irgendwie ist alles an ihm ein bisschen mal zwei, hoch zwei, von hinten durch die Brust ins Auge.

Einfachheit, Klarheit wäre doch ein guter Neujahrs-Vorsatz.

 

 

 

Freitag, 2. Januar 2026

Warum es keine Jahresvorausschau gibt

Ein frohes und gesundes und erfolgreiches und tolles und genussvolles und kunstreiches und friedvolles und schönes 2026!

Das war ein lustiger Silvesterpost, nicht? Praktisch konkrete Poesie, ich habe einfach die Überschriften aller Beiträge zusammengefügt.
Nun wurde ich gefragt, ob ich nicht das Gleiche für 2026 machen könnte, sozusagen als «Vorausschau».
Hier gibt es eine klare Antwort:
Nein. Kann ich nicht. Die Zukunft bleibt ungewiss.

Natürlich kann ich gewisse Posts und Postfolgen, kann ich bestimmte Abläufe voraussagen.
Es wird sicher ein paar Blogpausen geben. Das kann ich jetzt schon mitteilen, einfach, weil es in den letzten Jahren immer ein paar Pausen gab. Manchmal war ich im Stress, manchmal war ich an Orten, wo das Netz nicht ging, manchmal fiel mir nichts ein. Ein paar Lücken im Blog-Geschehen wird es also geben, nur wann, das ist ungewiss.
Genauso wird es Reisen geben. Und nach jeder dieser Reisen gibt es dann auch wieder mehrere Folgen Impressionen. Wohin? Wollen Sie sich nicht überraschen lassen? OK, dann ein wenig verschlüsselt: Eine Reise wird uns wieder einmal in meine «dritte Heimat», zum Vorbild von Unter den Linden, und eine zweite Reise in meine echte Heimat, und dann…, nein, wir bleiben bei der Überraschung.

Nun haben wir also ca. 28 Termine abgedeckt (zweimal Pause mit 6, je 4 für die vier Reisen), bleiben immer noch 104 minus 28 gleich 76.
Und diese sechsundsiebzig kann ich nicht vorher schreiben. Gut, 75, den heutigen müssen wir ja mitrechnen…

Warum kann ich nicht sagen, was im März passiert? Weil ich nicht Janus bin. Der römische Gott wird stets mit zwei Köpfen dargestellt, mit denen er nach vorne und hinten, ins Licht und ins Dunkel, in die Vergangenheit und in die Zukunft sehen kann. Nicht umsonst heisst der «Januar» nach ihm.

Wäre es aber ein Vorteil, zu wissen was passiert? Ohne es ändern zu können? Denn wenn ich die Zukunft ändern kann, dann stimmt die Voraussage ja nicht mehr. Wenn ich janushaft sehe, dass meine Wolldecke im Mai von Motten zerfressen wird und ich sprühe sie jetzt kräftigst mit Naphthalin ein und sie bleibt dann heil, dann hat ja die Schau nicht gestimmt, das umgekehrte Grossvater-Paradox.
(Kleine Randbemerkung: Natürlich habe ich kein Naphthalin mehr, das ist verboten, früher fuhren wir von Freiburg aus mit Leidenschaft über die Grenze zu den Galliern, die das noch erlaubten, direkt in France warben schon riesige Schilder «Anti-Mite», nun hat aber die EU zugeschlagen und es überall verboten…)

Aber was, wenn man die Zukunft sehen, aber nicht ändern kann? Ist ja eigentlich komplett doof. Wobei eine Gestalt hier anders denkt:
«Kassiopeia», erklärte Meister Hora, «kann nämlich ein wenig in die Zukunft sehen. Nicht viel, aber immerhin so etwa eine halbe Stunde.» «GENAU!» erschien auf dem Rückenpanzer.
Dann erklärt Hora, dass die Schildkröte immer genau weiss, was geschieht, es aber nicht vermeiden kann. Im Falle der vorangegangenen Flucht wusste das Tier, dass sie den grauen Herren NICHT begegnen würden. Und das sei doch immerhin etwas.
Gut, darüber kann man streiten…

Manchmal kann man natürlich auch die Zukunft «herbeischreiben», meistens negativ, aber dafür bin ich zu klein. Die grossen Medien könnten (wenn sie es wollten), das Ende der Regentschaft Merz «heranpublizieren»: HÄLT DER KANZLER DURCH? MERZ BALD AM ENDE? SCHAFFT FRIEDRICH NOCH EIN JAHR? Wenn man das genug schreiben tut, dann wird es irgendwann Wahrheit. Aber dann kippt alles und wir haben die AfD. Und wer will das schon? (ausser Weidel…)

Ich werde auf jeden Fall keine Liste der Themen des Jahres 2026 hier veröffentlichen.

Ein frohes und gesundes und erfolgreiches und tolles und genussvolles und kunstreiches und friedvolles und schönes 2026!
Lassen Sie sich von den Posts überraschen!