Dienstag, 6. Januar 2026

Gute Vorsätze (1): Einfachheit und Klarheit

Ich habe auf der Silvesterparty, auf der ich war, einen interessanten Mann getroffen. Auch einen verwirrenden und verstörenden, denn irgendwie ist alles an ihm ein bisschen mal zwei, hoch zwei, von hinten durch die Brust ins Auge.
Da er anonym bleiben möchte, nennen wir ihn Damian.

Damian hat sowohl Jura (in München und Berlin) als auch Geschichte (in Berlin und Hamburg) studiert, in beiden Fächern promoviert und hat europaweit den einzigen Lehrstuhl für Geschichte der Medizingeschichte inne. Damian ist es gewohnt, dass die Leute bei seinem Job die Augenbrauen hochziehen, die Stirne runzeln und den Mund schieflegen, sodass er mir schon antworten konnte, bevor ich etwas sagte. Es gebe, so er nüchtern, Historikerkollegen, die sich auf die «Geschichte der Informatik» spezialisiert hätten, da würde niemand die Augenbrauen hochziehen, die Stirne runzeln und den Mund schieflegen, dabei sei die Informatik ja viel jünger als die Medizingeschichte, die schon Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden sei.

Ich hörte dann auch auf, die Augenbrauen hochzuziehen, die Stirne zu runzeln und den Mund schiefzulegen, sondern hörte mir noch ein bisschen mehr über Damians Leben an, aber irgendwie schien alles bei ihm in die Richtung mal zwei, hoch zwei, von hinten durch die Brust ins Auge zu gehen, und so kam ich aus dem Augenbrauen hochziehen, die Stirne runzeln und den Mund schieflegen gar nicht heraus.

Damian hat drei extrem schräge Hobbys. Er singt in einer Cover-Band, er sammelt Fotografien und reist gerne zu speziellen Zielen.
Klingt jetzt noch nicht schräg, da müssen wir ins Detail gehen.

Die Cover-Band «Best Boys» hat sich auf Songs wie «Show Me the Way to the Next Whiskey Bar» (Doors), «With a Little Help from My Friends» (Cocker) oder «Morning Has Broken» (Stevens) spezialisiert. Das Lustige ist jetzt, dass alle diese Songs ja auch schon Übernahmen von anderen Quellen sind. Die Doors singen eigentlich hier ein Brecht/Weil-Produkt (Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny), Cocker singt ein Beatles-Lied und Cat Stevens nimmt eine alte, alte, sehr alte, uralte irische Weise. Die «Best Boys» sind also genau genommen eine Cover-Cover-Band.

Damian sammelt Fotografien, auf denen Fotografen und Fotografinnen dargestellt sind. Da hat zum Beispiel die Assistentin von Candida Höfer die Meisterin beim Herumlaufen mit der Kamera in einem grossen Dom abgelichtet, wo sie den besten Blickwinkel sucht. Da hat zum Beispiel ein Schüler von Thomas Demand ihn beim Zurechtschneiden seiner Pappe fotografiert. Da blicken einem Leibowitz, Doisneau und viele andere MIT der Kamera IN die Kamera.

Ja, und die Reiseziele? Madurodam in Den Haag, Swiss Miniatur in Melide, Miniatur Wunderland in Hamburg. Und da steht er dann quasi immer doppelt in einem Land. So kann er zum Beispiel in Den Haag noch einmal nach Den Haag laufen und sich vor den Buitenhof (oder den Binnenhof) stellen.

Finanzieren tut sich Damian seine Hobbys nicht nur mit seiner Professur für Geschichte der Medizingeschichte (er ist immerhin Ordinarius), sondern auch mit Aktiengeschäfte, aber auch hier kauft er nicht einfach Anteilscheine, sondern – wie könnte es anders sein! wie könnte es anders sein! – Produkte, deren Wert sich von der Wertentwicklung einer bestimmten Aktie ableitet; die also auf steigende oder fallende Kurse spekulieren, sogenannte Derivate.

Als ich den Burschen auf seine aktuellen Lieblingsbücher anspreche, fällt (natürlich!) sehr bald der Titel «Die Holländerinnen», das Werk, das (Warum? Warum? Warum?) den deutschen UND den Schweizer Buchpreis bekommen hat. Hier wird die Geschichte einer Theatertruppe erzählt, die zwei verschollenen Holländerinnen nachspürt, und die während ihrer Suche auch sich noch einmal Geschichten erzählt, und die ganze Story wird in der indirekten Rede gesprochen, vom Pult einer Bühne statt einer erwarteten Poetikvorlesung…
Ich brauchte nach der Lektüre Psychopharmaka, um mein armes Hirn einigermassen wieder in die richtige Stellung zu bekommen.

Ich habe auf der Silvesterparty, auf der ich war, einen interessanten Mann getroffen. Auch einen verwirrenden und verstörenden, denn irgendwie ist alles an ihm ein bisschen mal zwei, hoch zwei, von hinten durch die Brust ins Auge.

Einfachheit, Klarheit wäre doch ein guter Neujahrs-Vorsatz.

 

 

 

Freitag, 2. Januar 2026

Warum es keine Jahresvorausschau gibt

Ein frohes und gesundes und erfolgreiches und tolles und genussvolles und kunstreiches und friedvolles und schönes 2026!

Das war ein lustiger Silvesterpost, nicht? Praktisch konkrete Poesie, ich habe einfach die Überschriften aller Beiträge zusammengefügt.
Nun wurde ich gefragt, ob ich nicht das Gleiche für 2026 machen könnte, sozusagen als «Vorausschau».
Hier gibt es eine klare Antwort:
Nein. Kann ich nicht. Die Zukunft bleibt ungewiss.

Natürlich kann ich gewisse Posts und Postfolgen, kann ich bestimmte Abläufe voraussagen.
Es wird sicher ein paar Blogpausen geben. Das kann ich jetzt schon mitteilen, einfach, weil es in den letzten Jahren immer ein paar Pausen gab. Manchmal war ich im Stress, manchmal war ich an Orten, wo das Netz nicht ging, manchmal fiel mir nichts ein. Ein paar Lücken im Blog-Geschehen wird es also geben, nur wann, das ist ungewiss.
Genauso wird es Reisen geben. Und nach jeder dieser Reisen gibt es dann auch wieder mehrere Folgen Impressionen. Wohin? Wollen Sie sich nicht überraschen lassen? OK, dann ein wenig verschlüsselt: Eine Reise wird uns wieder einmal in meine «dritte Heimat», zum Vorbild von Unter den Linden, und eine zweite Reise in meine echte Heimat, und dann…, nein, wir bleiben bei der Überraschung.

Nun haben wir also ca. 28 Termine abgedeckt (zweimal Pause mit 6, je 4 für die vier Reisen), bleiben immer noch 104 minus 28 gleich 76.
Und diese sechsundsiebzig kann ich nicht vorher schreiben. Gut, 75, den heutigen müssen wir ja mitrechnen…

Warum kann ich nicht sagen, was im März passiert? Weil ich nicht Janus bin. Der römische Gott wird stets mit zwei Köpfen dargestellt, mit denen er nach vorne und hinten, ins Licht und ins Dunkel, in die Vergangenheit und in die Zukunft sehen kann. Nicht umsonst heisst der «Januar» nach ihm.

Wäre es aber ein Vorteil, zu wissen was passiert? Ohne es ändern zu können? Denn wenn ich die Zukunft ändern kann, dann stimmt die Voraussage ja nicht mehr. Wenn ich janushaft sehe, dass meine Wolldecke im Mai von Motten zerfressen wird und ich sprühe sie jetzt kräftigst mit Naphthalin ein und sie bleibt dann heil, dann hat ja die Schau nicht gestimmt, das umgekehrte Grossvater-Paradox.
(Kleine Randbemerkung: Natürlich habe ich kein Naphthalin mehr, das ist verboten, früher fuhren wir von Freiburg aus mit Leidenschaft über die Grenze zu den Galliern, die das noch erlaubten, direkt in France warben schon riesige Schilder «Anti-Mite», nun hat aber die EU zugeschlagen und es überall verboten…)

Aber was, wenn man die Zukunft sehen, aber nicht ändern kann? Ist ja eigentlich komplett doof. Wobei eine Gestalt hier anders denkt:
«Kassiopeia», erklärte Meister Hora, «kann nämlich ein wenig in die Zukunft sehen. Nicht viel, aber immerhin so etwa eine halbe Stunde.» «GENAU!» erschien auf dem Rückenpanzer.
Dann erklärt Hora, dass die Schildkröte immer genau weiss, was geschieht, es aber nicht vermeiden kann. Im Falle der vorangegangenen Flucht wusste das Tier, dass sie den grauen Herren NICHT begegnen würden. Und das sei doch immerhin etwas.
Gut, darüber kann man streiten…

Manchmal kann man natürlich auch die Zukunft «herbeischreiben», meistens negativ, aber dafür bin ich zu klein. Die grossen Medien könnten (wenn sie es wollten), das Ende der Regentschaft Merz «heranpublizieren»: HÄLT DER KANZLER DURCH? MERZ BALD AM ENDE? SCHAFFT FRIEDRICH NOCH EIN JAHR? Wenn man das genug schreiben tut, dann wird es irgendwann Wahrheit. Aber dann kippt alles und wir haben die AfD. Und wer will das schon? (ausser Weidel…)

Ich werde auf jeden Fall keine Liste der Themen des Jahres 2026 hier veröffentlichen.

Ein frohes und gesundes und erfolgreiches und tolles und genussvolles und kunstreiches und friedvolles und schönes 2026!
Lassen Sie sich von den Posts überraschen!