Dienstag, 23. Juni 2026

Trinken Sie auch genug bei der Hitze?

Trinken Sie eigentlich genug?
Man soll bei der Hitze ja genug trinken.
Haben Sie also heute schon genug getrunken?

Das «Genugtrinken» ist ja so DER Tipp, den Sie immer bekommen, wenn es heiss wird, und ich meine nicht so «angenehm warm» oder «sommerlich warm», sondern so richtig diese Tropentemperaturen, die wir gerade haben. 38°. 39° 40°. Man soll genug trinken, heisst es.
Dabei wären andere Tipps vielleicht viel effektiver. Zum Beispiel «Nicht arbeiten – zuhause bleiben». Nichts hilft so gut gegen die Hitze, wie im kühlen Zimmer zu bleiben (vielleicht sogar die Rollläden herunterziehen) und die Beine hochzulegen.
Hitzefrei. (so in D)
Hitzeferien. (so in CH)
Das kennen Sie noch aus der Schule? Dann sind alt, mindestens so alt wie ich. Meine jungen Leute kennen das nämlich nur noch aus den Erzählungen der Alten und Hitzefrei/Hitzeferien schwurbelt so auf der gleichen Stufe wie Aschenputtel und Dornröschen herum, also im Bereich der Legenden und Sagen. Aber es war doch früher toll: Wenn das Thermometer um 10 Uhr morgens schon 30° hatte, dann fiel Mathe und Bio aus, genauso wie Deutsch und Geschichte, man durfte heim.
Warum wird also die Parole «Nicht arbeiten» nicht ausgegeben? Nun, weil es z.B. in Deutschland ein so anderes Signal wie «8 Stunden-Tag ade», «Rente mit 70» und «weniger Krankschreibung» wäre, man will die Leute ja um des Himmels willen nicht daran erinnern, dass es auch mit weniger Arbeit ginge…

Trinken Sie eigentlich genug?
Man soll bei der Hitze ja genug trinken.
Haben Sie also heute schon genug getrunken?

Um es gleich einmal klarzustellen: Wir reden hier von Wasser, Mineralwasser, kaltem Tee, unsüssem Saft, von solchen Dingen. Wir reden nicht von Kaffee. Und Wir reden nicht von Wein und Spirituosen. Das müssen wir – so glaube ich – betonen, weil doch einige Menschen eine falsche Vorstellung vom Trinken bei Hitze haben. Der «schöne kühle Weisswein» oder der «Bommerlunder eisgekühlt» sind nicht die idealen Getränke, denn sie entziehen ja dem Körper Wasser, sind also gegen den Durst so effektiv wie ein Schlag mit dem Hammer auf den Fuss gegen Schmerzen. Wir müssen das auch betonen, weil neuerdings auch wieder Obersäufer Parteichefs werden.
Ja, Herr Kubicki, ich rede von Ihnen.

Trinken Sie eigentlich genug?
Man soll bei der Hitze ja genug trinken.
Haben Sie also heute schon genug getrunken?

Was ist aber nun, wenn Sie richtig viel, also 1 Liter, 2 Liter, 3 Liter getrunken haben? Richtig, das H2O will auch wieder hinaus. Und hier haben wir, wenn wir unterwegs sind, an vielen Orten und in vielen Gemeinden ein Problem: Es gibt keine öffentlichen Toiletten. Die Zeit, in der die Männer überall hinpinkelten (Woyzeck!), ist zum Glück vorbei, die Frauen durften es ja nie, ausser in Versailles, da hoben auch die Frauen ihre Röcke, aber das ist ja ein anderes Kapitel und wir wollen nicht abschweifen.
In Basel sieht es da gar nicht so schlecht aus: Wenn Sie z. B. am Bankverein sind, dann haben Sie Möglichkeiten am Barfüsserplatz, am Aeschenplatz, oder Sie gehen ins Theater ins «Foyer Public», und haben sogar noch das Gefühl, etwas für die Kultur zu tun, auch wenn Sie im Theaterfoyer nur die Klos aufsuchen.
Wenn Sie aber in Solothurn am Bahnhof sind, ist es eine Katastrophe, ich muss ehrlich zugeben, dass ich mir manchmal die Woyzeck-Variante bzw. die Versailles-Variante überlege, man hat dort die Wahl, beim Café Spettacolo teuer etwas zu trinken und dann den Schlüssel für den Keller zu bekommen oder für einen getwinteten Franken in diese unglaublich stinkende Blechbüchse zu gehen. In Basel und Olten kostet es am Bahnhof auch, aber da ist es wenigstens sauber…
Nein, Trinken löst eben Wasserdrang aus, und das ist nicht immer einfach. Schon Thomas Bernhard schreibt 1985 übrigens in «Alte Meister» über das Toilettenproblem im Wiener Musikverein.

Trinken Sie eigentlich genug?
Man soll bei der Hitze ja genug trinken.
Haben Sie also heute schon genug getrunken?

Also, ich gehe jetzt etwas trinken.
Wasser.

Freitag, 19. Juni 2026

Warum stehen alle Sicherheitsleute am Eingang?

Es gibt im Gartenbad St. Jakob drei Wege, das Schwimmbad nach einem Besuch zu verlassen:
- die Drehtüre hinten Richtung Einkaufszentrum
- die Drehtüre vorne beim Kassenbereich
- den «Kinderwagenstreifen» zwischen beiden Kassen
Ich wähle meistens (also nicht meistens, weil… dazu eben unten…) den «Kinderwagenstreifen». Natürlich nicht, wenn mir gerade ein Kinderwagen samt Mama entgegenkommt.
Warum?
Weil es bequemer als die Drehtüren sind. Haben Sie einmal Ihre Sporttasche in so einer Drehtüre verheddert? Ich wünsche es Ihnen nicht.

Ich gehe also durch den Mittelgang, ohne Probleme, mit Schwung und guter Laune, und ich grüsse die Frau an der Kasse, die nichts dagegen hat.
Es sei denn…
Es sei denn…
Es sei denn, die drei Männer der Securitas stehen dort. Das tun sie vor allem an Wochenenden und an heissen Ferientagen. Denn an Wochenenden und an heissen Ferientagen will man anscheinend nicht, dass jemand durch den Kinderwagenmittelgang läuft, also wird das von den drei Muskelprotzen verhindert. An Wochenenden und an heissen Ferientagen gehe ich also brav durch die Drehtür – und passe auf meine Tasche auf…

Natürlich habe ich mir überlegt, was passieren würde, wenn ich versuche, einfach durchzurennen. Was würde geschehen. Einer drei Bodybuilder finge mich ein, er finge mich ein und würde dabei wahrscheinlich nicht gerade sanft vorgehen. Lohnt diese Aktion einen Knochenbruch? Sicher nicht. Schlimmer noch aber wäre, dass diese Aktion, die Aktion «Losrennen – Einfangen – Schlägerei» direkt vor dem Kassenhaus passieren würde, und die Kassiererin müsste reagieren. Sie würde Anita da Ruos holen, und obwohl Anita mich kennt, müsste sie (natürlich!) Partei für ihre Sicherheitsleute ergreifen.
Ergebnis: Badi-Verbot. Anita ist nämlich die Chefin des Gartenbades. 
Ein solches Hausverbot käme für mich der Todesstrafe gleich.
Also Drehtür.

Eines allerdings frage ich mich: Warum stehen die drei Nasen am Eingang?
Wir erinnern uns:
Die Sicherheitsleute wurden letztes Jahr eingesetzt, um heiklen Situationen im Gartenbad zu begegnen. Man entschied sich in Basel für diesen Weg, als Alternative zu Badiverbot für alle Ausländer, Hausverbot bei jeder Kleinigkeit, Videoüberwachung, und, und, und. Nun fände ich es aber auch notwendig, dass die Schränke, die Kästen muskelbepackt in der Badi herumlaufen und nicht einfach am Eingang stehen.

Was? Es ist heiss?
Natürlich, natürlich, ab morgen haben wir weit über 30°, vielleicht 36°, vielleicht 37°, eventuell klettert das Thermometer sogar auf satte Vierzig, und selbstverständlich ist es sehr, sehr, sehr schweisstreibend, in engem schwarzen Shirt und langen Hosen in der prallen Sonne herumzulaufen, aber – um es einmal klar zu sagen – das ist der Job.
Das ist denen ihr Job.

Ich stelle mir vor, ich liege auf der Wiese und gerate in Konflikt mit Jugendlichen, die dort Ball spielen. (Das übergrosse Schild LIEGEWIESE – BALL SPIELEN VERBOTEN scheint für diese Teenies unsichtbar zu sein.) Wenn jetzt einer die Faust erhebt, dann finde ich es NICHT beruhigend, dass am Eingang drei Sicherheitsmänner stehen.
Wenn irgendjemand sich am Schloss meiner Kabine zu schaffen macht, dann finde ich es NICHT entspannend, dass alle drei Securitasnasen sich bei der Kasse versammelt haben.

Jungs!
Ich will euch als Streife im Bad. Sonst könnt ihr heimgehen.
Und es wäre klar eine Win-Win-Situation:
Wenn ihr endlich euren Job macht, kann ich auch an Wochenenden und an heissen Ferientagen den Kinderwagenstreifen benutzen.

Dienstag, 16. Juni 2026

Unehrenhafte Entlassung für den S21-Kabelsünder!

Im Film «Latter Days» wird ein junger Mormonenmissionar beim Kuss mit seinem schwulen Wohnungsnachbarn erwischt – und darauf heimgeschickt. Dieses Heimschicken ist für jeden jungen Mormonen das Schrecklichste, was passieren kann, vor allem aber für seine Familie. Denn die Missionsfahrenden sind der ganze Stolz und die ganze Pracht einer Mormonenfamilie. Man kann allerdings aus gesundheitlichen Gründen heimfahren (oder wegen eines Todesfalls), oder eben schandhaft. «I will be sent home in shame!», so gesteht er unter Tränen seinem Nachbarn.

Viele Armeen der Welt kannten und kennen die unehrenhafte Entlassung. Wenn ein Soldat Mist baute, dann konnte man ihm die Uniform ausziehen und ihn zum Teufel jagen. Es sei denn, er hatte desertiert, dann erschoss man ihn. Auch bei Offizieren konnte eine solche unehrenhafte Entlassung greifen, denen riss man dann die Epauletten von der Uniformen – oder sie durften sich selbst erschiessen, man brachte ihnen eine Waffe und liess ihnen zwei Stunden Zeit…

Bei den Managern, die versagen, liegt der Fall ein bisschen anders: Man einigt sich mit ihnen auf die Auflösung ihres Vertrages und zahlt ihnen dafür, dass sie gröbsten Mist gebaut haben, eine hohe Abfindung, jene Millionen, die als «Goldener Fallschirm» bezeichnet werden.

Wie aber nun liegt die Sache bei höheren Beamten?
Nehmen wir mal einen ganz fiktiven Fall: Da ist man am Bauen und stellt fest, dass man jahrelang die falschen Kabel gelegt hat, und zwar über 1000 Kilometer falsche Kabel, Schächte und Kabel passen nicht und der Eröffnungstermin eines Bahnhofes verschiebt sich um weitere (4? 5? 6? 7?) Jahre. Natürlich ist das Ganze fiktiv, so etwas kommt ja nicht vor, aber lassen Sie uns überlegen, was in diesem Fall passieren würde.
Und was passieren sollte.
Und was passiert.

Was passieren sollte:
Alles, was oben beschrieben wurde, miteinander. Der Betreffende (ich schreibe männlich, weil ich mich nicht vorstellen kann, dass eine Frau so schludert, aber man weiss ja nicht…) sollte heimgeschickt werden, wobei «home» hier Salt Lake City meint, die Mormonenmetropole, und für jeden normalen Menschen ist ein Leben in Salt Lake City die Höchststrafe. Man sollte ihm die Epauletten abreissen und ihn zum Teufel schicken.
Ohne Gehalt.
Ohne Abfindung.
Ohne Pension.
Vielleicht sollte man doch auch die Methode des «Ehrenvollen Suizids» erwägen; man könnte ja hier eine gewissen kulturelle Breite anbieten, von der in der Schatulle gelieferten Knarre wie bei Schnitzler bis zum japanischen Kultselbstmord, dem Harakiri. Aber auch Erhängen oder Vergiften wären möglich.

Was passieren wird:
Man wird einen Schuldigen suchen und ihn nicht finden. Die Verantwortung wird von oben nach unten und wieder von unten nach oben und wieder von oben nach unten und wieder von unten nach oben, von oben nach unten, von unten nach oben geschoben werden und es wird nichts geschehen.
Denn während des Hin-und-her-Schiebens wird Gras über die Sache wachsen.
Mehr Gras.
Viel Gras.
Und irgendwann hat man andere Sorgen.

Vielleicht passiert aber auch das: Ein Minister, ein Präsident, ein hoher Beamter tritt von seinem Amt zurück und erhält bis zum Lebensende seine fette Pension. Der «monatliche Silberfallschirm» ist die Beamtenvariante des «Goldenen Fallschirms».

Ich habe – das haben Sie gemerkt – zum Indikativ gewechselt. Denn das Furchtbare ist ja, dass die Kabelgeschichte NICHT fiktiv ist.
Und dass ich inzwischen nicht mehr glaube, Stuttgart was-auch-immer-Zahl noch zu erleben.
Und auch dieses Jahr plane ich meine Reise nach Stuttgart so, dass ich NIE mit dem HBF in Berührung komme.





 

Freitag, 12. Juni 2026

Sind Sie ein Versteher?

Junge Menschen werden Horst Herold nicht mehr kennen. Horst Herold war in den Zeiten der RAF Chef des BKAs, also des Bundeskriminalamtes, er war sozusagen der Gegenspieler von Meinhof, Baader, Ensslin, Raspe und den vielen weiteren. Herold versuchte in seiner Amtszeit, stets die Ursachen der totalen Radikalisierung einer zunächst friedlichen Linken zu finden. Herold sah die RAF als «Entmischungsprodukt» der Studentenbewegung. Er verstand, dass die politischen Unruhen der späten 1960er Jahre, der Vietnamkrieg und die Konfrontation mit der NS-Vergangenheit der Eliten den ideologischen Nährboden für den Linksterrorismus bildeten.
Und genau das hat man ihm immer vorgeworfen.
Man warf ihm vor, sich mit Meinhof, Baader, Ensslin, Raspe und den vielen weiteren ein Stück weit zu solidarisieren. Ausgerechnet ihm, der Meinhof und Baader und Mohnhaupt und so viele weitere zur Strecke gebracht hat.
Es gab das Wort nicht, aber heutzutage würde man ihn als «RAF-Versteher» bezeichnen.

Es gibt eine Liste, die Synonyme für «Weichei», also «schwacher, unmännlicher und untougher Mann» zusammenfasst:
Warmduscher
Schattenparkierer
Turnbeutelvergesser
Beckenrandschwimmer
Badekappenträger
Schiffschaukelbremser

Frauenversteher

Inzwischen ist «Putin-Versteher», «Trump-Versteher», «AfD-Versteher», «Russland-Versteher» ja zum schlimmsten Wort, geworden, dass man jemand sagen kann. Denn es wird ja stets mit der totalen Zustimmung gleichgesetzt. Ein «Putin-Versteher» finde die Bombardierung der Ukraine OK, ein «Trump-Versteher» unterstütze eine fatale Politik, ein «AfD-Versteher» wählt auch diese Partei. Und (leider) ist das ja auch häufig so. Aber vielleicht nicht IMMER. Es MUSS nicht sein.

Seit wann und warum ist «-versteher» eigentlich zum Schimpfwort geworden? Ich weiss es nicht.
Etwas Verstehen zu wollen, ist zunächst eine gute Sache. Und gerade wenn man etwas bekämpfen will, dann ist ein komplettes Verstehen doch unerlässlich.
Ich erwarte von einem Arzt, der mich behandelt, dass er die Krankheit versteht, wenn nicht, ist er ein Kurpfuscher und kein Mediziner.
Ich erwarte von einem Kammerjäger, dass er versteht, wie sich Schaben, Motten, Wanzen, Kakerlaken, Läuse und Flöhe verhalten, wie könnte er sonst gegen Schaben, Motten, Wanzen, Kakerlaken, Läuse und Flöhe vorgehen?
Ich erwarte von einem Experten für IT-Sicherheit, dass er Hacker versteht (vielleicht sogar selbst einmal einer war?).

Wir hatten es oben vom Kriminalisten Herold. Ein noch schöneres Beispiel liefert der fiktive Laienkriminalist Father Brown bei G. Chesterton. Er versetzt sich so sehr in die Lage des Möders, dass er quasi den Mord dann selbst begeht. Father Brown sagt, dass es nur die Gnade Gottes ist, in dem Moment, in der Sekunde, in dem Augenblick, in dem wir den anderen töten wollen, keine Waffe zu haben.
Brown sagt:
I am a man, and all men are men: therefore, all men are brothers and sisters; therefore, all men are my enemies. And I have committed all the crimes myself.

Hören wir doch auf, den -versteher zu demütigen. Verständnis ist immer etwas Gutes. Was wir dann daraus machen, ist eine ganz andere Sache.











 

 

Dienstag, 9. Juni 2026

Arbeiten Sie gerne?

Als ich mit 18 Jahren meinen Zivildienst im «Sonnenhof e. V:» in Schwäbisch Hall, einem Heim für geistig behinderte Kinder und Jugendliche antrat (ich wähle bewusst die Sprechweise von damals), bekam ich alle Bewunderung meiner Umgebung: Wie ich das nur machen kann, all das Leid und das Unglück, so eine schwere Aufgabe, usw., usw.
Tatsächlich war es natürlich ganz anders. Ich verbrachte in Schwäbisch Hall zwei wunderbare Jahre und hatte viel Freude bei der Arbeit; mangelnde Intelligenz – man muss das so direkt sagen – tut nämlich nicht weh.
In Zivi-Sitzungen parodierten wir manchmal die Meinung der Aussenstehenden. Gab es viele Neue, machten wir eine Vorstellungsrunde, in der mindestens einer sagte «Ich bin der XY und ich arbeite im Sonnenhof mit geistig behinderten Kindern», worauf mindestens einer antwortete: «Ist das nicht sehr, sehr, sehr schwer?»

Dass ich für meine Arbeit Geld bekam, fanden alle Menschen OK. Meinen Sold konnte ich ganz für mich behalten, da ich Logis hatte und vollverpflegt war, zudem wurde in den Schulferien das «Hausschlafen» (Nachtbereitschaft) bezahlt. Niemand fand das übertrieben.

Wenn ich erzähle, dass ich mit meinen Jungs am Theater Basel an Produktionen wie «La Bohème» oder «Turandot» oder «Carmen» beteiligt bin, bekomme ich keine mitleidige Bewunderung, ich bekomme vor allem Neid und begeistertes Mitfühlen: So eine schöne Arbeit, Eintauchen in die Welt der Kunst, diese schöne Musik und überhaupt…
Niemand, der so redet, hat jemals die Spannung und Hektik, die Anstrengung und Nervosität, den totalen und absoluten Stress am Theater vor einer Generalprobe erlebt. Es ist ein Wunder, dass es da keine Tote gibt. Das gilt nun für alle Beteiligten, bei mir kommt hinzu, dass ich mit 20 Kindern dort bin.

Wenn ich nun Menschen erzähle, dass ich pro Probe und Vorstellung ein Extrahonorar erhalte, sind sie fassungslos: «Aber du machst das doch gerne?» «Das ist doch so eine künstlerische Arbeit?» «So schöne Musik und dann Kohle?»

Warum sind wir so unfair in der Beurteilung von Arbeit und Bezahlung? Zwei Maximen scheinen sich tief in das kollektive Bewusstsein eingegraben zu haben:

Erstens
Ob deine Arbeit anstrengend und stressig ist, oder schön und genussvoll, entscheidest nicht DU, das entscheidet die ALLGEMEINHEIT nach einer strengen Tabelle. Kunst ist schön und genussvoll, Pflege ist anstrengend und stressig, Büroarbeit ist Faulenzen, Handwerk ist härteste Arbeit usw., usw.

Zweitens
Arbeit, die du gerne machst, die dir Befriedigung und Freude verschafft, Arbeit, die du als schön und genussvoll empfindest, sollte schlecht oder nicht bezahlt werden.

Das bringt die Gesellschaft in eine komische Spirale: Wir brauchen dringend Arbeitskräfte, für Handwerk und Bau, für Pflege und Spital, für alle möglichen Bereiche, wir haben zu wenig Menchen, die Zwiebeln schneiden und zu wenig, die Betten machen, wir haben zu wenig, die die Hecken schneiden und zu wenig, die die Strassen teeren. Aber wehe!
Wehe!
Wehe!
Wehe, wenn man Menschen findet, die gerne Zwiebeln schneiden, die gerne Betten machen, die gerne Hecken schneiden und gerne Strassen teeren. Die stehen ja dann im Verdacht, ihren Lohn ganz umsonst zu bekommen.
Also werden die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ständig am Jammern sein. («Die Zwiebeln brennen SO in den Augen.», «Mein Rücken!», «Die Hecken zerstören meine Hände mit ihren Dornen.», «Heisser Teer bei 40°!») Das Jammern macht sie dann krank und dann fehlen wieder Arbeitskräfte…
Ausserdem bringt die ganze Jammerei die Gesellschaft in so ein Null-Bock-Stimmung – die Stimmung, die wir in der BRD gerade haben.

Wir müssen vielleicht zwei neue Maximen erfinden:

Erstens
Jede Arbeit hat unseren Respekt verdient. Wenn sie völlig unnötig, überflüssig redundant und blödsinnig ist, dann schaffen wir sie ab und überlassen sie den Robotern.

Zweitens
Jede Arbeit hat ihren Lohn verdient, und wenn jemand gerne arbeitet, zahlen wir ihr oder ihm nicht weniger. 

In diesem Sinne: An die Arbeit, Leute!



Freitag, 5. Juni 2026

Kubicki, der Wolf im Schafspelz (das Sousaphon im Streichorchester)

Es gibt Menschen, die sind im falschen Club.

Im Film «Take the Money and Run» (auf Deutsch «Woody, der Unglücksrabe») ist der Protagonist Mitspieler in einer Marching Band. Allerdings mit dem blödesten Instrument, dem Cello. Und so sieht man Woody, wie er sich stets hinsetzt, um zu spielen, dann aber ist die Kapelle schon viel weitergelaufen, er nimmt Cello und Stuhl und läuft ihnen hinterher, holt sie ein, nimmt wieder Platz… Dieser Vorgang wiederholt sich nun etliche Male. Weil eben ein Cello kein Instrument ist, das in eine Marschmusik gehört.

Es gibt Menschen, die sind im falschen Club.

Man könnte hier grosse und lange Listen erstellen.
Von Leuten, die Bewegung und Austoben bräuchten, und die dann in einen Schachverein gehen. Und dort nicht stillsitzen können.
Von Leuten, die denken in einem Lesezirkel kämen sie endlich zum Lesen (oder noch besser: es würde ihnen vorgelesen) und die dann feststellen müssen, dass alle die Bücher VORHER gelesen haben.
Von Leuten, die unbedingt Synchronschwimmen machen wollen, aber eine Chlorallergie haben UND auch rechts und links nicht unterscheiden können.
Und so weiter.
Und so weiter.

Es gibt Menschen, die sind im falschen Club.
Aber: Es gibt auch Menschen, die sind in der falschen Partei.
Ich habe über das Thema im März geschrieben, als Özdemir gewählt wurde:

Özdemir ist ein lustiger Kerl. Er ist eigentlich Grüner, aber irgendwie doch nicht. Er hat für die Grünen die Wahl gewonnen, indem er sich maximal von ihnen distanzierte. Damit ist er ein treuer Nachfolger von Kretschmann, der ja irgendwie auch so war.
Menschen, die im Grunde genommen in der falschen Partei sind. Man könnte sie – je nachdem ob man für oder gegen diese Partei ist – als «Wölfe im Schafspelz» oder «Schafe im Wolfspelz» bezeichnen.
Die Schafswölfe / Wolfsschafe haben eine lange Tradition. Immer wieder gab es so Gestalten, die einfach in der falschen Partei waren.
Helmut Schmidt zum Beispiel. Ein SPDler, der aber eine völlig konservative und aufrüstende Politik machte. Ich weiss von vielen CDUlern (u.a. meine Eltern), die ständig sagten: So ein toller Hecht, und wir würden ihn wählen, wenn er nicht in der falschen Partei wäre.

Ja, und dann war da noch der Mittellehrer in der grössten Baselbieter Gemeinde, der für die Grünen im Landrat sass, aber keinen einzigen Tag mal mit dem ÖV in die Schule kam…

Nun haben wir wieder so einen Kerl, einen Typ, der aber klar kein «Schaf im Wolfspelz» sondern ein «Wolf im Schafspelz» ist:
Wolfgang Kubicki.
Während ein Kretschmann eigentlich in die CDU gehörte und eine Süssmuth in die SPD und ein Wehner in die DKP, ist dieser Herr nun nichts anderes als ein verkappter AfDler. Wolfi ist Klimaschutzgegner, Impfskeptiker, Brandmauer-Feind, Anti-Woke usw., usw., usw.
Weidel und Chrupalla haben die Wahl auch ausdrücklich begrüsst.

Es gibt Menschen, die sind in der falschen Partei.

Kubicki ist – um im Beispiel von oben zu bleiben – das Sousaphon in einem Streichorchester. Aber während Woody der Marching Band ja nicht schadet, gar nicht schadet, überhaupt nicht schadet (er kommt ja nie dazu, auch nur einen Ton zu spielen), kann ein lautes Blech in einem ppppp-Stück wie zum Beispiel «Åses Tod» alles, alles kaputtmachen.

Wir sind gespannt, wohin Wolfi die FDP führt.
Auf jeden Fall in die falsche Richtung.

Dienstag, 2. Juni 2026

Shonagonnen 3: Was wir uns viel geiler vorgestellt haben

Ich habe vor sechs Jahren mit dem Post «Ich werde Kopfkissenbuchschreiber» eigentlich eine Reihe von Posts im Stile der Hofdame Shōnagon beginnen wollen.
Sie erinnern sich:
Das Kopfkissenbuch (auch: „Kopfkissenhefte“) (jap. 枕草子, Makura no Sōshi) der Dame Sei Shōnagon ist eines der frühesten und zugleich bedeutendsten literarischen Prosawerke der japanischen Literatur. Es entstand um das Jahr 1000 n. Chr. und gehört zu der Heian-Periode.
Es ist eine Art Tagebuch, geschrieben von Sei Shōnagon, die der Kaiserin als Hofdame diente und eine freundschaftliche Beziehung zu ihr entwickelte.
Der Name des Werks wird auf die Aufbewahrung der Aufzeichnungen in einem hohlen Kopfkissen (枕) aus Porzellan zurückgeführt. Das Kopfkissenbuch besteht aus 320 meist kurzen Einträgen zu verschiedenen Themen des Alltags am kaiserlichen Hof und bildet so eine Sammlung scharfsinniger Beobachtungen, verschiedener Anekdoten, Aufzählungen von Dingen und sehr direkter, offener Meinungen sowie Eindrücke und Gefühle.
(Quelle: Wikipedia)

Mich faszinieren seit jeher die Aufzählungen der Dame, die sie unter Stichworten wie «Schöne Dinge» oder «Dinge, vor denen man Angst hat» aufschrieb.
Bertold Brecht hat in seinem Gedicht «Vergnügungen» (1954) sich auch klar an diesen Shōnagon-Aufzählungen orientiert:
Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene alte Buch
Begeisterte Gesichter
Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen
Alte Musik
Bequeme Schuhe
Begreifen
Neue Musik
Schreiben, Pflanzen
Reisen
Singen
Freundlich sein.
Ich war bei den Posts 2020 nicht konsequent, ich habe zwar aufgezählt, aber dann doch wieder längere Abschnitte geschrieben.
Dieses Mal (diese Male – es wird jetzt hoffentlich Tradition) werde ich ganz stur pro Punkt nur eine Zeile brauchen.

Und, bevor wir starten, es sei noch gesagt, dass ich die ersten beiden Zeilen ( die auch die letzten beiden sind) Till Reiners verdanke, der hier das Thema «Friedrich Merz» wunderbar auf den Punkt brachte.
Nun aber:

Dinge, die wir uns viel geiler vorgestellt haben

Sex unter der Dusche
Bundeskanzler sein
Shopping im Mega-Outlet
eine echte Sachertorte
Hammer-Looksmaxxing
Austern
Kaviar
am Gala-Diner mit King Charles teilnehmen 
FDP-Vorsitz
Filme mit 4 Oscar-Preisträgern
«Die Holländerinnen»
Mini Pralinés von Lindt
Bungee Jumping
den Äquator zu überfliegen
Sex unter der Dusche
Bundeskanzler sein

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

Freitag, 29. Mai 2026

Ich traf ins Schwarze: Die beiden Pallas sind Cousinen

Manchmal treffe ich wirklich ins Schwarze.
Das muss hier einmal klar gesagt werden.
Ich hatte im September 2025 im Post «Liebe Frau Palla» geschrieben:

Ich war ja bei Ihrer Er-Nennung, also bei der Nennung Ihres Namens angenehm überrascht. Nicht weil ich Sie kenne, sondern weil ich jemand anderes kenne, der so heisst, eigentlich die so heisst. Das ist nun nicht ungewöhnlich, wenn man Menschen mag, die «Mulisch» heissen, dann sind zunächst einmal alle «Mulisch» positiv belegt, und wenn man «Hobler» mag, dann ist jede und jeder «Hobler» zunächst für einen eine Gute, ein Guter. Am Beginn seines wunderbaren Dramas lässt Lessing den Prinzen einer Emilia Bruneschi einen Riesenwunsch erfüllen, nur weil sie Emilia heisst, eine andere Emilia, nämlich die Titelfigur des Stückes, Emilia Galotti, ist das wahre Ziel seiner Begierde…
Und ich kenne nun eine herrliche Künstlerin, die aus dem Bündnerland stammt und in Zürich wohnt und arbeitet, Ursula Palla, zunächst Videokünstlerin, nun arbeitet sie mit filigranster Bronze. Vielleicht sind Sie sogar verwandt, immerhin stammen Sie aus Südtirol und «Palla» könnte ja sowohl im Rätoromanischen als auch im Ladinischen heimisch sein, aber das müsste man genauer recherchieren.


Manchmal treffe ich wirklich ins Schwarze.
Das muss hier einmal klar gesagt werden.

Es hat sich nämlich nun herausgestellt, dass die beiden Damen echt verwandt sind. Und zwar nicht um 18 Ecken, wie man sagt oder so, wie alle Rothschilds oder Kennedys oder so, wie alle Thurn und Taxis oder alle Krupps verwandt sind, sondern ganz, ganz, ganz nah.
Sie sind Kusinen.
Für die Schweizer: Cousinen.
Ersten Grades.

Manchmal treffe ich wirklich ins Schwarze.
Das muss hier einmal klar gesagt werden.
Nein.
Nein.
Das ist sogar falsch: Ich treffe sehr häufig ins Schwarze.

Manchmal ist das Schwarze auch ein Wespennest, so habe ich immer wieder Musikerinnen und Musiker gefragt, warum sie nicht … obwohl sie doch … oder weil sie … und bekam immer einen Schwall von Ausreden, Entschuldigungen, Verzweiflung und Ärger um die Ohren geschrien. Und als sich Ausreden, Entschuldigungen, Verzweiflung und Ärger gelegt hatten, fanden wir dann doch Lösungen.
Da war die semiprofessionell Blockflöte spielende Kindergärtnerin, die ich fragte, warum sie nicht Musikalische Früherziehung studiert.
Da war die Stimmbildnerin, die ich nach einer wunderschönen Mozartmesse fragte, warum sie nicht mehr singt. («mehr» betont)
Da war die Kontrabassistin, die auch Barockoboe studiert hatte und in nicht-historischen Orchestern Bach dudelte und die ich fragte, warum sie auf Violone umsteigt.
Ausreden, Entschuldigungen, Verzweiflung und Ärger.
Ausreden, Entschuldigungen, Verzweiflung und Ärger.
Und dann eine Lösung.

Wer übrigens auch meistens ins Schwarze trifft, sind die Wirtschaftsweisen – man gestatte mir den kleinen Gedankensprung – die ja auf gewisse Dinge schon seit 15 Jahren hinweisen. Man müsste auf diese Schwarztreffer – sie sind eben «Schwarztreffer» und keine «Schwarzseher» – jetzt nur noch hören…
Und nicht: Ausreden, Entschuldigungen, Verzweiflung und Ärger. Ausreden, Entschuldigungen, Verzweiflung und Ärger.

Manchmal treffe ich voll ins Schwarze:
Die beiden Damen Palla sind Kusinen.
(Cousinen)











Dienstag, 26. Mai 2026

Reiche leiden weniger unter den Krisen, also: Reich werden

Wir machen am Anfang ein kleines Quiz über das aktuelle Deutschland:
A) Wen trifft die Irankrieg-Energiekrise am meisten?
B) Wen trifft die Behebung des Defizits in den Krankenversicherungen am meisten?
C) Wen trifft die Rentenproblematik am meisten?
D) Wen treffen die hohen Mieten am meisten?

Denken Sie nach und lesen Sie dann weiter.

Die Antworten sind:
A) Menschen mit geringem Einkommen.
B) Menschen mit geringem Einkommen.
C) Menschen mit geringem Einkommen.
D) Menschen mit geringem Einkommen.

Wie lange mussten Sie nachdenken? 10 Sekunden? 1 Minute? 10 Minuten?
ZEHN MINUTEN?
Dabei liegt es doch klar auf der Hand.

Ich will ein bisschen aus der eigenen Schule plaudern. Vor ca. 15 Jahren war ich unverschuldet in einer finanziell recht schwierigen Situation. Damals hatte ich ein Monatsbudget, das bis auf den Rappen ausgerechnet war.
Hätte damals das Generalabonnement ODER die Miete ODER die Krankenversicherung um 50 Franken zugelegt, wäre es eng geworden, aber durch Streichung gewisser Dinge (kein Kaffee mehr auswärts, die alte Jeans doch flicken usw.) doch zu stemmen gewesen.
Hätte damals das Generalabonnement UND die Miete UND die Krankenversicherung um je 50 Franken zugelegt, hätte ich Konkurs angemeldet.
Zum Glück passierte das nicht, aber ich kann mich in Menschen hineinversetzen, die sich fragen, ob am Wochenende Essen noch drin ist…
Man fragt sich aber nun, ob die deutsche Bundesregierung diese Empathie noch besitzt.

Es gibt – um dem Ganzen nun eine positive Wendung zu geben – also nur eine Lösung: Werdet reich!
In der Küche der ehemaligen WG meines besten Freundes hingen viele Postkarten an der Wand, darunter war eine mit der unglaublichen Sentenz:

VIEL GELD MACHT EINFACH REICHER.

Das ist doch grossartig. Besser kann man es nicht ausdrücken.

Wie wird man nun reich? Und somit in die Lage versetzt, dass einem die Punkte A), B), C) und D) nichts mehr ausmachen?
Auch hier gibt es wieder vier Punkte, benennen wir sie mit vier kleinen Buchstaben

a) Heirat: Nehmen Sie Abstand von der grossen Liebe, von Romantik und Träumen und so, heiraten Sie nicht Wärme und Schönheit, sondern Geld. «Geld gesucht, Mann/Frau kein Hindernis» Zuschriften unter Chiffre 3475dge78 – das ist die Anzeige der Zukunft.

b) Erbschaft: Wesentlich schwieriger, weil man ja Vater und Mutter und Tante und Onkel sich nicht einfach im Internet aussuchen kann. Wenn aber, ja wenn Sie noch über eine Tante, Grosstante, Urgrosstante oder Onkel, Grossonkel, Urgrossonkel verfügen, die oder den Sie lange nicht besucht haben, dann, ja dann schleunigst hin! Jeden Tag sich um die Person kümmern, bevor es UNICEF®, Save the Children®, der WWF® oder wie die Erbschleicher alle heissen, tun…

c) Lottogewinn: Sehr schön, um reich zu werden, nur sehr, sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich. Macht aber nix, trotzdem versuchen, schliesslich HABEN ja schon Leute gewonnen.

d) Kriminalität: Kriminell zu werden ist die einzige sichere Methode um wirklich reich zu werden. Leider. Aber wenn Sie erst einmal Ihre unnötigen Skrupel beiseite geräumt haben, dann stehen Ihnen alle 
Möglichkeiten offen, von A wie Autodiebstahl bis Z wie Zuhälterei gibt es eine Riesenpalette um sich auszutoben.

Also immer daran denken: VIEL GELD...

 




VIEL GELD MACHT EINFACH REICHER.

Freitag, 22. Mai 2026

Warum gibt es in den Innenstädten keine Schnürsenkel?

Es gibt Dinge, die sind in Innenstädten schwierig zu bekommen. Ich teile diese Dinge in drei Kategorien ein:
Dinge, die selten sind, Spezialbedarf und Spezialistenzeug.
Dinge, die peinlich sind, oder die Läden, die sie verkaufen.
Dinge, die gross und sperrig sind.

Zu den ersten gehören solche Sachen wie Anglerausrüstung, Werkzeuge und Musiknoten.
Wenn Sie zum Beispiel an die Aare fischen gehen wollen und haben alle ihre Köder vergessen, dann wird es schwierig sein, beim Umsteigen in Bern einen Laden zu finden, der diese komischen fliegenartigen Häklein verkauft.
Wenn Sie einen Spezialschrauber brauchen, der Ihnen die Herdabdeckung lüpft, werden Sie selbst in Zürcher Innenstadt eine Weile herumrennen müssen, um einen solchen Herdabdeckungslüpferspezialschrauber zu finden.
Und wenn Sie in St. Gallen die Spaurmesse dirigieren sollen und haben Ihre Partitur vergessen, dann werden Sie vielleicht keinen Notenhandel auftreiben, der die Missa KV 258 vorrätig hat. (Nur in Stuttgart kennen ich ein Notengeschäft, das alle – ich betone: ALLE – Eulenburg-Studienpartituren da hat…)
Hier hat der Online-Handel alle Spezialgeschäfte aus den Innenstädten vertrieben.

Zum zweiten gehören Dildos und S/M-Bedarf.
Natürlich, natürlich, es hat in Bern, Zürich und St. Gallen Sexshops, aber wissen Sie, wo die sind? Und trauen Sie sich danach zu fragen: «Entschuldigen Sie, Sie sehen aus wie ein Einheimischer, wo ist hier denn der nächste Sexshop?» Und wenn es die eigene Stadt ist, möchte man ja nicht unbedingt gesehen werden.
Zwei Dinge, die die Peinlichkeit verloren haben – dieser kleine Exkurs sei mir gestattet – sind übrigens Kondome und Klopapier. Präservative werden inzwischen in jedem Drogeriemarkt ins Regal gelegt, und das ist gut so, es sind in den 50er Jahren noch junge Frauen schwanger geworden, weil man (Mann) es nicht übers Herz brachte, beim Drogisten nach Kondomen zu fragen. WC-Papier kann jeder Mensch inzwischen ungeniert nach Hause tragen, offen! Ging früher nicht, selbst die Klorolle im Auto verbarg man unter einem Häkelhütchen – was doof war, denn jeder wusste ja, was sich unter dem Häkelhut befand. Die WC-Papier-Peinlichkeit ist übrigens total unverständlich, denn jeder Mensch muss ja, und jeder braucht Klopapier.

Grosse Dinge wie LKWs, 60 Mensch-Zelte, Granitblöcke und Gartenhäuser bekommen Sie nicht in den Innenstädten. Nicht in der Berner Innenstadt. Nicht in der Zürcher Innenstadt. Weil man einen LKW nicht aus der Fussgängerzone herausbekommt. Genauso wenig wie 60 Mensch-Zelte, Granitblöcke und Gartenhäuser.

Was aber ist das Problem mit Schnürsenkeln? (oder für die Eidgenossen: Schuhbändeln)
Sie sind nicht selten. Kein Spezialbedarf.
Sie sind nicht peinlich.
Sie sind nicht gross und sperrig.

Vor sechs Wochen riss mir um die Mittagszeit der Schnürsenkel. Damals bin ich zwei Stunden in der Basler Innenstadt herumgerannt um einen neuen zu finden.
MIGROS: Fehlanzeige
COOP: Fehlanzeige
Alle Kaufhäuser: Fehlanzeige.
Sämtliche Schuhläden: Natürlich vorrätig, aber als Ersatz beim Kauf von Luxusschuhen ab 600 Franken.
Sämtliche Sportgeschäfte: Natürlich vorrätig, aber als Ersatz beim Kauf von Luxussneakers ab 700 Franken.
Bis ich dann meine geheime Spezialadresse fand…

Was ist das Problem mit Schnürsenkeln? (Schuhbändeln)
Fast jeder Mensch trägt welche mit sich herum, und kommt dann in eine bescheuerte Situation, wenn diese reissen. Und sie reissen immer im dümmsten Moment. Sie sind auch nicht gefährlich, natürlich, man könnte jemand damit erwürgen, ich habe allerdings noch nie von einem solchen Mord gehört…
Nein.
Ich verstehe das nicht. Zumal MIGROS und COOP eine Menge Mist anbieten, den man akut nun wirklich nicht braucht. (Duftkerzen und so…)

Ach so,
Sie wollen meine Spezialadresse? Weil ihre Schnürsenkel (Schuhbändel) auch schon sehr dünn sind?
So sehen Sie aus.
Die bleibt geheim. Sonst kaufen Sie mir alles weg und ich habe das Nachsehen.



Dienstag, 19. Mai 2026

Quarterlife? Noch eine Krise?

Ich habe neulich ja schon geschildert, dass ich ein treuer SWR-Hörer bin. Und neben diversen anderen Sendungen ist auch «Das Wissen» in meiner Hitliste. (Leider kann ich nur in den Ferien und am Wochenende um 8.30 Radio hören.) Am letzten Samstag war die Arbeitssuche von Mitte 20-jährigen das Thema, eine Arbeitssuche, die sich immer schwieriger gestaltet. In dieser Sendung tauchte nun der Begriff der «Quarterlife Crisis» auf. Und eben dieser Begriff machte mich stutzig.

Was sagt Google zu diesem Thema?
Die Quarterlife-Crisis ist eine Sinn- und Orientierungskrise, die häufig im Alter zwischen 20 und Mitte 30 auftritt. Betroffene hinterfragen ihr Selbstbild, ihre Karriere und Lebensentscheidungen tiefgreifend. Ausgelöst wird sie oft durch den Druck, den Erwartungen des Erwachsenenlebens gerecht zu werden und sich in einer Welt unendlicher Möglichkeiten zurechtzufinden.

Ach du liebe Zeit.
Bisher hatte ich geglaubt, das Leben habe vier Krisen für uns parat:
Die Trotzphase.
Die Pubertät.
Die Midlife Crisis.
Den Altersstarrsinn (auch als «Endlife Crisis» tituliert).
Zwischen der Pubertät und der Mittellebenskrise – so dachte ich – sind mal eben 20 Jahre Ruhe, oder noch mehr.

Wie viele Krisen werden denn nun noch auftauchen? Zwischen 30 und 50 klafft ja nun immer noch ein grosses Loch.
Wobei: Wer mit 20 schon seine Kinder in die Welt setzt, gerade bei Menschen, die eine ordentliche Berufsausbildung machen, kann das ja gut sein, der leidet dann mit 40 eventuell schon am «Empty Nest Syndrom», also an der Verzweiflung und Leere, die eintritt, wenn die Kinder das warme und gemütliche Zuhause verlassen.
Wer nun aber mit 20 Familie macht, der hat sicher keine Quarterlife Crisis, das ist nämlich – lassen Sie uns das mal ganz hässlich sagen – ein Scheiss-Akademiker-Problem. Wer nun ordentlich quarterlifekriselt, und dann erst mit 30 Kinder in die Welt setzt, der hat erst mit 50 sein Empty Nest, und das fällt dann mit der Midlife Crisis zusammen.

Anders formuliert:
Wir schaffen es gar nicht, sämtliche Krisen anzulaufen, die uns das Leben in seiner reichen Fülle parat hält.
Ich habe ja eh eine Theorie, die allerdings psychologisch nicht erforscht und nicht abgestützt ist: Die Summe aller Krisen ist immer gleich. Wer also (nach der Herter-These) ausgiebig trotzt, bei dem ist die Pubertät nicht schlimm, wer richtig wild pubertiert, da ist dann die Midlife milder, und wer bis zum 80. Lebensjahr noch gar nie gekriselt hat, da kommt dann ein böser, hartnäckiger und gemeiner Altersstarrsinn.

Aber habe ich jetzt nicht von etwas vergessen?
Das Geburtstrauma! Natürlich.
Und den Tod.
Wir kommen ja schon in einer Riesenkatastrophe auf die Welt und verabschieden uns auch in einem nicht ganz unproblematischen Prozess…
Und dann ist mit 65 auch noch eine ganz schlimme Zeit, man hört auf zu Arbeiten und fällt in ein Riesenloch – es sei denn, man hat so viel Geld, dass man die ersten 5 Jahre der Rente komplett auf Kreuzfahrtschiffen verbringen kann und beim Kapitänsdinner den Köchen zuschauen kann, wie sie die Torten mit Wunderkerzen bringen. (…da-da-dada-daaaa-da-da-dada-daaaa…, ja, ich habe zu viel «Traumschiff» geschaut…)

Was bleibt eigentlich übrig?
Fast nichts.
Ich schlage deshalb den Psychologen vor, nicht mehr die Krisenzeiten zu benennen, die ja unser Leben total bestimmen, sondern die Stabilitätszeiten. Sind viel weniger und deshalb auch klarer zu definieren.

Das Schöne ist: Ich selbst befinde mich – wenn alle Rechnungen stimmen – zurzeit in einer solchen Stability Time, die Midlife Crisis ist hinter mir, und die Rente kommt noch. Ausserdem habe ich mit 4 dermassen getrotzt, mit Auf-den-Boden-werfen und Herumschreien und literweise Tränen, dass danach sowieso nix mehr kam, so kam ich ja auf meine Theorie.

In welcher Stability befinden Sie sich gerade?
Aber egal, seien Sie getrost:
Die nächste Krise kommt bestimmt.









Freitag, 15. Mai 2026

Ganz genau hinsehen...

Wir unterhalten uns über eine Folge des Verbrauchermagazins «Kassensturz», in der eine Masche gezeigt wurde, mit der Betrüger Menschen, die einen Ungezieferbefall hatten, gnadenlos abzockten – indem sie ihren Schrecken ausnützten. «Kann mir nicht passieren», meint mein Bekannter Roman, «ich sehe immer genau hin.»

Genau hinsehen. Gute Sache.

In einem anderen Gespräch dreht es sich um «Abschreiben während des Tests», Lehrerinnen und Lehrer unter sich. Wir alle mussten zugeben, dass wir beim Korrigieren immer wieder einmal ziemlich merkwürdige Übereinstimmungen feststellen mussten, A hatte von B «abgekupfert». Wir alle – ausser Helga. Helga gibt an, dass bei ihr noch niemals, nie, zu keiner Zeit und bei keiner Gelegenheit jemand abgeschrieben hätte. «Ich sehe immer genau hin.»

Gute Sache. Genau hinsehen.

Horst, ein Mediziner, den ich bei einer Vernissage treffe, rät mir (sollte man bei Vernissagen nicht über Kunst reden – und dort hinsehen?), ich sollte bei ihm mehrere Vorsorgeuntersuchungen machen. Eine dieser Vorsorgen ist ein Hautkrebsscreening, das er speziell entwickelt hat. Horst kann auch kleine Melanome (<0,0001mm) erkennen und damit sehr früh handeln. Wie er das macht? Er sieht angeblich genau hin.

Genau hinsehen. Gute Sache.
Ich frage mich allerdings: Wie wollen die Leute das machen?

Wie geht Roman auf Ungezieferjagd? Rückt er sämtliche Möbel von der Wand und schraubt die Lamperien ab? Forscht er in den Teppichritzen und kratzt an den Tapeten? Es ist praktisch unmöglich, eine einzelne Wanze zu finden, aber hat man nur eine irgendwie eingeschleppt, ist man verseucht. Dass Ungeziefer sich nur in «Drecklöchern» findet, ist ein Märchen, das jeder Kammerjäger dir widerlegt.

Wie kann sich Helga sich ihrer Sache so sicher sein? Seit es Klassenarbeiten gibt, wird abgeschrieben. Und wenn ein Jüngelchen den Spickzettel auf dem Oberschenkel unter seinen Shorts hat, kann sie den zwar entdecken und konfiszieren – ihre Stelle ist sie los. Sie wird sich dann fragen, ob es nicht vernünftiger ist, sich zu 100% neben ihn zu stellen, dann aber kupfern alle andern ab.

Horst Screening ist unschlagbar, allerdings schafft er mit seiner High-Tech-Super-Hyper-Lupe nur 3cm2 in der Minute. Man kann sich ausrechnen, wie lange eine Untersuchung bei ihm dauert und – das ist ja auch immer wieder das Thema! – was es kostet.

An die drei Menschen, an Roman, Helga und Horst muss ich denken, wenn ich lese, dass Politikerinnen und Politiker, dass Ministerinnen und Minister irgendwo «genau hinsehen».
So zum Beispiel die Sache mit dem Tankrabatt:

Ministerin Reiche betonte, dass die befristete Senkung der Energiesteuer (16,7 Cent pro Liter auf Diesel und Benzin bis Ende Juni 2026) zwingend an die Verbraucher weitergegeben werden müsse. Sie erwarte, dass das Bundeskartellamt die Weitergabe genau überwache, und drohte bei nicht erfolgter Entlastung mit Maßnahmen.

Man will also genau hinsehen, was da läuft. Die Frage ist – wie bei den Beispielen oben – wie man das anstellen will. Deutschland hat 14000 Tankstellen. Wird das Kartellamt überall vorbeilaufen? Oder Frau Reiche selber? Und was macht man, wenn der Betreiber, versichert, schwört, beteuert und bekräftigt, er habe unendliche Vorräte, die schon VOR der Steuersenkung eingekauft wurden? Geht man dann ins Büro und schaut die Bücher an?
Nein.
Man kann vereinfacht sagen, jede Regelung, bei der man GANZ GENAU hinsehen muss, ob sich überhaupt jemand dran hält, ist Murks.

So.
Jetzt gehe ich in die Küche und werde einen Kuchen backen. Butter verflüssigen, Eier trennen, Mehl…
Nein, ich muss mein Mehl nicht sieben. Ich schaue immer ganz genau hin, ob da Klümpchen sind.

Dienstag, 12. Mai 2026

Die Huren-, Wein- und Lärmsteuer in Bullhausen (eine Geschichte aus dem Mittelalter)

Mitte des 16. Jahrhunderts herrschten – so geht die Sage – im Städtchen Bullhausen an der Bull desolate Zustände:
Die Leute ernährten sich nur von süssen und fetten Speisen, dazu tranken sie Unmassen an Wein, Bier, Schnaps und Most und rauchten ständig ihre Tobakspfeifen.
Jeder Mann war mindestens einmal in der Woche Gast im Badhaus «Zur geifernden Gans» im Gerberquartier, wo er sich von den Badhuren Anna, Lisa und Mona verwöhnen liess.
Der Lärm auf den Strassen war zum Teil so ohrenbetäubend, dass man auch in den Zimmern Mühe hatte, sich zu unterhalten, da hatten alle Handwerker ihre Produktionen auf die Gasse verlegt, da kamen Fuhrwerke und da schrieen Knechte. Und das praktisch rund um die Uhr.
Der Gang zur Kirche wurde auch zur Seltenheit.

Der Rat von Bullhausen an der Bull tagte etliche Frist, und dann hatten sie eine Lösung: Steuern, Gebühren und Bussen.
Auf Zucker und Fett erhob man einen Heller, auf ein Glas Most zwei, auf Bier und Wein drei und auf ein Glas Schnaps vier. Tabak wurde mit fünf Hellern besteuert.
Ein Besuch im Badhaus bei Anna, Lisa und Mona wurde mit einer Sonderabgabe von 3 Batzen belegt.
Die Ruhezeiten wurden folgendermassen definiert: Vor Sonnenaufgang, zwei Stunden am Mittag und nach Sonnenuntergang. Wer ausserhalb diesen Zeiten lärmte, musste vier Taler an die Ratskasse zahlen.
Jeder Nicht-Besuch der Kirche hatte eine Spezialabgabe von 1 Taler, 1 Batzen und 1 Heller zur Folge.

Die Massnahme hatte zwei Auswirkungen:
Völlerei und Sauferei, Hurenwesen, Lärm und Gottlosigkeit nahmen zwar nicht ab, aber wurden auch nicht mehr und hielten sich stet auf ihren Niveaus. 
Bullhausen an der Bull wurde reich durch viele, viele, viele Taler, Batzen und Heller.

Aber dann…
Aber dann…
Dann kam Herbatius Volkenmeyder in die Stadt. Volkenmeyder war 1534/1535 in Münster gewesen und hatte irgendwie das Täufer-Gemetzel überlebt. Nun zog er als selbsternannter Prophet durch die Lande und rief in den Städten, in die er kam, das Reich Gottes aus. Zu seinen wichtigen Botschaften (die sich in vielen Punkten auch stark von den Münsterleuten unterschieden) zählten:
Der HERR hasst fette und süsse Speisen, er hasst Alkohol und Tabak, also ernährt euch gesund und frugal, meidet schädliche Substanzen, denn euer Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes.
Der HERR schuf EINEN Mann und EINE Frau, alles andere ist Hurerei und absolut vom Teufel!
Der HERR ruhte am Siebten Tag und ihr könnt auch einmal Ruhe geben. Beten und Bibel lesen ist besser als lärmen.
Jeder Mensch muss einmal in der Woche in die Kirche.

Man könnte nun denken, dass die Bullhausener diesen Menschen sofort fortjagten, aber das genaue Gegenteil war der Fall: Man hörte auf ihn, und Bullhausen erlebte eine Erweckung, wie sie sich niemand vorgestellt hatte:
Man ass gesund und trank wenig Alkohol (gar nicht ging nicht, dazu war das Wasser zu schlecht), der Tabak wurde verboten.
Das Badhaus «Zur geifernden Gans» schloss seine Pforten und Anna, Lisa und Mona zogen nach Rattelburg an der Rattel weiter.
Die Bewohner waren nachts ruhig und gingen am Sonntag in den Gottesdienst.

Und der Rat?
Er war unglücklich, todunglücklich, denn auf einmal floss ja kein Geld mehr. Wo waren die Heller, Batzen und Taler, die man als Abgaben, Bussen und Steuern eingenommen hatte? Man hatte doch die Menschen einfach mässigen wollen, es war doch nie die Idee gewesen, dass die einfach AUFHÖREN mit all ihrem schlechten Tun.

Und so beschloss der Rat von Bullhausen, dass man eingreifen müsse. Man stellte Herbatius Volkenmeyder zur Rede und ihn vor zwei Alternativen: Bleiben und als Ketzer verbrannt zu werden (immerhin taufte er, wenn auch in ärgster Heimlichkeit) oder morgen zu verschwinden.
Herbatius Volkenmeyder entschied sich fürs Gehen.
Und in Bullhausen an der Bull war wieder alles in Ordnung.

Diese Sage sei eine Warnung an alle Politiker, die Abgaben, die als Regulativ gedacht sind, gleichzeitig in den Haushalt mit einpreisen. Es kann ja nicht sein, dass die, sich falsch verhalten, darauf stolz sein können, etwas für die Allgemeinheit zu tun.









 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

Freitag, 8. Mai 2026

Bitte keine Bilder von Radiomoderatoren zeigen!

Zu den Lieblingssendungen, denen meine Mutter früher gerne im Radio lauschte, gehörte «Sie wünschen, wir spielen» in SDR 1 mit Heinz Kilian. Ich selber konnte dieses Wunschkonzert nur in den Schulferien hören (es kam von 11.00 bis 12.00), fand es aber auch immer grossartig. Und zwar nicht wegen der Qualität der Musikbeiträge (das bewegte sich oft zwischen «Ich hab` Ehrfurcht vor schneeweissen Haaren» und «Die Rasenbank am Elterngrab»), sondern weil es so schön «menschelte». Denn da wurden Leute angerufen, die es vorher nicht wussten, und wenn dann die Rentnerin Erna in Welzheim im Schwäbischen Wald begriff, dass sie gerade LIVE im SÜDDEUTSCHEN RUNDFUNK war, das war schon herrlich…
Ich selbst wusste sogar, was ich wünschen sollte, wenn meine Mutter angerufen worden und nicht da gewesen wäre: «Kein schöner Land» und damit unsere Verwandten auf der Schwäbischen Alb grüssen.

Nun war Mitte der 70er Jahre ein «Tag der Offenen Tür» im Funkhaus des SDR in der Villa Berg, jener wunderbaren ehemaligen Königs-Sommerresidenz (und Wohnsitz der Grossfürstin Wera), in dem damals das ganze Radiozeug war.
Bei diesem Tag konnte man nun auch alle Radiosprecher live begutachten. Und das war ein Schock: Heinz Kilian war ein alter Mann! Nein, nicht wirklich alt, er war 1975 genau 60 Jahre alt, und das ist nicht alt, ich selbst bin 61, Smiley, aber er hatte halt schon graue Haare und viele, viele, viele Falten. Und im Radio – das ist jetzt der entscheidende Punkt – klang er jung wie ein Teenager.

Man will also Radiosprecher gar nicht sehen.
Aber genau das tut SWR Kultur jetzt.

Ich habe nämlich die Liebe zum Radiohören von meiner Mutter übernommen. Natürlich höre ich nicht mehr das Wunschkonzert im Ersten Programm des Süddeutschen Rundfunks, auch weil es den SDR gar nicht mehr gibt, er wurde ja 1998 mit dem Südwestfunk zum SWR vereinigt.
Ich höre SWR Kultur (was einmal «2» hiess…) auf meinem Laptop. Und hier komme ich nicht umhin, immer wieder auf die Homepage zu blicken.

Während SWR Kultur nun lange die entsprechenden Sendungsankündigungen mit Bilder mit Foto-Wiederholungs-Effekt dekorierte – was schon scheusslich war – ist man nun auf Idee gekommen, mir die Fotos der Moderatorinnen und Moderatoren zu zeigen. Nach dem Motto «man will doch einmal sehen, wer…»
Nein.
Will man nicht.

Wir machen uns doch immer beim Hören der Stimme ein Bild von der Person. Ich habe das schon im März 2021 in einem Post beschrieben:
Als ich meine deutsche Steuerberaterin meine letzte Steuererklärung gemacht hatte und noch Unterlagen da waren, da schlug ich ihr vor, diese persönlich bei ihr abzuholen und endlich uns endlich einmal zu sehen; wir hatten bis dato nur telefoniert und gemailt und geschrieben und wussten nicht, wie der bzw. die andere aussieht. Und die Überraschung war gross: Frau Lupsane war nicht gross und blond, wie ich sie «gehört» hatte, sondern klein und schwarzhaarig. Und sie hatte mich 20 Zentimeter grösser und 20 Kilo schwerer «gehört».
Und dieses Bild wird nun betreffs Radio zerstört.

Und die Leute von SWR Kultur klingen alle so jung und frisch und hübsch, dass ich diese Menschen sicher nicht sehen will:
Da zeigt mir ein Herr in einer schlechten Gesichtsaufnahme, dass er nicht nur überdimensional viele Falten hat, sondern sich auch mies rasiert.
Da posiert ein Mann im Tweedjackett mit Haaren bis zum Arsch – geht gar nicht, Rockerjacke und dann 20jährig im Jugendsender, oder Altrocker in Wacken, aber nicht in einer Sendung über Adorno.
Da sehe ich eine Moderatorin, die ihre Bluse so weit geöffnet hat, das ich ihr Chinesischer-Drache-Tattoo auf dem Schulterblatt sehen kann. (Will ich alles NICHT sehen, nicht das Tattoo, nicht das Schulterblatt, nicht die Bluse und nicht die Frau...)
usw.
usw.

Meine Mutter war bitter enttäuscht, als sie ihren Lieblingsmoderator in Natura sah. Und ich bin es jeden Tag:
Lieber SWR, kehre zurück zum Symbolbild.
Meinetwegen mit Wiederholungseffekt, wenn es unbedingt sein muss. Aber ich möchte diese Menschen wieder nur hören und nicht sehen.



Dienstag, 5. Mai 2026

Politiker sind wie Künstler und sollten nicht auf der Bühne streiten...

Künstler diskutieren keine Interna auf Offener Bühne.
Ich habe noch nie erlebt, dass der Liedbegleiter in der «Winterreise» vor der «Krähe» auf einmal sagt: «Ich müsste mehr Gage bekommen» oder ein Mitglied eines Chores mitten in der Aufführung meint, das Tenue sei scheusslich und sie wolle lieber grün tragen. Künstler verhandeln keine internen Angelegenheiten vor Publikum.

Gut, es gibt Ausnahmen.
Johnny Cash unterbrach am 22. 2. 1968 in London, Ontario (Kanada) die Show und machte seiner Gesangspartnerin June Carter vor 7000 Fans einen Heiratsantrag – weil er sie im Stillen schon x-mal gefragt und sie immer abgelehnt habe. Und sie nahm an! Die Szene gilt als einer der romantischsten Momente der Showbusinessgeschichte. Sie heirateten gleich am 1. März.

Gut, es gibt Ausnahmen.
Bei einer Aufführung während der «Innsbrucker Tage für Alte Musik» trat einer der Musiker nach der Pause vor den Vorhang und gab bekannt, das Orchester würde erst weiterspielen, wenn die Schecks mit dem Honorar auf den Pulten lägen. Sie hatten nämlich mitbekommen, dass man ihnen das Geld vorenthalten wollte, und diese ungewöhnliche Aktion war die letzte verzweifelte Möglichkeit, an ihre Gage zu kommen. Es funktionierte übrigens: Nach 15 (!) Minuten waren die Schecks da und «Giulio Cesare in Egitto» (oder war es «Ariodante»?) konnte zu Ende gespielt werden.

Künstler diskutieren keine Interna auf Offener Bühne.
Alle Unstimmigkeiten, seien es finanzielle, organisatorische, seien es musikalische oder literarische, alle Dinge, die den künstlerischen Prozess stören könnten, werden da verbannt.
Der Darsteller des Tybalt fällt nicht einfach aus der Rolle und meint zum Publikum, die Proben seien zu lang und zu unkonzentriert gewesen.
Die Elfe schreit nicht den Ritter an, wenn er im Ballett «Hominius im Elfenwald» einen falschen Sprung macht.

Es geht sogar die Legende, dass ein berühmtes Streichquartett dieses Wir-sind-auf-der-Bühne-anständig so weit getrieben haben, dass sie DORT sich makellos aufführten, SONST aber die Hölle los war: Der Manager musste vier verschiedene Hotels buchen, weil sie sich nicht im Frühstücksraum über den Weg laufen durften. Wie gesagt, eine Legende, sie kursiert seit Jahrzehnten in Musikerkreisen, aber niemand kann genau sagen, um welches Quatuor es sich handelt – ein Urbaner Mythos.

Künstler diskutieren keine Interna auf Offener Bühne.

Aber nun sind Politiker ja auch so so ein bisschen so etwas wie so Künstler. (Die vielen «so» sind bewusst gesetzt):
Sie gehen auf Bühnen, sie reden, sie tragen etwas vor, dafür haben sie sich vorbereitet, sie haben sich auch schön angezogen und sich geschminkt.
Und sie dürsten nach dem Applaus des Publikums.

Warum dann machen unsere Politikerinnen und Politiker genau diese Fehler, die keine Künstlerin und kein Künstler machen würde? Warum sagt Herr A «B» und dann sagt Frau C «B auf keinen Fall» und dann versucht D zu vermitteln und meint «B und nicht-B» ist eh das gleiche, und dann…
Und das Verworrene ist ja, dass Schwarz-Rot genau den gleichen Fehler wie die Ampel macht.

Man könnte hier – wie so oft! wie so oft! wie so oft! – von den Schweizern lernen.
Bundesrat Beat Jans hatte in den letzten Jahren eine wundervolle und zauberhafte Rede, die er mehrfach bei Chorveranstaltungen gehalten hat (was nix schadete, denn sie war wirklich klasse). In dieser Rede verglich er den siebenköpfigen Bundesrat mit einem Chor: Man probt, man müht sich ab, es gibt auch einmal Dissonanzen, einer singt schräg, man hat noch nicht den gleichen Beat und den gleichen Ton. Aber dann der Auftritt! Der ist einstimmig.

Künstler diskutieren keine Interna auf Offener Bühne.
Und Politiker sollten es auch nicht machen. Denn es gibt nur eine Seite, die von den CDU-SPD-Querelen profitiert.
Die Rechten.





Freitag, 1. Mai 2026

So long, Herr Kretschmann!

Adieu, Winny! Auf Wiedersehen, Winfried! Machen Sie es gut, Herr Kretschmann!

So, jetzt sind Sie einfach verabschiedet worden. Mit Staatsakt und Blasmusik. Der erste grüne Ministerpräsident Deutschlands und derjenige meines Heimatlandes, der am längsten im Amt war.
Und derjenige Ministerpräsident, über den ich in den meisten Posts geschrieben habe.
Und eigentlich immer positiv.

Adieu, Winny! Auf Wiedersehen, Winfried! Machen Sie es gut, Herr Kretschmann!

So schrieb ich im April 2015:
Es ist zu verstehen, dass Alt-Ministerpräsident Öttinger seine Partei warnt, im Wahlkampf personell gegen Winnie vorzugehen. Der Mann, so Ötti im Interview, sei zu be- und geliebt, sei so sehr everbody’s darling, dass der Schuss nur nach hinten losgehen könne. Man solle ihn, so der Altmini wörtlich, nicht als „Bösen Buben“ handeln. Recht hat er. Das Schlimmste, was Winnie in den letzten Monaten gemacht hat, war, dass er in der Missa Sanctae Juliae von Boccone falsch eingesetzt hat, aber soll man davon nun ableiten, dass Kretschi auch im Landtag den Ton nicht trifft, sich im Ton vergreift, seine(n) Part(ei) nicht im Griff hat?

und im Februar 2016:
Die GRÜNEN haben für die Landtagswahl fünf schlagende, gute, bewährte, fünf hervorragende Argumente, und diese lauten:
1.) Kretschmann
2.) Kretschmann
3.) Kretschmann
4.) Kretschmann
Nun raten Sie mal das fünfte! Hihihihi, falsch, das 5. Argument lautet Ökologie, allerdings belegt Winnie dann wieder die Plätze 6-10.

und im Juli 2023:
In Hall wird auf den Kirchenstufen Freilichttheater gespielt. Ein Ereignis, das sich lohnt. Bei der Premiere von «Maria Stuart» am 20. 7. haben wir allerdings noch ein spezielles Spektakel: In den ersten Reihen springen vier Männer mit verkabelten Ohren umher, es muss also irgendein prominentes Wesen im Publikum sein. Mein Partner neben mir behauptet, er habe die weisse Stoppelfrisur des Landesvaters gesehen. Ich bezweifle das, aber ob der Security muss ja ein Zu-Bewachender da sein. Bei der Begrüssung wird es dann aufgeklärt, es ist in der Tat, tatsächlich und wirklich Winfried Kretschmann. Als Schirmherr der Freilichtspiele Schwäbisch Hall ist er zur Schiller-Premiere mit Gattin erschienen.
Was mich allerdings so erfreut, ist, dass der Ministerpräsident von B.-W. eben nur vier Männlein zu seiner Bewachung braucht. Das war in Deutschland nicht immer so, eben ein Jahr nach jenem Tag im Jahr 1970 wäre eine so unbedenkliche Teilnahme unmöglich gewesen. Allein alle die Fachwerkhäuser rings um den Markt böten ja eine wunderbare Schusslinie…

Adieu, Winny! Auf Wiedersehen, Winfried! Machen Sie es gut, Herr Kretschmann!

Ihre schwäbisch-lapidare-einfache-bürgernahe Kommunikation wird unvergessen bleiben.

Interviewer: «Was empfinden Sie nach Ihrer Wiederwahl?»
Sie: «Ich freue mich.»
Interviewer: «Ich meine, was für ein Gefühl…?»
Sie: «Freude.»

oder:

«Jo, dia Windräder auf dene Berge, jo, i fend dia ja au scheisslich, dia send jo nit schön. Abbr em Käller nutze se jo nix.»

Was werden Sie tun, im Ruhestand, in der Rente? In der Pension?
Hoffentlich das eine: Regelmässiger die Chorproben besuchen, denn wir wissen ja, wie nötig gute Stimmen in den Kirchenchören sind…

Adieu, Winny! Auf Wiedersehen, Winfried! Machen Sie es gut, Herr Kretschmann!



Dienstag, 28. April 2026

Die Rente als Thema

 
Die Rente ist in Deutschland immer noch und schon wieder ein Thema. *







*
Das ist jetzt kein vollständiger Post, das ist allenfalls eine Basis. Eine Basis-Absicherung der zweimalwöchentlichen Textierung. Weitere Ideen und Ausführungen müssten dann dazu kommen.

 


 

Freitag, 24. April 2026

Hallenbad kapituliert! Zurück zum Schlüssel!

Ich habe im November 2024 zur Wiedereröffnung des Hallenbades Rialto unter dem Titel «Man kann Zettel nicht gelesen aufhängen» das Folgende gepostet:

Das neu- bzw. wiedereröffnete Schwimmbad Rialto ist ein Bijou […] Mir gefallen auch die Umkleideräume, obwohl diese immer von sich reden machen, und eben von diesen soll nun auch die Rede sein […] Nun haben die Macher des neu- bzw. wiedereröffneten Schwimmbades auf etwas verzichtet, was stets sehr störend war: Schlüssel.
[…] Bei den Schränken hat man sich für ein Zahlen-System entschieden. Ein Zahlensystem, das auf ca. 50 Aushängen erklärt wird:
ERSTER SCHRITT: SCHLOSS AUF «AUF» STELLEN.
ZWEITER SCHRITT: CODE BEI GEÖFFNETER TÜRE EINGEBEN (Z.B. 1234)
DRITTER SCHRITT: SCHLOSS AUF «ZU» STELLEN.
VIERTER SCHRITT: CODE VERSTELLEN
Es ist nun völlig logisch, was passieren kann, wenn man diese Aushänge nicht liest, man dreht den Riegel nach links und beginnt «4567» oder «0000» oder «2929» einzugeben, dann verstellt man die Zahlen – und wird sein Kästchen nie wieder aufbekommen, denn das Schloss hat sich die Kombination gemerkt, die VOR dem Verschliessen eingestellt war, und die hat man natürlich keines Blickes gewürdigt.
Gut, man kann den Bademeister holen. Was die meisten tun – die wenigsten rennen in der Badehose auf die Strasse, gerade bei Novembertemperaturen ist das auch nicht so ratsam. Der Bademeister erzählt mir, dass er am Tag ca. 40 Male geholt wird und dass die Menschen dann immer furchtbar fluchen:
[…]
Dabei wäre es so einfach. Man müsste den an allen vier Seiten (!) sämtlicher (!) Säulen sowie innen in allen (!) Kästchen hängenden Zettel genau durchlesen.
[…]

Nun vor ein paar Tagen die riesengrosse Sensation:
Das Hallenbad Rialto hat jetzt wieder Schränke mit Schlüsseln eingeführt.

Das Sportamt der Stadt Basel hat also kapituliert. Kapituliert vor der Ignoranz und Dummheit der Leute. Wahrscheinlich auch auf Drängen der Bademeister (es hat wirklich nur Männer dort), die ihre halbe Arbeitszeit damit zugebracht haben, die Schränke der Leute zu öffnen, die nicht fähig waren, eine Gebrauchsanweisung zu lesen.

Interessant ist, dass man wirklich zurück zum Schlüssel geht und nicht etwa zu einem System wie das folgende:
Schrank verschliessen
*Gartenhag* drücken
Vierstelligen Code eingeben
*Schlüssel* drücken
System piepst, Schrank ist verschlossen
Dieses System wird von vielen Hotelsafes verwendet, aber auch von der Badi der Stadt Solothurn, und auch von den Lockern in der Garderobe im Amare in Den Haag, wo wir die Matthäuspassion hörten.
Also ein System, das seit Jahren funktioniert…

Zurück zum Schlüssel?
Was für ein Quatsch.
Das ist wie der Schwule, der nach ein paar verunglückten heterosexuellen Versuchen mit 23 sein Coming Out hat, die erste Beziehung zu einem Mann verläuft aber auch nicht so toll (emotional, im Bett schon), und er kehrt reumütig zu den Frauen zurück.
Das ist wie der Rückkehr zur Atomkraft, weil Öl und Gas immer wieder Probleme bereiten, weil der Ausbau der Erneuerbaren nicht vorankommt, so als ob es nicht schon Milliarden Tonnen Atommüll gäbe – und ein Fukushima und ein Tschernobyl nie stattgefunden hätten.
Das ist wie ein Land, das unter den aktuellen islamischen Diktatoren leidet und sich den Sohn des alten Diktators als neuen Präsidenten wünscht – wir nennen keine Namen.
Wenn B nicht funktioniert, gehen wir zurück zu A – und überlegen nicht, ob es nicht ein anderes B geben könnte.

Das Rialto ist dennoch ein Bijoux. Ich bin aber froh, dass ich morgen ins Gartenbad St. Jakob gehen darf und für den Sommer meinen (nicht lachen!) Schlüssel holen darf.
Aber den von meiner eigenen Kabine.